miniatur|Amicucci (links) als Unterstaatssekretär im Innungs-Ministerium während des Besuches der Mustermesse in Mailand im April 1942

Ermanno Amicucci (* 5. Januar 1890 in Tagliacozzo; † 20. September 1955 in Rom) war ein italienischer Journalist, Publizist und Politiker sowie ein wichtiger theoretischer Vordenker des autoritären Korporatismus. Mit umfangreichen Vollmachten betraut, war er in der Ära des Faschismus maßgeblich für die Gleichschaltung der Printmedien des Landes verantwortlich. Darüber hinaus war er annähernd 20 Jahre Parlamentsabgeordneter und bekleidete während dieser Zeit mehrere einflussreiche Positionen in Entscheidungsgremien.

Seine bedeutendsten journalistischen Ämter waren jene als Vorsitzender der faschistischen Pressegewerkschaft (1927–1932) sowie als Chefredakteur der Gazzetta del Popolo (1927–1939) und des Corriere della Sera (1943–1945).

Leben Journalistische Karriere Ausbildung und berufliche Anfänge Er arbeitete bereits im Alter von 17 Jahren für die Lokalzeitung La provincia. Nachdem er in Rom einen Universitätsabschluss in Politikwissenschaft und Soziologie erworben hatte, war er zunächst leitender Korrespondent aus seiner Heimatregion, den Abruzzen, für Avanti!, die Zeitung der Partito Socialista Italiano. Er sympathisierte zwar mit den Ideen der Partei, trat ihr aber nicht bei. Wenig später stieg er unter der Chefredaktion von Leonida Bissolati zum ordentlichen Redakteur auf und schrieb als solcher zwischen 1908 und 1910 für das Blatt. Dort traf er – damals als Kollege – das erste Mal auf Benito Mussolini. Anschließend war Amicucci als Rom-Korrespondent für die Tageszeitungen La Nazione aus Florenz und Il Piccolo aus Triest sowie später für den in New York City verlegten Corriere d’America tätig und arbeitete auch für La Saletta d’Aragno.

Im Ersten Weltkrieg berichtete er für La Nazione, Il Mattino und die Turiner Gazzetta del Popolo von der Front. Unter anderem begleitete er während dieser Zeit General Carlo Petitti di Roreto (1862–1933) Anfang November 1918 auf dem Schiff Audace nach Triest, wo dieser zum Gouverneur ernannt worden war. Für seine journalistischen Verdienste wurde Amicucci noch während der Kampfhandlungen mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet.

Aufstieg im Faschismus Bald darauf schloss sich Amicucci im Jahr 1921 der faschistischen Bewegung Mussolinis an. Er nahm im Oktober 1922 am Marsch auf Rom teil und wurde in der Folge der Machtübernahme einer der einflussreichsten Journalisten des Landes und zum „Prototyp“ des linientreuen Medienvertreters.

Bereits im November gleichen Jahres gründete er zusammen mit Giuseppe Bottai und Roberto Forges Davanzati die römische Sektion der faschistischen Pressegewerkschaft Sindacato fascista dei giornalisti (SNFG). Diese stand in personeller und ideologischer Konkurrenz zur etablierten Federazione nazionale stampa Italiana (FNSI). Im Verlaufe des Jahres 1924 standen erste Überlegungen bezüglich der Leggi fascistissime (dt.: Faschistische Ausnahmegesetze) im Raum, die ab 1925 erlassen wurden und im Königreich Italien ein faschistisches Regime durchsetzten. Nach den Protesten der FNSI im Juli gegen die Pläne entwickelte Amicucci sehr rasch ein Maßnahmenpaket zur besseren Kontrolle der Medienlandschaft. Er zielte auf die Liquidation der frei organisierten Repräsentanz der Berufsgruppe und unterbreitete den Vorschlag noch am 26. Juli 1924 Mussolini. Seine Pläne wurden am 10. Dezember im Palazzo Montecitorio dem Abgeordnetenhaus zur Diskussion eingebracht. Das Konzept sah unter anderem folgende Punkte vor: Fusion des SNFG mit der FNSI Schaffung eines Registers für Journalisten Kodifizierung von Dienstverträgen im journalistischen Berufsfeld Einrichtung eines Studiengangs, der angehende Journalisten befähigen sollte, den Beruf regimetreu auszuüben Insbesondere das Register sollte es der Politik ermöglichen, direkten Einfluss auf die Presse zu nehmen. Die diesbezüglichen Pläne sahen vor, dass die Ausübung des Journalistenberufes nur jenen erlaubt sein sollte, die sich freiwillig in das Register eintragen lassen – dabei wurde unterschieden zwischen professionellen Journalisten, Freiberuflern und Verlegern. Als weitere Voraussetzung war ein Unbedenklichkeitszertifikat über gute (linientreue) politische Führung vorgesehen, das ein regionaler Präfekt ausstellen musste. Jede Zeitung musste demnach einen klar gekennzeichneten Chefredakteur beziehungsweise Eigentümer haben. Diese Funktionen konnten nur professionelle Journalisten ausfüllen. Dies zielte insbesondere auf die Offenlegung der Hintermänner oppositioneller Publikationen. Darüber hinaus müsste für jedes Printmedium vor der Publikation die Erlaubnis des Staatsanwaltes am Corte d’appello des jeweiligen Bezirkes eingeholt werden, in dem es verlegt wurde. Der Zustimmung dieser Staatsanwälte bedürfte zudem die Neubesetzung der Chefredakteurstellen. Amicuccis Ideen konkurrierten mit einem Konzept von Kolonialminister Luigi Federzoni und Justizminister Aldo Oviglio, das am selben Tag vorgestellt wurde. Dieses sah hauptsächlich eine Revision und Neukoordination der bisher in diesem Bereich existenten Gesetzgebung vor. Letztendlich erklärte sich Mussolini gewillt „all die Abänderungen, die dafür gedacht sind, die Entwürfe der Regierungsvorlagen zu verbessern, anzunehmen“.Mirko Riazzoli: Seite 1. Abgerufen auf alterhistory.altervista.org am 9. Oktober 2016. Am 18. Dezember wurde zu diesem Zweck eine Parlamentskommission einberufen, die den Auftrag hatte, die Entwürfe zu prüfen. Amicucci war nicht Mitglied dieses Gremiums. Bereits einige Wochen zuvor hatte er am 20. November 1924 einen Artikel mit der Überschrift La rivoluzione in marcia veröffentlicht, in dem er die Machtergreifung der Faschisten mit der französischen Revolution verglich und vehement die Schaffung faschistischer Gewerkschaftsverbände forderte: „[Die faschistische Revolution] ist die logische Konsequenz der französischen Revolution. [...] [Es ist notwendig,] eine Organisation der Arbeiterschaft [zu errichten], durch die das Proletariat, das sich heute gegenüber dem Bürgertum beinahe in der gleichen Situation befindet wie die Bourgeoisen vor der Französischen Revolution gegenüber der Aristokratie waren, zugunsten der Entwicklungen der Zivilisation hingegen imstande sei, seinen Willen durchzusetzen und sich als neue lebendige und tätige Kraft in den Staat einzugliedern.“Emma Moriconi: Ermanno Amicucci, „La rivoluzione in marcia“. Auf ilgiornaleditalia.org (Internet-Zeitung Il Giornale d’Italia) am 18. Dezember 2013. Abgerufen am 9. Oktober 2016. Diese Kommission strich aus dem Ministerentwurf jene Textstellen über von der Presse verübte Verbrechen heraus und integrierte Amicuccis Vorschläge des Registers und des stets auszuweisenden Chefredakteures. Bei einer Vorstandstagung der FNSI, auf der ein Meinungstrend innerhalb der Gewerkschaft festgestellt werden sollte, stieß Oviglios Vorschlag am 10. Februar 1925 auf massive Kritik und wurde mit 38 Gegenstimmen abgelehnt. Amicuccis sehr restriktive Idee des Registers schnitt hingegen besser ab; sie erhielt bei 19 Zustimmungen lediglich 21 Ablehnungen. Etwa drei Monate später verfasste Amicucci zahlreiche Artikel in der Tageszeitung La Nazione, in denen er um Unterstützung für neue faschistischen Regelungen warb, die sich unter anderem gegen die Freimaurerei richteten. Im Juni 1925 schlug er dann die Einführung gesetzlichen Schutzes für journalistische Dienstverträge vor und legte den Vorschlag Justizminister Alfredo Rocco vor, der umgehend die Ausarbeitung eines entsprechenden Gesetzentwurfes versprach. Seine antidemokratische Haltung wurde besonders deutlich, als er sich im November – abermals in La Nazione – für die Kampagne zur Abschaffung von Senat und Abgeordnetenhaus und somit gegen Wahlen aussprach. Das Gesetz bezüglich der Fusion von SNFG und FNSI sowie der Schaffung des Registers wurde schließlich am 31. Dezember 1925 im Parlament verabschiedet. Es entstand das Albo generale dei giornalisti professionisti.

Amicuccis Ziel des (unfreiwilligen) gewerkschaftlichen Zusammenschlusses wurde am 26. Mai 1926 erreicht, als beide Vereinigungen – zu Ungunsten der FNSI – fusionierten. Er selbst äußerte sich folgendermaßen über die Effizienz und die Funktionen der Vereinigung: „Die gewerkschaftliche Organisation, die das Regime dem italienischen Journalismus verliehen hat, muss sich als die festeste, vollständigste und vollkommenste unter ähnlichen Einrichtungen auf Weltniveau begreifen.“Giancarlo Bo: Abgerufen auf sindacatogiornalistiveneto.it am 9. Oktober 2016. Ab Dezember gleichen Jahres gehörte die Gewerkschaft zu einem neugegründeten, übergeordneten Verband innerhalb der Confederazione nazionale dei sindacati fascisti, und am 27. Februar 1927 übernahm Amicucci ihren Vorsitz. Unter seiner Führung wurden elf regionale Gewerkschaftsverbände gegründet, die ihm alle direkt unterstanden. Etwa einen Monat später verfasste er für die Zeitung Nazione einen hetzerisch formulierten Artikel, in dem er die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scharf attackierte.

Im Laufe des Jahres tagte der Gewerkschaftsvorstand in Venedig, um ein Schema für eine Regulierung des professionellen Journalismus zu erarbeiten. Am 15. Oktober 1927 wurde Amicucci Chefredakteur einer neugegründeten Gewerkschaftszeitung. Knapp einen Monat später sprach der Große Faschistische Rat der Presse am 16. November eine „erzieherische Funktion“Mirko Riazzoli: Seite 2. Abgerufen auf alterhistory.altervista.org am 9. Oktober 2016. zu, weswegen Leitungs- und Führungsposten nunmehr ausschließlich mit „vertrauensvollen Schwarzhemden“ besetzt werden sollten. Daraufhin schlug Amicucci vor, die Bemühungen der Mediengleichschaltung und die Entfernung unliebsamer Journalisten aus ihren Ämtern zu intensivieren. Am 28. November schickte er ein entsprechendes Telegramm an die Regionalsekretäre der Gewerkschaft und forderte Informationen über noch tätige antifaschistische Journalisten, sodass er sie freistellen könne: „Ich bitte Sie, Euer Wohlgeboren, mir ein exaktes Verzeichnis der antifaschistischen Journalisten zu übersenden, die noch in den Zeitungen der Region verblieben sind und die man entfernen sollte, in Folgsamkeit der Deklaration des Großen Faschistischen Rates bezüglich der Probleme der Presse. Ich wünsche, dieses Verzeichnis nicht später als den 5. Dezember kommende Woche zu erhalten.“Mauro Forno: La stampa del ventennio. Strutture e trasformazioni nello stato totalitario. Rubbettino Editore, Soveria Mannelli, 2005, ISBN 978-8-84981-227-5, Seiten 87–88. Noch im gleichen Monat beschloss der Große Faschistische Rat auf Druck Amicuccis die Absetzung der kritischen Chefredakteure Ugo Ojetti (Corriere della Sera), Cesarini Sforza (Il Resto del Carlino) und Giuseppe Colli (La Stampa).Vincenzo Pinto: Fascismo e informazione. Intorno alla recente biografia politica di Ermanno Amicucci. In: L’Acropoli, Vol. 6, № 3, 2005, Seiten 341–344. Eine weitere wichtige Postenentscheidung fiel gegen Ende des Jahres, als Amicucci am 17. Dezember 1927 zum Chefredakteur der auflagenstarken Gazzetta del Popolo in Turin ernannt wurde; er behielt diesen Posten – den er bis Dezember 1930 gemeinschaftlich mit Giulio De Benedetti innehatte – länger als ein Jahrzehnt bis zum 7. November 1939.

Konsolidierung des Einflusses, Konflikte und Rücktritt vom Gewerkschaftsvorsitz Da die Implementierung des Registers nur zögerlich voranging, ordnete ein Corte d’appello seine zwingende Verwendung an. Fortan verwaltet von einem dem Justizministerium unterstellten Komitee trat es am 26. Februar 1928 in Kraft. Am 5. März 1928 war Amicucci für die Ausarbeitung spezieller journalistischer Arbeitsverträge verantwortlich, die auch einen Pensionsfonds vorsahen.