Hebamme (von gleichbedeutend , hefiana, wörtlich „Ahnin (Großmutter), die [das Neugeborene] hebt“), fachsprachlich auch Obstetrix, früher auch Wehmutter, ist die Berufsbezeichnung für eine nichtärztliche Person, die während der Schwangerschaft, der Geburt, des Wochenbetts und auch danach die Schwangeren und Wöchnerinnen berät und betreut. In Deutschland führten männliche Hebammen bis zur Reform des Hebammengesetzes Ende 2019 die Berufsbezeichnung Entbindungspfleger.
Geschichte Altertum Die Tätigkeit einer Hebamme wird als einer der ältesten Frauenberufe angesehen.Charlotte Frank: Geschichte der Hebamme: Als Heilige verehrt, als Hexen verteufelt. In: Süddeutsche Zeitung. 29. Juli 2012, abgerufen am 11. Februar 2021. Tempelmalereien von der Drillingsgeburt der Pharaonenkinder des ägyptischen Sonnengottes Re aus dem dritten Jahrtausend vor Christus sind eines der ältesten Zeugnisse der Hebammenkunst.
Am Anfang der Erzählung über den Auszug der Israeliten aus Ägypten in das den Erzeltern durch den Gott „JHWH“ versprochene Land Kanaan heißt es im 2. Buch Mose:
Bereits im Alten Testament sei erkennbar, dass die Tätigkeit von Hebammen nicht nur eine solidarische Hilfe ist, die sich Frauen gegenseitig leisten, sondern eine gesellschaftliche Institution von Fachfrauen.Till Magnus Steiner: Eines der ältesten Gewerbe der Welt: Eine alttestamentliche Wertschätzung des Hebammenberufes. In: dei-verbum.de. Katholische Citykirche Wuppertal, 28. März 2017, abgerufen am 11. Februar 2021. In der Antike, insbesondere im antiken Athen, war es gemäß Sokrates’ Ausführungen in Platons Dialog TheaitetosJutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 181, Anm. 2. Brauch, dass nur Frauen Hebammen werden konnten, die selbst schon geboren haben, ihres Alters wegen aber selbst nicht mehr schwanger werden konnten. Durch diesen Brauch sollte sichergestellt werden, dass Hebammen jederzeit zur Verfügung standen und durch ihre eigene Geburtserfahrung befähigt waren, Geburtshilfe zu leisten. Zu den wesentlichen Aufgaben der Hebamme gehörten zu Lebzeiten des Sokrates neben der Anregung und Reduzierung der Wehen, der Entbindung des Kindes auch die Ehevermittlung sowie der Schwangerschaftsabbruch. Sokrates nennt für alle diese Tätigkeiten Analoga in seiner pädagogischen Methode, der Mäeutik. Gemeint ist, dass man einer Person zu einer Erkenntnis verhilft, indem man sie durch geeignete Fragen dazu veranlasst, den betreffenden Sachverhalt selbst herauszufinden und so die Einsicht zu „gebären“. Sokrates verglich seine Gesprächskunst mit der Hebammenkunst, die seine Mutter Phainarete ausübte. Im Unterschied zu den Hebammen kommt laut Sokrates die Beurteilung der Frucht hinzu, ob sie am Leben bleiben und aufgezogen werden soll oder nicht – ein Recht, das zu dieser Zeit in Athen der Vater ausübt.Manuel Sattler: Sokrates als Hebamme!? Abgerufen am 24. Februar 2014.Gernot Böhme: Der Typ Sokrates. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-57925-8, S. 134. Auch bei den Römern bestimmten die Familienväter allein, ob das von der Hebamme zu seinen Füßen gelegte Neugeborene des Lebens würdig war. Hob er das Kind auf und ließ es mit den Füßen den Boden berühren, wurde es Mitglied der Familie und der Gesellschaft. Geschah dies nicht, so verfiel es der Aussetzung auf dem Aventinischen Hügel oder an der Columna Lactaria (dt. Milchsäule, auch Säuglingssäule genannt).L. Höpfner: Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Realwörterbuch aller Künste und Wissenschaften, 6. Band. Barrentrapp Sohn und Wenner, Frankfurt am Main 1781.F. Stadelmann: Erziehung und Unterricht bei den Römern. Verlag F. H. Schimpff, Triest 1891. Griechen und Römern war die neue Kunstfertigkeit der Hebammen teuer. Besonders angesehene Hebammen wurden gelegentlich als Ärztinnen (griechisch ἰατρῖναι iatrinai bzw. lateinisch feminae medicae) bezeichnet.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 13. Wurde eine der zahlreichen Sklavinnen oder Tänzerinnen der Oberschicht schwanger, so achteten ihre Besitzer genau auf eine gute Entbindung. Denn Nachwuchs trieb den Preis der Frauen in die Höhe. Das erste Hebammenlehrbuch Gynaikeia („Gynäkologie“Vgl. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst – Ausgewählte Texte. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1994, ISBN 978-3-15-009305-4. Darin: Gynäkologie, Buch I, Kap. 3. 4 (Wer ist dazu geeignet, Hebamme zu werden? Welche Hebamme ist die beste?) und […] Kap. 57. 58, sowie Buch III, Kap. 26–28.) wurde um 117 von Soranos von Ephesos verfasst. Dieses Lehrbuch wurde um 220 vom griechischen Arzt Moschion (oder Muscio) bearbeitet und erneut herausgegeben.Maria Paula Segoloni: Gynaeciorum Muscionis concordantiae. In: Alpha – Omega: Reihe A, Lexika, Indizes, Konkordanzen zur klassischen Philologie. Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich 1993, ISBN 3-487-09787-7, S. 149. Es fasste in lateinischer SprachePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 17. erstmals Standards der Geburtshilfe zusammen und brachte damit das Fach maßgeblich voran. Es wird vermutet, dass Soranus sein Werk aus Überlieferungen von Hebammen zusammengestellt hat.
Das wohl um die Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus verfasste Protoevangelium des Jakobus berichtet anlässlich der Geburt Jesu, dass eine der beiden anwesenden Hebammen, Salome, die Jungfräulichkeit Mariae überprüfen wollte, wobei ihre Hand verdorrte, aber bei der Berührung der Windeln Jesu wieder verheilte – ein Motiv, das auch in der Kunst dargestellt wurde, z. B. um 543/553 auf einem Elfenbeinrelief an der Maximianskathedra in Ravenna oder von Robert Campin um 1430.Marlies Buchholz: Anna Selbdritt: Bilder einer wirkungsmächtigen Heiligen. Langewiesche Nachf. Köster, Königstein i. Taunus 2005, ISBN 3-7845-2113-4, S. 58–70.
Mittelalter Anfang des 12. Jahrhunderts schreibt die Ärztin Trota von Salerno mehrere Werke, u. a. Passionibus Mulierum Curandorum (auch als Trotula major bekannt), eine Abhandlung über Frauenheilkunde.Karin Maringgele: Trotula. In: Verein für Sozialgeschichte der Medizin (Hrsg.): Virus – Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin 3. LIT-Verlag, Wien 2004, Im europäischen Mittelalter wurden Hebammen vermehrt verpflichtet, moraltheologische Anforderungen zu erfüllen. Sie hatten die Pflicht, alle Neugeborenen persönlich zur Taufe zu bringen und im Fall eines Kindstodes unter der Geburt die Nottaufe vorzunehmen. Bei toten Schwangeren führten sie dazu wohl auch den Kaiserschnitt durch.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 20. Wurden sie zu einer ledigen Gebärenden gerufen, mussten sie die Abstammung des Neugeborenen ausforschen und melden. Holten sie ein behindertes Kind zur Welt, hatten sie die Mutter anzuzeigen. Ab 1310 wurde die Hebamme von der Kirche zur Taufe und per Eid zu einem christlichen Lebenswandel verpflichtet. Mit dem gleichen Eid verzichteten sie auf magische, aber auch auf die Vergabe abtreibender Mittel. Dafür durften sie sowohl Tauf- als auch Sterbesakramente spenden. Im Eid der Hebammen der Stadt Aachen heißt es:
Im ausgehenden Mittelalter entstanden Berufsordnungen für Hebammen. Ab dem 14. Jahrhundert sind Hebammeneide belegt, die der Verpflichtung gewerblicher Hebammen dienten.Imrtraut Sahmland (2005), S. 540. 1452 wurde in Regensburg die erste Hebammenverordnung erlassen.A. Schneider: Staatsbürger-, Gesetzes- und Berufskunde für Fachberufe im Gesundheitswesen. 6. Auflage. Springer Verlag, Berlin 2003. Darin wurde der Stand der geschworenen Hebamme geschaffen und eine einheitliche Ausbildung organisiert. Ab dieser Zeit regelten in immer mehr Regionen Verbote und Gebote die Arbeit der Hebammen. 1491 folgte die durch die Amtsärzte Hans oder Johann(es) Stocker (* um 1454; † 1513; Stadtarzt von Ulm; Verfasser der Ulmer WundarzneiJürgen Martin: Der Ulmer Wundarzt Johannes Stocker und sein nosologisch gegliedertes Arzneibuch. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 85–95.Jürgen Martin: Die „Ulmer Wundarznei“. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990).), Johannes Münsinger und Johannes Jung erarbeitete, lange Zeit gültige Ulmer Hebammenordnung,Gundolf Keil: Stocker, Hans. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1361. die eine Zulassung erst nach Prüfung ihrer Ausbildung und praktischen Kenntnisse durch Ärzte verlangt:
Frühneuzeit Hebammen und Hexenverfolgung In dem berüchtigten Hexenhammer (Malleus maleficarum, 1487) erklärte dessen Autor, der Dominikaner und Inquisitor Heinrich Kramer, Hebammen zu einer der bevorzugten Zielgruppen der Hexenverfolgung. Er zitiert aus den „Geständnissen überführter Hexen“, die er aus Johannes Niders Formicarius (1437/1438) entnahm:Christian Stecher: The Marginalia of the Malleus maleficarum (2020). Malleus Maleficarum. 3. Online. „Niemand schadet dem katholischen Glauben mehr als die Hebammen.“ Aus dieser Aussage sind weitreichende Schlüsse gezogen worden, nämlich dass der Hexenhammer letztlich als zweckrationale Anweisung zur Eliminierung von Techniken der Empfängnisverhütung und Abtreibung zu lesen sei;So bei Gunnar Heinsohn, Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen. Beiträge zur Theorie und Geschichte von Bevölkerung und Kindheit. März, Herbstein 1985. diese vereindeutigende Interpretation verfehle jedoch, so Günter Jerouschek, „den Gehalt und die weitaus komplexeren Zielvorgaben des Werks gründlich“.Günter Jerouschek: Einführung. In: Heinrich Kramer (Institoris): Malleus maleficarum 1487. Nachdruck des Erstdruckes von 1487 mit Bulle und Approbatio. Olms, Hildesheim u. a. 1992, S. I–XX, hier: S. X. Lateinisches Original des Hexenhammer-Zitats: Nemo fidei catholice amplius nocet quam obstetrices. 1521 wurde in Hamburg ein Vitus Völsch, genannt Doctor Veit, wegen Zauberei auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er, als Frau verkleidet, als Hebamme tätig gewesen sein soll.Eckart Kleßmann: Geschichte der Stadt Hamburg. Die Hanse / Groenewold, Hamburg 2002, ISBN 3-434-52596-3, S. 134.
Entgegen landläufiger Meinung hat die wissenschaftliche Hexenforschung die These widerlegt, wonach im ausgehenden Spätmittelalter und in der Neuzeit vor allem weise Frauen, Heilerinnen und Hebammen Opfer der Hexenverfolgung wurden. Unter den weiblichen Opfern hatten Hebammen und Heilerinnen keinen höheren Anteil als andere Frauengruppen.Walter Rummel: Weise Frauen als Opfer der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen? Nach dem Trierer Historiker Franz Irsigler wurden von den für das 16. und 17. Jahrhundert nachgewiesenen etwa 800 weiblichen Prozessopfern im Trierer Raum lediglich drei Hebammen als Hexen verbrannt.Hans Ottomeyer, Rosmarie Beier-de Haan, Hexenwahn, Vorwort zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, BerlinFranz Irsigler: Hebammen, Heilerinnen und Hexen Eine Ausnahme bildete eine Hexenverfolgungswelle in Köln um 1630: Dort war etwa ein Drittel der als Hexen hingerichteten Frauen, nämlich zehn Personen, dem Hebammenberuf zuzuordnen. Die Akten zeigen, dass den Hebammen hier Schadenzauber vorgeworfen wurde, wenn ein neugeborenes Kind erkrankte oder starb.Franz Irsigler: Hebammen, Heilerinnen und Hexen
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