mini|Kirche Fischhausen (vor 1930)

Die Kirche in Fischhausen am Frischen Haff in Ostpreußen war ein Backsteinbau und stammte aus dem 14. Jahrhundert. Seit der Reformation bis 1945 war sie ein evangelisches Gotteshaus, das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und von den Behörden der dann Primorsk genannten Stadt Anfang der 1960er Jahre abgerissen wurde. Die Fischhausener Kirche stand in dem jetzt eingeebneten ehemaligen alten Stadtbezirk, der heute im Osten der Stadt zu finden ist.

Kirchengebäude

mini|Eingang am Turm, ca. 1895 Bei der Kirche FischhausenWalther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band II: Bilder ostpreußischer Kirchen. Göttingen 1968, Seite 32, Abbildungen 34 und 35. handelte es sich um einen mit gerade geschlossenem Chor sowie Turm versehenen Backsteinbau aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Im 19. und zuletzt im 20. Jahrhundert wurde das Gebäude aufwändig restauriert.

Vor dem Kircheneingang standen lebensgroße Figuren in Terrakotta, später in Bronze erneuert, die den Heiligen Adalbert, den Bischof Georg von Polenz und Jesus Christus darstellten und Geschenke des Königs Friedrich Wilhelm IV. waren.

Der älteste Teil der Kirche, der Chor, war zunächst, wie auch das Langhaus, flach gedeckt. Erst um 1500 wurde die Einwölbung vorgenommen. Zur gleichen Zeit wurden auch die Spitzbogen-Arkaden vor die Innenwände gelegt.

Der Altarschrein stammte aus dem Jahre 1606. Im Mittelbild zeigte der Flügelaltar die göttliche Dreieinigkeit, darüber die zehn klugen und zehn törichten Jungfrauen. Auf den geöffneten Altarflügeln sah man die vier Evangelisten, bei geschlossenem Zustand waren Bilder aus der Passionsgeschichte zu sehen.

Der Taufstein aus Granit stammte aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, die Kanzel aus dem 18. Jahrhundert. Die Orgelempore wurde um 1580 eingezogen. Die Orgel selbst war ein Werk von Zickermann, entweder von Adrian Zickermann dem Älteren oder seinen Söhnen Johann oder Adrian dem Jüngeren, aus dem Jahre 1616. Erhalten blieb ein prachtvoller barocker Beichtstuhl sowie wertvolles Abendmahlsgerät aus dem 15. bis 18. Jahrhundert.

Die Kirche besaß drei Glocken, deren größte aus dem Jahre 1674 stammte. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt, überstand den Krieg jedoch auf dem Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel und befindet sich heute im Turm der Nikolaikirche in Lüneburg.

Das Gotteshaus hat im Zweiten Weltkrieg stark gelitten.. Bis etwa 1961 stand die Ruine in den Resten der zerstörten Stadt. Anlässlich eines Besuches des sowjetischen Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow wurde – um dem Politiker den peinlichen Anblick zu ersparen – das historische Stadtzentrum mit der Kirche eingeebnet. Der Bereich liegt heute vor den Toren der neuen Stadt Primorsk; von der Kirche sind nur noch wenige Steinfragmente zu sehen.

Kirchengemeinde Kirchengeschichte Fischhausen ist ein sehr alter Kirchort. Die Gründung einer KirchengemeindeWalther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band III: Dokumente, Göttingen, 1968, Seite 454. hier geht auf das Jahr 1305 zurück. Bereits 1264 wurde die Stadt Sitz des Bischofs von Samland – sie hieß damals auch „Bischofshausen“ – und blieb es bis zum Jahre 1525, als das Bistum aufgelöst wurde, nachdem der damalige Amtsinhaber Georg von Polenz 1523 zur lutherischen Lehre konvertiert war. Fischhausen wurde Sitz einer Inspektion und später bis 1945 eines Kirchenkreises in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Seit der Reformation amtierten in Fischhausen zwei Geistliche in der Gemeinde, die 1925 insgesamt 4473 Gemeindeglieder in 15 Kirchspielorten zählte.

Aufgrund von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung in Kriegsfolge kam das kirchliche Leben in der nun Primorsk genannten Stadt zum Erliegen. Heute liegt die Stadt im Einzugsbereich der in den 1990er Jahren neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Swetly (Zimmerbude), einer Filialkirche der Auferstehungskirche in Kaliningrad (Königsberg) in der Propstei Kaliningrad der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Kirchspielorte Bis 1945 zählte das Kirchspiel Fischhausen neben dem Pfarrort 16 Kirchspielorte:Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band III: Dokumente, Göttingen, 1968, Seite 454 Deutscher Name Russischer Name Deutscher Name Russischer Name Bludau Kostrowo Kobbelbude Bobrowo Bruch (bei Kallen) Milchbude Dargen Lunino Littausdorf Sorino Forken Podoroschnoje Ludwigsfelde Serjogino Geidau Prosorowo Neuendorf Diwnoje Kallen Zwetnoje Sanglienen Chmeljowka Karlshof Tscherjomuchino Schäferhof Kaspershöfen Doroschnoje Wischrodt Krylowka

Pfarrer Von 1590 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges amtierten an der Fischhausener Kirche zwei evangelische Geistliche, darunter zwischen 1810 und 1863 auch Hilfsprediger und Rektoren der Schule:Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformations bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Hamburg 1968, S. 37, und Ludwig Fedemir Rhesa: Kurzgefasste Nachrichten von allen seit 1775 an den evangelischen Kirchen in Ostpreußen angestellten Predigern, Königsberg 1834, S. 47–48 (Google Books). Michael N., bis 1530 Modestus N., 1530 NN, bis 1545 Peter Hoffmann, seit 1546 Michael Beer, 1559 NN, seit 1561 Johann Gansewind, 1565–1602 Georg Kluge, 1590–1593 Arnold Hecker, 1602–1612 Johann Neander, 1606–1619 Johann Wehner, 1613–1648 Jacob Ulricus, bis 1631 Johann Thilo, 1631–1634 Christian Heineccius, 1634–1638 Marcus Zinckenius, 1639–1648 Jacob Teicher, 1648–1669 Andreas Scriverius, 1648–1675 Jacob Tydäus, 1669–1700 Daniel Valentini, 1675–1710 Georg Richard Tydäus, 1700–1710 Georg Fischer, 1710–1744 Johann Caspar Witzel, 1711–1721 Friedrich Boltz, 1721–1725 Johann Adolph Baumgarten, 1725–1733 Justinus Wilhelm Zennisch, 1733–1740 Carl Christoph Fischer, 1740–1743 Christoph Wilhelm Martini, 1743–1776 Johann Gottlieb Fischer, 1744–1796 Jacob Nathanael Trosien, 1776–1810 Carl Friedrich Schaeffer, 1810–1811 Karl Heinrich Lebrecht Schmidt, 1810–1812 Johann Chr. Daniel Hellmann, 1811–1819 Friedrich Georg Sande, 1813–1814 Johann Fr. Georg Schlakowski, 1814–1820 Carl Emil Lebermann, 1819–1828 Gottlieb Ferdinand Grabowski, 1820–1841 Friedrich Wilhelm Lange, 1828–1839 (Carl Friedrich) Eduard Grawert, 1839–1866Angehöriger des Corps Masovia Carl Ferdinand Rudolf Wogram, 1842–1847 Carl Benjamin Franz Schmall, 1848–1854 Daniel Albert Theodor Hoffheinz, 1854–1863 Carl Friedrich Em. Seydler, 1863–1885 Wilhelm (Leopold) Merleker, 1867–1887W. Merleker: Beschreibung der Kirche zu Fischhausen und der an derselben seit der Reformation fungirenden Geistlichen (1843). Hermann Moritz Wilhelm Lau, 1885–1894 Johann Friedrich Richter, 1887–1907 Franz Gustav Berg, 1894–1899 Fedor Hugo Gerlach, 1899–1900 Karl Gustav Sulanke, 1900–1907 Fritz Pachnio, 1907–1913 Hermann Otto Friedrich Balzer, 1907–1915 Herbert Lipp, 1913–1917 Georg Künstler, 1915–1934 Kurt Heilbronn, 1918–1924 Reinhold Naubereit, 1924–1928 Walter Kowalewski, 1928–1932 Gerhard Bolz, 1932–1937 Paul Ankermann, 1934–1945 Horst Oberländer, 1939–1943 Armin Fligge, 1943–1945

Kirchenbücher Von den Kirchenbüchern des Fischhausener Kirchspiels haben sich wertvolle Bestände erhalten. Sie werden heute im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrt:Christa Stache: Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin. Teil I: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Berlin 1992³, S. 39–40. Taufen: 1648 bis 1944 Trauungen: 1648 bis 1944 Beerdigungen: 1648 bis 1943 Konfirmationen: 1840 bis 1846 Kommunikanten: 1894 bis 1924 Außerdem sind etliche Namensverzeichnisse zu den Kirchenbüchern sowie eine Gefallenenliste 1940 bis 1943 und 1944.

Literatur Fischhausen, Kreisstadt, nahe am Frischen Haff, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, in: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Fischhausen (meyersgaz.org). Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 40–47 (Google Books). Agathon Harnoch: Chronik und Statistik der evangelischen Kirchen in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Nipkow, Neidenburg 1890, S. 66–68 (Google Books). Karl Emil Gebauer: Kunde des Samlandes oder Geschichte und topographisch-statistisches Bild der ostpreußischen Landschaft Samland. Königsberg 1844, S. 104, Ziffer 3 (Google Books).

Einzelnachweise

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