Kastell Gherla war ein römisches Hilfstruppenlager auf dem Gemeindegebiet von Gherla (Neuschloß), einer Kleinstadt im Kreis Cluj, in der rumänischen Region Siebenbürgen.

Lage mini|Verlauf der Dakischen Limites Im heutigen Siedlungsbild befindet sich das Bodendenkmal am südwestlichen Stadtrand von Gherla. Der bei seiner Besiedlung rund zwei Meter über dem umgebenden Niveau gelegene Bereich war im Laufe der Jahrhunderte starken Erosionen durch Hochwasser des Flusses Someș und landwirtschaftliche Tätigkeiten ausgesetzt und ist heute weitgehend von einer Fabrik überbaut, bei deren Errichtung weitere Teile der Befunde zerstört wurden.Dumitru Protase, Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militârgeschichte des Romischen Dakien. Das Römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 174f. Die südöstliche Ecke des ehemaligen Militärlagers hebt sich jedoch noch deutlich im Gelände ab. Topographisch liegt es auf einer Niederterrasse am östlichen Ufer des Flusses Someș. In antiker Zeit oblag der Besatzung des in der Provinz Dacia Porolissensis gelegenen Kastells vermutlich die Aufgabe, die von Napoca an den nördlichen Limes (Abschnitt A / VI) führende Straße zu überwachen.Nicolae Gudea: Der Dakische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. In: Jahrbuch des Römisch Germanischen Zentralmuseums Mainz. 44, 2, 1997, S. 102, (Digitalisat). Strategisch könnte sie in der frühen Okkupationszeit ein Bindeglied zwischen der Legion in Alba Iulia (Apulum) und der nördlichen Front gebildet, und in der späteren Zeit die taktische Funktion gehabt haben, die weiter nördlich, unmittelbar an der äußeren Limeslinie stationierten Truppen zu unterstützen.Dumitru Protase, Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militârgeschichte des Romischen Dakien. Das Römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 171.

Forschungsgeschichte Als Fundort römischer Antiquitäten war Gherla bereits seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bekannt. Erste archäologische Ausgrabungen erfolgten in den Jahren 1901 bis 1906 durch József Ornstein.Dumitru Protase, sowie Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militärgeschichte des römischen Dakien. Das römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 177–179. Weitere Untersuchungen schlossen sich 1907 bis 1909 durch Endre Orosz und 1937 unter Gherasim Pintea daran an.Dumitru Protase sowie Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militärgeschichte des römischen Dakien. Das römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 179. Umfangreichere Ausgrabungen erfolgten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere 1960 bis 1968 unter der Leitung von Dumitru Protase, 1961 bis 1965 durch Alexandru Nicula, den Kustos des historischen Museums in Gherla (unveröffentlicht) und 1979 bis 1983 unter der Leitung verschiedener Archäologen, darunter erneut Dumitru Protase, sowie Nicolae Gudea und Radu Ardevan. Einige diese Untersuchungen waren in Form von Not- und Rettungsgrabungen erforderlich geworden, bedingt durch die Errichtung und spätere Erweiterung eines holzwirtschaftlichen Kombinats, das auf dem ehemaligen Kastellplatz entstand.Dumitru Protase, sowie Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militärgeschichte des römischen Dakien. Das römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0.

Der antike Name des Kastellplatzes ist nicht überliefert. József Ornstein hatte versucht, ihn mit dem in der Kosmografie des Geographen von Ravenna aufgeführten Ort CongriGeogr. Rav. 178, 8. gleichzusetzen, was aber aufgrund des Straßenverlaufs nicht in Betracht kommen kann. Dennoch hatte sich diese Deutung mangels vernünftigerer Alternativen zwischenzeitlich durchsetzen können und teilweise in der älteren Literatur ihren Niederschlag gefunden. Da der Platz sich nicht an der Kaiserstraße von Napoca nach Porolissum befand, sondern an einer Nebenstrecke durch das Tal des Someș, findet er sich nicht auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet. Eine tatsächlich zutreffende Identifizierung kann daher nur möglichen epigraphischen Funden der Zukunft vorbehalten bleiben.Dumitru Protase, Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militärgeschichte des römischen Dakien. Das römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 174.

Archäologische Befunde Bei den weiter oben aufgeführten Untersuchungen und Ausgrabungen der letzten 110 Jahre konnten letztendlich zwei verschiedene Bauphasen identifiziert werden. Auf ein Holz-Erde-Lager folgte ein vergrößertes Steinkastell. Ausweislich der inschriftlichen Funde diente als Stammbesatzung in beiden Bauphasen die Ala II Pannoniorum, eine ursprünglich in Pannonien rekrutierte Kavallerieeinheit von 480 Mann Stärke. Im Zusammenhang mit dem Zweiten Dakerkrieg (105/106) war diese Ala und besonders einer ihrer Exploratores (Späher) namens Tiberius Claudius Maximus zu einer gewissen Berühmtheit gelangtRadu Ardevan: The Ala II Pannoniorum in Dacia. Apulum, XLIV (2007, S. 139–155, (online)).Peter Connolly: Tiberius Claudius Maximus. Teil 1: Ein römischer Legionär. Teil 2: Ein römischer Reiter. Tessloff-Verlag, Nürnberg 1990, ISBN 3-7886-0186-8, ISBN 3-7886-0185-X. (siehe weiter unten).Nicolae Gudea: Der Dakische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. In: Jahrbuch des Römisch Germanischen Zentralmuseums Mainz. 44, 2, 1997, S. 102f., (Digitalisat).Felix Marcu: The Internal Planning of Roman Forts of Dacia. (= Bibliotheca Mvsei Napocensis XXX), Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2009, ISBN 978-606-543-058-7, S. 71.

Holz-Erde-Lager Das früheste Lager wurde schon in der Okkupationszeit unter Trajan (98–117), bis spätestens zum Jahr 106 errichtet. Es besaß einen rechteckigen, sich quadratischer Form annähernden Grundriss mit Seitenlängen von 145 m mal 138 m, entsprechend einer Grundfläche von zwei Hektar. Mit seinen Seiten war es in etwa in die vier Himmelsrichtungen orientiert. Aufgrund der Erosionen und Abschwemmungen konnten die Maße der Holz-Erde-Mauer nicht sicher geklärt werden. Die Schätzungen und Berechnungen schwanken zwischen Breiten von 6,50 m und 9,50 m, sowie zwischen Höhen von einem und zwei Metern. Besser und sicherer erfasst werden konnte das Doppelgrabensystem aus Spitzgräben, das – nach einer Berme – als Annäherungshindernis vor dem Kastell verlief, wenngleich auch hier unterschiedliche Maße vorliegen. Über die Innenbebauung des Holz-Erde-Lagers ist nur sehr wenig bekannt. Einige Spuren, die für lehmverputzte Holzbauwerke sprechen und in den tieferen Erdschichten gefunden wurden, könnten auf das älteste Lager weisen, was aber nicht gesichert ist. Sicher scheinen hingegen die Verläufe der Via praetoria (Lagerhauptstraße), der Via decumana (rückwärtige Lagerstraße) und der Via principalis dextra (rechte Lagerquerstraße) zu sein, während von der Via sagularis (Lagerringstraße) keinerlei Spuren identifiziert werden konnten. Die Existenzdauer des Holz-Erde-Lagers wird mit etwa dreißig bis vierzig Jahren angenommen, was der üblichen Erhaltungsdauer römischer Holzbauwerke entsprechen würde. Der Übergang zum nachfolgenden Steinkastell erfolgte möglicherweise nicht gleichzeitig. Es ist denkbar, dass zunächst nur einzelne Bauwerke, wobei in erster Linie an die Principia (Stabsgebäude) zu denken wäre, in Stein ausgeführt wurden, bevor schließlich das Kastell eine steinerne Umwehrung erhielt.Dumitru Protase, Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militârgeschichte des Romischen Dakien. Das Römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 186–195.

Steinkastell Gegen die Mitte des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, vermutlich um das Jahr 140, oder etwas später, wurde das Lager vergrößert und die bisherige Holz-Erde-Bauweise durch Steintechnik ersetzt. Es ist nicht völlig klar, ob sich eine diesbezügliche Bauinschrift des Jahres 143 nur auf die Principia oder auf das gesamte Kastell bezieht. Der neue Grundriss weist die Achslängen von 162 m mal 169 m auf, was einer bebauten Fläche von 2,74 Hektar entspricht. Seine Orientierung entsprach der des Holz-Erde-Lagers, die Porta praetoria (Haupttor) war nach Norden hin ausgerichtet (eine anderslautende Angabe im Archäologischen Register von Cluj-Napoca wurde von Protase, Gudea und Ardevan 2008 als irrtümlich zurückgewiesen).

Zur Konstruktion der Steinmauer wurden die Gräben des Holz-Erde-Kastells verfüllt und einplaniert und die neuen Mauern davor errichtet. Die zwischen 2,30 m und 2,50 m mächtige, aus vermörtelten Steinen gebildete Mauer wurde auf ein 0,60 m bis 0,60 m (?) in den Boden eingetieftes Fundament gesetzt. Zwischen der Mauer und dem neuen Doppelgrabensystem verlief eine etwa 1,50 m breite Berme, deren Oberfläche mit den Bruchstücken von Grabsteinen, -skulpturen und -inschriftenplatten gepflastert worden war. Die Gräben selbst wurden in den anstehenden, bislang unberührten Boden eingetieft. Sie waren zwischen sechs und sieben Metern breit und bis zu zwei Metern tief. Zwischen den beiden Gräben verblieb ein bis zu zwei Meter breiter Erdsteg. Auffällig ist, dass die Sohlen der neuen Gräben abgerundet waren, während es sich bei den älteren Gräben um typische Spitzgräben handelte. Die Wehrmauer war mit nach außen vorspringenden, Eck- und Zwischentürmen versehen, die insgesamt vier Tore von Tortürmen flankiert, wobei anzumerken ist, dass aufgrund der erwähnten Erosionen und Zerstörungen nicht mehr alle Seiten des Kastells erfasst und die korrekten Grundrisse und Abmessungen der Türme nicht vollständig ermittelt werden konnten. Zudem gibt es in der Literatur widersprüchliche Maßangaben.

Wie beim Holz-Erde-Lager ist auch beim Steinkastell nur wenig Gesichertes über die Innenbebauung bekannt. Die wenigen Befunde, darunter einzelne Mauern, die zwei verschiedenen Bauphasen entstammen, Spuren eines Hypokaustums und von mit Ziegelplatten gepflasterter Fußböden, waren zu fragmentarisch oder konnten nicht großflächig genug freigelegt werden, um sinnvoll zu einem Gesamtplan ergänzt zu werden. Ähnlich problematisch verhält es sich bei der Periodisierung des Kastells durch eine Brandschicht, die in manchen Bereichen zwei verschiedene Phasen zu trennen scheint. War diese anfänglich noch mit den Ereignissen der Markomannenkriege in Verbindung gebracht worden,Radu Ardevan: Eine römische Inschrift aus Gherla. Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, 99 (1993), S. 220–222.Radu Ardevan: Der germanische Kriegsgefangene aus dem Römerlager von gherla. Limes 17, Zalau 1997, S. 879–883. so wurde der Gedanke von der jüngeren Forschung bereits wieder verworfen. Zum einen hatte man festgestellt, dass die Brandschicht nicht durchgängig war, sodass man eher eine gezielte Niederbrennung einzelner Gebäude durch die römischen Truppen selbst vermutete. Zum anderen gab es in ganz Dakien keinen weiteren nachgewiesenen Brandzerstörungshorizont durch Feindeinwirkung aus dieser Zeit.Dumitru Protase, Nicolae Gudea und Radu Ardevan: Din istoria militară a Daciei romane. Castrul roman de interior de la Gherla. / Aus der Militârgeschichte des Romischen Dakien. Das Römische Binnenkastell von Gherla. Editura Mirton, Timişoara 2008, ISBN 978-973-52-0387-0, S. 196–206.

Truppen – Die Ala II Pannoniorum und Tiberius Claudius Maximus