mini|hochkant=1.5| „Der König, vom Rücken gesehen, geht einsam zwischen Grabsteinen hindurch nach rechts“. Titelvignette von Adolph von Menzel in der Erstausgabe von 1924.
Tage des Königs ist ein Erzählungszyklus von Bruno Frank aus dem Jahr 1924. Der Zyklus besteht aus den drei unabhängigen Erzählungen „Der Großkanzler“, „Die Narbe“ und „Alkmene“, von denen die beiden ersten in Zeitschriften vorabgedruckt wurden.
Preußen gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Die Schlachten sind geschlagen. In seinem Abgesang auf das Wirken Friedrichs II. wagt der Autor episodische Einblicke in das Innerste des Königs.
Handlung Der Großkanzler mini|hochkant=1.2| „Die Waage der Gerechtigkeit“.Ein hermelinbekleideter Arm stellt auf der Waage der Gerechtigkeit das Gleichgewicht her zwischen den Mächtigen (Waagschale mit Adelsschild) und den Ohnmächtigen (leere Waagschale). Vignette von Adolph von Menzel zu der Novelle „Der Großkanzler“ in der Erstausgabe von 1924. – „Ein Großer kann nicht Recht haben gegen einen Kleinen“.
Anno 1779: Großkanzler Freiherr von Fürst, Präsident des Kammergerichts, steht fest auf der Seite seiner untergebenen Richter. Letztere verurteilten den Müller Arnold und gaben seinem Gegner, dem Grafen von Schmettau, Recht. Diese starre, selbstbewusste Haltung erbost den König so sehr, dass er den Großkanzler – den „ersten Richter des Königreichs“ – aus dem Amt jagt, im Stadtgefängnis zusammen mit den untergebenen Richtern einsperren lässt und seinen lieben Herrn von Carmer zum Großkanzler ernennt. Der neue Mann wird vom König mit der Ausarbeitung des Landrechts beauftragt. Bereit als junger Herrscher hatte sich Friedrich II. für dieses grundlegende Gesetzbuch eingesetzt und Cocceji mit Vorarbeiten beauftragt.
Nicht nur die inhaftierten Richter, sondern die Adeligen insgesamt sind gegen den König. Vor dem Schloss bekunden die Herrschaften ihre Sympathie für den abgesetzten Großkanzler. Mitleidig-spöttisch beobachtet Friedrich II. das Treiben von seinem Fenster aus.
Die Narbe mini|hochkant=1.2| Vignette von Adolph von Menzel zu der Novelle „Die Narbe“ in der Erstausgabe von 1924.
(Anmerkung:) Anfang April 1778 , Sanssouci: Wieder einmal liest Friedrich II. den ins Französische übertragenen Lukrez. Das Latein des Königs lässt zu wünschen übrig. George Keith, Earl Marishal of Scotland, erscheint. Der über 90-jährige Freund darf unangemeldet kommen. Der alte Lord bleibt auch, als zwei Herren vorgelassen werden. Graf Ludwig Cobenzl, päpstlicher Gesandter, wird von dem ganz jungen, prächtig herausgeputzten Nobile Calsabigi, einem Wiener Gesandten in „Spezialmission“, begleitet. Angesprochen werden unter anderen Differenzen, die Besetzung Niederbayerns durch Österreich betreffend. Als die Parteien auf keinen grünen Zweig kommen, macht Calsabigi einen unzüchtigen Annäherungsversuch.Verwendete Ausgabe, S. 56, Mitte Der König tritt abrupt zurück. Die Audienz ist beendet. Der alte Lord versteht die Erregung des Freundes nicht. Friedrich II. gesteht dem Schotten, bereits als 21-Jähriger habe er auf einmal nicht mehr „bei einem Weibe schlafen“Verwendete Ausgabe, S. 65, 2. Z.v.o. können. Der Vater habe auf einem operativen Eingriff beim Thronfolger bestanden. Der Doktor von Malchow habe ihn durch die Operation impotent gemacht.Verwendete Ausgabe, S. 67, 6. Z.v.o. Die Frauen, mit denen sich Friedrich trotz alledem abgab, hatten offenbar in Wien ausgeplaudert, es wäre nichts mit dem Preußen. Er könne „nur Tee trinken“ – darum der Versuch des Calsabigi.
Alkmene mini|hochkant=1.5|„Die Flora in Sanssouci“. Vignette von Adolph von Menzel zu der Novelle „Alkmene“ in der Erstausgabe von 1924. – „Bildwerk der ruhenden Flora mit dem liebkosenden Amor“ (Die Narbe, Kapitel 4).
Anno 1784Bruno Frank fasst in seiner Darstellung die Ereignisse von zwei schlesischen Truppenrevuen zusammen. Siehe: #Frank 1926.2, Seite 108–109: Kritik an der schlesischen Truppenrevue 1784, #Frank 1926.2, Seite 169: Tod Alkmenes während der letzten schlesischen Truppenrevue 1785. in Neiße und Sanssouci: Auf einer Manöverreise nach Schlesien inspiziert Friedrich II. auf einem Truppenübungsplatz bei Neiße das Grüne Regiment sechs Stunden lang ununterbrochen im strömenden Regen. Im Beisein des jungen Marquis de Lafayette lässt der König einen Husar nach dem anderen vorexerzieren. Der Marquis beobachtet den sehr sachkundig inspizierenden König scharf. General Lafayette bewundert den inkorrekt im Sattel sitzenden Despoten bei seiner Arbeit. Der Marquis trägt als Einziger einen Regenmantel. Friedrich II. hingegen kommt mit seiner alten Uniformjacke aus. Die Suite, im Hintergrund harrend, wagt keinen Regenschutz. Ein Kurier aus Potsdam prescht heran. Der König wartet dessen Ehrenbezeigung nicht ab und greift nach der Depesche. Sonne bricht durch. Die Inspektion ist beendet. Der König liest und klagt: „Alkmene“. General Lafayette in der Nähe des Königs versteht nicht. Friedrich II. muss rasch zurück nach Potsdam. Breslau wird abgesagt. Den Offizieren vom Grünen Regiment hält der große Inspektor schnell noch eine Standpauke; gibt wortgewaltig Antwort auf die Frage: Wie muss ein Kürassier, ein Husar, sein? Dann vertuscht der König einen Schwächeanfall. Die Offiziere spielen diese Posse mit. Friedrich II. war nach der Inspektion ohnmächtig geworden. Lafayette und ein Lieutenant hatten den strauchelnden Feldherren geistesgegenwärtig aufgefangen.
mini|hochkant=1.5| „Friedrich geht mit seinem Windspiel durch die Bildergalerie von Sanssouci“. Federzeichnung von Adolph von Menzel, 1856. – Sein Windspiel Alkmene „ging mit ihm in der Bildergalerie auf und ab und betrachtete wie er die neuen Gemälde.“ (Alkmene, Kapitel 9).
Auf der dreitägigen Fahrt nach Potsdam treibt der König seinen Kutscher Pfundt an. In Crossen – dort mündet die Bober in die Oder – wird beim Apotheker Henschke übernachtet. Der ermattete Reisende lässt sich von seinem Gastgeber, einem ehemaligen Compagniechirurgus, der auf zwei Feldzügen an der Seite von Dr. Rutze aus Stettin dabei war, gleich noch kurieren. Zusätzlich zur gewünschten Chinarinde wird ein Pulver aus Sennesblättern, Süßholz, Zucker und Schwefel verabreicht. Der kranke Patient nennt Letzteres zwar „Teufelszeug“, schluckt es aber gehorsam. Der Apotheker diagnostiziert eine Erkältung auf der Brust, die den Unterleib in Mitleidenschaft gezogen hat und schlägt vor, die „Majestät am ganzen Leibe in nasse Tücher“Verwendete Ausgabe, S. 113, 11. Z.v.o. einzupacken. Das fehlte gerade noch! Über fünfzig Jahre hat der König keine Frau an sich herangelassen und nun das. Henschke weiß manches von der Misswirtschaft der Sanitätsbehörden bei der Behandlung der Verwundeten in den Armeen Seiner Majestät zu berichten. Friedrich II. kennt das alles, verspricht Henschke aber einen Brief nach Stettin an Rutze. Die Ortsnamen Baruth, Goyatz, Cottbus, Schwiebus, Lebus, Podelzig, Polenzig, Peitz und Beeskow fallen in der Beschreibung der weiteren Kutschfahrt. Friedrich II. schaut in Richtung Oderbruch und denkt darüber nach, ob mit schöpferischer Tat Glück zu stiften sei.
Als Friedrich II. Schloss Sanssouci betritt, findet er seine Lieblingshündin Alkmene, ein Italienisches Windspiel, unter Glas aufgebahrt vor. Der König will seinen Liebling noch ein letztes Mal liebkosen und hebt das Glas. Verwesungsgeruch schlägt ihm entgegen. Beim eiligen Schließen des gläsernen Sarges ragt noch eines der Pfötchen ein wenig heraus. Es ist wie eine Aufforderung zur Einkehr ins Totenreich.
Form Nichts – oder genauer wenig – ist bewiesen. Also stachelt der Erzähler die Phantasie des Lesers mit Gerüchten aus dem „Jahrhundert der Erotik und der Abnormitäten“Verwendete Ausgabe, S. 135, 4. Z.v.u. an. Dazu das Beispiel Alkmene: Die Ehefrau des Königs musste auf Schloss Schönhausen weitab von Potsdam residieren. Friedrich II. habe der Gattin dort in Berlin einen kurzen Anstandsbesuch pro Jahr abgestattet. Der Herrscher habe in Potsdam gewöhnlich mit seiner Hündin geschlafen.Verwendete Ausgabe, S. 135, 1. Z.v.u.
Der Text ist raffiniert gebaut. In „Alkmene“ hat General Lafayette als Manöver-Beobachter des Alten Fritz eine narrative Funktion. Er lässt den Erzähler nicht als allwissend erscheinen.siehe auch Kirchner, S. 130 unten
Rezeption Äußerungen nach dem Erscheinen „Ein Bild, das bestimmt ist, viele Klischees zu verdrängen,...“ schreibt ein gewisser E.V. am 14. Dezember 1924 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“.zitiert bei Kirchner, S. 359, Fußnote 63 Feuchtwanger (Rezension am 13. Januar 1925 in der „Weltbühne“) lobt den „bis ins Komma“Feuchtwanger, zitiert bei Kirchner, S. 136, 12. Z.v.u. ausgereiften Text. Emil Ludwig (Rezension am 15. März 1925 in der „Neuen Freien Presse“) sieht beim Lesen den Alten Fritz – keinen Helden zwar, aber ein Genie – leibhaftig vor sich.Ludwig, zitiert bei Kirchner, S. 136, 10. Z.v.u. und S. 359, Fußnote 64 Wolfgang von Einsiedel (Rezension im Aprilheft 1925 „Der schönen Literatur“) kann sich mit der „Narbe“ überhaupt nicht anfreunden. Der Part sei ein wenig unglaubhaft, stellenweise zu gefühlsbetont und erzählerisch misslungen. Friedrich II. referiere gleichsam sein Unterleibsleiden.zitiert bei Kirchner, S. 129 unten und S. 359, Fußnote 59 Spätere Äußerungen Erika Mann und Klaus Mann schreiben in ihrer Darstellung des deutschen Exils „Escape to life“ von 1939: „... die drei berühmt gewordenen Geschichten um die Gestalt Friedrichs des Großen von Preußen, Die Tage des Königs, [schrieb] der reife, alle technischen Mittel selbstbewußt beherrschende Mann.“#Mann, Erika 1991, Seite 315. Kirchner setzt sich in dem Kapitel „II.1. Der alte König“Kirchner, S. 122–137 seiner Dissertation mit der Novelle auseinander. Natürlich ist jede Novelle fiktiv. Aber die Ereignisse um den Großkanzler zum Beispiel seien historisch belegt, doch mit der Schilderung ihrer zeitlichen Abfolge sei Bruno Frank seiner künstlerischen Diktion gefolgt.Kirchner, S. 124 Mitte Wien schicke Calsabigi nach Potsdam ins Rennen, weil es beim Alten Fritz eine homoerotische Neigung vermute.Kirchner, S. 127, 21. Z.v.o. Ulrich Müller meint, Bruno Frank fördere mit seinem Bild vom Alten Fritz „ungewollt die restaurativen Tendenzen in der Mitte der zwanziger Jahre.“Ulrich Müller, zitiert bei Kirchner, S. 137, 2. Z.v.o. und S. 359, Fußnote 66 Kirchner schreibt, nach Klaus Schröter liege lediglich „Kolportage von historischem Klatsch“Kirchner, S. 137, 2. Z.v.o. und S. 360, Fußnote 67 vor. Nach Werner Marx idealisiere und heroisiere der Autor nicht, sondern zeige vielmehr einen widersprüchlichen König.Kirchner, S. 137, 8. Z.v.o. und S. 360, Fußnote 68
Hundeliebhaber mini|hochkant=1.2|Bruno und Liesl Frank mit ihren drei schwarzen Pudeln, zwischen 1924 und 1929.
Bruno Frank war ein leidenschaftlicher Hundeliebhaber. Es überrascht daher nicht, dass er „dem besten Freund des Menschen“ in „Tage des Königs“ und einigen anderen seiner Werke eine wichtige Rolle einräumte. Der ständige Umgang mit seinen eigenen Hunden prädestinierte ihn geradewegs zu den einfühlsamen Porträts seiner literarischen Hunde und ihrer Herrchen.
Friedrich der Große war wie Bruno Frank ein „Hundenarr“. In „Tage des Königs“ richtet der Autor zwar den Fokus in erster Linie auf den Menschen und den Herrscher Friedrich an seinem Lebensabend, aber auch die liebsten Begleiter des Königs werden in den Novellen „Die Narbe“ und „Alkmene“ gewürdigt. In der „Der Großkanzler“ haben Friedrichs Hunde keinen Auftritt, obwohl man, als er sich am Ende der Novelle zu Bette begibt, erwarten würde, dass auch seine Favorithündin erwähnt wird, die seine treue Schlafkameradin war.
Die Narbe