mini|Kastell Orheiu Bistriței im Limesverlauf
Kastell Orheiu Bistriței war ein römisches Hilfstruppenlager am nordöstlichen Dakischen Limes in der Provinz Dacia Porolissensis (zuvor Dacia superior). Im heutigen Siedlungsbild befindet sich das ehemalige Militärlager auf dem Gebiet der Gemeinde Orheiu Bistriței (Burghalle), Kreis Bistrița-Năsăud im nördlichen Siebenbürgen, Rumänien. Gemeinsam mit insgesamt 277 Stätten des Dakischen Limes wurde das Kastell Orheiu Bistriței 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.
Lage Die Relikte des Kastells liegen auf flachem Gelände auf der westlichen Seite des Flüsschens Budac, an der westlichen Peripherie der heutigen Ortschaft. Eine große Fläche des ehemaligen Militärlagers ist heute überbaut. Ein Teil der Retentura (rückwärtiger Lagerteil) liegt unter dem evangelischen Friedhof, der heute nicht mehr genutzt wird. Die sekundäre Verwendung der römischen Steine für Bauten des Ortes im Laufe der Jahrhunderte sorgte dafür, dass im Gelände kaum noch etwas wahrnehmbar ist. In antiker Zeit könnte das Kastell eine strategisch bedeutende Rolle gespielt haben, da es – wenn man von dem nur sieben Kilometer Luftlinie entfernten und nur temporär genutzten Kastell Livezile einmal absieht – auf der rund 85 Kilometer langen Strecke zwischen dem Kastell Ilișua und dem Kastell Brâncovenești die einzige bekannte römische Garnison war.Dumitru Protase: Das romische Kastell von Orheiu Bistriţei. In: Revista Bistriţei, XXI/1 (2007), S. 113f. sowie Abb. 1 und 2.
Forschungsgeschichte mini|hochkant|Dumitru Protase (1926–2022), Ausgräber des Kastells Das Kastell Orheiu Bistriței geriet erst spät in den Fokus der Archäologen, auch wenn der Platz als Fundort römischer Artefakte bereits seit der Wende von 18. zum 19. Jahrhundert bekannt war. In dieser Zeit tauchten im Bereich des evangelischen Friedhofes der Gemeinde immer wieder römische Funde auf, die von dem Pfarrer Martin Textoris gesammelt, aber nicht richtig zu deuten gewusst wurden.Hanspeter Zehner (Hrsg.): Heimatbuch Burghalle. Die Geschichte einer deutschen Gemeinde im Budaktal in Nordsiebenbürgen. Eigenverlag, Wiehl 1990, S. 15. Auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Ort nur sporadisch im Zusammenhang mit der römischen Straße oder als Fundort römischer Objekte erwähnt, nicht jedoch explizit als möglicher Standort eines römischen Militärlagers genannt. Erst Carl Gooss beschrieb 1876 „...ein römisches Lager mit klafterhohen gemauerten Wällen“.Carl Gooss: Chronik der archäologischen Funde Siebenbürgens. Verein für Siebenbürgische Landeskunde, Closius, Hermannstadt 1876, S. 69., (Digitalisat bei Google Books). Auch Károly Torma erwähnte 1880 das Kastell, als er sich dem nördlichen Dakischen Limes widmete.Károly Torma: A limes Dacicus felsă resze. Budapest 1880, S. 118. Josef Ornstein versuchte 1898 den Ort mit dem in der Kosmographie des Geographen von Ravenna erwähnten Ermerium gleichzusetzenJosef Ornstein: Zur Bestimmung der Grenzen Daciens in Siebenbürgen. Gherla, Szamosujvár 1898., Gábor Finály benutzte 1912 die Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus, um Arcobadara in Orheiu Bistriței zu verorten.Gábor Finály: Magyarország a rómaiak alatt című fali térkép magyarázata. Magyar Földrajzi Intézet, Budapest 1912, S. 24.
Systematische Begehungen oder gar Ausgrabungen fanden bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nicht statt. István Paulovics war der Erste, der 1942 im Rahmen seiner Prospektionen am Ostdakischen Limes auch dieses Kastell untersuchte und sich darüber hinaus mit allen bislang erschienenen Publikationen auseinandersetzte.István Paulovics: Dacia keleti határvonala és az ugynevezet “dák”-ezüstkincsek kérdése. Kolozsvár 1944, S. 3 und 19–23. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen fanden von 1957 bis 1960 statt und wurden in Zusammenarbeit zwischen der Fakultät für Geschichte und PhilosophieFakultät für Geschichte und Philosophie auf der offiziellen Webpräsenz der an der Babeș-Bolyai-Universität Cluj (deutsch), abgerufen am 9. Dezember 2018. der Babeș-Bolyai-Universität Cluj und dem Museum von Bistrița (Muzeul Județean Bistrița-Năsăud)Offizielle Webpräsenz des Muzeul Județean Bistrița-Năsăud (rumänisch), abgerufen am 9. Dezember 2018. durchgeführt. Sie standen anfänglich unter der Leitung von Mihail Macrea und seit 1958 unter der von Dumitru Protase.Dumitru Protase: Das romische Kastell von Orheiu Bistriţei. In: Revista Bistriţei, XXI/1 (2007), S. 112f. Seit dieser Zeit hat es keine umfangreicheren Untersuchungen mehr in Orheiu Bistriței gegeben.
Befunde Das Kastell bedeckte mit seinen Abmessungen von 139 m mal 190 m in seiner Holz-Erde-Bauphase eine Fläche von 2,5 ha, und in der Steinbauphase mit 203 m × 144 m ein Areal von rund 2,9 ha.Nicolae Gudea: Der dakische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz 44 (1997), S. 55f., (Digitalisat). Bei den Ausgrabungen der Jahre 1957 bis 1960 wurde der Lagerbereich mit insgesamt neun Schnitten (Gesamtlänge 220 m bei einer Breite von 1,20 m) und zwei großen Flächen (Gesamtfläche 1020 m²) untersucht. Die Flächen wurden im Bereich der Principia (Stabsgebäude) und des Praetoriums (Kommandantenwohnhaus) angelegt. Weitere Sondierungsschnitte wurden auf der Suche nach dem Vicus gegraben.
Umwehrung Das Militärlager war zunächst in Holz-Erde-Bauweise angelegt worden und wurde zu einem späteren Zeitpunkt durch ein Steinkastell ersetzt. Umgeben war es von einer Wehrmauer, vor der sich nach einer 1,85 m breiten Berme ein einfacher, sechs Meter breiter und 2,80 m tiefer Spitzgraben als Annäherungshindernis befand. Zum Teil war das Fundament der Steinmauer passgenau in die Ausbruchgrube der Holz-Erde-Umwallung gesetzt worden. Zum Ausgrabungszeitpunkt waren im Wesentlichen nur noch die aus Fluss-Steinen gemauerten Fundamente der Mauer vorhanden, das aufgehende Mauerwerk schien bis auf eine Ausnahme vollständig dem Steinraub zum Opfer gefallen zu sein, wofür die starke Durchwühlung des Geländes sprach. An der einen Stelle, an der das Aufgehende noch fragmentarisch vorhanden war, konnte festgestellt werden, dass die Mauer einst 1,30 m mächtig und in der Technik des Opus incertum errichtet worden war. Von den Toren konnte die Porta principalis sinistra (linkes Seitentor) im Gelände identifiziert, jedoch aufgrund des Einspruchs des Grundstücksbesitzers nur unzulänglich untersucht werden. Ihre Breite betrug 7,40 m bis 7,60 m, bei einer Entfernung von 80 Metern zur Nordwestecke des Kastells.Dumitru Protase: Das romische Kastell von Orheiu Bistriţei. In: Revista Bistriţei, XXI/1 (2007), S. 114–116, sowie Abb. 8 bis 10.
Principia mini|Die Grabungsergebnisse in den Principia von 1957–1960 Von der Innenbebauung wurden namentlich die Pricipia und das Praetorium zumindest teilweise freigelegt. Die vollständigen Maße der Principia konnten nicht ermittelt werden, es gelang jedoch insgesamt acht Räume näher zu untersuchen.
Raum I hatte die Abmessungen von 5,20 m mal 4 m (= knapp 21 m²) und war durch Steinraub völlig zerstört. Nur die Fundamente aus Flussbettsteinen waren erhalten geblieben. In dem Füllmaterial traten ein paar Scherben roter und grau-schwärzlicher Keramik, einige Eisennägel, die Spitze eines Pilums, Fragmente von Backsteinen und Dachziegeln (zum Teil mit dem Stempelabdruck CIH∞), ein Denarius des Marcus Aurelius und der Bügel einer bronzenen Fibel zu Tage.
Die Räume II und III waren ein zusammenhängender, 3,10 m mal 2,30 m (= 7,1 m²) messender Apsidenbau, der durch eine 0,5 m dicke Wand, in die eine 0,55 m breite Türe eingelassen war, in zwei Räume aufgeteilt wurde. Die Außenmauer war 0,75 m dick und ruhte auf einem 0,70 m tiefen Fundament aus vermörtelten Flussbettsteinen. Das Aufgehende war noch 0,30 m über dem Fundament erhalten. Es bestand aus mit Kalkmörtel vermauerten Steinbruch- und Flussbettsteinen. Das Fundmaterial bestand aus der gleichen Keramik wie das aus dem ersten Raum, zusätzlich wurden eine eiserne Messerklinge und eiserne Nägel, Bruchstücke von Backsteinen und Dachziegeln (teilweise mit dem Stempel CIH∞), sowie im Füllmaterial ein Denarius des Severus Alexander gefunden.
Raum IV war mit seinen Abmessungen von 5,20 m mal 5,10 m (= 26,5 m²) annähernd quadratisch und schloss sich an die Räume I bis III an. Dieser Raum konnte nur längs der zerstörten Mauern aufgemessen werden, eine Ausgrabung im Inneren unterblieb. Das Fundmaterial bestand aus roten Keramikscherben, Backstein- und Ziegelfragmenten, einer eisernen Messerklinge und ein paar Eisennägeln. Neben der Mauer trat noch ein Denarius des Severus Alexander ans Tageslicht.
Der rechteckige Raum V hatte die Maße von 4,30 m mal 3,60 m (= 15,5 m²) und war ebenfalls schwer zerstört. Das aufgehende Mauerwerk war vollständig abgebrochen. Bei der Ausgrabung im Inneren des Raumes wurde rote Keramik, mehrere Eisennägel, ein Bronzeschlüssel, Bruchstücke von Dachziegeln und Backsteinen, sowie eine stark beschädigte Potinmünze gefunden, die wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts stammt.
Raum VI ist aufgrund seiner länglichen Abmessungen von 5,20 m mal 1,70 m (= 8,8 m²) als ein Flur anzusprechen. Seine Wände aus Steinbruchsteinen waren fast völlig zerstört. Ihre Fundamente bestanden aus Flussbettsteinen. Neben roter Keramik und den üblichen Eisennägeln wurde in diesem Raum noch ein Beschlag aus Bronze gefunden.
Die Räume VII und VIII waren die größten ergrabenen Zimmer der Principia. Raum VII bedeckte mit seinen Abmessungen von 7,80 m mal 4,40 m eine Fläche von 34,3 m², Raum VIII nahm mit seinen Maßen von 8 m (+ ?) mal 4,40 m sogar mindestens 35 m² in Anspruch. Leider waren die Räume beträchtlich zerstört. Die Mauern waren teilweise bis in die Fundamente hinein ausgebrochen. Auch konnte die Ausgrabung in diesem Bereich nicht beendet werden. Der Ausgräber gab noch in seiner 2007 erschienenen Publikation zum Kastell der Hoffnung Ausdruck, dass man bei einer künftigen Grabung die kompletten Principia freilegen könne, um alle Zusammenhänge zu verstehen.
In den gesamten Principia, soweit sie ergraben wurden, gab es, außer in dem Apsidenbau (Räume II und III), keinerlei Hinweise auf Hypokaustanlagen. Ebenso wenig konnte eine ältere Holzbauphase festgestellt werden. Allerdings standen an einigen Stellen die Fundamente der Außenwände auf einer Schuttschicht, was eine zweite Bauphase nicht unwahrscheinlich macht. Das Gebäude war nach Nordosten zur Porta Prätoria hin orientiert.Dumitru Protase: Das romische Kastell von Orheiu Bistriţei. In: Revista Bistriţei, XXI/1 (2007), S. 120f. und 130f. sowie Abb. 16.
Praetorium Das Praetorium lag südlich neben den Principia. Es bestand in seiner letzten Bauphase aus insgesamt 18 Räumen, die während der Grabungskampagnen 1957 bis 1960 identifiziert und von denen 16 dokumentiert werden konnten.