mini|Michael Gwisdek, 2015
Michael Gwisdek (* 14. Januar 1942 in Berlin-Weißensee; † 22. September 2020 in Schorfheide) war ein deutscher Schauspieler und Regisseur. Er spielte an der Volksbühne Berlin und am Deutschen Theater. Seinen Durchbruch als Filmschauspieler hatte er 1983 in Olle Henry. Im wiedervereinigten Deutschland wurde er vor allem durch seine Rollen in Nachtgestalten, Good Bye, Lenin! und Oh Boy bekannt. In seinen Rollen zeigte er sich meist als Komödiant, Melancholiker und Exzentriker.Michael Gwisdek. Biografie bei defa-stiftung.de. Abgerufen am 4. Juni 2020.
Leben
Herkunft und Ausbildung Michael Gwisdek wurde 1942 als Sohn der Gastwirte Alfred Gwisdek und dessen Frau Margarete, geb. Schäfer, in Berlin-Weißensee geboren,Warner: Presseheft Jesus liebt mich, 2012, S. 13: Michael Gwisdek, geboren 1942 in Berlin-Weißensee. wo die Eltern eine Gaststätte betrieben.Hans-Michael Bock: Michael Gwisdek – Schauspieler. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film Nach der Schulausbildung absolvierte er ab 1957 auf Wunsch seiner Eltern eine Facharbeiterausbildung zum Gebrauchswerber und Dekorateur. Er arbeitete für ein Jahr bei der HO Lebensmittel als Plakatmaler und Dekorateur in Berlin-Mitte. 1960 war er in West-Berlin im technischen Außendienst als Vertreter für Kochendwasserautomaten tätig. Von 1961 bis 1963 arbeitete er zunächst als Buffetier in der elterlichen Gaststätte, später war er Clubhausleiter eines Jugendclubs.
Bereits mit 16 Jahren fand er nach seiner schulischen Ausbildung Interesse am Schauspiel – er wollte auf die Schauspielschule von Hilde Körber in West-Berlin. Später engagierte sich Gwisdek am Arbeitertheater Friedrichshain und am Dramatischen Zirkel Klingenberg. Daneben absolvierte er ein Fernstudium der Regie an der Theaterhochschule Leipzig, bei dem ihm die Qualifikation als „Leiter des künstlerischen Volksschaffens“ zugesprochen wurde. Im Jahre 1964 war er als Verlader von Eisenbahnwaggons in einer Spezialbrigade im Transformatorenwerk Oberspree tätig.
Theater Nachdem Gwisdek zunächst zweimal nach einem Vorsprechen abgelehnt worden war, studierte er von 1965 bis 1968 an der Staatlichen Schauspielschule Berlin. Anschließend erfolgte ab 1968 ein sechsjähriges Engagement am Städtischen Theater Karl-Marx-Stadt, wo er zahlreiche Rollen in klassischen wie modernen Bühneninszenierungen spielte. Vor allem seine Darstellung des Pantalone in Carlo Goldonis Der Diener zweier Herren wurde positiv von Publikum und Kritikern aufgenommen. 1973 holte ihn Regisseur Benno Besson an die Volksbühne Berlin, wo er zehn Jahre engagiert war. Gwisdek spielte hier unter anderem in zahlreichen Inszenierungen zu Stücken von William Shakespeare. In der Bühnenaufführung Wie es euch gefällt (1975) gab er den Probstein, in Hamlet (1977) den Horatio oder den Bleichenwang in Was ihr wollt (1981). Unter Heiner Müller war er in dessen 1980 uraufgeführten Theaterstück Der Bau als Donat zu sehen. In seiner Macbeth-Adaption (1982) verkörperte er einen der drei Macbeths. Danach war er ab 1983 am Deutschen Theater Berlin engagiert, wo er unter anderem 1984 die Titelrolle in Oscar Wildes Bunbury übernahm und 1987 in Jean-Paul Sartres Die Fliegen die Rolle des Pädagogen spielte. 1991 endete sein Engagement. Danach arbeitete er als freier Schauspieler.
Film Gwisdek stand parallel zu seiner Bühnentätigkeit auch vor der Kamera. 1968 debütierte er in der Anna-Seghers-Verfilmung Die Toten bleiben jung als SS-Offizier. Danach agierte er in dem DEFA-Indianerfilm Spur des Falken als Goldsucher und dessen Fortsetzung Weiße Wölfe als Terrorist. In der Filmsatire Till Eulenspiegel gab er den Landsknecht des Ritter Kunz (Franciszek Pieczka) und arbeitete erstmals mit dem Regisseur Rainer Simon zusammen. 1976 besetzte ihn Kurt Maetzig für sein Filmdrama Mann gegen Mann in der Rolle des Kriegsheimkehrers Michael Mähr, der mit derselben Frau verheiratet ist wie sein Kamerad, worauf es zu einem für Michael tödlichen Duell kommt. In der Filmkomödie Zünd an, es kommt die Feuerwehr (1979), seiner zweiten Zusammenarbeit mit Rainer Simon, übernahm er die Rolle des Karl Moor. In Simons Gegenwartsfilm Jadup und Boel (1980) verkörperte er den Antiquitätenhändler Gwissen, der den titelgebenden Bürgermeister Jadup (Kurt Böwe) zum Nachdenken bewegt.
1982 spielte er bei der Willi-Bredel-Romanverfilmung Dein unbekannter Bruder unter Ulrich Weiß den Conférencier Walter, der einer Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten zugehörig ist. Im Folgejahr arbeitete er erneut mit Weiß für seinen Film Olle Henry zusammen, wo er die Titelrolle des ehemaligen Profiboxers Henry Wolters übernahm. Gwisdek wurde für seine dortige schauspielerische Leistung mit dem DDR-Kritikerpreis „Große Klappe“ als „Bester Darsteller“ ausgezeichnet. 1985 war er als reicher Bankier Jakob Gontard in der Friedrich-Hölderlin-Verfilmung Hälfte des Lebens von Herrmann Zschoche zu sehen.
1988 führte Gwisdek erstmals Regie. Er inszenierte für die DEFA den Historienfilm Treffen in Travers und besetzte seine damalige Ehefrau Corinna Harfouch in der weiblichen Hauptrolle und ihre beiden gemeinsamen Kinder als Dorfjungen. Sein Regiedebüt brachte ihm 1990 beim 6. Nationalen Spielfilmfestival der DDR den Preis für den besten Film ein und 1989 erhielt sein Werk als erster DDR-Film eine Einladung zum Filmfestival Cannes.Michael Gwisdek wird siebzig – Vom Tangospieler zum Alleskönner. In: faz.net, 14. Januar 2012. In Heiner Carows Coming Out, dem ersten DDR-Film mit Homosexualität als Thema, war Gwisdek als homosexueller Barwirt Achim am Mauerfallstag im November 1989 auf der Kinoleinwand zu sehen.
mini|Michael Gwisdek als Wachtmeister Zumbühl, 1993
Nach der deutschen Wiedervereinigung war Gwisdek weiterhin in diversen Kino- und Fernsehproduktionen zu sehen und konnte dabei an seine schauspielerischen Erfolge anknüpfen. Er arbeitete auch weiter als Filmregisseur. Roland Gräf besetzte ihn 1991 als Historiker und ehemaligen Oberassistenten Dr. Hans Peter Dallow in seinem DDR-kritischen Drama Der Tangospieler nach dem gleichnamigen Roman von Christoph Hein. Gwisdek wurde gleichen Jahres für seine dargebotene Darstellung mit dem Deutschen Filmpreis als „Bester Hauptdarsteller“ ausgezeichnet. 1994 spielte er in Urs Odermatts Wachtmeister Zumbühl die Titelrolle.
In dem Kammerspiel Abschied von Agnes (1994) über die psychischen Nachwirkungen der DDR schrieb er das Drehbuch und spielte die Hauptrolle des arbeitslosen Wissenschaftlers Heiner. 1998 spielte er in seiner dritten Regiearbeit Das Mambospiel (1998) die Rolle des alternden Schauspielers Martin an der Seite seiner damaligen Ehefrau Corinna Harfouch. Der Film wurde beim Wettbewerb der 48. Berlinale gezeigt.
Für seine schauspielerische Leistung in Andreas Dresens Tragikomödie Nachtgestalten, wo er die Rolle des Geschäftsmanns Peschke übernahm, erhielt er mehrere Auszeichnungen, unter anderem bei der Berlinale 1999 einen Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller und im Jahr 2000 den Ernst-Lubitsch-Preis.
Auf der Kinoleinwand war er in den 2000er Jahren wiederkehrend zu sehen, wie beispielsweise als Verleger Joachim in Oskar Roehlers Die Unberührbare (2000), als Mönch in Zoltan Spirandellis Vaya con Dios (2002), als Schuldirektor in Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin! oder in Leander Haußmanns Herr Lehmann (2003). 2006 erfolgte mit Elementarteilchen, wo er den Professor Fleißer spielte, eine weitere Zusammenarbeit mit Oskar Roehler. 2008 wurde Gwisdek in dem von Bernd Eichinger produzierten Spielfilm Der Baader Meinhof Komplex als evangelischer Pfarrer Helmut Ensslin besetzt.
mini|Michael Gwisdek, 2009
2010 war er neben Gudrun Ritter in Matti Geschonnecks Tragikomödie Boxhagener Platz als ehemaliger Spartakusbund-Kämpfer Karl Wegner und in Florian Cossens vielfach preisgekröntem Drama Das Lied in mir als Vater der von Jessica Schwarz gespielten Schwimmerin Maria Falkenmayer zu sehen. In Till Endemanns Vater Morgana (2010) verkörperte er an der Seite von Christian Ulmen dessen Vater, den an Alzheimer erkrankten Walther Stielike. In der Liebeskomödie Jesus liebt mich (2012) von und mit Florian David Fitz spielte er Gott. Für seine prägnante Nebenrolle des alten Friedrich in Oh Boy von Jan-Ole Gerster erhielt er 2013 seinen zweiten Deutschen Filmpreis, diesmal in der Kategorie „Beste Nebenrolle“. In der Filmkomödie Hai-Alarm am Müggelsee (2013) von Leander Haußmann und Sven Regener war er neben Henry Hübchen als Bademeister in der Hauptrolle zu sehen. 2014 agierte er in Matthias Schweighöfers Filmkomödie Vaterfreuden als Vater des Protagonisten Felix, der von Schweighöfer selbst gespielt wurde.
Ab Januar 2017 war Gwisdek an der Seite von Henry Hübchen, Thomas Thieme und Winfried Glatzeder als Technikbastler Jaecki in der Agentenkomödie Kundschafter des Friedens zu sehen. 2018 übernahm er in Lars Kraumes Das schweigende Klassenzimmer die Rolle des schwulen Großonkels Edgar des Schülers Paul (Isaiah Michalski).
Seine letzte Rolle auf der Kinoleinwand hatte er neben Dennis Mojen in der im Juli 2019 uraufgeführten tragikomischen Kinoromanze Traumfabrik, die das Filmwesen der DDR satirisch behandelt, als alter Opa Emil Hellberg, der seinem kleinen Enkel im Rückblick von dem bewegtesten Jahr seines Lebens erzählt. 2003 zählte Gwisdek zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie.
Fernsehen Neben seinen Arbeiten auf der Bühne und in Kinofilmen wirkte Gwisdek auch in zahlreichen Fernsehproduktionen mit. Er gastierte unter anderem seit 1996 in diversen Folgen der ARD-Krimireihe Tatort.
Im Jahr 2000 spielte Gwisdek in Michael Verhoevens Filmkomödie Zimmer mit Frühstück die Rolle des Managers Klaus Hallstein. Von 2001 bis 2004 übernahm er unter anderem in der dreiteiligen ARD-Reihe Marga Engel mit Marianne Sägebrecht in der Titelrolle die Rolle des Anwalts Dr. Henning Gössel. 2002 spielte Gwisdek im ZDF-Vierteiler Liebesau – Die andere Heimat den Stasimann Hedderbogge und war unter der Regie von Matti Geschonneck als Bert in der Verfilmung Wer liebt, hat Recht des autobiografischen Romans der Schriftstellerin Anita Lenz zu sehen. 2004 sah man ihn in der Liebeskomödie Das blaue Wunder als Freund des von Wolfgang Stumph gespielten Elbfährenkapitäns Rüdiger Stolze. 2005 agierte er in dem Psychothriller Hölle im Kopf als Inspektor Galleo und in dem ZDF-Samstagskrimi Rosa Roth – Flucht nach vorn als Andreas Flade. Im selben Jahr verkörperte Gwisdek den deutschen Marineoffizier Erich Raeder in Heinrich Breloers Fernseh-Doku-Drama Speer und Er über das Leben des Architekten Albert Speer.
In Hansjörg Thurns zweiteiliger Literaturverfilmung Die Schatzinsel (2007) nach dem Werk des Autors Robert Louis Stevenson übernahm Gwisdek die Rolle des blinden Pew. Der Regisseur Roland Suso Richter besetzte ihn neben Heino Ferch und Karoline Herfurth als Großvater Walter Kaiser in seinem Fernsehfilm Das Wunder von Berlin (2008), der auf den Aufzeichnungen des ehemaligen NVA-Soldaten Tilo Koch basiert. Diese Rolle brachte ihm den Deutschen Fernsehpreis als bester Nebendarsteller ein. In dem ARD-Weihnachts-Episodenfilm Wenn wir uns begegnen (2008) spielte der den betrunkenen Weihnachtsmann Edgar Wurlitzer.