Guntramsdorf ist eine Marktgemeinde mit Einwohnern (Stand ) im Industrieviertel in Niederösterreich.
Geografie Lage Der Ort liegt am westlichen Rand des Wiener Beckens an der Thermenlinie. Großteils liegt das Siedlungsgebiet in der Ebene. Nur die schon jahrhundertealten Weingärten liegen an den Hängen des Eichkogels (367 m über Seehöhe) und des Anningers (675 m) am Rande des Wienerwaldes. Das Ortsbild wird unter anderem durch mehrere Teiche geprägt. Einige davon sind von der Gemeinde für die Öffentlichkeit als Badeteiche und Naherholungsgebiet erschlossen, darunter der sogenannte Ozean an der Neudorfer Haide im heutigen Ortsteil Neu-Guntramsdorf und der sogenannte Windradlteich nahe dem Altort. Beide Teiche liegen direkt an der B17 (Wiener Neustädter Straße).
Die meisten Teiche am Gemeindegebiet sind um 1900 nach Grundwassereinbruch in Lehmgruben, die zur Ziegelgewinnung (Ziegelteiche) verwendet wurden, entstanden. Am südlichen Ortsrand befindet sich direkt an der Gemeindegrenze zu Traiskirchen (Grenze zur Katastralgemeinde Möllersdorf) ein im Privatbesitz befindlicher Teich, der als Ozean II bezeichnet wird.
Gliederung Die Gemeinde ist kongruent mit der gleichnamigen Katastralgemeinde. Die wesentlichen Ortschaften neben dem Markt selbst sind die Dörfer Neu-Guntramsdorf (unter 2.000 Einwohner) sowie Blumensiedlung (unter 300 Einwohner).166. Guntramsdorf. In: Österreichischer Amtskalender online. (Erscheinungsverlauf: ab 2002 nachgewiesen). Jusline Österreich GmbH/Verlag Österreich, Wien 2013, . Der Großteil der Besiedlung ist im Altort anzutreffen, daneben besteht seit 1938 die Siedlung Neu-Guntramsdorf (nach einem Konzept von Georg Laub)Ingeburg Weinberger: Siedeln heißt nicht bauen, sondern vielmehr! Ideologietransfer im Siedlungsbau des Nationalsozialismus in Groß-Wien. Dissertation 2010, 514 S. – Online S. 215, abgerufen am 1. März 2014, etwa zwei Kilometer nördlich des Altortes, am Ufer des Ozean-Teiches, nebst der Neudorfer Haide an dem Grillenhügel, einem Ausläufer des Eichkogels.
Zwischen dem Altort und Neu-Guntramsdorf entwickelte sich seit etwa 1980 eine durchgehende Besiedlungsachse. Damit entstand seit etwa 2000 ein nahezu geschlossenes Siedlungsgebiet, geteilt durch den Wiener Neustädter Kanal.
Nachbargemeinden
Die Grenze zu Biedermannsdorf liegt im Industriezentrum Niederösterreich Süd und ist nur ca. 150 m lang.
Geschichte mini|Guntramsdorf mit Teich (am heutigen Siedlungsgebiet zwischen dem Grillenhügel, einem Ausläufer des Eichkogels, nebst der heutigen Badnerbahnstation Neu-Guntramsdorf, und dem Teichhügel, dem heutigen Friedhof), 1755 Carte des environs de Schönbrun et ceux de Laxemburg (Norden ist links). Vom 1. bis ins 4. Jahrhundert war das Gebiet Teil der römischen Provinz Pannonien.
An der Schwechat-Terrasse südlich der Wiener Stadtgrenze wurde ein Gräberfeld aus der Latènezeit freigelegt. Es waren insgesamt 18 Gräber, teilweise mit Steinumfriedungen, davon 14 Körper- und zwei Brandbestattungen. An Grabbeigaben wurden ein Schwertscheiden-Fragment und einfache Keramikobjekte gefunden. Medizinisch bedeutungsvoll waren drei Schädel mit Trepanationsspuren, und zwar sowohl einfache, als auch zwei- und dreifache Bohrungen. Nach den Heilungsspuren an der Schädeldecke war die einfache Bohrung zumindest für einige Zeit erfolgreich, die Zwei- und Dreifachbohrungen dürften letal geendet haben, wie Entzündungsspuren am Knochen zeigen. Die Objekte sind im Heimatmuseum Guntramsdorf sowie im Urgeschichte-Museum in Asparn/Zaya ausgestellt.Susanne Sievers, Otto Helmut Urban, Peter C. Ramsl: Lexikon zur Keltischen Archäologie. Bände A–K und L–Z. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2012, ISBN 978-3-7001-6765-5, S. 709. Eine Abbildung des Schädels mit der erfolgreichen Einfachtrepanation und den später erfolgten letal endenden Dreifachtrepanationen ist zu sehen in Helmut Birkhan: Kelten. Bilder ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2814-2, S. 340, Bild 614. mini|Guntramsdorf und Umgebung um das Jahr 1872 (Aufnahmeblatt der Landesaufnahme) Die geschichtliche Zeit von Guntramsdorf beginnt mit der ersten Ostmark des Reiches Karls des Großen (um 800). Der Name von Guntramsdorf weist auf den Gründer hin, der „Guntram“ geheißen haben mag. Laut Urkunde aus dem Jahre 859Josef Widemann (Hrsg.): Die Traditionen des Hochstifts Regensburg und des Klosters Sankt Emmeram. Zweiter Neudruck der Ausgabe München 1943. Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte, Nue Folge Band 8, . Scientia-Verlag, Aalen 1988, ISBN 3-511-03769-7. schenkte Graf Kozel, Fürst von Pannonien (Ungarn), dem Kloster Regensburg Güter. Als Zeugen werden angeführt: Graf Ratpot und Graf Guntram. Dieser Graf Guntram dürfte der Gründer von Guntramsdorf sein, da vor diesem kein Guntram in Urkunden erwähnt aufscheint.
Zur Zeit Leopolds III. (1095–1136) befand sich Guntramsdorf im Besitze des Ritters Heinrich II. von Kuenring. Dieser nannte sich Heinric de Gundrammisdorf. Seinen Namen erhielt er von der Burg Guntramsdorf, zwischen Mödling und Baden gelegen. Dieser befestigte Rittersitz stand wahrscheinlich auf dem Platze des späteren Schlosses. Von diesem Schloss ist heute nur mehr der Barockpavillon erhalten. Um 1200 befand sich Guntramsdorf im Besitze der Herzöge von Mödling. Von 1246 bis 1365 war Guntramsdorf im Besitze des Rittergeschlechtes der Guntramsdorfer. Dieses Rittergeschlecht besaß nach Wisgrill III. Güter und Beziehungen im ganzen Lande. Im Jahr 1570 wurde die Herrschaft vom Stift Zwettl an das Stift Heiligenkreuz verkauft.Bernhard Link: Annales Austrio-Clara-Vallenses (Wien 1723) Bd. 2, S. 471.
Die Ortschronik von Guntramsdorf berichtet, dass im Mittelalter im Bereich des heutigen Friedhofes (der sich am Teichhügel befindet, südlich davon Teichgasse) ein künstlicher Fischteich bestanden hatte (vgl. Wolfgang Lazius, 1561; Vischer-Landkarte, 17. Jhdt.); er ist auch noch in der Josephinischen Landesaufnahme (spätes 18. Jhd.) dargestellt.Josephinische Landesaufnahme, Bereich Guntramsdorf auf maps.arcanum.com, abgerufen am 28. September 2023. Als Besonderheit wird berichtet, dass der Fischfangertrag dieses Teiches einen zweistelligen Anteil am Haushalt des damaligen Landesfürsten darstellte. mini|Guntramsdorf und der Eichkogel (Mitte links) um 1900
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde der Ort in die Stadt Wien zum 24. Bezirk eingemeindet. In diese Periode fällt auch die erste große Wohnbauaktivität des 20. Jahrhunderts in Guntramsdorf. Mit konfiszierten ehemals österreichischen Gewerkschaftsgeldern wurden östlich des sogenannten Ozean-Teiches, an der Neudorfer Haide und auf einem Ausleger des Grillenhügels, selbst ein Ausleger des Eichkogels, im heutigen Ortsteil Neu-Guntramsdorf zahlreiche Wohnblöcke geschaffen. Die Siedlung wurde als zukunftsweisende Wohnform für Arbeiter beworben und Holzwebersiedlung nach dem Nationalsozialisten und Juliputschisten Franz Holzweber (1904–1934) benannt. Eine große nationalsozialistische Inszenierung begleitete den Spatenstich durch Gauleiter Odilo Globocnik am 13. August 1938,;(Bildunterschrift:) ;;(Bildunterschrift:) noch vor der Eingemeindung von Guntramsdorf als Teil Wiens. Die von Georg Laub geplante Siedlung beinhaltete die Zugänglichmachung des Ozean-Teiches und einer eigenen Badnerbahnstation. Ausbau zu einer „Holzweberstadt“ wurden durch den Bau der Flugmotorenwerke Ostmark verworfen. Nach dem Kriegsende gelangte die Siedlung unter starkem BevölkerungsanstiegLaut Volkszählung 1951 hatte die in diesem Jahr erstmals genannte Eichkogelsiedlung 1.661 Bewohner. – Aus: Knoll: Chronik der Marktgemeinde, Guntramsdorf 1957. in das Eigentum der gemeinnützigen Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft Neue Heimat. 1951 wird erstmals im Ortsverzeichnis von Österreich der Ortschaftsbestandteil Eichkogelsiedlung genannt; ab 1961 erscheint die Siedlung in den auf den zehnjährlichen Volkszählungen aufbauenden Ortsverzeichnissen als Neu-Guntramsdorf.Wilhelm Rausch (Hrsg.), Hermann Rafetseder (Bearb.): Gebiets- und Namensänderungen der Stadtgemeinden Österreichs seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Forschungen zur Geschichte der Städte und Märkte Österreichs, Band 2. Landesverlag, Linz (an der Donau) 1989, ISBN 3-900387-22-2, S. 336.
Die Flugmotorenwerke Ostmark wurden dann ab 1941 im Norden von Neu-Guntramsdorf, angrenzend an das Ortsgebiet von Wiener Neudorf erbaut. Zur Errichtung und zum Betrieb des Werkes zog man Zwangsarbeiter und Häftlinge aus dem KZ Mauthausen heran. Für die Unterbringung von bis zu 3.170 Häftlingen wurde 1943 auf Guntramsdorfer Gemeindegebiet ein großes Nebenlager des KZ Mauthausen errichtet. Im ehemaligen Lagerbereich finden seit 1995 an einer Gedenkstätte Führungen für Schulen von einem lokalen KZ-Gedenkverein und jährliche Gedenkfeiern statt.
In den ersten Apriltagen 1945 kam es im Raum Guntramsdorf zu schweren Kämpfen zwischen Teilen der deutschen 6. Panzerarmee unter Sepp Dietrich und der sowjetischen 3. Ukrainischen Front unter Marschall Tolbuchin. Nach dem überraschenden Einbruch Tolbuchins ins südliche Wiener Becken am 1. April wurde in der Nacht zum 2. April die 2. SS-Panzerdivision vom Raum Neusiedler See in den Süden Wiens verlegt und eine Widerstandslinie von Gumpoldskirchen über Guntramsdorf und Laxenburg bis Moosbrunn errichtet. Da Tolbuchin seine Truppen zur Westumfassung von Wien und zum Generalangriff von Süden vom 2. bis 4. April umgliederte, blieb Guntramsdorf in diesen drei Tagen Frontgebiet, und erlitt vor allem durch sowjetischen Beschuss schwere Schäden.Hans Egger, Franz Jordan: Brände an der Donau. Das Finale des Zweiten Weltkriegs in Wien, Niederösterreich und dem Nordburgenland. Stocker, Graz 2004, ISBN 3-7020-1053-X, S. 101–112. (Teilweise zugleich: Dissertation, Universität Wien, Wien 2002: Hans Egger: Der Krieg 1939–1945 im Osten Österreichs und seine Vorgeschichte). (Die Arbeit bringt Details der Kämpfe um Gumpoldskirchen und Guntramsdorf).
1954 wurde der Ort gemeinsam mit den anderen im Jahr 1938 eingemeindeten Kommunen wieder eigenständig und fiel wieder an Niederösterreich zurück. Die Energieversorgung liegt aber nach wie vor beim Wiener und nicht beim niederösterreichischen Landesenergieversorger.
Bevölkerungsentwicklung
Politik mini|Das neue Rathaus, erbaut 2013. mini|Das frühere Rathaus, abgerissen 2015. Gemeindevertretung Bürgermeister: Robert Weber, SPÖ (3. Amtszeit)Gemeinde Guntramsdorf: SPÖ, NEOS und GRÜNE einigen sich auf Zusammenarbeit im zukünftigen Gemeinderat (abgerufen am 28. März 2015) Vizebürgermeister: Nikolaus Brenner, SPÖ Jugendgemeinderat: Paul Gangoly, SPÖ Umweltgemeinderat: Martin Cerne, SPÖ Bildungsgemeinderätin: Gabriele Pollreiß, SPÖ Gemeinderat (33 Mandate):
+Gemeinderatswahl 2025ListeStimmenProzentMandateSPÖ2.79058,48 %20ÖVP53311,17 %4FPÖ72515,20 %5NEOS49710,42 %3GRÜNE2264,74 %1Summe4.771 gültige Stimmen 100 %33 Mandate Abgegebene Stimmen: 4.826 Stimmen, 55 ungültige Stimmen. Wahlbeteiligung 2025: 64,36 %, Wahlberechtigt: 7.499 Personen
Wirtschaft und Infrastruktur Industriebetriebe sind schon im 19. Jahrhundert nachgewiesen.Manfred Hösch: Lagetypologie der Industriebetriebe im Viertel unter dem Wienerwald bis 1850. Dissertation Technische Universität Wien 1984, , Textband, S. 355 f. – Volltext online.
Der Charakter einer überwiegend agrarischen Gemeinde hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Industriestandort verändert. So gehören Teile des Industriezentrums NÖ-Süd, das von der Ecoplus verwaltet wird, zum nördlichen Teil der Gemeinde. Aber auch andere große Industriebetriebe wie die Lackfabrik Axalta, der früheren DuPont (Stolllack) von Herbert Turnauer, die Assmannmühle und zahlreiche andere Klein- und Mittelbetriebe sind hier angesiedelt.