mini|Ödön von Horváth (1919) rahmenlos|klasse=skin-invert-image Edmund (Ödön) Josef von Horváth (* 9. Dezember 1901 in Sušak, Österreich-Ungarn; † 1. Juni 1938 in Paris) war ein auf Deutsch schreibender Schriftsteller ungarischer Staatsbürgerschaft: „Meine Muttersprache ist die deutsche.“Horváth im Interview mit Willi Cronauer (–1974), Bayerischer Rundfunk, 5. April 1932, abgedruckt in: Ödön von Horváth: Gesammelte Werke I, Volksstücke; Werkausgabe Edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1970,²1978, S. 5 ff. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Stücke Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline sowie durch seine zeitkritischen Romane Der ewige Spießer, Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit.

Leben Ödön von Horváth wurde als erster Sohn des österreichisch-ungarischen Diplomaten Ödön Josef von Horváth (1874–1950) und der Maria Lulu Hermine geb. Prehnal (1882–1959) in Fiume (damals Königreich Ungarn; heute Rijeka, Kroatien) geboren. Der Vater stammte aus Slavonien, damals ein Teil Ungarns, und gehörte dem Kleinadel an. Die Mutter kam aus einer ungarisch-deutschen kaiserlich und königlichen Militärarztfamilie.

1902 zog die Familie nach Belgrad, wo 1903 sein Bruder Lajos († 1968) geboren wurde, 1908 wiederum nach Budapest, wo Ödön von einem Hauslehrer zum ersten Mal in ungarischer Sprache unterrichtet wurde. Als sein Vater 1909 nach München versetzt wurde, blieb Ödön zunächst in Budapest und besuchte dort das erzbischöfliche Internat, das „Rákóczianum“. 1913 zog er zu seinen Eltern nach München, wo er zwei Jahre ins Gymnasium ging.Interview, S. 8 Er übersiedelte 1916 mit der Familie ins damals ungarische Pressburg nahe Wien, 1918 nach Budapest und kam schließlich, als die Eltern 1919 wieder nach München zogen, nach Wien in die Obhut seines Onkels Josef Prehnal. Dort legte er im Sommer 1919 an einem Privatgymnasium die Matura ab und schrieb sich noch im selben Jahr an der Universität München ein, wo er bis zum Wintersemester 1921/22 psychologische, literatur-, theater- und kunstwissenschaftliche Seminare besuchte.

Etablierung als Bühnenautor mini|Programmzettel der Uraufführung 1931 in Berlin Horváth begann 1920 zu schreiben. Der erste literarische Text Horváths, Das Buch der Tänze, auf Anregung Siegfried Kallenbergs entstanden, wurde 1922 konzertant in München und 1926 szenisch in Osnabrück aufgeführt. Ab 1923 lebte Horváth vor allem in Berlin, Salzburg und bei seinen Eltern im oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Er widmete sich immer intensiver der Schriftstellerei, vernichtete jedoch viele Texte aus dieser Zeit. Sein 1924 fertiggestellter Bühnentext Niemand wurde erst 2016 publik, da der ursprüngliche Verlag bald pleiteging. Er warnte in seinen Stücken, z. B. in Sladek, der schwarze Reichswehrmann (1929), vor den Gefahren des Faschismus. 1929 trat er aus der katholischen Kirche aus.

Im März 1931 wurde sein Stück Italienische Nacht in Berlin uraufgeführt. Horváths Ruhm als Dichter erlebte im Herbst 1931 den ersten Höhepunkt, als er auf Anregung Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde und am 2. November 1931 sein Bühnenstück Geschichten aus dem Wiener Wald, heute sein erfolgreichstes, uraufgeführt wurde.

Als die SA nach Adolf Hitlers „Machtergreifung“ 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsuchte, verließ Horváth Deutschland und lebte die folgenden Jahre in Wien und in Henndorf am Wallersee bei Salzburg als eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer. 1933 heiratete er die jüdische Sängerin Maria Elsner. Eine Woche vorher hatte Horváth seine langjährige Freundin Hertha Pauli bei einem Treffen im Wiener Café Museum mit seinem Hochzeitsplan überrascht, darauf reagierte diese mit einem Suizidversuch. Die Ehe selbst wurde ein Jahr darauf geschieden. Im Jahr 1934 kehrte Horváth nach Deutschland zurück.Evelyne Polt-Heinzl, Christine Schmidjell: , Die Presse vom 1. Dezember 2001 (Webarchiv). Er versuchte, trotz seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus dem Reichsverband Deutscher Schriftsteller beizutreten, und wurde Mitglied der Union nationaler Schriftsteller.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 268. Nachdem er im Juli 1936 aus Deutschland verwiesen worden war, strich man ihn im Februar 1937 aus der Mitgliederliste der Reichsschrifttumskammer.

Verfolgung, Emigration und Tod mini|Gedenktafel an Horváths Pariser Todesstätte mini|Grabmal auf dem Heiligenstädter Friedhof Weil seine Stücke in Deutschland nicht mehr aufgeführt wurden, verschlechterte sich Horváths finanzielle Situation. Erst 1937, als sein Roman Jugend ohne Gott in Amsterdam erschien, konnte er wieder einen größeren Erfolg verzeichnen; der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt, aber bereits 1938 in die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ aufgenommen und im Reichsgebiet eingezogen.

Nach dem „Anschluss Österreichs“ im März 1938 fuhr Horváth nach Budapest und Fiume (Rijeka), bereiste einige andere Städte und kam Ende Mai nach Paris. Am 1. Juni traf er im Café Marignan den Regisseur Robert Siodmak, um mit ihm über die Verfilmung des Romans Jugend ohne Gott zu sprechen. Doch noch am selben Abend wurde Horváth während eines Gewitters auf den Champs-Élysées gegenüber dem Théâtre Marigny durch den herabstürzenden Ast einer Rosskastanie erschlagen. Seine Beerdigung fand in Anwesenheit vieler Exilautoren am 7. Juni 1938 auf dem Pariser Friedhof Saint-Ouen statt. An seinem Grab sprachen Walter Mehring, Franz Werfel und Carl Zuckmayer.Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-10-034112-0, S. 132.

Ein Wahrsager soll Horváth prophezeit haben, dass ihm in den ersten Tagen des Juni 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstünde. Daraufhin benutzte der abergläubische Horváth angeblich u. a. keine Fahrstühle mehr. Am Tag seines Unfalltods lehnte er das Angebot der Siodmaks, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, mit der Begründung ab, dass dies zu gefährlich sei. Stattdessen machte er sich zu Fuß auf den Weg.

Die Reste seiner Gebeine, soweit sie noch auffindbar waren, ruhen seit 1988 in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Heiligenstädter Friedhof (Teil A, Gruppe M, Nummer 4) in Wien, wo zuvor seine Eltern und sein Bruder bestattet wurden. Im Jahr 1959 wurde in Wien-Ottakring (16. Bezirk) die Horvathgasse nach ihm benannt.

Horváths Nachlass verwahren seit 1962 das Archiv der Akademie der Künste in Berlin, seit 1990/1994 das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und die Wienbibliothek im Rathaus. Diese ersteigerte 2015 den Text Niemand bei einer Auktion, nachdem sie durch einen Medienbericht darauf aufmerksam gemacht worden war.Ronald Pohl: Ödön von Horváths „Niemand“. Ein Mietshaus voller Narren in einer preisgegebenen Welt. Der Standard vom 19. August 2016.tagesspiegel.de: Unbekannter Horváth für 11 000 Euro versteigert

Literarische Bedeutung Sozialpolitische Stoffe bilden den Kern von Horváths dramatischem Gesamtwerk. Als Ziel seiner Arbeit nennt er selbst die „Demaskierung des Bewußtseins“. Anhand von Einzelschicksalen verarmter, perspektivloser Kleinbürger sowie von Frauengestalten in drastischer patriarchalischer AbhängigkeitAxel Fritz: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit: Studien zum Werk in seinem Verhältnis zum politischen, sozialen und kulturellen Zeitgeschehen. List Verlag, München 1973, ISBN 978-3-471-61446-4, S. 137.Klaus Kastberger, Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell: Ödön von Horváth: Unendliche Dummheit, dumme Unendlichkeit. Zsolnay, Wien 2001, ISBN 978-3-552-04994-9, S. 59. zeichnet er Bilder einer entfremdeten und sozial deprivierten Gesellschaft. In späten Arbeiten treten religiöse Fragestellungen im Sinne von Verantwortung und Schuld als Kategorie menschlichen Handelns hinzu. Bereits in seinem Volksstück Italienische Nacht analysiert er nicht nur die soziale, sondern auch die psychologische Komponente im Verhalten der Faschisten. Aus dieser Analyse geht hervor, dass das Verhalten von einem brutalen sowie masochistisch-sentimentalen Minderwertigkeitsgefühl bestimmt wird. Auch in seinem Prosa-Spätwerk, den Romanen Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit, setzt Horváth sich mit dem Faschismus auseinander, allerdings direkter und bitterer: „Der Einzelne wird, da wo er sich auflehnen will, von der Gesellschaft, und das ist nunmehr der faschistische Staat, zerrieben, wenn er nicht resigniert.“

Horváth gilt als Erneuerer des Volksstücks. In seinem Verständnis sollen die Probleme möglichst volkstümlich behandelt und gestaltet werden. In seinen dramatischen Arbeiten kritisiert er den artifiziellen „Bildungsjargon“, den er mittels einer künstlichen und kommunikationslosen „Dialogsprache“ zu entlarven trachtet:Henk J. Koning: Nestroy und Horváth: Eine ungleiche Brüderschaft? In: Orbis Linguarum. Band 21, 2002 „Es hat sich nun durch das Kleinbürgertum eine Zersetzung der eigentlichen Dialekte gebildet, nämlich durch den Bildungsjargon. Um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muß ich also den Bildungsjargon sprechen lassen. Der Bildungsjargon (und seine Ursachen) fordert aber natürlich zur Kritik heraus – und so entsteht der Dialog des neuen Volksstücks, und damit der Mensch und damit erst die dramatische Handlung – eine Synthese aus Ernst und Ironie.“Ödön von Horváth: Gebrauchsanweisung (1932), online

Rezeption

mini|Horváth-Hut der Murnauer Horváth-Tage im Kurpark Murnau

Horváth führte sich im deutschen Theater mit seinem sozialkritischen Erstlingswerk Revolte auf Côte 3018 ein, das den Bau der Tiroler Zugspitzbahn behandelt und am 4. November 1927 an den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt wurde. Zwei Jahre später führte die Volksbühne Berlin erstmals eine umgearbeitete Fassung dieses Stücks unter dem Titel Die Bergbahn auf. Regisseur Viktor Schwanneke richtete das Stück zum 4. Januar 1929 eigens für die „Sonderabteilungen“ ein, denen der Volksbühnenverein vor allem Stücke sozialpolitischen Inhalts anbieten wollte. Der Berliner Kritikerpapst Alfred Kerr bezeichnete Schwannekes Inszenierung an der Volksbühne als einen „Orkan des – nicht nur äußeren – Erfolgs“.Alfred Kerr: Ödön von Hörvath: Die Bergbahn. In: Berliner Tageblatt, 5. Januar 1929. Zitiert nach: Alfred Kerr. „So liegt der Fall“. Theaterkritiken 1919–1933 und im Exil. Hrsg. von Günther Rühle. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001 (Alfred Kerr. Werke in Einzelbänden. Bd. 7,2). S. 467. Ebenfalls 1929 feierte das heftig umstrittene Folgestück Sladek der schwarze Reichswehrmann in Berlin Premiere, das Kerr als noch zu sehr skizzenhaft bemängelte: Horváth „gibt anfangs politische Weltanschauung in runden Gestaltbildern – hernach bloß Weltanschauung in Dokumenten.“Alfred Kerr: Ödön von Hörvath: Sladek, der schwarze Reichswehrmann. In: Berliner Tageblatt, 14. Oktober 1929. Zitiert nach: Alfred Kerr. „So liegt der Fall“. Hrsg. von Günther Rühle. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001. S. 515. Der Durchbruch zum gefeierten Dramatiker gelang Horváth erst 1931 mit seinem Stück Italienische Nacht, das Kerr als ein „gelungener Zeitspaß“Alfred Kerr: Wieder abends und mitternachts. In: Berliner Tageblatt, 10. April 1931. Zitiert nach: Alfred Kerr. „So liegt der Fall“. Hrsg. von Günther Rühle. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001. S. 596. bezeichnete und das Horváth den renommierten Kleist-Preis eintrug. Ab 1933 wurden Horváths Werke an den deutschen und bald auch an den österreichischen Bühnen abgesetzt.

In den späten sechziger Jahren setzte eine Horváth-Renaissance ein. Seither werden Horváths Dramen regelmäßig an den deutschsprachigen Bühnen aufgeführt. Seine Romane wurden in den Kanon der Schullektüre aufgenommen. Horváth gilt heute als sozialkritischer „Klassiker der Moderne“.