mini|Ahu Tongariki mini|Moai am Ahu Tongariki mini|Rückansicht der Moai am Anakenastrand mini|Alle fünfzehn stehenden Moai von Ahu Tongariki
Moai (eigentlich rapanui Moai Maea „steinerne Figur“) werden die kolossalen Steinstatuen der Osterinsel genannt. Sie sind Bestandteil größerer Zeremonialanlagen (Marae), wie sie ähnlich auch aus anderen Bereichen der polynesischen Kultur bekannt sind. Das genaue Alter der Figuren ist umstritten, mittlerweile gilt jedoch als gesichert, dass sie nicht älter als 1500 Jahre sind. Sebastian Englert nummerierte und katalogisierte 638 Statuen, das Archaeological Survey and Statue Project von 1969 bis 1976 ermittelte 887, vermutlich waren es jedoch ursprünglich über 1000.Jo Anne van Tilburg: Easter Island: Archaeology, Ecology and Culture. Smithsonian Institution Press, Washington 1994, ISBN 1-56098-510-0.
Zeremonialplattform mini|Idealtypische Zeremonialplattform der Osterinselkultur
Die Moai stehen nicht isoliert, sondern sind Teil einer Zeremonialanlage, wie sie ähnlich auch aus anderen Bereichen des Südpazifiks – zum Beispiel Marquesas, Neuseeland, Tuamotu-Archipel, Bora Bora, Tahiti, Pitcairn – als Marae bekannt ist. Dennoch sind die Anlagen der Osterinsel insofern einzigartig, als sie an Größe alle anderen Bauwerke der Südsee weit übertreffen. Die typische Zeremonialanlage der Osterinsel in klassischer Zeit lag in der Regel zwischen einem Dorf und der Küste. Man geht heute davon aus, dass jedes Dorf, das jeweils von einer Sippe oder Großfamilie bewohnt wurde, eine eigene Anlage errichtet hatte. Sie bestand aus einem geebneten Platz und einer ansteigenden, mit Kies (poro) gepflasterten Rampe, die zu einer rechteckigen Plattform (Ahu) führte, die in megalithischer Steinsetzung so sorgfältig ausgearbeitet war, dass bei Anlagen der Kulturblüte (zum Beispiel beim Ahu Tahira in Vinapu) auch heute noch die ursprüngliche passgenaue Form erhalten ist. Das veranlasste Thor Heyerdahl zu seinem Vergleich mit den Inka-Mauern in Peru. Die riesigen Steinskulpturen waren auf der Plattform mit Blick auf die davor liegende Ansiedlung – d. h. bis auf wenige Ausnahmen mit dem Rücken zum Meer – aufgestellt. Die Figuren waren auf flachen, zylindrischen, in den Ahu eingelassenen Fundamentsteinen aufgerichtet und lediglich mit kleinen Steinchen verkeilt. Mörtel war auf der Osterinsel unbekannt.
Zweck der Figuren mini|Moai am Rano-Raraku
Trotz umfangreicher Forschungen ist der eigentliche Zweck der Statuen und die genaue Zeit ihrer Errichtung immer noch umstritten. Die Figuren sind keine Götterbilder. Man geht heute davon aus, dass die Moai berühmte Häuptlinge (ariki) oder allseits verehrte Ahnen darstellen, die als Bindeglied zwischen dem Diesseits und dem Jenseits fungierten. Auf Hawaii gibt es das ähnlich klingende Wort mōʻī, das besonders hochstehende Personen an der Spitze der sozialen und religiösen Pyramide der hawaiischen Gesellschaft bezeichnet. Die Figuren der Osterinsel stellen konkrete Personen aus den Häuptlingsgenealogien dar, die einstmals namentlich benannt werden konnten. Aus Berichten früher Besucher der Osterinsel und der Tatsache, dass in einigen Ahu Grabkammern gefunden wurden, ist auf einen mit den Anlagen verbundenen Totenkult zu schließen.Wilhelm Geiseler: Die Osterinsel – Eine Stätte prähistorischer Kultur in der Südsee. Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1883, S. 6. In der klassischen Zeit der Osterinsel-Kultur wurde der Verstorbene in Matten aus Tapa oder Totora-Schilf gewickelt und dem Zerfall ausgesetzt. In der Regel geschah das auf dem geebneten Platz vor der Zeremonialanlage des Clans. War nur noch das Skelett übrig, setzte man die Knochen in einer ausgesparten Kammer des Ahu bei. Diese Form der Bestattung wurde aber vermutlich nur privilegierten Personen zuteil. Die Grabanlagen werden von den aufgestellten Steinfiguren „bewacht“.
Beschreibung mini|hochkant|Moai mit Pukao und Augen, Ahu Ko te Riku bei Tahai mini|links|Gemälde von William Hodges, 1775/76
Das Aussehen der ausschließlich männlichen Statuen ist auf den ersten Blick gleichförmig. Der übergroße Kopf, ein Drittel der gesamten Figur, ist fein ausgestaltet. Unter tief liegenden Augenhöhlen beherrscht eine große, sorgfältig ausgebildete Nase das Gesicht. Ein breites, vorgeschobenes Kinn ergänzt den verschlossenen Gesamteindruck. Bemerkenswert sind die Ohren mit ihren lang gezogenen Ohrläppchen. Vereinzelt ist auch der Ohrpflock abgebildet. Die Figuren sind Torsi, sie enden unmittelbar unter dem Bauchnabel. Der Unterkörper ist nicht ausgeformt. Bei einigen Statuen ist noch der maro, der den Penis bedeckende Lendenschurz, angedeutet. Bei genauem Hinsehen erkennt man die wechselnde Haltung der gewissenhaft gemeißelten, den Unterbauch bedeckenden Hände mit unnatürlich verlängerten Fingern. Die Figuren unterscheiden sich auch durch den individuell geformten Lendenschurz-Knoten (nach abweichender Deutung eine Tätowierung) am unteren Rücken. Diese Feinheiten sind jedoch nicht bei allen Figuren erhalten geblieben.
Es gibt Hinweise, dass einige der graubraunen Statuen ursprünglich mit einem Pukao, einem zylinderförmigen Kopfaufsatz aus roter Gesteinsschlacke, versehen waren. Im National Maritime Museum in Greenwich befindet sich ein 1775/76 entstandenes Gemälde von William Hodges, einem Teilnehmer der Cook-Expedition, auf dem aufrecht stehende und mit einem Pukao bedeckte Moai abgebildet sind. Wahrscheinlich stellen die Aufsätze eine (zeremonielle?) Kopfbedeckung oder einen Haarknoten dar. Zwischen 55 und 75 Statuen waren einst mit einem Pukao versehen.Die genaue Zahl ist nicht mehr zu ermitteln, da einige Pukao zerbrochen wurden, um in späteren Gräbern oder in den Mauern der Ahu eine erneute Verwendung zu finden. Das ist, selbst wenn man die unvollendeten Moai am Rano Raraku unberücksichtigt lässt, ein deutliches Missverhältnis zur Gesamtzahl der Statuen. Eine statistische Analyse belegt, dass Pukao überwiegend bei kleineren und unwichtigeren Zeremonialplattformen fehlen.Helene Martinsson-Wallin: Ahu: The ceremonial stone structures of Easter Island. Societas Archaeologica, Uppsala 1994, ISBN 91-506-1043-0, S. 63. Es ist daher anzunehmen, dass nur Moai mit einer besonderen Bedeutung ein Pukao aufgesetzt wurde. Das Gestein der Pukao stammt nicht aus dem Rano Raraku, sondern vom Puna Pau im Südwesten der Insel, einem Nebenkrater des Rano Kao. Die zylindrisch geformten Kopfaufsätze ließen sich wahrscheinlich unschwer zu ihrem Bestimmungsort rollen.
1978 fand man bei Ausgrabungen am Ahu Naunau in Anakena ein aus weißem Korallenkalk geformtes Auge mit einer Iris aus roter Gesteinsschlacke, das ursprünglich in die Augenhöhle einer Figur eingesetzt war. Das Fundstück wird heute im Museum von Hangaroa aufbewahrt. Aus diesem Fundstück und aus der Bearbeitung der Augenhöhlen mit einer Auflagefläche am unteren Lid kann man schließen, dass nur Moai der Zeremonialplattformen Augen hatten, die offenbar erst nach dem Aufrichten hinzugefügt wurden, um sie „sehend“ zu machen. Die Augenhöhlen der Statuen am Rano Raraku sind schlichter geformt, sodass man vermutet, dass diese Figuren (noch) nicht fertiggestellt waren.Helene Martinsson-Wallin: The Eyes of the Moai, Lost and Re-discovered. In: Rapa Nui Journal, Bd. 10, H. 2 (1996), S. 41–43. Die Augen der Statuen dienten dazu, den Anspruch der Ahnen auf das Stammesgebiet, das sie von der erhöhten Plattform des Ahu übersahen, zu dokumentieren. Ein Zusammenhang der Statuen mit geöffneten Augen und deren Überwachungs- und Kontrollfunktion über die Untertanen ist naheliegend.Helene Martinsson-Wallin: The Eyes of the Moai, Lost and Re-discovered. In: Rapa Nui Journal, Bd. 10, H. 2 (1996), S. 41–43. Da sich die Ariki als die unmittelbaren Nachkommen und Nachfolger der vergöttlichten Ahnen sahen, war damit ihr Besitzanspruch auf alles Land und dessen Produkte legitimiert.
mini|hochkant|Moai Hoa Hakananai'a im Britischen Museum Es gibt Hinweise, dass einige der Statuen möglicherweise farbig bemalt waren. Alfred Métraux fand an geschützter Stelle einer Figur am Ahu Vinapu Spuren von roter und schwarzer Farbe.Alfred Métraux: Die Oster-Insel. Kohlhammer, Stuttgart 1957, S. 132. Auch das im Britischen Museum stehende Exemplar weist geringe Farbspuren in weiß und rot auf.
Trotz scheinbar gleichförmigen Aussehens war jede Figur individualisiert. Wilhelm Geiseler berichtet, dass ein Dorfhäuptling jeden einzelnen Moai mit seinem Namen benennen konnte, sogar die unvollendeten Statuen am Rano-Raraku.Wilhelm Geiseler: Die Osterinsel – Eine Stätte prähistorischer Kultur in der Südsee. Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1883, S. 7.
Einige wenige Moai sind zusätzlich verziert, zum Beispiel ist bei einer unvollendeten Statue an Rano Raraku eine Schiffsdarstellung eingraviert. Es handelt sich um einen Dreimaster mit Rahsegeln, also wahrscheinlich ein europäisches Schiff. Einzigartig ist auch ein Moai mit dem Namen Hoa Hakananai'a. Der Name wird dabei zumeist als „wellenreitender Freund“ gedeutet, Möglicherweise eine humoristische Anspielung der Inselbewohner auf die Wegnahme durch die Besatzung des britischen Schiffes HMS Topaze im Jahr 1868. Die Deutung des Namens als „gestohlener Freund“ oder „versteckter Freund“ erweisen sich aus sprachlichen Gründen als unzulässig.Albert Davletshin: An overlooked image on the Hoa-haka-nana'ia stone statue from Easter Island in the British Museum. In: Rapa Nui Journal, Bd. 26, H. 1 (2012), S. 57–63, hier S. 62f. Die Figur wurde in einem Haus der Kultstätte Orongo am Kraterrand des Rano Kao gefunden und steht heute im Britischen Museum in London. Das Aussehen der nur 2,40 Meter großen Skulptur aus Basalt entspricht dem üblichen Typus, die Rückseite ist jedoch mit Darstellungen von Vogelmännern, Tanzpaddeln (Ao und Rapa) und Vulven bedeckt. Die Ethnologin Heide-Margaret Esen-Baur hält sie für das Hauptheiligtum des Vogelmannkultes auf der Osterinsel.Heide-Margaret Esen-Baur: Untersuchungen über den Vogelmannkult auf der Osterinsel. Franz Steiner, Wiesbaden 1983, ISBN 3-515-04062-5, S. 151. Thor Heyerdahl vertrat die Auffassung, dass die Figur als Prototyp aller Statuen der klassischen Periode gedient habe.Thor Heyerdahl: Die Kunst der Osterinsel. Bertelsmann, München / Gütersloh / Wien 1975, Tafel 5.
Alter der Statuen Mangels schriftlicher Aufzeichnungen ist das genaue Alter der Statuen immer noch unbekannt. Die Radiokohlenstoffdatierung und andere übliche Analyseverfahren der Archäologie lassen sich nicht unmittelbar auf das Material der Figuren anwenden. Indirekte Methoden, zum Beispiel die Datierung von Holzkohleresten in den Ahu, lassen es möglich erscheinen, dass sich die Steinmetzkunst bereits unmittelbar nach der Besiedlung der Osterinsel entwickelte. Der Sage nach hat bereits der Gründervater Hotu Matua eine Statue mit dem Namen Te Takapau von Hiva, dem Ursprungsort aller Rapanui, mitgebracht.
Mit der Radiokohlenstoffdatierung untersuchte Funde im Zusammenhang mit den Zeremonialanlagen datieren von 931 (früheste Datierung, menschliches Knochenfragment am Ahu Vinapu 1) bis 1812 (späteste Datierung, Holzkohle am Ahu Huri a Hurenga). Der Schwerpunkt der Datierungen liegt in den Jahren zwischen 1400 und 1600 n. Chr.Helene Martinsson-Wallin: Ahu: The ceremonial stone structures of Easter Island. Societas Archaeologica, Uppsala 1994, ISBN 91-506-1043-0, S. 78f.