Opium fürs Volk ist das neunte Studioalbum der Punkrockband Die Toten Hosen. Es enthält ausschließlich deutschsprachige Texte. Der Titel des Albums spielt auf eine Bemerkung von Karl Marx an, der schrieb: „Die Religion ist […] das Opium des Volkes“. Die Texte des Albums setzen sich mit den Themen Moral, Religion und Sterblichkeit auseinander. Es wurde, wie fast alle vorangegangenen Tonträger der Band, von Jon Caffery produziert und erschien im Januar 1996 als erstes Album beim bandeigenen Plattenlabel JKP.
Entstehung Während einer Veranstaltung anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentags 1995 in Hamburg, die Campino zufällig besuchte, lernte er Abt Stephan Schröer kennen. Campino nahm kurz darauf im August 1995 eine Einladung Schröers an und begab sich für eine Klausurwoche in die Benediktinerabtei Königsmünster nach Meschede. Die Teilnahme am klösterlichen Leben regte Campino zu einem Teil der Liedtexte und zum Konzept des Albums an.Jan Weiler: Kinder, wie die Zeit vergeht … Die Toten Hosen erzählen – Jan Weiler hört zu 1982–2007. Begleitheft zur Neuauflage 2007, Folge 12: Opium fürs Volk.
Das Album Opium fürs Volk wurde im Herbst und Winter 1995 in der Skyline Tonfabrik in Düsseldorf aufgenommen; die Abmischung und das endgültige Mastering erfolgte im Studio von Dieter Dierks in Stommeln.Hollow Skai: Die Toten Hosen. Hannibal, A-Höfen 2007, ISBN 978-3-85445-281-2, S. 98–99. Die Band war seit 1988 mit Frontmann und Sänger Campino, Andreas von Holst und Michael Breitkopf an den E-Gitarren, Andreas Meurer am E-Bass und Wolfgang Rohde am Schlagzeug besetzt.
Nach Ablauf des Vertrags mit Virgin entschloss sich die Band dazu, sich zukünftig von den Major-Labels unabhängig zu machen, und gründete 1995 das Unternehmen JKP. Gleichzeitig unterzeichnete sie mit Eastwest Records, einer Tochtergesellschaft von Warner Deutschland, einen Vertrag, der vorsah, dass Eastwest als Dienstleister den Vertrieb der fertigen Tonträger übernimmt. Diese Konstellation eines bandeigenen Labels mit einem etablierten Vertriebspartner war 1995 in der Musikbranche neuartig.Tim Renner: Kinder der Tod ist gar nicht so schlimm! Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-593-37636-9, S. 110–113. Als erste Produktion unter den neuen Vertragsbedingungen kam im Dezember 1995 zunächst die Single Nichts bleibt für die Ewigkeit mit dem dazugehörigen Musikvideo von Hans Neleman auf den Markt, bevor am 26. Januar 1996 das Album Opium fürs Volk erschien.Bertram Job: Bis zum Bitteren Ende … Die Toten Hosen erzählen ihre Geschichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996, ISBN 3-462-02532-5, S. 169.
Gestaltung von Cover und Begleitheft mini|Daniel in der Löwengrube von Peter Paul Rubens gehört zum Inhalt des Begleithefts. Die von Johann Zambryski gestaltete Collage der Frontseite zeigt das Profil eines Mannes. Eine mit Pfeilen gekennzeichnete Schraube soll sein Gehirn drehen. Auf dem Tonträger selbst ist ein gesamter Kombi-Werkzeugsatz aufgedruckt. Neben sämtlichen Texten enthält das Begleitheft eine Reihe von Bildschirmablichtungen aus dem deutschen Fernsehen mit Moderatoren, wie Ilona Christen, Jürgen Fliege, Fritz Egner, Hans Meiser und Arabella Kiesbauer, Johannes Paul II. und ein körperlich misshandeltes Kleinkind. Es folgen eine Seite aus einem Comic-Heft, Postkartenaufnahmen vom Stierkampf, ein rotstichiges Bild eines geköpften Chinesen mit der Überschrift „Viva la Revolution! China 1926“, Ausschnitte aus Gemälden mit biblischen Motiven, ein Bild von Lenin, wie er eine Rede an das Proletariat hält, und schließlich ein Foto der Gruppe Die Toten Hosen, aufgenommen von Gabo. Alle Bilder beziehen sich auf den Titel des Albums Opium fürs Volk und die Marxsche Metapher, wie die Band sie auslegt:
Entsprechend trug ein T-Shirt, das die Band 1996 über ihren Merchandise-Versand und auf Konzerten verkaufte, neben einem Porträt von Karl Marx die Aufschrift: „Die Toten Hosen sind der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie sind Opium für das Volk“.Die Toten Hosen, frei nach einem Aufsatz von Karl Marx aus 1843, erschienen in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ Paris 1844, Lfg. I.(Quellenangabe, laut Aufdruck auf dem T-Shirt) Dieser Satz ist eine Abwandlung eines Zitats von Karl Marx in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“
Themen und Titelliste Texte Titelliste Vaterunser – 1:10 (Arrangement Die Toten Hosen) Mensch – 4:08 (Musik: Andreas von Holst / Text:Campino) Die Fliege – 1:54 (Campino) Die zehn Gebote – 4:04 (Wolfgang Rohde / Campino) Böser Wolf – 4:02 (von Holst / Campino) Nichts bleibt für die Ewigkeit – 4:10(von Holst, Campino / Hanns Christian Müller, von Holst, Campino) Ewig währt am längsten (Dub) – 2:54(Andreas Meurer / Müller, von Holst, Campino) Und so weiter – 1:40 (Rohde / Campino, Müller) Bonnie & Clyde – 3:30 (Michael Breitkopf / Campino) Der Froschkönig – 3:47 (Breitkopf / Campino) XTC – 4:16 (Meurer / Campino) Lügen – 4:12 (von Holst / Campino) Paradies – 4:08 (Campino) Und wir leben – 3:50 (Meurer / Campino) Er denkt, sie denkt – 4:34 (Campino) Seelentherapie – 5:13 (Breitkopf / Campino) Viva la Revolution – 4:46 (Breitkopf / Campino) Zehn kleine Jägermeister – 4:45(Rohde / Müller, Campino)
Wie bei allen vorherigen Produktionen der Band Die Toten Hosen stammen auch bei diesem Album die Texte hauptsächlich von Campino und sind zum größten Teil aus der Perspektive des Erzählers heraus verfasst. Die Stücke Nichts bleibt für die Ewigkeit, Und so weiter, Ewig währt am längsten (Dub) und Zehn kleine Jägermeister sind eine Zusammenarbeit mit Hanns Christian Müller. Müller ist seit 1986 Ratgeber und Freund der BandBertram Job: Bis zum Bitteren Ende … Die Toten Hosen erzählen ihre Geschichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996, S. 217. und war bereits an früheren Produktionen als Co-Autor, Produzent oder Regisseur von Musikvideos beteiligt.
Das Album beginnt mit einem Donnerschlag und dem Vaterunser, das als Gregorianischer Choral ohne instrumentale Begleitung dargeboten wird. Die Melodie stammt von den Mönchen der Abtei Königsmünster. Das Lied Mensch spricht die innere Zwiespältigkeit des Menschen an.Uwe Böhm, Gerd Buschmann: Popmusik – Religion – Unterricht. LIT Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-8258-5179-6, S. 209–215. Der Satz „Mein Name ist Mensch“ ist ein Zitat aus dem gleichnamigen Musiktitel der Band Ton Steine Scherben, die das Thema in ihrem Lied jedoch völlig unterschiedlich angeht. Nichts bleibt für die Ewigkeit handelt von der Vergänglichkeit des Seins. Die beiden Verse von Ewig währt am längsten, das dem Lied ohne Pause angehängt ist, mit der Textzeile „Mein Freund das war’s dann wohl“, greifen das Thema erneut auf. Campino äußerte sich dazu wie folgt: .Campino im Gespräch mit Frank Rummeleit in Zillo, Ausgabe April 1996.
Im Text zu Die zehn Gebote zitiert Campino zunächst die Zehn Gebote aus dem Alten Testament und stellt danach die Strenge der Gesetze in Frage. Die Kritik an der „Alten Kirche“ führt er im Musikstück Paradies fort, indem er den blinden Regelgehorsam und die damit verbundene Paradiesverheißung ablehnt.Iris Schmeink: Studienseminar für das Lehramt für die Sekundarstufe II, Neuss-Norf, Unterrichtsentwurf für das Fach Katholische Religionslehre. 18. März 1999, S. 3. (PDF; 133 kB)
In Die Fliege beschreibt Campino ein Trauma, in dem eine Fliege in seinen Kopf eingedrungen ist, in seinem Gehirn herumkrabbelt, ihm Schmerzen verursacht und ihn völlig blockiert. In XTC beschreibt er den Gefühlszustand während und nach einem Ecstasy-Trip.
Böser Wolf, bei dem es um ein Mädchen geht, das sexuell missbraucht wird, aus Angst vor ihrem Peiniger es aber niemandem erzählt, Er denkt, sie denkt, welches von einem Paar handelt, das tagtäglich nebeneinanderher lebt, und Und so weiter, die Beschreibung eines Spießbürgers, sind die wenigen Titel auf diesem Album, in denen nicht das lyrische Ich erzählt.
Das Liebeslied Bonnie & Clyde bezieht sich auf die Geschichte des gleichnamigen Gangsterpaares, das bis in den Tod zusammenhält. Die Band geriet wegen der Textstelle: „Wir rauben ein paar Banken aus oder einen Geldtransport. Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um, wenn es nicht mehr anders geht“, in die Kritik der konservativen Statt Partei, deren damaliger stellvertretender Landesvorsitzender in Niedersachsen Jan Timke die Band wegen Beleidigung anzeigte. Die Toten Hosen wiesen den Vorwurf zurück und erklärten, die betroffene Textzeile beschreibe „Gewalt als letztes Mittel in einer ausweglosen Situation“.„Tote Hosen“ fühlen sich falsch zitiert. In: Berliner Zeitung. 13. November 1996.
Bei Der Froschkönig und Lügen geht es um verletzte Gefühle nach einer gescheiterten Partnerschaft. Seelentherapie ist ein Aufruf dazu, seine Probleme durch Gespräche mit gleichgesinnten Menschen auszutauschen. Die beiden Lieder Und wir leben und Viva la Revolution stellen einen Rückblick auf die Bandgeschichte dar mit dem Resümee, dass ihr Revolutionsgedanke letztendlich auch nichts anderes als „Opium fürs Volk“ gewesen sei und dass sie trotz ihres schlechten Lebenswandels noch immer am Leben sind.
Der letzte Titel des Albums wird mit der Frage des Moderators Uwe WassermannDie Toten Hosen: Opium fürs Volk. Begleitheft zum Album Seite 2. vom Hörfunksender Fritz eingeleitet: „Macht’s euch eigentlich überhaupt nichts aus, jeden Abend immer diese Sauflieder zu singen?“ Andreas Meurer weist ihn daraufhin zurecht: „Ich meine, hättest Du Dir mal die Mühe gemacht, unsere letzten Platten aufmerksam zu hören, hättest Du festgestellt, dass wir solche Lieder schon lange nicht mehr machen. Wenn ich irgendwie die Bilder von hungernden Kindern im Fernsehen sehe, dann kann ich nicht mehr über Bommerlunder singen.“ Danach folgt Zehn kleine Jägermeister, ein zynisch satirisches Trinklied in Form eines Abzählreimes. Den Abschluss des Albums bilden Wassermanns Worte: „Ja, doch … also, ich muss schon sagen: Ich sehe, ihr habt euch wirklich weiterentwickelt.“
Musik mini|hochkant=1|Intro und erste Takte der Melodie und Rhythmusgitarre mit durchgehender Achtelfigur im Lied Paradies Die Toten Hosen setzten ihren Musikstil Rockmusik mit Einflüssen aus dem Punkrock mit diesem Album fort. Dazu gehören gehämmerte Achtelnoten und Powerchords.Die Toten Hosen, Bearbeitung von Hans Steingen: Reich & sexy II – Die fetten Jahre. (Songbook) Bosworth, Berlin, ISBN 3-937041-45-1, S. 20–23.
Zudem bedient sich die Band neben E-Gitarren, dem E-Bass und dem Schlagzeug verschiedener ergänzender Instrumente. In den Titeln Böser Wolf und Lügen werden sie von den Flötisten und Streichern der Münchner Philharmoniker unterstützt. Hans Steingen spielt in Wir leben die Schottischen Pfeifen und Frank Kirchner spielt Saxophon bei Er denkt, sie denkt. Des Weiteren nimmt die Band im Musiktitel XTC Anleihen bei Acid Techno und setzt Synthesizer und Drumcomputer ein.
Im kaum zweiminütigen Musiktitel Und so weiter, der mit einem übersteuerten Gitarrensound gefolgt von der klassischen Taktvorgabe „Eins, zwei, drei, vier“ beginnt, hört man als Melodieinstrument eine Bluesharp.