mini|Han van Meegeren (1945) mini|Han van Meegeren mietete in den Jahren 1932–1936 die Villa Primavera in Roquebrune-Cap-Martin, Avenue des Cyprès 10. Hier malte er die Vermeer-Fälschung Christus und die Jünger in Emmaus.
Henricus Antonius „Han“ van Meegeren (* 10. Oktober 1889 in Deventer in der niederländischen Provinz Overijssel; † 30. Dezember 1947 in Amsterdam) war ein niederländischer Maler, Restaurator, Kunsthändler und Kunstfälscher. Er war zwar keiner der bedeutenden Maler der Niederlande, aber er gilt als einer der genialsten Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts.
Leben Han (Kurzform und zugleich ein Diminutiv für Henri = Henricus) van Meegeren wurde als drittes Kind römisch-katholischer Eltern geboren. Er war der Sohn von Hendrikus Johannes van Meegeren (Lehrer für Englisch und Geschichte an der Realschule und an der Lehrerbildungsanstalt in Deventer) und Augusta Louisa Henrietta Camps.
Künstlerische Entwicklung mini|Han van Meegeren lebte in den Jahren 1907–1912 als Student in der oberen Wohnung des Hauses Choorstraat 51 in Delft
Er fühlte sich von seinem Vater zurückgesetzt, nicht verstanden und abgelehnt, weil der strenge Vater ihm jede künstlerische Betätigung verbot und ihn ständig negativ beurteilte: „Du weißt nichts, du bist nichts und du kannst nichts“.Doudart de la Grée S. 134–161; Kilbracken S. 127–129.
Schon mit acht oder neun Jahren begann er zu zeichnen. Während er die Hogereburgerschool (HBS) besuchte, erhielt er Zeichenunterricht bei dem Lehrer und Maler Bartus Korteling (1853–1930), der für ihn zum väterlichen Freund wurde. Korteling begeisterte ihn für Jan Vermeer und zeigte ihm, wie Jan Vermeer seine Farben herstellte und mischte. Er lehnte die Impressionisten ab, und sein starker persönlicher Einfluss führten dazu, dass Han van Meegeren sich in Zukunft nur dem Goldenen Zeitalter der niederländischen Kunst zuwandte und nicht der zeitgenössischen Kunst,Kilbracken S. 129–134. die er grundsätzlich ablehnte.
Auf Wunsch des Vaters studierte er ab 1907 Architektur an der Technischen Hogeschool in Delft, der Heimatstadt des Jan Vermeer. Neben dem Architekturstudium besuchte er die Kunstschule. Im Architekturstudium legte er die propädeutischen Prüfungen und das Kandidatenexamen ab, aber an dem abschließenden Examen nahm er nicht teil. 1913 brach er das Architekturstudium ab und konzentrierte sich in der Kunstschule auf Zeichnen und Malen.
Er war Mitglied in der Rudervereinigung De Delftse Sport (DDS), die 1913 den aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammenden Wallturm St.-Huybrechtstoren in Delft, Oostplantsoen 40 ankaufte. Han van Meegeren machte die Bauzeichnungen für die Renovierung des Wallturmes und für den Anbau des Ruder- und Klubhauses. Das Bauvorhaben im Delfter Stil des 17. Jahrhunderts wurde 1914 nach seinen Plänen fertiggestellt.
Am 18. April 1912 heiratete er gegen den Willen seines Vaters die Kunststudentin Anna de Voogt aus Indonesien. Er verließ nach der Eheschließung Delft und zog mit ihr zu ihrer Großmutter in Rijswijk in den Van Vredenburchweg 72. Sein Sohn Jacques Henri Emil wurde am 26. August 1912 in Rijswijk geboren. Jacques ist später wie sein Vater Maler geworden; er starb am 26. Oktober 1977 in Amsterdam.Frederik H. Kreuger: A New Vermeer, Life and Work of Han van Meegeren. Quantes Rijswijk 2007, ISBN 978-90-5959-047-2 (englisch), Kapitel II–V, VIII.
Am 8. Januar 1913 erhielt Han van Meegeren in einem Wettbewerb der Afdeling Algemene Wetenschappen van de Technische Hogeschool in Delft den ersten Preis für das im Stil des 17. Jahrhunderts gemalte Aquarell Kircheninneres, das den Innenraum der St. Laurenskerk in Rotterdam im 15. Jahrhundert zeigt.Abbildung schwarzweiß bei Goll und Schüller, farbig bei Kreuger S. 25.
mini|hochkant=1.5|links|Nach den Bauzeichnungen Han van Meegerens wurde 1914 der Wallturm St.-Huybrechtstoren in Delft renoviert und mit einem Anbau für Ruderboote versehen. Das Glashaus wurde später hinzugefügt. Dieser erste Preis wurde alle fünf Jahre für die beste Schülerarbeit aus dem Kreis der Kunststudenten vergeben. Es ging Han van Meegeren damals finanziell so schlecht, dass er die als Auszeichnung gewonnene Goldmedaille ins Pfandhaus bringen musste. Aber er konnte das Aquarell teuer verkaufen.
Im Sommer 1914 zog er mit seiner Familie nach Scheveningen. Er schrieb sich an der Haager Kunstakademie ein, legte dort die Diplomprüfung ab und erhielt am 4. August 1914 das Diplom in Zeichnen. Damit erwarb er die Berechtigung, an Mittelschulen Zeichenunterricht zu geben. Bald danach bot man ihm eine Professur an der Kunstakademie an. Er wollte aber ein selbstständiger Künstler bleiben und lehnte das Angebot ab. Er arbeitete daraufhin für ein geringes Monatsgehalt in Höhe von 75 Gulden als Assistent in Zeichnen und Kunstgeschichte bei dem Professor Gips in Delft. Im März 1915 wurde seine Tochter Pauline (später Inez genannt) geboren. Er entwarf Plakate und malte viele kleine Bilder (Weihnachtskarten, Stillleben, Blumenstücke und Porträts) für den Kunsthandel. Später trat er auch als Restaurator alter Gemälde und als Kunsthändler auf.
Er stellte seine ersten Bilder 1916 in Delft und von April bis Mai 1917 in Den Haag im Kunstzaal Pictura aus. Dabei lernte er seine spätere Frau Jo Oerlemans kennen. Nachdem er in diesen Ausstellungen alle Bilder verkaufen konnte, zog er 1917 mit seiner Familie nach Den Haag. Dort fand er Zugang zum Establishment. Im Dezember 1919 wurde er als gewähltes Mitglied in den Haagse Kunstkring aufgenommen, einer exklusiven Vereinigung von Schriftstellern und Malern, die wöchentlich zusammenkamen.
mini|In dieser Villa in Rijswijk im Van Vredenburchweg 72 lebte Han van Meegeren in den Jahren 1913–1914 mit seiner ersten Frau In Den Haag unterrichtete er gegen beträchtliche Honorare adelige Damen in seinem Atelier Takesono. Aus den gegenüberliegenden Gartenanlagen des königlichen Palastes holte er regelmäßig ein zahmes Reh, das der Prinzessin Juliana gehörte, als Modell für seinen Zeichenunterricht. Er machte davon viele Skizzen und zeichnete 1921 in acht Minuten das Bild „Hertje“, das ihn in den Niederlanden populär machte. Von Mai bis Juni 1922 zeigte er in einer Ausstellung im Kunstzaal Biesing seine biblischen Gemälde, die er alle verkaufen konnte.
Durch seine Promiskuität und AlkoholkrankheitKilbracken S. 143–147; Bailey S. 253. zerbrach die Ehe mit Anna de Voogt, von der er am 19. Juli 1923 geschieden wurde. Sie zog daraufhin mit den beiden Kindern nach Paris.
Obgleich er 1914 in seiner Diplomprüfung im Porträtfach die Note „nichtgenügend“ bekommen hatte, schuf er in der Porträtmalerei Bilder, mit denen er gutes Geld verdiente.Kilbracken S. 142–145.
Han van Meegeren unternahm Reisen nach Belgien, Frankreich, Italien und England. Dabei erwarb er sich den Ruf eines talentierten Porträtisten. Mit Aufträgen aus den Kreisen der englischen und amerikanischen Highsociety an der Côte d’Azur verdiente er stattliche Honorare. Seine Auftraggeber schätzten ihn wegen seiner Malweise, die sich eng an die niederländischen Künstler des 17. Jahrhunderts anlehnte. In den Jahren 1924 bis 1925 arbeitete er in dem Haagse Kunstkring als Sekretär für Bildende Kunst in der Abteilung Malerei und Skulptur. Nach einer internen Auseinandersetzung trat er im Oktober 1932 aus dem Haagse Kunstkring aus. Am 12. November 1928 heiratete er in Woerden die Schauspielerin Johanna Theresia Oerlemans (auch genannt Jo van Walraven, Jo Oerlemans), mit der er schon einige Jahre zusammen gelebt hatte. Als er sie 1916 kennenlernte, war sie mit dem Kunstkritiker und Publizisten C. H. de Boer (auch Karel de Boer) verheiratet. Sie brachte ihre Tochter Viola mit in die neue Ehe.
Auch bis zum Lebensende malte Han van Meegeren Bilder mit eigener Signatur, die sich aber in der Malweise von seinen Fälschungen stark unterschieden.
Typisch für seine handsignierten Bilder wie auch seine Fälschungen sind übertrieben gesenkte Augenlider, die wie Muscheln aussehen.
Konflikt mit der Kunstkritik und Technik der Fälschungen In den Niederlanden wurde Han van Meegeren durch gute Verkäufe zu einem bekannten und vermögenden Maler. Besonders volkstümlich waren die Bilder Hertje (1921) und Straatzangers (1928). Bis zum Jahr 1927 erhielt er für seine Werke lobende Kritiken.
Seine jetzt als Kitsch abqualifizierten Bilder und die enge Anlehnung seiner Malweise an die alten Meister abseits des Mainstreams von Kubismus und Surrealismus brachten ihm ab 1928 in der niederländischen Kunstkritik den Vorwurf ein, dass er nur zur Nachahmung und nicht einer eigenschöpferischen Leistung fähig sei. Durch seine aggressiven Artikel in dem monatlichen Magazin De Kemphaan = Der Kampfhahn (April 1928 – März 1930), das er zusammen mit dem Maler Theo van Wijngaarden und dem Journalisten Jan Ubink herausgab, verlor er schließlich auch die Sympathien aller wohlwollenden Kritiker.
mini|260px|Zusammenstellung von Signaturen und Schriftstücken, von denen die meisten von Han van Meegeren stammen. Die Unterschrift aus seinem Personalausweis befindet sich an siebter Stelle in der mittleren Spalte. In der ersten Spalte ist die zweite Signatur gefälscht; das Gleiche gilt für die letzte Signatur in der mittleren und rechten Spalte. Die Signatur des Sohnes Jacques steht in der ersten Spalte an fünfter Stelle.
Da er sich selbst nun als verkanntes Genie betrachtete, wollte er der Kunstkritik beweisen, dass er in seinen Gemälden nicht nur den Stil der großen Meister nachahmen konnte, sondern dass es ihm möglich war, so perfekt gefälschte Gemälde von Frans Hals, Pieter de Hooch, Gerard ter Borch und Jan Vermeer zu malen, dass sie von der Kunstkritik als echte Gemälde dieser alten Meister anerkannt werden mussten. Von 1932 bis 1937 bereitete er sich für diesen Coup vor: Er vertiefte sich in die Biographien dieser „alten Meister“, studierte ihre Arbeitsweise, ihre Maltechniken und ihre Kunstwerke. Im Oktober 1932 veröffentlichte Abraham Bredius den Artikel „An Unpublished Vermeer“,Abraham Bredius: An Unpublished Vermeer. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs, Vol. 61, No. 355 (Oct., 1932), Burlington Magazine Publications Ltd., S. 144–145. in dem er das Gemälde Mann und Frau an einem Spinett beschrieb, und beurteilte es nicht nur als „authentischen Vermeer“, sondern auch als „sehr schön“ und „eines der schönsten Juwelen im Schaffen des Meisters“. Das Gemälde wurde später an den Amsterdamer Bankier Fritz Mannheimer verkauft. Es wird vermutet, dass dieses Bild die erste Vermeer-Fälschung von Han van Meegeren gewesen ist, obgleich es in seinem Geständnis und im Prozess nicht erwähnt worden ist.
Van Meegeren zog im Oktober 1932 mit seiner Frau Jo Oerlemans nach Roquebrune-Cap-Martin an die Côte d’Azur. Dort mietete er die „Villa Primavera“ im Stadtteil Hameau, Avenue des Cyprès 10, möbliert für achtzehn Shilling pro Woche. Die Villa war ein zweigeschossiges Gebäude mit gelben Mauern und einem Türmchen, stand inmitten eines Rosen- und Orangengartens und bot einen herrlichen Blick über die Dächer des Dorfes auf das Mittelmeer und die jenseits der Meeresbucht liegende Stadt Menton.
In Roquebrune versuchte er die chemischen und technischen Verfahren zu finden, die zu einer perfekten Fälschung notwendig waren. Im Blick auf die damals übliche Prüfung auf die Echtheit von Gemälden des 17. Jahrhunderts musste er Verfahren entwickeln, die bewirkten, dass seine Farben schnell trockneten, sich nicht in Alkohol auflösen ließen und ein Krakelee wie auf Vermeers Bildern bildeten.Kilbracken S. 43–56, 86–90. Dazu arbeitete er mit einem Trockenofen, um die Ölfarben auf der Leinwand bei 100 bis 120 Grad Celsius zu trocknen. In der Literatur gibt es widersprüchliche Angaben zur Zahl der Stunden für die Trocknung.