mini|Karte des Limes Tripolitanus: Das Kleinkastell befindet sich links oben. mini|Reste der Umfassungsmauer; Zustand 2018
Das Kleinkastell BezereosMichael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 70–76. (lateinisch auch Vezereos) (tunesisch: Bir Rhezen) war ein römischer Garnisonsort, dessen Besatzung als Grenzschutz-Abschnittskommando für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben an einem Teilabschnitt des Limes Tripolitanus, dem Limes Bizerentanus, in der römischen Provinz Africa proconsularis, später Tripolitania, zuständig war. Die Grenzanlagen bildeten hier ein tiefgestaffeltes System von Kastellen und Militärposten.Michael Mackensen: Kastelle und Militärposten des späten 2. und 3. Jahrhunderts am „Limes Tripolitanus“. In: Der Limes 2 (2010), S. 20–24; hier: S. 22. Der wichtige Garnisonsort befindet sich am nordöstlichen Rand des Östlichen Großen Erg, einem Abschnitt der Sahara in Südtunesien, Gouvernement Kebili. Nahebei liegt heute die Ortschaft Sidi Mohammed ben Aissa. Die Reste der Umfassungsmauer des Kleinkastells sind bis heute auf einem Hügel rund dreieinhalb Kilometer südöstlich der Wüstenstraße C104 zu besichtigen. Der Archäologe Michael Mackensen konnte dokumentieren, dass die bis heute wissenschaftlich unausgegrabene Anlage zwischen 1998 und 2008 deutlichen Zerstörungen ausgesetzt war.Michael Mackensen: Zur spätrömischen Nutzung des Kleinkastells „Vezereos“ am „limes Tripolitanus“ (Südtunesien). In: Peter Henrich, Christian Miks, Jürgen Obmann, Martin Wieland (Hrsg.): Non solum .... sed etiam. Festschrift für Thomas Fischer zum 65. Geburtstag, Marie Leidorf, Rahden 2015, ISBN 978-3-89646-081-3, S. 259–270; hier: S. 263.
Lage Die südlich des Djebel Tebaga auf einem kleinen Hügel mit guter Fernsicht errichtete Anlage gehört neben dem Kleinkastell Tisavar zu den frühesten FortifikationenDavid J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 157. an diesem Abschnitt des nordafrikanischen Limes und lag in einem deutlich ausgeformten Knick der römischen Reichsgrenze. Diese von Südosten nach Westen orientierte Grenzziehung ergab sich aus den römischen Überlegungen, die lebensfeindlichen Wüstenzonen auszusparen und die Militäranlagen lediglich in den Bereichen der Halbwüste zu errichten. Der nach Südosten verlaufende Grenzabschnitt folgte dem Wadi Hallouf. Dort lag – rund einen Kilometer von Bezereos entfernt – der Berg Mergueb ed Diab,Der Gipfel des Mergueb ed Diab bei auf dem sich ein 5 × 5 MeterGuy Barrère in: Gabriel Camps (Hrsg.): Encyclopédie berbère. Bd. 5: Beni Isguen–Bouzeis. Édisud, Aix-en-Provence 1991, ISBN 2-85744-549-0, S. 1488. großer römischer Wachturm befand, den der Archäologe David Mattingly als „Augen“ des Kleinkastells Bezereos bezeichnete.David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 130. Der Turm diente auch als Signalstation zu den südlicher gelegenen Grenzkastellen. Nur sieben Kilometer nordöstlich – zum Bergland des Dahar – lag auf der Südseite des Djebel Oum ech ChiaPol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (= Etudes d'Antiquites africaines), Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8, S. 79. das Kleinkastell Henchir Krannfir,Kleinkastell Henchir Krannfir bei das eine Passstraße am Nordhang des Dahar sicherte. Weiter westlich könnte der Ksar Tabria als Kleinkastell eine wichtige Straße sowie das Limeshinterland gesichert haben. Durch ein organisiertes Bewässerungssystem wurden dort Grundnahrungsmittel produziert, die den Truppen und der Zivilbevölkerung rund um das Kleinkastell Bezereos zugutekamen.Pol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. (= Etudes d'Antiquites africaines), Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8, S. 79. Das Itinerarium Antonini, ein römisches Reichsstraßenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert, erwähnt Bezeros als fünfte Station an der Straße von Tacapae (Gabès) nach Leptis Magna.Itinerarium Antonini 74, 5.
Forschungsgeschichte Im Jahr 1901 erwähnten topographische Brigaden des französischen MilitärsMichael Mackensen: Gasr Wames, eine burgusartige Kleinfestung des mittleren 3. Jahrhunderts am tripolitanischen limes Tentheianus (Libyen). In: Germania 87, 2009, S. 75–104; hier S. 276. erstmals umfangreiche römische Überreste im Umfeld des Brunnens Bir Rhezen bei Sidi Mohammed ben Aissa und vermaßen viele der neu entdeckten Baureste. Das oberirdisch schlecht erhaltene Kleinkastell wurde jedoch offensichtlich nicht näher dokumentiert.Michael Mackensen: Zur spätrömischen Nutzung des Kleinkastells „Vezereos“ am „limes Tripolitanus“ (Südtunesien). In: Peter Henrich, Christian Miks, Jürgen Obmann, Martin Wieland (Hrsg.): Non solum .... sed etiam. Festschrift für Thomas Fischer zum 65. Geburtstag, Marie Leidorf, Rahden 2015, ISBN 978-3-89646-081-3, S. 259–270; hier: S. 259. Zwischen 1909 und 1910 führte der französische Offizier Raymond Donau Ausgrabungen in der Befestigung durch,Alfred Merlin: Le fortin de Bezereos sur le limes tripolitain. In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1921, S. 236–248 (online; der Artikel von Merlin gibt in seiner Gesamtheit Mitteilungen von Donau wieder). nachdem er sie zunächst im Rahmen einer militärischen Arbeit kurz beschrieben hatte. Eine in Stein gemeißelten Mannschaftsliste aus den Jahren 209 bis 211 n. Chr., die er 1919 entdeckteRené Cagnat, Alfred Merlin, Louis Chatelain: Inscriptions latines d’Afrique. Paris 1923, Nr. 26; ; Epigraphische Datenbank Heidelberg. ermöglichte dem französischen Archäologen Alfred Merlin (1876–1965) die namentliche Identifizierung des Ortes. Die dort im Genitiv Vezerei – also Vezereos – genannte Garnison korrespondiert mit dem Bezereos aus dem Itinerarium Antonini sowie der Notitia dignitatum, einem römischen Staatshandbuch aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts.Pol Trousset: Recherches sur le limes tripolitanus. Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8, S. 75. Einen ersten groben Plan der Anlage veröffentlichte der Historiker Maurice Euzennat (1926–2004) nach einem von 1968 bis 1970 durchgeführten französisch-tunesischen Projekts zur Erforschung des südtunesischen Abschnitts des Limes Tripolitanus. Viele weitere Wissenschaftler in den kommenden Jahrzehnten beriefen sich auf diesen Plan und kommentierten die alten Ergebnisse, ohne dass neue, intensive Forschungen oder Grabungen am Kastell angesetzt wurden. Im Herbst 1999, im Frühjahr 2002 sowie im Herbst 2008 wurde die Fundstelle während kurzer Feldbegehungen von dem Archäologen Michael Mackensen untersucht.Michael Mackensen: Zur spätrömischen Nutzung des Kleinkastells „Vezereos“ am „limes Tripolitanus“ (Südtunesien). In: Peter Henrich, Christian Miks, Jürgen Obmann, Martin Wieland (Hrsg.): Non solum .... sed etiam. Festschrift für Thomas Fischer zum 65. Geburtstag, Marie Leidorf, Rahden 2015, ISBN 978-3-89646-081-3, S. 259–270; hier: S. 260.
Baugeschichte Beschreibung Die Fundzone am Kleinkastell Bezereos, das auf einem rund acht bis zwölf Meter hohen, abgeflachten Hügel errichtet wurde,Michael Mackensen: Zur spätrömischen Nutzung des Kleinkastells „Vezereos“ am „limes Tripolitanus“ (Südtunesien). In: Peter Henrich, Christian Miks, Jürgen Obmann, Martin Wieland (Hrsg.): Non solum .... sed etiam. Festschrift für Thomas Fischer zum 65. Geburtstag, Marie Leidorf, Rahden 2015, ISBN 978-3-89646-081-3, S. 259–270; hier: S. 261. war nach Meinung des britischen Archäologen David Mattingly 1994 eine der rätselhaftesten dieses Abschnitts. Wie der französische Archäologe Pol Trousset, der im Rahmen des französisch-tunesischen Forschungsprojekts 1974 zu Bezereos schrieb, könne die nur 0,33 Hektar große Garnison bestenfalls als Kleinkastell bezeichnet werden.David J. Mattingly: Tripolitania. University of Michigan Press, 1994. ISBN 0-472-10658-9, S. 84. Anhand der bereits genannten Mannschaftsliste aus den Jahren 209 bis 211 n. Chr., die Donau im Innenhof des Kastells fand, müsste jedoch von einer rund 300 Mann starken Einheit ausgegangen werden, die als Vexillation (Abteilung) von der in Lambaesis stationierten Legio III Augusta disloziert wurde. Die Liste nennt außerdem acht Zenturionen, die sicherlich in den angrenzenden Kleinkastellen ein Kommando führten. Mattingly spekulierte bei dieser Mannschaftsstärke, dass mit einiger Wahrscheinlichkeit bei Bezereos noch ein bisher unbekanntes, größeres Kastell unter dem Sand liegen könnte,David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005. ISBN 0-203-48101-1, S. 135. da die bisher bekannte, rechteckige Anlage mit ihren von Trousset angegebenen geringen Ausmaßen von 50 × 65 MeternPol Trousset: Recherches sur le limes Tripolitanus, du Chott el-Djerid à la frontière tuniso-libyenne. Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2-222-01589-8, S. 75–77; hier: S. 76. nicht mit der epigraphischen Bedeutung übereinstimmen würde.David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 160.
Über die Besatzung des Kastells im späten dritten Jahrhundert sowie in der Spätantike ist nur sehr wenig bekannt.David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 313.
Umfassungsmauer Die 1,80 bis 2,20 Meter breite Umfassungsmauer des Kleinkastells Bezereos, das sich an seiner Nordfront steil zur Halbwüste hin absenkt, besitzt die für mittelkaiserzeitliche Kastelle typischen abgerundeten Ecken und besteht aus einer mit Steinquadern gebildeten äußeren Mauerschale und einem aus Opus caementicium bestehenden Kern. Die den Kern im Inneren der Befestigung fassende Schalung wurde aus gemörteltem Bruchsteinmauerwerk hergestellt. Bezeichnenderweise sind diese Ecken im Inneren der Anlage rechtwinklig ausgeführt. Eine 0,85 MeterAlfred Merlin: Le fortin de Bezereos sur le limes tripolitain. In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1921, S. 236–248; hier: S. 244. beziehungsweise 0,95 Meter breite Schlupfpforte befindet sich mittig an der nördlichen Schmalseite der Umfassungsmauer. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde diese Pforte vermauert. Außerdem gab es noch an der westlichen Längsseite, in unmittelbarer Nähe der Südwestecke, eine 3,50 Meter breite, einspurige Zufahrt in das Innere der Befestigung. Diese Zufahrt wird von zwei 1,30 Meter breiten Torwangen flankiert, die einen Meter ins Innere reichen. Die Langzeituntersuchung von Mackensen zeigte eine massive Verschlechterung des baulichen Zustandes der Umfassungsmauer, die binnen eines Jahrzehnts – von 1998 bis 2008 – ihre bis dahin noch stellenweise erhalten gebliebene oberste Quaderlage eingebüßt hatte.