Judenhäuser in der Stadt Braunschweig waren Wohnhäuser in Braunschweig, die 1939, während der Zeit des Nationalsozialismus, von der GestapoReinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983)., S. 31 nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch und in der NS-Propaganda als „Judenhäuser“ deklariert wurden und in die Juden zwangsweise einquartiert wurden. Die Gebäude waren außen deutlich als „Judenhäuser“ gekennzeichnet und wurden von der Gestapo überwacht. Die letzten jüdischen Bewohner dieser Häuser wurden Mitte 1943 deportiert. Die Mehrheit wurde zunächst in Ghettos transportiert. Diejenigen, die dort überlebten, wurden in der Regel später in Vernichtungslagern ermordet. Zwei Deportationszüge endeten direkt in Auschwitz.

Vorgeschichte

Per Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens (RGBl. I, S. 1709) vom 3. Dezember 1938 zwang der NS-Staat jüdische Hauseigentümer ihre Immobilien, meist unter Marktwert, an „Arier“ zu verkaufen. Ziel dabei war einerseits die pseudo-rechtsstaatliche Übertragung jüdischen Eigentums an Deutsche und andererseits die zentrale Zusammenfassung von Juden und deren bessere Kontrolle durch NS-Organe. Darüber hinaus wurde Wohnraum für Deutsche frei, da die Juden in den Judenhäusern unter äußerst beschränkten Wohnraumverhältnissen leben mussten.

Mit dem Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden (RGBl. I, S. 864) vom 30. April 1939 wurde der bis dahin auch noch für Juden geltende Mieterschutz de facto aufgehoben. Hatten „jüdische“ Hauseigentümer „arische“ Mieter, so konnten diese weiterhin in den Häusern wohnen. Beamte wurde allerdings gedrängt, aus solchen Häusern auszuziehen.

In Braunschweig bedeutete dies, dass Juden zwangsweise in Häuser umgesiedelt wurden, deren jüdische Eigentümer gezwungen worden waren, ihre Immobilien an das Deutsche Reich zu verkaufen. Über den festgelegten Verkaufserlös konnten sie nicht frei verfügen. Der Verkauf und die grundbuchliche Eintragung verzögerte sich insbesondere dann, wenn eine Erbengemeinschaft als Eigentümer verzeichnet war, sodass es noch 1942 mehrere jüdische Hausbesitzer in Braunschweig gab. Entgegen „üblichen“ Gepflogenheiten in anderen Enteignungsfällen ergibt sich aus der Aktenlage in Braunschweig nicht, dass sich NS-Größen, wie Dietrich Klagges, von 1933 bis 1945 ernannter NS-Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig, Friedrich Alpers, Braunschweigischer Finanz- und Justizminister sowie Friedrich Jeckeln, Führer der Gestapo, der Landespolizei und Kommandeur der Schutzpolizei in Braunschweig, an jüdischem Eigentum bereicherten.Reinhard Bein: Juden in Braunschweig 1900–1945., S. 166

Bei „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten 1933 waren ca. 1.100 Juden in der Stadt gemeldet. 1941 sollen sich – auf Grundlage der am 17. Mai 1939 von der Gestapo durchgeführten Volkszählung – nur noch 226, nach Sprachgebrauch der Nürnberger Gesetze, „Volljuden“ und 114 jüdische „Mischlinge 1. Grades“ in der Stadt befunden haben.Reinhard Bein: Zeitzeichen. Stadt und Land Braunschweig 1930–1945. 2. Auflage, Braunschweig 2006, S. 207, FN 1 und 2 Zum Zeitpunkt der Übergabe der Stadt Braunschweig am 12. April 1945 sollen es nur noch elf gewesen sein.Gerhard Wysocki: Die Geheime Staatspolizei im Land Braunschweig. Polizeirecht und Polizeipraxis im Nationalsozialismus, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 1997, ISBN 3-593-35835-2, S. 207

Die „Judenhäuser“ in Braunschweig und das Schicksal ihrer letzten Bewohner

In Braunschweig gab es – je nach Quellenlage – sieben, achtFrank Bajohr: Norddeutschland im Nationalsozialismus, Ergebnisse-Verlag. Hamburg 1993, ISBN 978-3-87916-008-2, S. 296 oder neunReinhard Bein: Widerstand im Nationalsozialismus. Braunschweig 1930 bis 1945. Braunschweig 1985, S. 128 „Judenhäuser“, von denen nur die beiden Häuser Ferdinandstraße 9 und Hennebergstraße 7 den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. Die anderen wurden durch Bombenangriffe zerstört.

In alphabetischer Reihenfolge waren dies die Wohnhäuser:

Am Gaußberg 1 ()

Eigentümer des mehrstöckigen Wohnhauses waren die Eheleute Anna Landauer, geb. Scheuer (geb. 31. März 1859 in Düsseldorf, gest. 14. März 1943 in BraunschweigReinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig., S. 222) und ihr Ehemann John Landauer (geb. 17. April 1848 in Braunschweig; gest. 15. September 1924, ebd.Reinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig., S. 223). John Landauer war Chemiker (1889 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt) und Inhaber der Firma J. Landauer Baumwoll- und Leinenfabrikation, Breite Straße 20. Ihre Tochter Gerda, verheiratete Leyser (geb. 10. Juni 1891; gest. 1943 im Zwangsarbeitslager TrawnikiBilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, S. 188 (irrtümlich als „KZ Twarniki“ [sic!] angegeben)) hatte zwei Töchter: Ellen-Maria (geb. 1919 in Berlin) und Marie-Luise (geb. 1921 in Berlin), die wiederum mit dem Juden Dirk Hoffmann (geb. 1909 in BraunschweigBilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, S. 178) verheiratet war. Ellen-Maria wanderte am 26. November 1938 nach Großbritannien aus und Marie-Luise 1939 nach Südamerika, wo beide den Krieg überlebten. Ihre Mutter, Gerda Leyser, wurde am 16. März 1943 in das KZ Theresienstadt deportiert und anschließend in das Zwangsarbeitslager Trawniki, wo sich ihre Spur verliert. Sie wurde am 8. Mai 1945 für tot erklärt. Anna Landauer, deren Wohnhaus Am Gaußberg 1 im Jahre 1942 zwangsenteignet wurde, musste daraufhin im Alter von 83 Jahren in das „Judenhaus“ Hagenbrücke 6/7 umziehen. Wenig später beging sie am 14. März 1943, zwei Tage vor ihrer Deportation in das KZ Theresienstadt, Suizid.Reinhard Bein: Zeitzeichen. Stadt und Land Braunschweig 1930–1945., S. 209

Im Haus wohnten ebenfalls Karl Aronsohn, zeitweilig im Vorstand der jüdischen Gemeinde BraunschweigReinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig., S. 246, der 1941 in die USA auswanderte, die verwitwete Ida Berger, geb. Katzenberger (geb. 1862 in Kassel; gest. 1942 im KZ TheresienstadtBilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, S. 157). Sie zog 1940 in ein jüdisches Altersheim nach Hannover. Von dort wurde sie am 24. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie starb. Berta Cohn, geb. Friedland (geb. 31. Mai 1888 in Offenbach am MainBilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, S. 168, gest. im Warschauer Ghetto oder in einem KZ, am 8. Mai 1945 für tot erklärtReinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983)., S. 497), Witwe des 1931 verstorbenen Hugo Cohn. Berta Cohn wurde am 31. März 1942 in das Warschauer Ghetto deportiert. Weitere Bewohner waren: Josef Eichner-Straßler (geb. 13. August 1887 in Oleszyce, Galizien, gest. 12. Dezember 1941 in BraunschweigReinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983)., S. 562), Rosa Friedland (geb. unbekannt, gest. entweder im Ghetto Warschau oder im KZ Bergen-Belsen, am 8. Mai 1945 für tot erklärt)Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983)., S. 512, Schwester von Berta Cohn, am 31. März 1942 nach Warschau deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Henriette Scheyer, geb. Katzenstein (geb. 26. Juni 1861 in Kassel, durch Suizid gest. 1942 im jüdischen Altenheim HannoverReinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983). S. 388.)Henriette Scheyer war die Ehefrau des Braunschweiger Unternehmers Leopold Scheyer (geb. 16. Mai 1852 in Bleicherode; gest. 20. April 1909 in Berlin) und u. a. die Mutter der Künstlerin Galka Scheyer.Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983). S. 390., Abraham-Meloch Wolffs (geb. 1872 in Aurich, gest. in einem KZ, am 31. Dezember 1945 für tot erklärtBilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, S. 226). Wolffs wurde 1942 „nach Osten“ deportiert, wo sich seine Spur verliert. Seine Ehefrau Theodora, geb. Goldbach (geb. 1882 in Altenberge, gest. in einem KZ, am 31. Dezember 1945 für tot erklärt), teilte sein Schicksal.

1941 forderte der Braunschweigische Finanzminister Friedrich Alpers den schnellen Verkauf des Wohnhauses an das Land Braunschweig, um dort ein Kinderheim einrichten zu können. Nach dem erzwungenen Verkauf an das Land kam es jedoch zu einem Streit zwischen dem Land Braunschweig und dem Deutschen Reich, da sich letzteres als „rechtmäßiger“ Eigentümer betrachtete, da es sich um vormals „jüdisches Vermögen“ gehandelt hatte. Nach langem Streit, einigten sich Land und Reich am 30. September 1942 vertraglich, dass das Reich Eigentümer sei.

An der Stelle des während des Bombenangriffes vom 15. Oktober 1944 zerstörten Gebäudes steht heute ein modernes Wohnhaus.

Ferdinandstraße 9 () mini|Ehemaliges „Judenhaus“ Ferdinandstraße 9 von Nordosten gesehen (2012) mini|Ferdinandstraße 9 von Südwesten (2012) Das dreistöckige Wohnhaus mit diversen Anbauten wurde 1876 errichtet und steht noch heute. Der jüdische Arzt Alfred Katzenstein (geb. 1880 in Steinheim, gest. 11. März 1960 in New YorkReinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig., S. 251) kauft es 1927, um es als Praxis und Wohnung zu nutzen.Reinhard Bein: Zeitzeugen aus Stein. Band 2. Braunschweig und seine Juden. Braunschweig 1996, S. 61 Katzenstein hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, da ihm als „Jude“ die Mitgliedschaft im „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ verwehrt wurde. Katzenstein wurde am 10. November 1938, in der Folge der Novemberpogrome 1938 verhaftet und kurzzeitig als sogenannter Aktionsjude im KZ Buchenwald interniert. Nachdem er wohl eine entsprechende Verpflichtungserklärung der Nazis unterschrieben hatte, wurde er frei gelassen und wanderte am 11. August 1939 mit seiner Familie in die USA aus. Seine Ehefrau Grete, geb. Weil (geb. 7. Juni 1889 in Braunschweig) teilte sein Schicksal.Bilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945, S. 182 Er scheint jedoch das Haus nicht verkauft zu haben, denn noch 1942 war er im Braunschweiger Adressbuch als Eigentümer verzeichnet. Im Adressbuch von 1955 wurden als Eigentümer „Dr. Alfred Katzenstein und Frau in New York“ geführt. Die beiden Söhne, Kurt-Hermann (geb. 24. Mai 1913 in Braunschweig) und Herbert (geb. 1917 in Karlsruhe) emigrierten bereits 1935 bzw. 1934 in die USA.Reinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig., S. 252

Bis 1942 wohnten noch einige „arische“ Mieter im Haus, so auch Karl Steinacker, von 1910 bis 1935 Direktor des Braunschweigischen Landesmuseums. Er hatte über 40 Jahre in der zweiten Etage gewohnt, musste allerdings, da er Beamter war, im Alter von 66 Jahren aus dem „Judenhaus“ ausziehen.