mini|GHH-Gasometer Oberhausen, bis heute ein Wahrzeichen der Stadt und des westlichen Ruhrgebiets mini|Die Wiege des GHH-Konzerns: St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld mini|Baute das Unternehmen zielstrebig aus: Franz Haniel (1779–1868) mini|Aktie über 1000 Mark der Gutehoffnungshütte – Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb vom 1. Januar 1898 mini|Ehemalige GHH-Werkssiedlung Eisenheim mini|GHH-Zeche Sterkrade um 1920 mini|Ehemaliges GHH-Hauptlagerhaus in Oberhausen, erbaut 1921–1925 von Peter Behrens, heute Depot und Ausstellungsort des Rheinischen Industriemuseums

Die Gutehoffnungshütte, Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb (kurz GHH) war ein bedeutendes Montan- und Maschinenbauunternehmen mit Sitz in Oberhausen im Ruhrgebiet. Ursprünglich als reiner Hüttenbetrieb gegründet, expandierte die GHH frühzeitig in die Bereiche Bergbau und Weiterverarbeitung, wandelte sich im 20. Jahrhundert zum größten Maschinen- und Anlagenbauer Europas und nahm schließlich 1986 den Namen ihrer größten Tochter MAN an. Die Geschichte der GHH ist eng mit dem Namen der Unternehmerfamilie Haniel verbunden, so dass der Volksmund das Kürzel gern mit Gehört Hauptsächlich Haniel übersetzte.

Geschichte Die Anfänge Die Wurzeln des späteren GHH-Konzerns liegen in der 1758 gegründeten St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld, deren Einrichtung zugleich die Geburt des Ruhrgebiets als Eisenverarbeitungszentrum markiert.J. Bähr u. a.: Die MAN. Eine deutsche Industriegeschichte, München 2008, S. 15 ff. Die namensgebende Hütte Gute Hoffnung in Oberhausen-Sterkrade nahm ihren Betrieb 1782 auf; 1791 kam in unmittelbarer Nachbarschaft eine dritte Hütte „Neu Essen“ hinzu. Als Finanzinvestorin betätigte sich hier die Fürstäbtissin des Reichsstifts Essen, Maria Kunigunde von Sachsen, die sich zudem an der Hütte „Gute Hoffnung“ beteiligte und 1796 auch noch die Hütte „St. Antony“ erwarb. Als Vorsteher für letztere engagierte sie den Hüttenfachmann Gottlob Jacobi aus Koblenz, der das Werk grundlegend modernisierte und 1799 Anteilseigner wurde.Bähr u. a.: Die MAN …, S. 25 ff.

Nach der 1803 erfolgten Säkularisation des Essener Stifts verlor Maria Kunigunde jedoch das Interesse an ihren Unternehmungen und verkaufte 1805 ihre Anteile an den Hütten St. Antony und Neu-Essen für 23.800 Reichstaler an die Brüder Franz und Gerhard Haniel, während Heinrich Arnold Huyssen, ein Schwager der Haniel-Brüder, etwa zur gleichen Zeit von Helene Amalie Krupp die Gute-Hoffnung-Hütte erwarb. 1808 brachten Huyssen, die Haniel-Brüder sowie Jacobi ihre Anteile in die Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen (JHH) ein; der zwei Jahre später (1810) geschlossene erste Gesellschaftervertrag galt lange Zeit als offizielles Gründungsdokument des späteren GHH-Konzerns.Vgl. Die Gutehoffnungshütte Oberhausen, Rheinland. Zur Erinnerung an das 100jährige Bestehen. 1810–1910. Oberhausen 1910.

+ Beschäftigtenzahlen Jahr Mitarbeiterbis 1922 nach Bähr u. a.: Die MAN, S. 455 und 581. 1810 162 1830 300 1846 1.607 1858 3.558 1872 8.455 1876 3.491 1891 10.209 1905 20.665 1917 40.095 1922 80.425 1953 ≈ 53.000nach: Gutehoffnungshütte. In: Historisches Lexikon Bayerns 1970 95.810 1980 86.000 1987 (MAN AG) 52.229 Unter der Leitung Jacobis und seines Nachfolgers Wilhelm Lueg stieg die JHH ab 1820 in den Maschinenbau ein und leistete in den folgenden Jahrzehnten mit dem Bau von Dampfmaschinen und -schiffen, Lokomotiven, Eisenbahnschienen und Brücken einen wichtigen Beitrag zur Industrialisierung Deutschlands und des Ruhrgebiets. So baute sie 1819 die erste größere Dampfmaschine mit einer Leistung von 12 Pferdestärken, 1830 das erste in eigener Werft produzierte Passagierdampfboot, die Stadt Mainz, und 1840 die erste Lokomotive, die „Ruhr“.Bähr u. a.: Die MAN, S. 42 ff. Ab 1854 kamen diverse Erz- und Kohlegruben hinzu, darunter die Zeche Oberhausen als erste Hüttenzeche im Ruhrgebiet.Bähr u. a.: Die MAN, S. 75 ff. Zuvor hatte Franz Haniel auf eigene Rechnung bereits mehrere Bergwerksbeteiligungen erworben, darunter an der Zeche Zollverein in Essen, die 1851 die Förderung aufnahm. Durch die Verbindung von Erz- und Kohlegruben, die per Schiff und Eisenbahn die eigenen Hüttenwerke versorgten, trieb Franz Haniel die vertikale Integration seines Konzerns erfolgreich voran.

Zugleich galten Haniel und die JHH als typische Vertreter eines sozial verpflichteten „Rheinischen Kapitalismus“. So wurden zwischen 1832 und 1847 mehrere Unterstützungskassen gegründet, die die Arbeiter im Falle von Krankheit oder Unfall absichern sollten. Die JHH errichtete auch Häuser in der Nähe ihrer Zechen für die Stammbelegschaft, darunter 1844 die Siedlung Eisenheim, die heute unter Denkmalschutz steht.Bähr u. a.: Die MAN, S. 78 ff.

Wandel zum Maschinenbau-Konzern Nach dem Tod ihres letzten Mitgründers Huyssen wurde die bisherige Personenhandelsgesellschaft JHH im Jahre 1873 auf Betreiben von Hugo Haniel in eine Kapitalgesellschaft mit Namen Actienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb, Gutehoffnungshütte (GHH) umgewandelt, deren Anteile auch weiterhin im Besitz der jeweiligen Nachkommen verblieben. Erster Vorstandsvorsitzender wurde Carl Lueg, während Hugo Haniel den Vorsitz im Aufsichtsrat übernahm.Bähr u. a.: Die MAN, S. 96 f. In den folgenden Jahren traf die Gründerkrise das Unternehmen hart: Die Preise für Schienen, Stabeisen und Blech fielen um die Hälfte, der Warenumsatz sank von 21 auf 12 Millionen, die Kapitalbasis von 30 auf 7 Millionen Mark.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 102 f. Um Kosten zu senken und die Produktion effektiver zu gestalten, ging die GHH noch in den 1870er Jahren zum Thomas-Verfahren in der Stahlproduktion über.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 562.

1909 übernahm der schwäbische Bergbautechniker Paul Reusch die Leitung der GHH. Er baute den ohnehin schon starken, verarbeitenden Bereich systematisch weiter aus, unter anderem durch Übernahmen bzw. Mehrheitsbeteiligungen an der Deutschen Werft in Hamburg (1918, heute HDW), der Maschinenfabrik Esslingen (1920), der Zahnradfabrik Augsburg (1923) oder der Deggendorfer Werft (1924). Während der Hyperinflation 1921 ergriff Reusch die Gelegenheit zum Kauf der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (M.A.N.), wodurch sich die Belegschaft schlagartig verdoppelte und zugleich die Grundlage für die spätere Entwicklung zum späteren MAN-Konzern gelegt wurde.Bähr u. a.: Die MAN, S. 240 ff.; Geschichte der MAN Gruppe (PDF) 1924 erfolgte die Übernahme der Deggendorfer Werft und Eisenbau Gesellschaft und bis 1926 wurde zudem die 1920 in Den Haag gegründete Handelsgesellschaft Ferrostaal integriert. Um dem mit den Übernahmen verbundenen sprunghaften Wachstum Rechnung zu tragen, wurde der Gutehoffnungshütte Aktienverein 1923 in eine Holding umgewandelt und die Oberhausener Stammbetriebe in die hundertprozentige Tochtergesellschaft GHH Oberhausen AG überführt.Bähr u. a.: Die MAN, S. 248 ff. In diese Zeit fällt auch der Bau des markanten Verwaltungs- und Hauptlagerhauses in Oberhausen, das nach Plänen des Architekten Peter Behrens zwischen 1921 und 1925 errichtet wurde und heute unter anderem das zentrale Depot des Rheinischen Industriemuseums beherbergt.

Nachdem die GHH während der Weltwirtschaftskrise 1929–1932 ihre Belegschaft zeitweilig halbieren mussteBähr u. a.: Die MAN, S. 260 ff., sorgte der von den Nationalsozialisten forcierte Autobahnbau ab 1933 für einen erhöhten Bedarf an Brückenbauten; zugleich steigerte die Aufrüstung der Wehrmacht den Absatz von Schiffsdieseln für die Kriegs- und Handelsmarine erheblich.Bähr u. a.: Die MAN, S. 280 ff. und 299 ff. Das Stammkapital für die Metallurgische Forschungsgesellschaft (den Mefo-Wechseln), das Finanzierungssystem der NSDAP, zeichneten im Mai 1933 vier große namhafte deutsche Unternehmen, nämlich Siemens, Gutehoffnungshütte, Krupp und Rheinmetall in Höhe von einer Million Reichsmark. Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte die GHH auch Zwangsarbeiter, wobei zum Höchststand 1944 mit etwa 31.500 Mann fast ein Drittel aller Beschäftigten Zwangsarbeiter waren (davon 22.400 ausländische Zivilarbeiter, 8400 Kriegsgefangene und knapp 700 KZ-Häftlinge).Bähr u. a.: Die MAN, S. 329. Trotz dieser engen Einbindung in die Kriegswirtschaft blieb das Verhältnis zur NSDAP jedoch gespannt: So schied Konzernchef Reusch, der sich wiederholt gegen politische Eingriffe in die Unternehmensführung verwahrt hatte, im Februar 1942 auf Druck des Regimes aus dem Vorstand aus. Zuvor war er in einer internen Stellungnahme der Kanzlei des Führers als „ausgesprochener Reaktionär“ bezeichnet worden, „der mit seiner herabsetzenden und verächtlichen Kritik selbst vor der Person des Führers und des Reichsmarschalls keinen Halt macht.“Bähr u. a.: Die MAN, S. 306 ff. Wörtliches Zitat S. 309.

Entflechtung nach 1945 mini|Zeche Osterfeld in den 1950er Jahren. Nach dem von den Alliierten erzwungenen Verzicht auf den Bergbau … mini|… konzentrierte sich die GHH nach 1945 auf die Bereiche Verarbeitung und Maschinenbau: Schwimmdockwerft der GHH Sterkrade AG in Nordenham-Blexen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die GHH auf Betreiben der britischen Besatzungsmacht – und gegen den erbitterten Widerstand des damaligen Konzernchefs Hermann Reusch – entflochten und in drei getrennte Bereiche zerschlagen.Bähr u. a.: Die MAN, S. 340 ff. Insbesondere wurden der Bereich Eisen- und Stahlerzeugung einschließlich des bisherigen GHH-Stammbetriebes als Hüttenwerk Oberhausen AG (HOAG) ausgegliedert, ebenso der Bereich Kohleförderung mit den Zechen Sterkrade, Osterfeld, Oberhausen, Vondern, Jacobi, Franz Haniel und Hugo Haniel, der fortan als Bergbau AG Neue Hoffnung firmierte. Im Zuge der Kohlekrise wurde die Neue Hoffnung 1959 vorübergehend wieder mit der HOAG vereinigt und ging schließlich 1968 in der neu gegründeten Ruhrkohle AG auf. Bis 2018 wurden sämtliche Bergwerke (zuletzt die Zeche Franz Haniel) schrittweise stillgelegt.

1968 übernahm die Thyssen AG die Aktienmehrheit an der HOAG. Die verbliebenen Betriebsteile firmierten seit 1971 als Thyssen Niederrhein AG, auch bekannt als Thyssen Niederrhein Oberhausen (TNO). 1979 stellte der letzte aktive Hochofen in Oberhausen (Hochofen A) seine Produktion ein. 1980 wurde am Standort Oberhausen das damals größte Elektrostahlwerk Deutschlands in Betrieb genommen. Als dieses Ende 1997 seine Produktion wieder einstellte, gingen damit 240 Jahre Eisen- und Stahlherstellung in Oberhausen zu Ende.Gutehoffnungshütte/Elektrostahlwerk Oberhausen. In: industriedenkmal.de

Von der GHH zur MAN mini|Stammaktie von 1970 Unter dem Dach der GHH verblieben nach 1953 lediglich die Bereiche Verarbeitung, Maschinen- und Anlagenbau einschließlich der Tochterunternehmen M.A.N. und Werften sowie die Handelsaktivitäten (Ferrostaal). Als Konsequenz hieß die Holding fortan nur noch GHH Aktienverein ohne den bisherigen Zusatz „für Bergbau und Hüttenbetrieb“, die bisherige GHH Oberhausen AG wurde in GHH Sterkrade AG umbenannt.Bähr u. a.: Die MAN, S. 350. Am Standort Blexen wurden 1956 bis 1990 u. a. 41 Schwimmdocks mit bis zu 250 m Länge gebaut.Christian Heske, Corinna Röver, Christoph Heilscher, in: Von Menschen und Werften. Carl Schünemann, 2. Aufl. Bremen 2013, ISBN 978-3-944552-05-7, S. 184.

Obwohl Konzernchef Hermann Reusch die erzwungene Entflechtung zeitlebens als persönliche Niederlage empfand, erwies sie sich langfristig sogar als vorteilhaft für den Konzern, der so von den Kohle- und Stahlkrisen der folgenden Jahrzehnte weitgehend verschont blieb.Bähr u. a.: Die MAN, S. 356. Stattdessen konzentrierte sich die GHH fortan auf die Bereiche Weiterverarbeitung und Industriedienstleistungen und avancierte so in den 1960er und 1970er Jahren – unterstützt durch gezielte Zukäufe (Büssing, Roland Offset- und Maschinenfabrik Faber und Schleicher, MTU) – endgültig zum größten Maschinenbaukonzern in Europa.