mini|Tadeusz Rozwadowski Tadeusz Jordan Rozwadowski (* 19. Mai 1866 in Babin, Kaisertum Österreich; † 18. Oktober 1928 in Warschau, Polen) war ein k.u.k. Feldmarschallleutnant und polnischer General.

Leben Der Vater Tomisław Rozwadowski war der Besitzer des Dorfes Glinna und Abgeordneter des galizischen Landtages und des Wiener Parlaments. Rozwadowskis Mutter war Melania Rulikowska. Er verbrachte die frühe Kindheit mit seinen jüngeren Brüdern Samuel (geb. 1867) und Wiktor (geb. 1869) in Babin und Honatyń.

Frühe Militärkarriere Nach dem Besuch der Grundschule in Lemberg besuchte er die Kadettenschule in Mährisch Weißkirchen (Hranice). Von 1882 bis 1886 studierte er an der k.u.k. Technische Militärakademie in Wien, die er am 18. August 1886 als Klassenbester beendete. Zunächst diente er als Leutnant im 1. Artillerieregiment in Krakau, dann wechselte er nach Jaroslau. Er bestand 1888 die Aufnahmeprüfung für die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt, welche er 1891 mit der Ernennung zum Oberleutnant erfolgreich abschloss. Rozwadowski wurde dann Adjutant im Stab der in Marburg in Garnison liegenden 3. Kavalleriebrigade. Nach zwei Jahren wurde er nach Budapest versetzt, wo er dem Stab der 31. Infanterietruppendivision zugewiesen wurde. Im Mai 1894 wurde er zum Hauptmann befördert, nebenbei fungierte er als Ausbilder des Erzherzogs Ladislaus. Neben großem technischen Wissen konnte er sich bereits in fünf Sprachen verständigen – Polnisch, Französisch, Deutsch, Tschechisch und Russisch und bald darauf auch Rumänisch.

Familiengründung Während seines Dienstes in Budapest heiratete er 1894 Maria Gräfin Komorowska. Während dieser Zeit bestand er die Prüfung zum Stabsoffizier und wurde zum Major im Generalstab befördert. Im Oktober 1896 wurde er zum Militärattaché bei der österreichischen Botschaft in Bukarest ernannt. Seine erste erfolgreiche Amtshandlung war der Abschluss eines für Österreich-Ungarn günstigen Zollabkommens. Er entwickelte mit Rumänien auch eine enge Zusammenarbeit im militärischen Bereich, welche die Modernisierung der rückständigen rumänischen Armee beinhaltete und eine engere politische und militärische Allianz vorsah. Rozwadowski gewann in dieser Zeit die Wertschätzung des rumänischen Königs Carol I. sowie des rumänischen Thronfolgers Prinz Ferdinand. Rozwadowskis Kinder wurden allesamt in Rumänien geboren, 1898 die Tochter Melania, ein Jahr später der Sohn Józef und 1906 der jüngste Sohn Kazimierz.

Aufstieg in der k.u.k. Armee mini|Oberst Rozwadowski um 1910 Im Jahr 1905 erreichte er den Rang eines Oberstleutnants. Er kehrte 1907 nach Galizien zurück, wo er dem Feldkanonen-Regiment 31 in Stanislau zugewiesen wurde, ab 1. Mai war er Kommandant dieser Einheit, die Teil der 11. Feldartillerie-Brigade war. Im Mai 1908 folgte seine Beförderung zum Oberst. Als Experte für Artillerietechnick machte Oberst Rozwadowski mehrere Erfindungen. Er patentierte u. a. ein einfaches, aber effektives Zielgerät für den weitreichenden Artilleriebeschuss. Eine wichtigere Erfindung war ein neuer Typ von Artillerieprojektil, das nach ihm benannte doppelt wirkende Granaten-Schrapnell. Das Geschoss explodierte einmal in der Luft als Schrapnell (in der Form einer Splitterwolke) und nochmalig als Granate nach dem Kontakt mit dem Ziel. Das nach ihm benannte Rozwadowski-Projektil wurde auch im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Im April 1913 wurde er zum Chef der berittenen 1. Artillerie-Brigade ernannt und am 1. Mai zum Generalmajor befördert.

Im Ersten Weltkrieg mini| Rozwadowski am Tag der Verleihung des Maria-Theresien-Ordens am 17. August 1918 in der Villa Wartholz Zu Beginn des Ersten Weltkriegs übernahm er am 9. August 1914 den Befehl über die 12. Artilleriebrigade in der 12. „Krakauer“ Infanterie-Truppendivision. Rozwadowskis Artillerieeinsatz spielte im Mai 1915 auch eine Schlüsselrolle beim erfolgreichen Angriff des VI. Armeekorps (FML Arz) in der Schlacht von Gorlice-Tarnow im Mai 1915. Bis zum 17. Mai konnte die 12. Infanterie-Division (General Kestranek) nach Jaroslau durchbrechen. Bei der nächsten Offensive war er bereits zum Kommandant der 43. Schützen-Division bestellt. In der zweiten Hälfte des Jahres 1915 begann sich zunehmend ein Konflikt mit dem Obersten Hauptquartier abzuzeichnen, er kritisierte die schlechte Behandlung der polnischen und ukrainischen Kriegsgefangenen und die willkürlichen Hinrichtungen, er beschrieb diese Thematik später in seinen Memoiren.

Er wurde zwar am 1. November 1915 zum Feldmarschallleutnant ernannt, aber am 19. November in Reserve gestellt und am 1. Februar 1916 nominell verabschiedet. Als offizieller Grund wurde sein schlechter Gesundheitszustand genannt. Im Jahr 1916 beteiligte er sich unter Józef Piłsudski gegen den Willen der k.u.k. Armee an der Organisation der illegale Militärorganisation Polska Organizacja Wojskowa (POW). Die Verschlechterung der Kriegslage und die Änderung der Politik der deutschen Heeresleitung schien das Vorhaben aber wieder zu begünstigen.

Der neue Kaiser Karl I. suchte einen Kompromiss mit den vielen nationalen Bestrebungen in seinem Reich zu finden und suchte auch den Ausgleich mit dem „Provisorischen Staatsrat im Königreich Polen“. Am 17. August 1918 fanden in der Villa Wartholz die Promovierungen zum Maria-Theresia-Orden statt, wobei der Kaiser u. a. Bardolff, Lehár, Rozwadowski und Cavallar auszeichnete.Arno Kerschbaumer, Nobilitierungen unter der Regentschaft Kaiser Karl I. / IV. Károly király (1916-1921), Graz 2016 (ISBN 978-3-9504153-1-5). Mit der Verleihung war außerdem die Erhebung in den Freiherrenstand verbunden, dem Rozwadowski allerdings bereits angehörte.

Bei der Neubegründung Polens mini|Die Alliierte Mission in Lwów (Februar 1919): Vordere Reihe von links: Stanisław Wańkowicz, Robert Howard Lord, General Joseph Barthélemy, Tadeusz Rozwadowski, General Adrian Carton de Wiart, Major Giuseppe Stabile Nach dem Untergang der Donaumonarchie trat Rozwadowski sofort in die polnische Armee über.

Am 26. Oktober 1918 wurde Rozwadowski vom Regentschaftsrat zum Stabschef der neu gegründeten Polnischen Streitkräfte ernannt. In Abstimmung mit dem Regentschaftsrat wurde der Wirtschaftsdienst Wojska gegründet. Diese Formation hatte die Aufgabe, Polens Grenzen zu bewachen, der Prototyp der späteren Grenzschutzkorps (KOP). Am 4. November wurde eine erste mobile Division gegründet, aus der später die 1. Kavalleriedivision der polnischen Armee hervorging. Am 31. Oktober stellte Rozwadowski wegen der Bedrohung Polens durch die Rote Armee das neue „Organisationsprinzip der polnischen Militärbehörde“ vor. Nach diesem Entwurf war der Regentschaftsrat zwar nominell noch Oberbefehlshaber der Armee, unterstand aber den Weisungen des Kriegsministers, des Generalstabschefs und der Militärjustiz. Der Stabschef war dabei dem Minister gleichgestellt.

Am 11. November 1918 war Józef Piłsudski durch den Regentschaftsrat der Oberbefehl über die polnischen Truppen und kurz danach die Führung des polnischen Staates übertragen worden. Rozwadowskis überzogene Vorschläge wurden per Dekret des neuen Staatschefs am 7. Januar abgelehnt. Rozwadowski musste am 15. November zurücktreten, Piłsudski hatte größeres Vertrauen zu General Kazimierz Sosnkowski, den er bereits zum Kommandeur des Warschauer Generalbezirks ernannt hatte.

Im Polnisch-Ukrainischen Krieg

Am 17. November 1918 wurde Rozwadowski durch Piłsudski zum Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte in Ostgalizien (die sogenannte „Ostarmee“) ernannt, wo er sich sofort gegenüber den ukrainischen Nationalisten für das Halten der Stadt Lwiw (Lemberg) einsetzte. In der Nacht vom 21. auf den 22. November wurde Lwiw von Truppen des Oberstleutnants Tokarzewski-Karaszewicz besetzt. Rozwadowski traf in der Nacht des 24./25. November in der belagerten Stadt ein und übernahm das Kommando. Als Kommandant der Armia Wschod („Armee Ost“) begann er, die undisziplinierten und ungleichen Einheiten in eine reguläre Armee umzuwandeln und befahl, die ukrainische Nationalisten zu bekämpfen und auf „bewaffnete Bauern zu schießen“.

Ende Dezember 1918 führte das ukrainische Oberkommando einen neuen massiven Angriff auf Lwiw. Im Januar 1919 beschloss die Warschauer Regierung endlich, umfangreiche Verstärkungen unter dem Kommando von General Romer abzusenden. General Rozwadowski beurteilte diese Verstärkungen kritisch und bezeichnete die ihm zur Verfügung stehenden Einheiten als „Dilettanten“. Die Position der Verteidiger von Lwiw wurde jeden Tag schlimmer. Bevor noch Wasser und Strom abgeschnitten waren, hing das Gespenst des Hungers über die Bevölkerung. Das Nationale Verteidigungskomitee von Lwiw forderte bereits die Entlassung General Rozwadowskis. Piłsudski hatte am 7. März in einem Telegramm befohlen, die Belagerung zu durchbrechen und sich nach Przemyśl zurückzuziehen. General Rozwadowski hatte aber die Entscheidung getroffen, mit der Besatzung in Lwiw auszuharren. Am 12. März musste auf Druck der polnischen Bevölkerung General Iwaszkiewicz-Rudoszański mit Entsatzangriffen beginnen. Nachdem sich die Eisenbahnstrecke Lwiw – Przemyśl wieder in polnischer Hand befunden hatte, ließ Piłsudski General Rozwadowski ersetzen.

Der neue Befehlshaber in Galizien, General Iwaszkiewicz übergab Rozwadowski einen Versetzungsbefehl, der ihn auf das Amt des Leiters der polnischen Militärmission in Paris versetzte. Rozwadowski verließ Lwów unter dem Applaus der Stadtbewohner. Am 19. März 1919 vereinigte sich die Armia Wielkopolska unter General Aleksandrowicz mit den Truppen des Oberst Sikorski in Gródek. Bis zu diesem Tag blieb Rozwadowski Kommandant der Armia Wschod, die im Polnisch-ukrainischen Krieg an der galizischen Front kämpfte.

Im Polnisch-Sowjetischen Krieg mini|Rozwadowski mit Józef Piłsudski und General Kasimierz Sosnkowski, 1923 Rozwadowski wurde im April 1919 als Bevollmächtigter Polens nach Paris geschickt, wo er mit der polnischen Delegation an der Friedenskonferenz teilnahm und um den Friedensvertrag von Versailles (Juni 1919) zu unterzeichneten. Er führte auch zahlreiche Missionen nach London und Rom. Er intervenierte bei Marschall Foch und wies auf Polens Bedrohung von Seiten der Roten Armee und Deutschlands hin. Auf der Pariser Konferenz trat er zudem in enge Beziehung mit Fochs Vertreter, General Henri Le Rond. Nach anfänglichen Erfolgen im Bündnis mit dem ukrainischen Präsidenten Petljura mussten die Polen im Krieg gegen die Sowjetunion starke Verluste hinnehmen. Im Januar 1920 wurde aber klar, dass Polen nicht auf die bewaffnete Hilfe Frankreichs oder Großbritanniens zählen konnte.

Im Juni 1919 ernannte die polnische Regierung ihren neuen Abgeordneten in Bukarest, es war kein Zufall, dass die Stelle mit Skrzyński, dem Adjutant von Rozwadowski besetzt wurde. Rozwadowski besuchte im April und Mai 1920 Rumänien, um die Grundpunkte des künftigen polnisch-rumänischen Verhältnisses zu klären. Ende Juni 1920 kehrte Rozwadowski nach Paris zurück, wo er am 1. Juli an der ersten Sitzung des Verteidigungsrats teilnahm. Mitten im Polnisch-Sowjetischen Krieg wurde er von Belgien aus nach Warschau zurückgerufen, wo er am 22. Juli 1920 wieder zum Chef des Generalstabs der polnischen Armee ernannt wurde. Die neuerliche Übernahme des Postens durch Rozwadowski sollte zum Wendepunkt im Krieg mit den Bolschewiki werden. Er bezeigte dem Oberbefehlshaber weitgehende Loyalität und verteidigte Piłsudski, der wegen seiner operativen Führung von fast allen Seiten angegriffen wurde. Als Generalstabschef nahm er wichtige personelle Veränderungen vor: Das Kommandant der Nordfront wurde mit General Józef Haller und das Verteidigungsministerium mit Kazimierz Sosnkowski, dem Vertrauten Piłsudskis besetzt.