mini|hochkant|Titelseite aus den Pensées sur l’interprétation de la nature, Amsterdam (1754) von Denis Diderot Als Ergebnis der Auseinandersetzung mit den wissenschaftsmethodologischen und philosophischen Problemen seiner Zeit veröffentlichte Denis Diderot im Jahre 1753 die erste Fassung seiner Monographie unter dem Titel Von der Interpretation der Natur (der Originaltitel lautete im Französischen De l’interprétation de la nature). Im Frühjahr 1754 wurde dann eine zweite Fassung die Pensées sur l’interprétation de la natureDiderot, Denis (1713–1784). Gallica. Oeuvres complètes de Diderot: rev. sur les éd. originales comprenant ce qui a été publié à Pensées sur l’interprétation de la nature. oder Gedanken über die Interpretation der Natur (1754) verfasst.Wikisource Pensées sur l’interprétation de la nature.Denis Diderot: Zur Interpretation der Natur. Vorwort von Eckart Richter. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1967 In seinen Monographien führte er zu Beginn an, dass die Naturwissenschaften den Zustand eines ausschließlichen Vorherrschens eines einzig mathematisch-physikalischen Weltbildes überwinden werde. Weitere wichtige Schriften, die sich mit dem Themenkomplex über die Natur auseinandersetzen, sind in Le rêve de D’Alembert (1769) und den Éléments de physiologie (1773–1774) niedergelegt.

Allgemeines und Einflüsse Am Anfang der Pensées sur l’interprétation de la nature wurde von Diderot ein Zitat aus dem Werk De rerum natura des römischen Dichters und Philosophen Titus Lucretius Carus, kurz Lukrez genannt, vorangestellt. Im Lehrgedicht dieses römischen Epikureers wird die Vorstellung formuliert, dass alle wahrnehmbaren Dinge kleinsten „Atomen“ zuzuschreiben seien. Als Voraussetzung für eine Entwicklung sah Lukrez aber noch die unabdingbare „Leere“ zwischen den Atomen an, durch sie sei „Bewegung“ erst möglich. Für das was die Welt sei, oder für die Entstehung der Welt nahm Lukrez die Bewegung der Atome als entscheidend an. Auch bei Diderot wird die Bewegung von Materie als ein entscheidendes Agens des Werdens gesehen.

Diderot begreift hier aber auch die Natur als ein umfassendes mechanisches System, das nach exakten Gesetzen funktioniert. So habe die ausschließliche Idee einer Quantifizierbarkeit der Natur zu einem Verlust der qualitativen Vielfalt geführt. Es war ein Plädoyer für das Prinzip des Experiments im Sinne von Francis Bacon Experimental Philosophy und gegen die rationalen Naturerklärungen der Kartesianer, das heißt der rationalistischen Denker im Gefolge von René Descartes.Sören Preibusch: Diderot: Pensées sur l’interprétation de la nature Kernthesen anhand ausgewählter Textpassagen. Seminar Philosophie und Technik in der Encyclopédie. 24.11.204 Ursula Winter (PDF; 45 kB) Für Bacon standen verfälschende Vorstellungen (Idole) einer Naturerkenntnis dem erkennenden Menschen als Hindernis im Wege, so im De verulamio novum organum scientiarum aus dem Jahre (1620) dargelegt.Novum organum scientiarum. Typis G. Girardi, Venetiis 1762, Um zur wahren Erkenntnis, zur wahren Einsicht in die Natur der Dinge zu gelangen, müsse der Erkennende die Trugbilder mittels der Induktion auflösen. Dabei sei die Induktion planmäßig auszuführen, mit geordneten Wahrnehmungen und gezielten Experimenten.Lilo K. Luxembourg: Francis Bacon and Denis Diderot: Philosophers of Science. Munksgaard, Copenhagen 1967Dabei wird der Begriff des Experiments durch Francis Bacon anders verwendet als im modernen Sprachgebrauch. Siehe hierzu Lisa Jardine: Francis Bacon: Discovery and the Art of Discourse. Cambridge University Press, 1975, ISBN 0-521-20494-1, S. 136–137. Im Übrigen wurde Francis Bacons Werk, ähnlich der Diderot’schen Monographie, im Wesentlichen durch nummerierte Aphorismen bestimmt, welche die Notwendigkeit eines unvoreingenommenen wissenschaftlichen Erkennens betonen.

Im Gegensatz zur Francis Bacon aber, dem konsequenten Empiristen, der auch die Intuition und den Analogieschluss als Quellen für die Erkenntnis ablehnte, hob Denis Diderot diese Erkenntnistechniken als wichtige Vorgehensweisen hervor. Aus den gesammelten Erfahrungen (Beobachtung) werden durch ein auswählendes Zusammenstellen oder Neukombination die Erfahrungsinhalte zu Hypothesen (Reflexion), deren Aussagewert durch das Prüfen im Versuch sich bestätigt oder negiert (Experiment). Man gelangt deshalb nur zur Wahrheit wenn Wahrnehmungsinhalte von den Sinnen zur Reflexion und über die Reflexion und dem Experiment wieder zu den Sinnen kommen. Erkenntnis ist für Diderot ein permanentes in sich und aus sich Herausgehen; vergleiche auch Falsifikation. Diderot zeigt hier eine gewisse Nähe zu den Überlegungen von Francis Bacon, für den wirkliche Erkenntnis die reale Abbildung der Natur sei, ohne verfälschende Vorstellungen oder Idole, geht aber einen Schritt über diesen hinaus, indem er dem Aspekt der Reflexion oder Hypothesenbildung eine größere Bedeutung zuspricht, welche sich aber im Versuch zu beweisen hätte.

Mit Georges-Louis Leclerc de Buffon zeigen sich folgende Übereinstimmungen in der Auffassung zur Naturlehre; so stellt sich auch de Buffon, ein Wissenschaftler und Schriftsteller, gegen eine rein cartesische und mathematische Auffassung von Wissenschaft.Peter-Eckhard Knabe (Hrsg.): Frankreich im Zeitalter der Aufklärung. dme-Verlag, Köln 1985, ISBN 3-922977-15-4, S. 133.

Die Pensées sur l’interprétation de la nature waren Denis Diderots erstes kohärentes naturwissenschaftliches Werk. In der Auseinandersetzung mit den Positionen um de Buffon oder de Maupertuis löste auch Diderot die zuvor klar gezogene Grenzlinie zwischen der vegetabilischen und animalischen Natur auf, zieht den Bogen aber insofern noch weiter, so dass er schließlich keine prinzipielle Scheidung zwischen belebter und unbelebter Materie mehr sah. Schließlich wird von Diderot auch ein stufenförmiges Entwicklungsmodell zugrunde gelegt (vgl. hierzu den aristotelischen Gedanken einer Scalae Naturae) und indem er die Vorstellung de Maupertuis aus dessen Essai sur la formation des corps organisés (1754) aufgreift, werden den Molekülen der Materie schon eine sensibilité zugesprochen. Obgleich nicht in der ausgereiften Konzeptualisierung einer sensibilité universelle, wie sie in den Jahren zwischen 1754 und 1765 ausformuliert worden war, sondern noch in der begrifflichen Anlehnung an den scholastischen Terminus einer âme sensitive. Hierdurch gelingt ihm aber schon zunehmend der Bogenschluss der Idee eines Bewegens und Entwickelns von anorganisch-unbelebter zur organisch-belebten Materie.Frank Baasner: Der Begriff 'sensibilité' im 18. Jahrhundert. Aufstieg und Niedergang eines Ideals. Studia Romanica. 69. Carl Winter, Heidelberg 1988, ISBN 3-533-03965-X, S. 268.

Autorschaft und Rezeption Das philosophische Werk erschien 1753 in einer ersten Fassung und dokumentierte den beginnenden Zerfall seiner Freundschaft zwischen ihm und dem Enzyklopädisten und Mathematiker Jean-Baptiste le Rond d’Alembert infolge unterschiedlicher philosophischer Auffassungen. So griff er in seiner Monographie die Mathematik und damit indirekt die Haltung von d’Alembert an, dass die wichtigste Wissenschaft die Mathematik sei, weil diese eine auf alle anderen Fachgebiete anwendbare Wissenschaft wäre. Er verwarf die Bestrebungen der führenden Mathematiker, darunter d’Alembert, Probleme immer mehr zu abstrahieren und forderte stattdessen, dass die Nützlichkeit das erste Kriterium einer jeden Wissenschaft sein sollte. Nach Diderots Voraussage solle die Mathematik binnen der nächsten hundert Jahre eine tote Wissenschaft sein.

Die Chemie, die (Experimental-)Physik und die Biologie waren seiner Meinung nach die eigentlichen zukunftsträchtigen Wissenschaften. Diderot sammelte unmittelbare Erfahrungen mit der Chemie seiner Zeit. So besuchte er in den Jahren 1754 bis 1757 regelmäßig die Vorlesungen und Experimentalkurse von Guillaume-François Rouelle im Jardin du Roi. Zu Fragen aus der Biologie konsultierte er Georges-Louis Leclerc de Buffon.

Aufbau Das Werk gliedert sich in zwei Teile, der erste Teil mit der Titelüberschrift "An die Jünglinge, die sich zum Studium der Naturphilosophie entschließen" Aux jeunes gens qui se disposent à l’étude de la philosophie naturelle wird gefolgt von überschriftslosen, aphorismenartigen Abschnitten von I bis XXIII. Der Abschnitt XXIV wurde wiederum mit einer Überschrift "Grundriss der experimentellen Physik", Esquisse de la physique expérimentale versehen, nun folgen erneut überschriftslose Abschnitte von XXV bis XXXI. Die nächsten Abschnitte von XXXII bis XXXVII, werden als "Beispiele Erste Reihe von Vermutungen" bis sechste Reihe von Vermutungen, Exemples (Conjectures de I à VIII) tituliert. Dann von XXXVIII bis L weitere überschriftslose Abschnitte, ab LIV "Von der Wahl der Gegenstände", De la distinction des objets LV "Von den Hindernissen", Des obstacles LVI a "Von den Ursachen", Des causes. LVI b "Von den letzten Ursachen", Des causes finales LVII "Von einigen Vorurteilen", De quelques pré jugés. und LVIII "Fragen", Questions. sowie zum Schluss "Gebet" Prière. Dann der zweite Teil ohne weitere Untergliederungen "Philosophische Grundsätze über Materie und Bewegung", Principes philosophiques sur la materière et le mouvement.Kristin Reichel: Diderots Entwurf einer materialistischen Moral-Philosophie (1745–1754). Königshausen & Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-3-8260-4940-8, S. 342–392.

Das „Gebet“ Prière welches in den zeitgenössischen Ausgaben am Ende der Monographie zu finden ist, wurde ab dem Jahre 1773 in den Collection complette des œuvres philosophiques, littéraires et dramatiquesDenis Diderot: Collection complette des œuvres philosophiques, littéraires et dramatiques. 1773, in das Werk aufgenommen. Dabei wurde die Autorenschaft des Denis Diderots mehrfach in Zweifel gezogen.Helmut Holzhey, Vilem Mudroch, Friedrich Ueberweg, Johannes Rohbeck: Grundriss der Geschichte der Philosophie: Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. 2 Halbbände. Schwabe-Verlag, Basel 2008, ISBN 978-3-7965-2445-5, S. 529.

+ Pensées sur l’interprétation de la nature (1754) // Gedanken zur Interpretation der Natur (1754)Erster TeilAux jeunes gens qui se disposent à l’étude de la philosophie naturelle.An die Jünglinge, die sich zum Studium der Naturphilosophie entschließen.I bis XXIII"Sections""aphorismenartige Abschnitte"XXIVEsquisse de la physique expérimentale.Grundriss der experimentellen Physik.XXV bis XXXI"Sections""aphorismenartige Abschnitte"XXXII bis XXXVIIExemples (Conjectures de I à VIII).Beispiele (Reihe von Vermutungen I bis VIII).XXXVIII bis L"Sections""aphorismenartige Abschnitte"LIDe l’impulsion d’une sensation.Über den Impuls zu einer Empfindung.LIIDes instruments et des mesures.Instrumente und Maßnahmen.LIII"Section""aphorismenartiger Abschnitt"LIVDe la distinction des objets.Von der Wahl der Gegenstände.LVDes obstacles.Von den Hindernissen.LVI aDes causes.Von den Ursachen.LVI bDes causes finales.Von den letzten Ursachen.LVIIDe quelques préjugés.Von einigen Vorurteilen.LVIIIQuestions.Fragen.Prière.Gebet Zweiter TeilPrincipes philosophiques sur la materière et le mouvement.Philosophische Grundsätze über Materie und Bewegung.

Inhalt mini|hochkant|Porträt von Denis Diderot (1713–1784), Kreidezeichnung aus dem Jahre 1766 von Jean-Baptiste Greuze