Die Volksverteidigungseinheiten (kurdisch Yekîneyên Parastina Gel, Kürzel: YPG, ) oder für die Gesamtstreitkräfte YPG/YPJ bzw. YPG/JObwohl Medien im Westen und einige im Mittleren Osten dazu neigen, Bilder von weiblichen Kämpfern zu zeigen, wenn stellvertretende Fotos zur Darstellung von PYD oder YPG gebraucht werden, werden die YPJ häufig unter dem Begriff „YPG“ in den Medien zusammengefasst. (Quellen: ) sind eine bewaffnete kurdische Miliz in Syrien. Sie kontrollieren verschiedene mehrheitlich kurdisch besiedelte Gebiete in Nordsyrien, darunter auch solche mit einem bedeutenden Anteil an arabischer Bevölkerung.Khaled Yacoub Oweis: (englisch).
Die YPG werden als bewaffneter Arm der kurdisch-syrischen Partei der Demokratischen Union (PYD) betrachtet.„Diese Kurden kämpfen im Syrienkonflikt“ SPON vom 18. Februar 2016 Sie werden oft als syrische Fraktion der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) angesehen.Charles Lister: (englisch).Rayk Hähnlein: , Stiftung Wissenschaft und Politik, Kurz gesagt, 16. Dezember 2016. Die Führung der YPG gab trotz deren Nähe zur PYD und PKK an, unabhängig zu seinWladimir van Wilgenburg: Al Monitor, 25. Oktober 2013 (englisch). und nicht der PKK anzugehören.Youssef Boudlal: , Reuters IN, 17. August 2014 (englisch).In der Literatur kann die Bezeichnung „PYD/YPG“ gezielt für den damit bezeichneten politischen und militärischen Faktor als Ganzes verwendet werden, während sich die Bezeichnung „PYD“ dann allein auf die politischen und die Bezeichnung „YPG“ allein auf die militärischen Aktivitäten des Akteurs bezieht. Obwohl der militärische Arm der politischen Organisation PKK den Namen „HPG“ führt, kann in der gleichen Literatur, die die beschriebene Aufgliederung in „PYD/YPG“, „PYD“ und „YPG“ vornimmt, eine dementsprechende begriffliche Aufgliederung für die PKK unterlassen werden, so dass sich die Bezeichnung „PKK“ dann sowohl auf die politischen als auch auf die militärischen Aktivitäten des Akteurs bezieht. (Quelle: Cale Salih: Turkey, the Kurds and the fight against Islamic State, European Council on Foreign Relations, 14. September 2015.)
Die YPG stellen in den drei im Jahr 2014 von der PYD errichteten und regierten Kantonen, die unter dem Namen Rojava („Westkurdistan“) bekannt sind und rund ein Fünftel Syriens umfassen, eine De-facto-Armee dar.Sara Hussein: (englisch), dailystar.com.lb, 9. Oktober 2014 (Druckversion: The Daily Star, 8. Oktober 2014, S. 8). Auch veröffentlicht als: (englisch), GlobalPost, 10. Oktober 2014 (AFP: sah/al). Die Macht in Rojava liegt bei den PYD/YPG. Die Türkei stuft die YPG als terroristische Vereinigung ein, konnte aber ihre westlichen Alliierten nicht davon überzeugen, sich dieser Einstufung anzuschließen.„Turkey v Syria’s Kurds v Islamic State“ BBC vom 23. August 2016Deniz Yücel: „Gute Kurden, böse Kurden. Wer ist Terrorist?“ Welt vom 24. Februar 2016
Seit 2015 ist die YPG Teil der Demokratischen Kräfte Syriens (DKS).Barak Barfi: (englisch; PDF-Download), Washington Institute for Near East Policy, Fikra Forum, 9. Oktober 2015. Die Originalveröffentlichung des Artikels erfolgte auf der Homepage des Fikra Forums.
Gründung, Struktur, Ideologie und Ausrichtung Gründung und Etablierung von PYD und der YPG Gründung der Partei der Demokratischen Union (PYD) Offiziell wurde die PYD 2003 als Ableger der PKK in Irakisch-Kurdistan gegründet.International Crisis Group: (englisch; ), Report Nr. 151 / Middle East & North Africa, 8. Mai 2014.„Syrien: die kurdische Expansion hat ihren Preis – Im Nordosten Syriens führen die kurdischen YPG-Milizen einen blutigen Krieg gegen den Islamischen Staat. Dabei erobern sie auch arabische Dörfer. Die größte Herausforderung für die kurdische Selbstverwaltung: das komplexe Verhältnis zwischen Kurden und Arabern – politisch wie militärisch“ , Alsharq – Blog, 22. September 2014, von Nils Metzger, archiviert vom Original. (englisch; PDF), European Center for Kurdish Studies, KurdWatch, Report 8, Dezember 2011. Deutschsprachige Fassung: , Europäisches Zentrum für Kurdische Studien, KurdWatch, Bericht 8, Dezember 2011. Der Bruder Abdullah Öcalans, Osman, gab an, dass er die PYD geschaffen habe und sie ihre Anweisungen von der PKK erhalte. Die Gründer und Führungsmitglieder der PYD waren sämtlich Figuren aus der PKK, die aus der Kandil-Region zurückgekehrt waren, wo die erste Konferenz der Gruppe abgehalten worden war.
Anders als andere kurdische Parteien, die politisch rege, aber institutionell schwach aufgestellt waren und von der einheimischen Bevölkerung isoliert und entfernt blieben, war die PYD schon vor der syrischen Rebellion auf eine Machtübernahme vorbereitet. Diese Infrastruktur spielte bei der folgenden Entwicklung des Rojava-Projektes eine entscheidende Rolle.Rana Marcel Khalaf: (englisch), chathamhouse.org, 8. Dezember 2016. Vollständiges Werk (PDF; englisch): Rana Khalaf: (englisch), Chatham House, Middle East and North Africa Programme, Research Paper, Dezember 2016, ISBN 978-1-78413-184-5.
Machtübernahme in Nordsyrien ab 2011 Mit dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sicherten sich die PYD ab März 2011 zunächst ab, einen direkten Konflikt mit dem Damaskus-Regime zu vermeiden.International Crisis Group: (englisch); , Report Nr. 219 / Europe & Central Asia, 11. September 2012. Mit Ausbruch der syrischen Rebellion 2011 kritisierte die PYD scharf das Oppositionsbündnis Syrischer Nationalrat, nannte die sich der Opposition anschließenden Kurden „Kollaborateure“, griff Anti-Regime-Demonstranten in Afrin und Aleppo an und behielt versöhnliche Beziehungen mit der Regierung Assad bei. (englisch), foreignpolicy.com, 10. April 2012, von Gönül Tol. Als sich die Aufstände in Syrien 2011 weiter ausbreiteten und zu einem Krieg entwickelten, nutzte die PYD dies zu ihrem Vorteil, um ihren Einfluss auszuweiten. Die PKK entsandte über 1000 syrische Kurden nach Syrien.
Unter den Rückkehrern aus Kandil befand sich im April 2011 auch Salih Muslim, der das öffentliche Gesicht der PYD wurde. Auf der militärischen Ebene verblieb die Macht bei PKK-Kommandeuren aus Kandil, während sich unter den einfachen Diensträngen viele wirtschaftlich schwache Kurden befanden, die über Jahrzehnte in Nordsyrien rekrutiert, im Nordirak ausgebildet und nach Beginn des Aufstandes zum Dienst bei den YPG entsandt wurden. Die PYD verfügte als einzige syrisch-kurdische Partei über einen Kader ausgebildeter Kämpfer, und die Gefolgschaft gegenüber Öcalan half ihr, Sympathisanten zu sammeln und interne Aufspaltungen zu verhindern. Für die Vorbereitung der Machtübernahme von 2011 hatte die PYD Waffen gehortet und alle wichtigen Behörden übernommen. Die PYD bildete PKK/KCK-Strukturen nach und gründete im Dezember 2011 eine eigene Versammlung bzw. einen eigenen Rat für Syrien.
Nach dem überraschenden Rückzug des syrischen Regimes aus den kurdischen Gebieten in Nordsyrien – dem größten Teil des späteren Rojavas – im Juni oder Juli 2012 konnte die PYD aufgrund des Zusammenhalts in ihren Institutionen das entstandene Machtvakuum für sich nutzen, es selbst ausfüllen und die politische und militärische Kontrolle übernehmen.
Die PYD entfernte in mindestens fünf ihrer Hochburgen die Regierungsbeamten aus den Gemeindeeinrichtungen.International Crisis Group: (englisch); , Report Nr. 136 / Middle East & North Africa, 22. Januar 2013. Umgehend tauschte die PYD-YPG syrische durch PYD-Flaggen und die allgegenwärtigen Assad-Bilder durch Öcalan-Fotos aus. Das Gebiet verfügte über ein funktionierendes und auch gemäß Einschätzung der NZZ „leidlich demokratisches“ Gemeinwesen, welches sowohl ethnische Minderheiten als auch die Beteiligung von Frauen einschloss.Ein weiterer falscher Krieg, NZZ, 23. Januar 2018, Seite 11Ankaras Angst vor «Rojava», NZZ, 30. Oktober 2015
Durchsetzung gegenüber nordsyrischer Opposition Die Machtübernahme der PYD in dem von der Regierung Assad im Sommer 2012 geräumten Gebiet mit mehrheitlich kurdischer Bevölkerung in Nordsyrien führte zu Auseinandersetzungen zwischen der PYD und der Anti-Assad-Rebellion und brachte die Türkei als einen der wichtigsten Unterstützer der Rebellen dazu, als sekundäres Ziel die Sicherung ihrer Südgrenze gegen eine PKK-Basis anzustreben. Zudem sorgte die PYD dafür, dass die dem Westen gegenüber freundlich verbundene Regierung von Irakisch-Kurdistan ihren Einfluss in Syrien reduzierte, indem die PYD ein autoritäres Regime ausbaute, das stark vom Assad-Staat abhängig war und in brutaler Form alle kurdischen politischen Organisationen und Aktivisten unterdrückte, einschließlich jener mit Verbindungen nach Erbil als Hauptstadt Irakisch-Kurdistans.Kyle Orton: (englisch), Henry Jackson Society, 17. August 2017. Vollständiger Bericht: (englisch), The Henry Jackson Society, 2017, ISBN 978-1-909035-32-4.
Im Gegensatz zu den unilateralen Schritten der PYD in Richtung Autonomie war die 2 bis 3 Millionen Menschen umfassende kurdische Bevölkerung zersplittert, möglicherweise zum Teil als Ergebnis der zurückliegenden Repression unter dem Assad-Regime. Seit der Ermordung von Scheich Muhammed Maschuq al-Chaznawi im Jahre 2005 hatte den syrischen Kurden weitgehend eine einigende Führerfigur gefehlt.Michael Werz & Max Hoffman: (PDF; englisch), Center for American Progress, Washington, Juli 2014, S. 1–49, hier S. 24, archiviert vom Original am 4. Oktober 2014. Die tief mit der PKK verbundene PYD war die am besten organisierte von einem Dutzend Gruppen, die innerhalb der kurdischen Minderheit in Syrien aktiv waren. Gegen die PYD-Kader waren die übrigen, untereinander zerstrittenen Oppositionsparteien, die sich auf Betreiben des Präsidenten irakisch Kurdistans, Masud Barzani, zum Kurdischen Nationalrat (KNC) zusammenschlossen, nicht erfolgreich. Die PYD stützte ihre Macht neben der Gefolgschaft einer Bevölkerungsmehrheit auch auf ihre im Vergleich zu den anderen Kurdenparteien höhere Effektivität und insbesondere auf ihre Verfügung über Kämpfer und Waffen. Viele Kurden unterstützten die militärischen Gewinne der PYD und begrüßten die Existenz kurdischer Enklaven in Syrien, auch wenn sie nicht mit allen Aspekten der politischen Plattform der PYD übereinstimmten. Zwar bestand kein Konsens darüber, ob die Interessen der Bevölkerung von 2,5 Millionen syrischen Kurden mit denen der PYD übereinstimmten. Doch räumten auch erklärte kurdische Gegner der PYD ein, dass nur die PYD in der Lage war, in Rojava eine eigene Armee, die YPG, aufzubauen. Sie sollte zunächst dazu dienen, die selbsterklärte und von ihren Führern als „dritter Weg“ bezeichnete NeutralitätOnur Burçak Belli: , Die Zeit, Nº 12/2014, 22. März 2014. zu schützen, also das Unterlassen sowohl eines Paktes mit dem syrischen Regime als auch eines Paktes mit arabischen Rebellen, solange diese nicht kurdische Rechte garantieren würden. Öcalans Dogma strikter Neutralität im Syrienkonflikt ermöglichte es der PYD, die ideologisch einen antiwestlichen Rätekommunismus vertrat, das öffentliche Leben und den Frieden in den von ihr kontrollierten Gebieten aufrechtzuerhalten. Besonders nach der Niederlage der FSA gegen die YPG nach dem Einfall der FSA in das Kurdenviertel von Aleppo im Oktober 2011 kamen Kritiker aus dem KNC zu dem Ergebnis, dass es unter den gegebenen Umständen der Syrienkrise keine wirksame Alternative zur Machtübernahme von Öcalans Anhängern gab und für sie der Wechsel von der Diktatur Assads zur Machtübernahme durch die PYD angesichts des garantierten Friedens in einer Bürgerkriegssituation als „kleineres Übel“ zu betrachten sei. Dennoch verweigerte der KNC in weiten Teilen die Zusammenarbeit mit der PYD. Als möglicherweise bedeutendster Faktor dafür, dass der PYD ein Mindestmaß an Legitimität zugesprochen wurde, wurden die Anstrengungen der YPG als militärischer Arm der PYD zum Schutz der lokalen Bevölkerung vor Angriffen extremistischer Gruppen wie ISIS angeführt.