mini|Infektiöser Tumor des Tasmanischen Teufels
Ein infektiöser Tumor (synonym klonaler transmissibler Tumor) ist ein Tumor, der durch Infektionswege übertragen werden kann. Sie unterscheiden sich von Tumoren, die durch Onkoviren oder karzinogene Bakterien ausgelöst werden (onkovirale und onkobakterielle Tumoren), durch das Fehlen ebendieser Erreger. Daher bilden die Tumorzellen aller Individuen der Infektionskette einen Klon.
Geschichte Hunde mini|Sticker-Sarkom-Zellen mit modifizierter Wright-Färbung gefärbt Bereits 1876 wurde das Sticker-Sarkom (synonym CTVT, von engl. ‚übertragbarer Geschlechtstumor des Hundes‘) bei Hunden durch M. A. Novinsky als infektiöser Tumor beschrieben.M. A. Novinski: Zur Frage uber die Impfung der Krebsigen Geschwulste. In: Zentralbl Med Wissensch. (1876), Band 14, S. 790–791. Anton Sticker beschrieb 1906 diese Erkrankung eingehender. Die Entstehung des Sticker-Sarkoms wird auf zwischen 500 v. Chr. und 9300 v. Chr. geschätzt und ist somit die älteste existierende tierische Zelllinie.C. Murgia, J. K. Pritchard, S. Y. Kim, A. Fassati, R. A. Weiss: Clonal origin and evolution of a transmissible cancer. In: Cell (2006), Band 126(3), S. 477–487. PMID 16901782, .I. D. O’Neill: Concise review: transmissible animal tumors as models of the cancer stem-cell process. In: Stem Cells (2011), Band 29(12), S. 1909–1914. doi:10.1002/stem.751. PMID 21956952. Seit seiner Entstehung hat das Sticker-Sarkom etwa 1,9 Millionen Mutationen angesammelt, 646 Gene wurden deletiert. Das Sticker-Sarkom wird sexuell und oral übertragen. Vor etwa 500 Jahren hat es sich global in Hundepopulationen ausgebreitet.Daniel Lingenhöhl: Wie Hundekrebs die Welt eroberte, auf: spektrum.de vom 2. August 2019Marin Vieweg: Skurril: Dem ansteckenden Hundekrebs auf der Spur, auf: wissenschaft.de vom 1. August 2019Fast spurlos verschwunden – Europäer brachten Amerikas Hunden den Tod, auf: n-tv.de/wissen vom 9. Juli 2018, Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa
Goldhamster Der erste Nachweis des Fehlens eines anderen Tumor-auslösenden Pathogens in einem übertragenen Tumor erfolgte 1964 bei einem kontagiösen Retikulumzell-Sarkom aus einem syrischen Goldhamster.H. L. Copper, C. M. Mackay, W. G. Banfield: Chromosome studies of a contagious reticulum cell sarcoma of the syrian hamster. In: J Natl Cancer Inst. (1964), Band 33, S. 691–706. PMID 14220251.W. G. Banfield, P. A. Woke, C. M. Mackay, H. L. Cooper: Mosquito transmission of as reticulum cell sarcoma of hamsters. In: Science (1965), Band 148(3674), S. 1239–1240. PMID 14280009. Dieser Tumor konnte experimentell durch Stechmücken übertragen werden.
Beutelteufel Im Jahr 1996 ist in Australien erstmals ein infektiöser Tumor des Beutelteufels (Tasmanischer Teufel) beschrieben worden, das Devil Facial Tumour Disease (DFTD oder DFT1).A. M. Pearse, K. Swift: Allograft theory: transmission of devil facial-tumour disease. In: Nature (2006), Band 439(7076), S. 549. PMID 16452970. Es wird vermutet, dass ein genetischer Flaschenhals oder eine geringe Variabilität der Haupthistokompatibilitätskomplexe bei den Beutelteufeln zu einer erleichterten Transmission beiträgt.K. Belov: The role of the Major Histocompatibility Complex in the spread of contagious cancers. In: Mamm Genome. (2011), Band 22(1-2), S. 83–90. PMID 20963591. Dieser Tumor wird meistens durch Gesichtsbisse übertragen und stellt eine Bedrohung für die ohnehin bedrohte Tierart dar, weshalb bereits Umsiedelungsprogramme von Beutelteufeln auf isolierte Inseln und Zoos weltweit durchgeführt wurden. Analysen ergaben, dass sich die Tumorzellen wahrscheinlich aus Schwannschen Zellen entwickelt haben. Diese vermehren sich normalerweise im Verletzungsfall für kurze Zeit als Teil des Heilungsprozesses. 2014 konnte beim Beutelteufel ein weiterer infektiöser Gesichtskrebs (DFT2) identifiziert werden, der sich von dem herkömmlichen DFT1 in der histologischen Struktur sowie in der Abstammungshistorie, im Chromosomenaufbau und Mutationsprofil deutlich unterscheidet. DFT1 Infektionen konnten sich seit den späten 1990er Jahren über die meisten Gebiete Tasmaniens ausbreiten und werden für Beutelteufel-Populationseinbrüche um bis zu 80 % verantwortlich gemacht, während angenommen wird, dass sich die DFT2 Epidemie auf die lokale Population der südöstlichen D’Entrecasteaux Channel Halbinsel beschränkt.
Mensch Beim gesunden Menschen sind nur Einzelfälle der Transmission von Tumoren beschrieben worden,H. V. Gärtner, C. Seidl, C. Luckenbach, G. Schumm, E. Seifried, H. Ritter, B. Bültmann: Genetic analysis of a sarcoma accidentally transplanted from a patient to a surgeon. In: N Engl J Med., Band 335(20), 1996, S. 1494–1496. PMID 8890100. doi:10.1056/NEJM199611143352004. die jedoch keine Infektkette aufrechterhalten konnten, da sie nicht auf weitere Menschen übertragbar sind. Etwa 0,04 % der Empfänger eines Organtransplantates entwickeln unter der Immunsuppression Metastasen aus malignen Zellen des Spenders, meistens Melanome, und etwa 0,06 % der Empfänger von hämatopoetischen Stammzellen erwerben eine maligne hämatologische Erkrankung.J. S. Welsh: Contagious cancer. In: Oncologist (2011), Band 16(1), S. 1–4. PMID 21212437; . Etwa ein Drittel der Organempfänger, deren Spender einen diagnostizierten Tumor hatten, entwickelten die gleiche Erkrankung.I. Penn: Tumors arising in organ transplant recipients. In: Adv Cancer Res. (1978), Band 28, S. 31–61. PMID 360796. Diese Studien trennen jedoch nicht zwischen spontan durch Mutation entstandenen nicht-infektiösen Tumoren, infektiösen Tumoren, onkoviralen Tumoren und onkobakteriellen Tumoren. Weiterhin führen transplantierte Tumoren beim Menschen nicht zu einer fortlaufenden Infektkette.
Im Januar 2021 wurde zwei Fälle veröffentlicht, in denen Neugeborene in Japan möglicherweise mit Tumoren (Gebärmutterhalskrebs) ihrer Mutter vor oder während der Geburt infiziert wurden. Der genetische Fingerabdruck der kindlichen und mütterlichen Krebszellen zeigte übereinstimmende Mutationen; und den kindlichen Krebszellen fehlte das Y-Chromosom, obwohl es sich bei beiden um Jungen handelt. Zudem waren Tests auf Humane Papillomviren positiv.Ayumu Arakawa et al.: Vaginal Transmission of Cancer from Mothers with Cervical Cancer to Infant, in: N Engl J Med 2021, Nr. 384, S. 42-50, 7. Januar 2021, doi:10.1056/NEJMoa2030391. Dazu: Donna Lu: Two children with cancer may have acquired tumour cells before birth, auf: New Scientist vom 6. Januar 2021. Peter Dockrill: Extremely Rare Phenomenon Sees Babies Inhale Cancer Cells During Vaginal Birth, auf: sciencealert vom 14. Januar 2021 Auch hier kam es nicht zu einer fortlaufenden Infektkette.
Muscheln Eine Leukämie-artige infektiöse Neoplasie gehört zu den sechs schädlichsten Pathogenen der Muschel Mya arenaria.M. J. Metzger, C. Reinisch, J. Sherry, S. P. Goff: Horizontal transmission of clonal cancer cells causes leukemia in soft-shell clams. In: Cell. Band 161, Nummer 2, April 2015, , S. 255–263, doi:10.1016/j.cell.2015.02.042, PMID 25860608, .N. G. Taraska, S. Anne Böttger: Selective initiation and transmission of disseminated neoplasia in the soft shell clam Mya arenaria dependent on natural disease prevalence and animal size. In: Journal of invertebrate pathology. Band 112, Nummer 1, Januar 2013, , S. 94–101, doi:10.1016/j.jip.2012.10.001, PMID 23079141. 2016 wurden solche infektiösen Neoplasien auch in mehreren anderen Muschelfamilien beschrieben: in der Miesmuschel Mytilus trossulus, in der Herzmuschel Cerastoderma edule und in der Venusmuschel Polititapes aureus. Die Zelllinie in P. aureus stammt ursprünglich von einer anderen Venusmuschel, Venerupis corrugata.Michael J. Metzger et al.: Widespread transmission of independent cancer lineages within multiple bivalve species. Nature, 2016, doi:10.1038/nature18599.
Weblinks Rettungsprogramm für Beutelteufel der australischen und tasmanischen Regierung. Abgerufen am 2. Dezember 2012. Astrid Viciano: Gefährliche Nähe. Auf SZ Online der Süddeutschen Zeitung vom 8. Juli 2018. Wenn sich Tiere mit Krebs anstecken, auf: spiegel.de vom 23. Juni 2016, Quelle:boj/dpa Nicole Paschek: Wenn Krebs ansteckend wird, auf: spektrum.de vom 18. Dezember 2018
Einzelnachweise
Kategorie:Tumor Kategorie:Infektiologie