Der achte Schöpfungstag (OT: The Eighth Day) ist der Titel einer 1967 bei Harper & Row, New York publizierten Familiensaga von Thornton Wilder. Die deutsche Übersetzung von Herberth E. und Marlys Herlitschka erschien 1968.S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Wilders Alterswerk wird oft als „amerikanische Saga“ bezeichnet,Zitiert in: Thornton Wilder: Der achte Schöpfungstag. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1974. als Geschichte zweier amerikanischer Familien am Anfang des 20. Jhs., in der ein Kriminalfall plötzlich das Leben der Protagonisten entscheidend verändert und sie dazu führt, sich mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Aufstieg und Erfolg und existentiellen Fragen zu befassen.

Inhalt Überblick Ausgangspunkt des Romans (Prolog) ist die Ermordung des Bergwerkvorstehers Breckenridge Lansing in der fiktiven Stadt Coaltown in der Nähe von Springfield, Illinois. Für die Tat wird sein Mitarbeiter und langjähriger Freund John Ashley angeklagt und trotz seiner Unschuldsbeteuerungen und dürftiger Beweislage zum Tode verurteilt. Auf dem Transport ins Gefängnis in Joliet befreit ihn eine Bande Maskierter und verhilft ihm zur Flucht. Im letzten Kapitel werden der Mord aufgeklärt und die Befreier Johns benannt.

Die dem Prolog folgenden Kapitel erzählen einerseits die Handlungen nach der Flucht: Ashleys Weg nach Chile und seine Arbeit im Bergbau in den Anden (Kap. 2), die Karriere seines Sohns Roger zum vielgelesenen Journalisten in Chicago (Kap. 3), das Leben der beiden Familien, v. a. der Überlebenskampf der Ashleys (Kap. 1, 6), andererseits, in eingeschobenen Rückblicken, die Vorgeschichte: die Vorfahren und Sozialisation der vier Hauptfiguren (Kap. 4 und 5).

Der auktoriale Erzähler beschreibt, wie sich die Lansings und die Ashleys in der kleinen Bergbaustadt niederlassen, wie sie sich kennenlernen und wie sie nach dem Mord weiterleben, wie die Kinder aufwachsen, welche Wege sie gehen und wie sie nach Glück und nach dem Sinn des Lebens suchen. Eine Orientierung für Roger ist die im Romantitel aufgegriffene Aussage des Arztes Dr. Gillies: „Der Mensch ist nicht ein Ende [der Schöpfung]; er ist ein Anfang. Wir stehen am Beginn der zweiten Woche. Wir sind Kinder des achten Tages.“Thornton Wilder: Der achte Schöpfungstag. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1974. S. 18, 233.

Vorfahren und Sozialisation In gewisser Weise kann man die beiden Familiengeschichten als repräsentativ für die Einwanderungen in die USA und die gesellschaftliche Situation im ausgehenden 19. Jh. ansehen: Die Vorfahren der Hauptpersonen stammen einerseits aus Großbritannien, Holland oder Deutschland, andererseits leben sie in der Karibik. John Ashley hat von dem Quartett den längsten US-amerikanischen Stammbaum: Glaubensflüchtlinge aus England, Ehe mit schottischen und holländischen Migranten, Farmer und kleine Kaufleute am Westufer des Hudson. Johns Vater arbeitet sich zum Bankier der Stadt empor und erwartet von seinem Sohn (geb. 1862) den weiteren Aufstieg, wie auch Vater Lansing, Drogist in Crystal Lake, Iowa, von seinem Sohn Breckenridge (geb. 1854).

Während die Männer Karriere machen sollen, werden die beiden schönen Frauen aus wohlhabenden Elternhäusern, teilweise widerwillig, auf die Hausfrauenrolle sozialisiert. Beatas Eltern kommen um 1860 aus Hamburg nach Hoboken: Friedrich Kellermann, der als Bierbrauer eine Firma gründet, und Clothilde, geb. von Diehlen, Tochter eines Verwalters im adligen Dienst, dem sie ihr Stilgefühl und ihr herrschaftliches Auftreten verdankt. Eustacia Lansing, geb. Sims, stammt aus einer englischen mit Kreolen von den Antillen verbundenen Kaufmannsfamilie und führt, im Unterschied zur bürgerlich-europäisch sozialisierten Beata, vor ihrer Ehe einen Laden ihres Vaters. Die unterschiedliche Herkunft und die Sozialisationen prägen die beiden Paare Lansing und Ashley und ihre Ehen. Beata und Eustacia lernen jeweils 19-jährig ihre Männer kennen und versuchen, mit ihnen ihre Familien-Idealvorstellungen zu realisieren, mit unterschiedlichem Ergebnis.

Breckenridge und Eustacia Lansing Im Unterschied zu den Ashleys entwickelt sich die Lansing-Ehe nicht glücklich. Eustacia entdeckt, dass ihr Mann ein Schaumschläger und Blender ist, hinter dessen gesellschaftlich gewandtem und gewinnendem Auftreten sich ein Jäger mit Tötungsphantasien und ein Patriarch mit autoritären Erziehungsformen verbirgt. Schon früh zeigt sich bei seiner Ausbildung seine Unbeständigkeit, und schließlich nimmt ihn sein Vater als Gehilfen in seine Drogerie. Dann verhilft er ihm durch seine geschäftlichen Beziehungen zur Einstellung als Rohstoffe-Einkäufer für eine New Yorker Arznei-Firma. Dadurch kommt er auf die Leeward Insel St. Kitts. Durch sein Auftreten als geschickter Verhandler beim Vertrag über die Lieferung von Lorbeer-Öl und als witziger Unterhalter in Gesellschaften gewinnt er in Basseterre schnell die Sympathien der Menschen und auch die der Kaufmannsfamilie Sims, deren Tochter Eustacia 1878 seine Frau wird. Genauso beeindruckt er die Direktion eines Laboratoriums in Pittsburgh, für das er ein Verfahren für die Nutzung von Kohlenteer für Drogerieprodukte entwickeln soll. Schnell entdeckt man jedoch seine mangelnde Eignung und seinen fehlenden Arbeitseifer und schiebt ihn nach einem Jahr als „Ausschlussstück“ auf den Geschäftsführer-Posten einer unrentablen Kohlgrube in Coaltown ab. Dort überlässt er seine Arbeit der Sekretärin und den Bergbauingenieuren und verbringt als Waffenliebhaber seine Zeit mit Jagen und nächtlichen Kartenspielen in Kasinos.

Als John Ashley mit seiner Frau 1885 nach Coaltown kommt, begegnen sich die beiden Ehepaare gesellschaftlich und befreunden sich miteinander, trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten. Verstärkt werden die Kontakte durch die Kinder, zumal sie, abgesehen von Sophia, altersmäßig Paare bilden: Félicité Lansing und Lily Ahsley, George und Roger, Anne und Constance.

Während Lansing sich in Gesellschaften und Vereinen als großer Unterhalter profiliert, ist Ashley der fleißige Konstrukteur, der die Grube durch seine Verbesserungsvorschläge wieder profitabel macht und vor der Schließung bewahrt, obwohl ihm dies kaum honoriert wird. Aber bei den Arbeitern spricht sich dies herum und er ist bei ihnen sehr beliebt. Die finanziell besser gestellten Lansings beobachten die jüngeren Ashleys genau und vergleichen ihre Entfremdung mit deren familiärem Glück, das sie für die Öffentlichkeit kopieren. Aber zu Hause leidet Eustacia unter dem autoritären Verhalten ihres Mannes. Sie beneidet Beata und versucht, ihren Kindern eine ähnlich liebevolle und kulturelle Familienatmosphäre zu bieten. Sie verliebt sich in John, aber sie unterdrückt dies aus Liebe zu ihren Kindern und Pflichtgefühl ihrem Mann gegenüber. Sie ahnt, dass Breckenridge ein unglücklicher, schwacher Mensch ist und sein dominantes jähzorniges Verhalten, v. a. seinem Sohn George gegenüber, sein eigenes Kindheitstrauma wiederholt. Diese Erkenntnis bestätigt sich für sie, als ihr Mann im Frühjahr 1902 erkrankt und von ihr zu Hause gepflegt werden muss. Sie sieht in seinem schmerzhaften Leiden eine psychische Ursache: sein Schuldgefühl, sie und die Kinder zu vernachlässigen. Er wird zunehmend aggressiv, quält Eustacia durch seine grundlose Eifersucht, fordert sie auf, ihm ihre Liebhaber zu nennen, beschuldigt sie, ein Verhältnis mit Ashley zu haben, und droht, den eingebildeten Rivalen zu töten. Er wirft seiner Frau vor, ihn vergiften zu wollen, schleudert das Geschirr auf den Boden und weigert sich zu essen. Er fordert ihre ständige Anwesenheit in seinem Krankenzimmer und lehnt eine Pflegerin ab. Sie versucht, ihm seine Wahnvorstellungen über seine unfähigen Kinder und ihre Untreue auszureden, bekennt ihm ihre Liebe und erklärt ihm die Familiensituation und seine ungerechte Behandlung der Kinder. Schließlich, ein Tag vor seinem Tod, akzeptiert er ihre Vorhaltungen und bittet sie und seine Töchter um Entschuldigung. George hat zu diesem Zeitpunkt bereits das Haus verlassen. Zur Versöhnung lädt Lansing für den nächsten Nachmittag, den 4. Mai 1902, die Ashleys ein.

George Von allen Kindern beider Familien verläuft die Entwicklung Georges am problematischsten. Er rebelliert in den wechselnden Schulen, passt sich nicht an, lernt andererseits bei der von ihm bewunderten Miss Doubkov mit großem Eifer Russisch, weil er für dieses Land schwärmt und einmal dort leben möchte. Er spielt mit seinen Freunden, den Mohikanern, deren Großer Häuptling er ist, den Stadtbewohnern Streiche und fährt mit seinen Kumpeln nachts „Schmuggelpack“ im Gestänge an der Unterseite von Güterwagen. Für seine Auftritte als Bürgerschreck wird er von Lansing bestraft, für seine schlechten Noten verhöhnt und beschimpft. Zu Hause hat er Wutanfälle und rebelliert gegen den Vater in dessen Abwesenheit, während er sich ihm gegenüber unterwürfig als einsichtsvoller Sohn zeigt. Vor seiner Mutter und den Schwestern parodiert er den zornigen Vater und kritisiert dessen Geringschätzung der Schwarzen und seine Äußerungen über das einer Zieselmaus vergleichbare Hirn der Mutter. Eustacia weiß, dass Georges Ausschreitungen den Zweck verfolgen, ihren Mann zur Raserei zu bringen, und doch konsultiert sie Dr. Gilles wegen seiner wahnsinnigen Wutanfälle und Aussetzer. Dieser diagnostiziert jedoch eine bemerkenswerte Intelligenz, Witz und gute Manieren und empfiehlt, George zur Behandlung aus dem „Käfig“ Coaltown nach San Francisco zu schicken und ihn dort seinen Lebensunterhalt selbst verdienen zu lassen. George belauscht die Gespräche der Eltern und fürchtet, dass seine Mutter bei den Zornausbrüchen ihres Mannes geschlagen wird. Er hat bereits früher gedroht, in einem solchen Fall den Vater zu töten. Eustacia fürchtet eine Eskalation, greift den Rat des Arztes auf und gibt George Geld für eine Reise.

Zwei Jahre später, im Januar 1904, schreibt George als Leonid Tellier aus San Franzisko, er führe ein wechselhaftes Leben, als Kellner und als Schauspieler bei einem Tourneetheater. Er weiß offenbar nichts von der Verurteilung John Ashleys und wird darüber erst von seiner Schwester Félicité informiert. Diese spürt, dass er, wenn er sich als einen Verdammten und Ausgeschlossenen bezeichnet, eine schwere Last auf seinem Herzen trägt, über die er nicht sprechen will. Sie schreibt ihm am 10. September 1905, die Wahrheit mache frei: „Tu den Sprung in die Freiheit!“Thornton Wilder: Der achte Schöpfungstag. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1974. S. 324.

John und Beata Ashley Der 21-jährige John Ashley und die zwei Jahre jüngere Beata lernen sich in Hoboken kennen, wo er an der Technischen Hochschule Maschinenbau studiert. Nach seinem Diplom verloben sie sich 1884. Beata löst sich von ihrer dominanten Mutter und sieht ihre Partnerschaft mit John als Befreiung an. Trotzdem bleibt sie ein Leben lang durch ihre Erziehung zur formvollendeten adligen Dame geprägt, was sich an ihrer emotional distanzierten Haltung den Töchtern gegenüber zeigt, worunter v. a. Sophia leidet. Sie bricht die Beziehungen zu ihren Eltern ab und zieht mit John an seinen ersten Arbeitsort Toledo.