Beim sogenannten Rogovo-Vorfall (; zu Deutsch „Auseinandersetzung in Rogovo“) wurden Ende Januar des Jahres 1999 in der innerstaatlichen Phase des Kosovokrieges 24 oder 25 Männer albanischer Ethnie, die meisten nachweislich UÇK-Mitglieder, und ein jugoslawischer Polizist im Dorf Rogovo zwischen Gjakova und Prizren getötet.

Je nach Darstellung handelte es sich dabei entweder um ein „Massaker“, um eine „Exekution“ oder um eine rücksichtslose Vernichtung eines „UÇK-Stützpunkts“ durch die serbisch-jugoslawische Polizei.Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg - Die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, 183 S., ISBN 3-7890-6681-8, S. 142Carl Polónyi, Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980-2004, Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, 528 S., ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 372f. Zeugenaussagen der Dorfbewohner sprechen laut OSZE-KVM-Bericht in fünf bis sechs Fällen von willkürlichen Erschießungen.OSCE: Kosovo/Kosova - As Seen, As Told - An analysis of the human rights findings of the OSCE Kosovo Verification Mission - October 1998 to June 1999, 1999, ISBN 83-912750-0-0; S. 184f.

Hintergrund

Rogovo ist ein Dorf im Bezirk Gjakova im südwestlichen Teil des Kosovo, nahe der Grenze zu Albanien. Zu Anfang des Jahres 1999 hatten wiederholte Versuche kleinerer Gruppen von UÇK-Kämpfern, die Grenzposten zu durchdringen, zu einem Anstieg der Spannungen in der Region geführt. Kurz zuvor hatte sich am 25. Januar 1999, im Okrug Peć, ein Vorfall in Rakovine (albanisch Rakovinë/Rakovina) ereignet.OSCE: Kosovo/Kosova - As Seen, As Told - An analysis of the human rights findings of the OSCE Kosovo Verification Mission - October 1998 to June 1999, 1999, ISBN 83-912750-0-0; S. 170 In der letzten Januarwoche 1999 führten Spezialpolizei-Kräfte und die Jugoslawische Armee (VJ) Operationen in diesem Gebiet durch, und viele Dorfbewohner flohen. Mehrmals kehrte die Polizei nach Rogovo und in die umgebenden Dörfer zurück, um nach UÇK-Mitgliedern zu suchen. Ende Januar/Anfang Februar 1999 kontrollierte die UÇK wieder etwa dieselben Gebiete, die sie schon im Frühsommer 1998 beherrscht hatte und aus denen sich die jugoslawische Armee nach dem Holbrooke-Milošević-Abkommen zurückgezogen hatte.Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg - Die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, 183 S., ISBN 3-7890-6681-8, S. 39

Ablauf Der tatsächliche Ablauf wurde nicht vollständig aufgeklärt. Es kann vermutet werden, dass bei einem Feuerüberfall der UÇK auf eine Polizeipatrouille ein Polizist getötet wurde, woraufhin die Polizei nicht nur mit übermäßiger Härte Rache an der UÇK-Gruppe nahm, die den Überfall initiiert hatte, sondern auch einige möglicherweise unbeteiligte Zivilisten willkürlich tötete.

Untersuchung der OSZE-KVM Am Morgen des 29. Januar 1999 informierte der stellvertretende Polizeichef in Djakovica ein OSZE-KVM-Team über „einen Vorfall in Rogovo“. Ungefähr um 6:30 Uhr sei eine Polizeipatrouille von 10 Beamten von der UÇK im Zentrum von Rogovo angegriffen worden. Ein Polizist sei im Hinterhalt getötet und zwei leicht verwundet worden, doch wurden keine weiteren (UÇK-)Opfer erwähnt. Das KVM-Team kam um 9:55 Uhr in Rogovo an, wo es den mit einer Decke bedeckten Körper eines toten Polizisten im hinteren Bereich eines Wagens sah. Als dem Team mit General John Drewienkiewicz, einem Stellvertreter von William Walker, eine Stunde später, nach dem Eintreffen eines Untersuchungsrichters des Okrugs Peć aus Peć (Pejë/Peja), gestattet wurde, das von drei bis vier Meter hohen Mauern umgrenzte Grundstück des Bauernhofs zu betreten,Judgement, IT-05-87/1-T (PDF; 7,0 MB), Urteil vom 23. Februar 2011 im Prozess des ICTY gegen Vlastimir Đorđević, Aktenzeichen IT-05-87/1-T, S. 156ff. fand es insgesamt 24 Leichen. Drei Leichen befanden sich auf dem Rücksitz eines roten Vans, der schwer durch Kugeln beschädigt worden war, und weitere acht Leichen im Heckraum; drei Maschinenpistolen fanden sich innerhalb des Vans. Eine Maschinenpistole lag nahe bei jeder der drei Leichen, die in der Nähe des Vans lagen. Ein Polizeibeamter zeigte dem KVM-Team eine Tasche, die mehrere Handgranaten und zahlreiche lose Munition enthielt. In einer nahe gelegenen „Garage“ sahen die KVM-Verifikateure weitere fünf, teilweise in Wasser getauchte Leichen und eine Maschinenpistole neben einer von ihnen. Neben der Außenwand wurde der kosovo-albanische Besitzer des Grundstücks mit einem neben ihm liegenden Gewehr tot aufgefunden. In einem Gebäude im hinteren Teil des Geländes sah das KVM-Team vier Leichen mit Waffen sowie zahlreiche, benutzte Patronenhülsen. Vier der Toten waren mit tarnfarbenen Uniformen, die UÇK-Abzeichen trugen, bekleidet. Bei einem der Opfer wurde der Ausweis eines UÇK-Hauptquartier-Kuriers gefunden. Insgesamt fanden sich weniger Waffen als Tote.

Als das Szenario der Schießerei von den polizeilichen Ermittlern untersucht wurde, versammelte sich eine große Menge an Menschen. Alle Leichen aus dem Van wurden zur Identifizierung herausgelegt. Eine von ihnen hatte offensichtlich schwere Verletzungen, deren Beschaffenheit für eine Granatenexplosion im Van sprach. Die Leichen wurden dann in das medizinische Zentrum in Pristina zur Obduktion gebracht.

Angaben der Polizei Nach den Angaben der Polizei war eine Polizeipatrouille in einen Hinterhalt geraten und ein Polizeibeamter getötet worden, wonach die Polizei das Feuer erwidert und 24 mutmaßliche Mitglieder der UÇK getötet hat.Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg - Die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, 183 S., ISBN 3-7890-6681-8, S. 39; Anmerkung: Loquai spricht von 25 getöteten Albanern.

Angaben der Dorfbewohner Nach Angaben der albanischen Dorfbewohner gegenüber der OSZE-KVM hatte der Hausbesitzer um 5:30 Uhr drei Männer in seinem roten Van zu seinem Geschäft in der Stadt gefahren. In einem Café sei er gefragt worden, ob er „Soldaten transportieren helfen“ könne. Der Besitzer habe den Ort mit einigen anderen verlassen, begleitet von einem weiteren Wagen. Unmittelbar darauf hätten etwa 15 Polizeibeamte das Café betreten, alle Anwesenden durchsucht und nach dem Van und seinem Fahrer gefragt. 20 Minuten später sei der Besitzer mit gefesselten Händen und in Begleitung von zwei Polizeibeamten in sein Haus zurückgekehrt. Dann um ungefähr 6:00 Uhr sei sein roter Van angekommen, mit verschiedenen bewaffneten UÇK-Leuten darin. 20 Polizei- und/oder Spezialeinheits-Kräfte hätten das Grundstück betreten und begonnen, auf die UÇK-Leute zu schießen, während diese noch in dem Wagen gewesen seien. Nachbarn hätten intensives Gewehrfeuer und einige Explosionen gehört. Nach der Schießerei sei der Besitzer zu dem Holzhaufen gebracht worden, wo er anscheinend willkürlich getötet worden sei. Etwa sieben Polizeibeamte hätten dann das benachbarte Haus betreten und die männlichen Familienmitglieder heraus- und zum roten Van gebracht, zusammengeschlagen, willkürlich hinter dem Haus nahe bei dem Holzhaufen getötet und in eine seichte Lache von Schlamm und Wasser in der „Garage“ geworfen. Nach mehreren Aussagen seien die vier Männer nicht in UÇK-Angelegenheiten verwickelt gewesen. Gegen acht Uhr hätten rund 30 Polizeibeamte den Hof eines anderen, etwa 150 Meter von dem Grundstück entfernten, kosovo-albanischen Hauses betreten. „Habt ihr Gäste?“ rufend seien sie in das Haus gekommen und hätten vier Familienmitglieder nach draußen gebracht und ihnen befohlen, mit ihren Händen hinter ihren Köpfen niederzuknien. Nachdem die Polizei das Haus durchsucht habe, hätten sie der Familie befohlen, zurück ins Haus zu gehen, doch hätten sie einen Mann zurückgehalten. Zeugen hätten gesehen, dass er von zwei Polizisten zum ersten Haus gebracht wurde, wo er willkürlich getötet und in das schmutzige Wasser geworfen worden sei.

Am Tag vor den Tötungen hätten sich die gespannten Verhältnisse im Dorf zugespitzt, da die Polizei das Dorf umzingelt und niemanden eingelassen hätte. Am 29. Januar wären sieben Häuser im Dorf durchsucht und einige Gegenstände gestohlen worden, und zwischen 9:30 Uhr und 10:00 Uhr seien sechs Leute, die meisten von ihnen Männer, zusammengeschlagen worden.

Angaben der UÇK Nach der Erklärung eines UÇK-Kommandeurs gegenüber der KVM waren 18 der Toten Mitglieder der UÇK und fielen wie Soldaten.

Rezeption International Der als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Außen- und Wirtschaftspolitik bekannte Linguist Noam Chomsky stellt die westliche Beurteilung der im Kosovo von serbischer bzw. von albanischer Seite begangenen Gewalttaten als Beispiel für asymmetrische Wahrnehmung nach Interessenlage im Sinne von „Genozide sind akzeptabel, solange der Westen sie verübt“ dar:

Deutschland Besondere Bedeutung erlangte der Fall Rogovo in Deutschland als nachträgliche Legitimation gegenüber der Öffentlichkeit für die deutsche Beteiligung an den Luftangriffen der NATO auf Jugoslawien.

Bereits seit Ende März 1999 hatten die Medien die Behauptung des Verteidigungsministers Rudolf Scharping aufgegriffen, dass die Serben im Fußballstadion von Priština ein Konzentrationslager eingerichtet hätten. Der Berliner Kurier titelte am 30. März: „Serben-Killer treiben Albaner in KZ-Zonen“.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980-2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 399ff. Die Bild-Zeitung hatte am 1. April das Foto einer Menge von Kosovoalbanern, die vor dem Krieg nach Mazedonien geflüchtet war, auf Seite 1 der Ausgabe mit der Schlagzeile „...Sie treiben sie ins KZ“ versehen.Wahrheit, Zensur, Propaganda - Die Medien und der Krieg, , Panorama, Sendung vom 15. April 1999: Udo Röbel, Chef-Redakteur der Bild-Zeitung: „Ich hab auch keine Angst, also Dinge beim Namen und auf den Punkt zu bringen, wenn man das vom Bild erwartet. Wenn sie die Seite ‚Sie treiben sie ins KZ‘ sehen, dieses Bild war so eindrucksvoll, dieser Treck von Zehntausenden, aus Pristina, das sprach eigentlich für sich selbst. Und wenn dann, an diesem Tag, der Verteidigungsminister von KZs in Serbien oder im Kosovo spricht, dann bekommt das mit diesem Bild und dieser Zeile eine unheimliche Dramatik.“Hermann Meyn, Massenmedien in Deutschland, UVK, Konstanz, Neuaufl. 2004, ISBN 3-89669-420-0, hier S. 270

Am 27. April 1999 präsentierte Rudolf Scharping nun der Öffentlichkeit Fotos, die am 29. Januar 1999 vom Tatort in Rogovo gemacht worden waren, als angebliche Beweise für ein serbisches „Massaker“ an Zivilisten. Er bezeichnete dies als Beleg dafür, dass eine systematische Vertreibung der Kosovo-Albaner unter Verletzung der Menschenrechte schon vor der Zeit der Luftangriffe der NATO begonnen hatte, und versuchte damit seine Behauptung von der Existenz und der frühzeitig begonnenen Ausführung eines sogenannten Hufeisenplans zu untermauern.Es begann mit einer Lüge, WDR, von Jo Angerer und Mathias Werth, ausgestrahlt auf ARD am 8. Februar 2001, Transkription einsehbar unter der URL: http://www.ag-friedensforschung.de/themen/NATO-Krieg/ard-sendung.html. YouTube-Link (Video, 52 Minuten): Der Kosovo-Krieg: Es begann mit einer Lüge - Deutschlands Weg in den Kosovo Krieg, veröffentlicht am 3. Juli 2012 von YouTube-Benutzer Bildungsverein der Roma zu Hamburg e.V., abgerufen am 22. Mai 2013., NDR, Ausstrahlung am 15. Januar 2012; Der Filmbeitrag ist auf einigen Videoportalen einsehbar.