Maria Regina Martyrum (lateinisch für ‚Maria, Königin der Märtyrer‘) ist der Titel einer römisch-katholischen Kirche im Berliner Ortsteil Charlottenburg-Nord am Heckerdamm 230/232. Sie wurde 1960 bis 1963 als „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933–1945“ gebaut und steht unweit der Gedenkstätte Plötzensee und des evangelischen Gemeindezentrums Plötzensee, ebenfalls einer Gedenkkirche. Die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum ist mit Glockenturm und Feierhof ein eingetragenes Baudenkmal (Nr. 09096195).Denkmaldatenbank, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin. Sie gehört zur Pfarrei „Märtyrer von Berlin“ im Erzbistum Berlin.

Geschichte Den Anstoß zum Bau der Kirche gab der Berliner Bischof Wilhelm Weskamm beim 75. Deutschen Katholikentag 1952 in Berlin, indem er zum Bau einer Gedenkkirche für die Märtyrer aus der Zeit des Nationalsozialismus aufrief.Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Aufl. Schnell & Steiner, Regensburg 1995, S. 2 (Schnell, Kunstführer Nr. 1703, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD). Auf dem 78. Deutschen Katholikentag 1958, wiederum in Berlin, gelobten die Teilnehmer, „Maria Regina Martyrum“ zu bauen.Homepage Karmel Regina Martyrum, Geschichte.; Nach einer Kollekte in allen deutschen Bistümern legte Bischof Julius Kardinal Döpfner am 12. November 1960 den Grundstein zu der Kirche, die er – inzwischen Erzbischof von München und Freising – am 5. Mai 1963 zusammen mit dem damaligen Berliner Bischof Alfred Bengsch und dem französischen Erzbischof Louis de Bazelaire (Erzbistum Chambéry) konsekrierte.

Als Patrozinium wurde Maria Regina Martyrum (Maria, Königin der Märtyrer) gewählt. 1954 hatte Papst Pius XII. das Marienfest Maria Königin für die katholische Kirche eingeführt. Der Marientitel Regina Martyrum gehört zu den Anrufungen der Gottesmutter in der Lauretanischen Litanei.

mini|hochkant=0.95|Marien-Kirche auf einer Berliner Briefmarke von 1965 Die Kirche war als Gedenkkirche und gleichzeitig als Pfarrkirche für das umliegende Neubaugebiet Charlottenburg-Nord mit etwa 400 Sitzplätzen, Gemeindezentrum und Pfarrwohnung geplant. Bauherr war das Bischöfliche Ordinariat Berlin. 1958 wurden vier Architekten, Reinhard Hofbauer, Willy Kreuer, Hans Schädel zusammen mit Friedrich Ebert, und Rudolf Schwarz,Kerstin Englert: Kirchen nach 1945. In: Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten. Teil VI: Sakralbauten. Berlin 1997, S. 207–272, hier S. 239. Franz Pfeifer (Hrsg.): Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. Lindenberg i. Allgäu 2013, ISBN 978-3-89870-801-2, S. 168 (hier: Reinhold statt Reinhard Hofbauer). zu einem Wettbewerb eingeladen, den der Würzburger Dombaumeister Hans Schädel mit seinem Entwurf gewann. Zur Ausführung kam Schädels zweite Version, zusammen mit den Plänen des Architekten Friedrich Ebert, beauftragt vom Bischöflichen Baudirektor Hermann Jünemann. Künstlerische und theologische Beratungen erfolgten durch den Münsterschwarzacher Benediktiner P. Urban Rapp. Mit der Kirche wurde, unmittelbar westlich anschließend, das Gemeindezentrum gebaut. Hans Schädel hatte bereits beim Bau der Kirche St. Kilian in Schweinfurt mit dem Künstler Georg Meistermann zusammengearbeitet; von diesem stammt das große Chorfenster in St. Kilian mit dem Motiv der Ausgießung des Heiligen Geistes.

Das Erzbistum Berlin ordnete 1981 in der Region die Pfarrgemeinden neu. Die Pfarrei Maria Regina Martyrum wurde mit der benachbarten Pfarrei St. Joseph in Siemensstadt zusammengelegt, die Kirche erhielt den Status einer Lokalie (seit 2007: Rektoratskirche) und wurde nach Gründung des Karmels Regina Martyrum dessen Klosterkirche. Für den Klosterbau mussten die mit der Kirche errichteten Gemeinderäume zum Teil abgerissen oder umgebaut werden. Die Fassade zum Heckerdamm mit vorgehängten Betonlamellen in der Gestaltung von Hans Schädel blieb erhalten.

Aus Anlass des 50. Jahrestages der Kirchweihe fanden am 4. und 5. Mai 2013 Festgottesdienste und Konzerte statt. Vorausgegangen war eine Predigtreihe zu Texten von P. Alfred Delp SJ an den Fastensonntagen 2013.Katholische Sonntagszeitung Erzbistum Berlin. 9./10. Februar 2013, S. VIII.

Zum 1. Januar 2022 wurden im Rahmen der räumlichen Neuordnung im Erzbistum Berlin die Gemeindeteile der Pfarre St. Joseph (Siemensstadt), die im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf liegen, und damit auch die Gedenkkirche zur Pfarrei Herz Jesu (Charlottenburg) umgepfarrt. Am 1. Januar 2023 fusionierten die Charlottenburger Pfarrgemeinden zu einer neuen Pfarrei „Märtyrer von Berlin“.

Bei einer Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Kirchweihe sagte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, am 18. September 2023, Widerstandskämpfer wie Alfred Delp oder Helmuth James Graf von Moltke hätten nicht selten „einen Bruch mit der loyalen Widerwilligkeit ihrer Kirche“ vollziehen müssen, „deren Hierarchie Autoritätsgehorsam und die Bewahrung der Seelsorge höher priorisierte als universale Gerechtigkeit“; die Kirchenhierarchien hätten weder vor noch unmittelbar nach 1945 zu „ihren“ Märtyrern gestanden. Daher sei jede Vereinnahmung der Märtyrer problematisch, sondern der Wirklichkeit werde es mehr gerecht, diese als „Stachel und Mahnmal“ für Kirche zu verstehen.

Die Gedenkkirche ist seit 2018 Station auf dem Pfad der Erinnerung in der Gedenkregion Plötzensee.

Kirchenbau und Umfeld

Feierhof und Glockenturm mini|hochkant|Turm der Kirche mit Glockenkammer

Das Areal gilt als herausragendes Beispiel einer gelungenen Einheit von Kirchenbau und Bauplastik. berlin.de Die Gesamtanlage ist von einer strengen orthogonalen Formensprache bestimmt. Das Kirchengebäude steht in einem kopfsteingepflasterten, in niedrigen Stufen leicht abfallenden Feierhof, der von mit schwarz-grauen Basaltkieselplatten verkleideten übermannshohen Betonmauern eingefasst wird und an einen Appellplatz erinnert.Sibylle Schulz, Maria Lütjohann: Hrsgg. vom Erzbischöflichen Ordinariat Berlin (Faltblatt-Reihe: Erkennen und Erhalten in Berlin. 2008, Nr. 19).

Der 25 Meter hohe markante Glockenturm aus rechtwinklig zueinander gestellten Sichtbetonplatten bildet einen der beiden Eingänge, die das Eingangstor und den zweigeschossigen Glockenstuhl mit fünf Glocken zwischen sich nehmen. Eine ursprünglich geplante 48 Meter hohe Turmnadel konnte aus Gründen der Flugsicherung für den Flughafen Tegel nicht gebaut werden. An der Außenseite der Mauer weisen zwei Schrifttafeln mit Texten von Papst Pius XII. und Julius Kardinal Döpfner auf die Bedeutung des Bauwerks hin.Gedächtniskirche der deutschen Katholiken Maria Regina Martyrum zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933–1945. Morus Verlag, Berlin 1963, S. 45, 67.

mini|Kreuzweg von Otto Herbert Hajek und Glockenturm mini|Freialtar am Kreuzweg, 1965

Der Feierhof, ursprünglich vorgesehen als Raum für größere gottesdienstliche Feiern im Freien mit einem Fassungsvermögen von 10.000 Menschen, ist nun als leere, von der Stadt abgegrenzte Fläche ein Raum des Abstands und der Stille, den man durchschreiten muss, um zur Kirche zu gelangen – ein brutalistischer Hortus conclusus.Josef Paul Kleihues, Jan Gerd Becker-Schwering, Paul Kahlfeldt (Hrsg.): Bauen in Berlin 1900–2000. Berlin 2000, ISBN 3-87584-013-5, S. 371. Vor der rechten Mauer ist, beginnend am Turm, ein bronzener Kreuzweg mit 15 Stationen von Otto Herbert Hajek in stark abstrahierender, monumentaler Darstellung aufgestellt. Die einzelnen Kreuzwegstationen sind zu Gruppen zusammengefasst, mit Ausnahme der jeweils einzeln stehenden 1. Station (Jesus wird zum Tod verurteilt), der 12. Station (Jesus stirbt am Kreuz) und der 15. Station (Auferstehung – Frauen am Grab), die in Abstand zu den übrigen Stationen in dem breiten Durchgang unter dem Kirchengebäude aufgestellt ist. Dort steht auch ein Freialtar, der ebenfalls von Otto Herbert Hajek geschaffen wurde und dessen bronzenes Antependium das Motiv der Dornenkrone variiert. Im hinteren Teil des Feierhofs befindet sich ein Bronzerelief Flucht nach Ägypten nach Entwurf von Johannes Dumanski, das von Heimatvertriebenen gestiftet wurde.Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Auflage. Schnell & Steiner, Regensburg 1995 (Schnell, Kunstführer Nr. 1703, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD), S. 8 f. (Feierhof, Kreuzweg, Flucht nach Ägypten), S. 14 (Freialtar).

Architektur des Kirchengebäudes mini|Eingangsportal

Der langgestreckte Baukörper der Oberkirche ruht ohne Sockel in einer Höhe von vier Metern nur auf drei quer gestellten Betonwänden, von denen zwei die Außenmauern der Unterkirche bilden, die dritte ist die an dieser Stelle verstärkte Umfassungsmauer des Feierhofs. Der Bau scheint mit seiner leuchtend weißen, mit Marmorkieselplatten verkleideten Fassade wie ein „schwebender Körper“ (so Architekt Hans Schädel) in starkem Kontrast zum düsteren Feierhof; andere Deutungen sehen ihn als Schrein zwischen Himmel und Erde oder als das Himmlische Jerusalem, das zur Erde niederkommt .Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Auflage. Schnell & Steiner, Regensburg 1995, S. 8 (Schnell, Kunstführer Nr. 1703, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD).

Vor der sonst ungegliederten rechteckigen Fassade hängt über dem Eingang die dreigliedrige Plastik Apokalyptische Frau von Fritz Koenig. Die fünf Meter hohe Skulptur aus vergoldeter Bronze setzt sich aus drei Bildmotiven entsprechend der biblischen Vision („ein Zeichen am Himmel“) in der Offenbarung des Johannes zusammen: in der unteren Zone der siebenköpfige Drache, darüber die Frau, die gebären soll, auf der Mondsichel stehend, und die Strahlen der Sonne als Krone darüber.Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Aufl. Schnell & Steiner, Regensburg 1995 (Schnell, Kunstführer Nr. 1703, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD), S. 8, 14. Die Gestalt stellt nach christlicher Tradition die Gottesmutter dar, deren Patrozinium die Gedenkkirche trägt.

Oberkirche mini|hochkant|Gotische Madonnenstatue

Das Innere der Kirche wird von der verglasten Eingangshalle aus über eine breite Treppe zwischen den beiden Stützmauern erreicht. 1994 wurde auf der Rückseite des Kirchengebäudes zusätzlich ein Fahrstuhl angebaut.Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Aufl. Schnell & Steiner, Regensburg 1995 (Schnell, Kunstführer Nr. 1703, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD), S. 8 (Fahrstuhl).

Der rechteckige Kirchenraum ist geostet und dadurch zur Hinrichtungsstätte Plötzensee ausgerichtet. Die fensterlosen Sichtbetonwände tragen die Spuren der Verschalung als rechteckige, rhythmische Muster. Die tiefergelegte Decke aus lasierten Holzbrettern ruht auf sichtbar gelassenen Unterzügen und lässt durch unsichtbare Fensterbänder entlang der Seitenwände indirektes Licht in den Kirchenraum einfallen; zwei weitere, senkrechte Lichtbänder befinden sich rechts und links hinter dem Altarbild.Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Aufl. Schnell & Steiner, Regensburg 1995 (Schnell, Kunstführer Nr. 103, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD), S. 15 (Beleuchtung), S. 28 (Ausrichtung). Der Fußboden besteht aus hellem Granit.

Die Kirche hat keine Apsis, der Altarraum ist lediglich durch eine Stufe vom Kirchenraum abgehoben. Altar und Ambo sind streng kubisch aus hellem Treuchtlinger Marmor gestaltet, ebenfalls eine Stele, die eine frühgotische sitzende Madonna mit Kind trägt, entstanden in Südfrankreich um 1320.Kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Berlin. 2. Aufl. Schnell & Steiner, Regensburg 1995 (Schnell, Kunstführer Nr. 1703, Text: Sr. Maria-Theresia Smith OCD), S. 15 (Raum), S. 18 (Altarraum), S. 23 (Madonna).