Die Familie Stumm gehört zu den berühmtesten Orgelbauerdynastien Deutschlands. Sie wurde von Johann Michael Stumm begründet. Er und seine Nachkommen bauten in sechs Generationen nach heutigem Forschungsstand ca. 400 Orgeln, von denen ungefähr die Hälfte noch größtenteils erhalten ist.

mini|Stumm-Orgel in Amorbach

Wirkungsbereich Die Wurzeln der Familie sind in Sulzbach bei Rhaunen im Hunsrück zu finden. 1669 wurde Johann Nikolaus Stumm dort geboren, der „auf dem Birkenfeld“ bei Schauren einen Eisenhammer errichtete. Von dort aus prägte über einen Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten die Orgelbauerfamilie nachhaltig den mittelrheinischen Orgelbau. Konzentrierte sich das Wirkungsgebiet anfänglich auf den Hunsrück, reichte es schließlich vom Kölner Raum bis Saarbrücken, von Luxemburg bis in den Odenwald. Bereits Johann Michael erhielt Aufträge in Rheinhessen und im Moseltal von Trier bis Koblenz. In der zweiten Generation wurde das Wirkungsgebiet vom Saarland bis ins Rechtsrheinische erweitert. Auch danach waren die Stumm gefragte Orgelbauer. Erst im 20. Jahrhundert mussten die Werkstätten aufgegeben werden, da die moderner arbeitende Konkurrenz bevorzugt wurde. Stumm-Orgeln stehen in evangelischen und katholischen Kirchen und Abteien, aber auch in fürstlichen Kapellen und Schlosskirchen. So gehörte u. a. der Kurfürstliche Hof von Mannheim zum Kundenkreis. An der Abnahme der dort 1777 durch Stumm errichteten Orgel der Trinitatiskirche war Mozart beteiligt. Abbé Vogler gab auf ihr seine berühmten Konzerte. Angeblich soll Katharina II. von Russland versucht haben, die Stumm zu bewegen, eine Orgel nach St. Petersburg zu liefern.Ev. Kirche Nieder-Wiesen, abgerufen am 16. Mai 2019. Etliche Instrumente, die mittlerweile mustergültig restauriert oder rekonstruiert wurden, legen Zeugnis von der hochstehenden Qualität der Orgelbauerfamilie Stumm ab.

Werk Der Begründer der Dynastie, Johann Michael Stumm, verschmolz französische, süddeutsch-österreichische und mitteldeutsche Einflüsse zu einer eigenständigen Synthese. Die Auswahl bester Materialien und die Verwendung von hochwertigem Eichenholz, das über 15 Jahre hinweg gelagert wurde, galt schon im 18. Jahrhundert als Garant für bestmögliche Qualität. Eine vom Orgelbauer Johannes Irrlacher erbaute Hausorgel für den Kirner Bürger Johannes Hildenbrand (mit den Registern Bourdon 8′, Rohrflöte 4′, Octav 2′, Salicional 2′ repetierend auf c1 auf 4′, Quint ′ repetierend auf c1 auf ′) bildete offensichtlich eine weitere Inspiration für Johann Michael Stumm. Diese Disposition bildete den Grundstock an Stimmen in den Nebenwerken seiner erbauten Orgeln. Die von Johann Michael Stumm entwickelte Bauweise blieb für das gesamte Unternehmen prägend und wurde durch die Generationen tradiert. Die Firma gelangte in der zweiten Generation mit Johann Philipp und Johann Heinrich zu einer Blütezeit, was Qualität, Verbreitung und Renommee anbelangt. Die späteren Generationen knüpften an den guten Ruf an und führten die Bauprinzipien konservativ fort. Bis zuletzt zeichnen sich die Instrumente durch hohe Verarbeitungsqualität und eine charakteristische Intonation aus.

Klanglich typisch für Stumm-Orgeln sind die warmen, singenden, leicht streichenden Prinzipale, die in den ersten Generationen im Hauptwerk zu vollständigen Prinzipalchören ausgebaut sind (8′, 4′, ′, 2′, ′, 3- oder 4-fache Mixtur auf 1′-Basis). So sind alle Aliquotregister ebenfalls als Prinzipale gebaut und auch dementsprechend intoniert. Der Flötenchor ist durch rauchige Gedacktregister und das hochgebänkte Cornet gekennzeichnet, die Zungenstimmen in französischer Tradition sind kräftig intoniert (Trompet, Krummhorn, Vox humana, Vox angelica 2′, und Posaunbaß im Pedal). Hinzu treten Streichregister und Solostimmen wie Viol di Gamb 8′, Quintathön 8′ oder die aus Birnbaum gefertigte Flaut travers (Diskant) sowie in den ersten Generationen ein eigentümliches Solicinal 2′ (Bass C–h°) repetierend 4′ (Diskant ab c1). Die Einzelregister zeichnen sich durch eine große Klangverschmelzung aus und sind zugunsten der klanglichen Einheit nicht stark hervorstechend.Bösken: Stumm, Orgelbauerfamilie. 1965, S. 1639 f. Das Gedackt wird fast immer als „Hohlpfeif“ bezeichnet. Verschiedene Flöten- und Zungenregister erfahren eine Aufteilung in Bass/Diskant; die Flauttravers tritt sogar nur im Diskantbereich auf. Vor allem bei den späteren Werken findet sich bei einmanualigen Werken eine Zunahme der Schleifenteilung. Ab der fünften Generation wurden mehr grundtönige Register eingesetzt, die Zahl der Aliquotregister und Zungen reduziert und die Intonation insgesamt weicher. Dennoch bleibt das Klangbild dem Spätbarock verhaftet, sodass Stumm-Orgeln ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als altmodisch galten,Trierer Orgelpunkt: Die Orgelbauerdynastie Stumm, abgerufen am 17. Mai 2019. obwohl ab 1870 zum Bau von Kegelladen übergegangen wurde und man zum Teil auch doppelt labiierte oder überblasende Register disponierte. Der aus der letzten Zeit noch erhaltene Schriftverkehr belegt aber auch, dass das damals aufkommende Sachverständigenwesen die Orgelbauer Stumm vorurteilsbehaftet als konservativ und rückständig brandmarkt, um anderen, favorisierten Orgelbauern der Zeit eine Chance einzuräumen.Bösken: Stumm, Orgelbauerfamilie. 1965/1981, S. 54 f.

Die architektonische Bauweise und die klangliche Konzeption des Grundtyp erfuhren durch die Generationen wenig Veränderungen und wurden entsprechend den räumlichen Gegebenheiten und der Größe der Instrumente nur modifiziert. Im Detail können aber 30 verschiedene regionale Prospekttypen unterschieden werden, von denen etwa die Hälfte auf Stumm zurückzuführen ist und vor allem in der zweiten Generation, vereinzelt bis 1830 entwickelt wurde. Einige darunter dienten später anderen Orgelbauern als Modell.Anneliese Bösken (Hg.), Hermann Fischer und Matthias Thömmes (Bearb.): Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Bd. 4: Regierungsbezirke Koblenz und Trier, Kreise Altenkirchen und Neuwied, Teilband 2: Ma – Z. Schott, Mainz 2005, ISBN 3-7957-1342-0, S. 31. Während Johann Michael bei größeren Instrumenten gerne ein Rückpositiv bevorzugte, integrierten seine Nachfahren das zweite Manual als Unterpositiv in der Brüstung unter das Hauptwerkgehäuse. Von Johann Michael Stumm stammt auch die Idee, ergänzend zum Rückpositiv ein Echowerk zu bauen, das dann im Untergehäuse der Hauptorgel platziert wurde, zusätzlich umschlossen von einem separaten Kasten. Auf die Orgelbauerfamilie Stumm soll auch die Erfindung der seitenspieligen Orgel zurückgehen. Entsprechend mittelrheinischer Tradition beträgt der Umfang des Pedals oft nur eine oder anderthalb Oktaven (C-d0 bzw. C–g0). Die bereits erwähnte Kegellade kam am Ende der fünften Generation zum Einsatz; die Prospektgestaltung war ab dieser Zeit neogotisch oder neoromanisch geprägt und oft, wie damals üblich, von einem Architekten oder Kirchenbaumeister vorgegeben.

Berühmte Vertreter Neben den genannten Vertretern arbeiteten weitere Familienmitglieder mit.

Erste Generation Leben Johann Michael Stumm (* 10. April 1683 in Sulzbach/Hunsrück; † 22. April 1747 in Sulzbach) wurde als Sohn von Johann Christian Stumm geboren. Seit Generationen arbeiteten Familienmitglieder als Schmiede oder im Hüttenwesen. Sein Bruder Johann Nikolaus war Begründer der Montanunternehmerfamilie Stumm. Johann Michael ging zunächst von etwa 1696 bis 1701 als Goldschmied in die Lehre. Er heiratete Eulalia Gertraude Laux im Jahr 1706 in Sulzbach, wo er sich 1714 niederließ. Den beiden wurden zwei Töchter und sechs Söhne geschenkt. Nach dem Gewinn einer kleinen Hausorgel in einer Lotterie, die er reparieren musste, wandte er sich dem Orgelbau zu. Unklar ist, bei wem er seine Lehrjahre als Orgelbauer verbrachte und wer ihn maßgeblich beeinflusst hat. Infrage kommen beispielsweise Jacob Irrlacher, Johann Hoffmann, Johann Jakob Dahm und Otto Reinhard Mezenius, von denen jedoch niemand als Lehrmeister Stumms nachgewiesen ist.Anneliese Bösken (Hg.), Hermann Fischer und Matthias Thömmes (Bearb.): Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Bd. 4: Regierungsbezirke Koblenz und Trier, Kreise Altenkirchen und Neuwied, Teilband 2: Ma – Z. Schott, Mainz 2005, S. 29. Als Meister wird er erstmals im Vertrag mit Münstermaifeld bezeichnet.

Stilistik Das Orgelbauwerk Johann Michaels zeigte in der Disposition französische Einflüsse. Kennzeichnend hierfür ist vor allem die Einteilung in Hauptwerk und Rückpositiv. Die Prospektgestaltung wird von drei Rundtürmen geprägt, was auf rheinischen Einfluss zurückgeht, während nur bei den ersten Orgelneubauten in Münstermaifeld und Rhaunen die typisch mainfränkischen Harfenfelder begegnen. Die zweite Generation entwirft immer weiter ausladende Prospektfronten, die z. B. mit den Orgeln in Amorbach, Saarbrücken oder Frankfurt ihren Höhepunkt erreichen.

Werkliste Die Größe der Instrumente wird in der fünften Spalte durch die Anzahl der Manuale und die Anzahl der klingenden Register in der sechsten Spalte angezeigt. Ein großes „P“ steht für ein selbstständiges Pedal, ein kleines „p“ für ein angehängtes Pedal. Eine Kursivierung zeigt an, dass die betreffende Orgel nicht mehr erhalten oder lediglich der Prospekt erhalten ist.