mini|Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich, Titelblatt von 2010 Das Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich (kurz JbGPrÖ oder JGPÖ) ist eine seit 1880 meist jährlich erscheinende Zeitschrift, die vom Vorstand der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich herausgegeben wird. Das Jahrbuch konzentriert sich auf die Rekonstruktion der – sowie auf die Reflexion über die – Vergangenheit der Evangelischen Kirche in Österreich, bezieht aber auch das Täufertum des 16. Jahrhunderts sowie neuere Freikirchen mit ein.

Gründung der „Gesellschaft“ In Österreichs evangelischer Kirche gab es periodische Medien erst seit den 1850er Jahren. Ab 1868 erschien in Brünn die Kirchenzeitung Halte, was du hast. In dieser Zeitung regte Gustav Trautenberger die Gründung einer „Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich“ an, im Hinblick auf das bevorstehende 100-Jahr-Jubiläum des Toleranzpatents von 1781. Carl Alphons Witz-Oberlin,Er lebte von 1845 bis 1918. Siehe Carl Alphons (Charles Alphonse) WITZ-OBERLIN. In: Evangelischer Friedhof Simmering, Friedhofsverwaltung, abgerufen am 31. März 2025. Oberkirchenrat der evangelischen Kirche H.B., griff diese Anregung auf und wurde zum eigentlichen Begründer der Gesellschaft.Siehe seinen Rückblick im JbGPrÖ. 25 (1904), S. 1–4. – Einige Titelblätter des Jahrbuchs gaben das ausdrücklich so an: „In Verbindung mit Theodor Haase und G. Trautenberger / Begründet von C.A. Witz-Oberlin“, z. B. JbGPrÖ. 1904 oder 1908. Deren Gründung erfolgte 1879 in Wien; im August wurden die Satzungen durch das k.k. Ministerium des Innern genehmigt.Über „Die Entstehung unserer Gesellschaft“ wird am Beginn des ersten Heftes berichtet: JbGPrÖ. 1 (1880), S. 1–10 (). Damit ist sie „die älteste territorialkirchengeschichtliche Vereinigung im deutschsprachigen Protestantismus“.Reingrabner: Vorbemerkungen. In: JbGPrÖ. 120 (2004), S. 11–15, hier S. 15. Erster Präsident dieser Gesellschaft wurde Karl Ritter von Otto. Er stammte aus Jena und war als Professor für Kirchengeschichte an die k. k. evangelisch-theologische Facultät in Wien berufen worden – das war die erste Berufung eines Ausländers an diese 1821 ursprünglich als k. k. protestantisch-theologische Lehranstalt gegründete Fakultät. 1850 wurde diese Lehranstalt zu einer – jedoch nun evangelisch-theologischen – Fakultät,Gustav Frank: Die K. K. evangelisch-theologische Facultät in Wien von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Zur Feier ihres fünfzigjährigen Jubilaeums. Wilhelm Braumüller, Wien 1871 (). blieb aber noch weiterhin außerhalb der Universität Wien. Im Vergleich zur damaligen Bezeichnung der Fakultät (also evangelisch-theologisch) wurden die „Gesellschaft“ und dann auch ihr Jahrbuch dem Protestantismus gewidmet.Diese Unterscheidung wird, speziell im Hinblick auf das JbGPrÖ, hervorgehoben von Peter F. Barton: Georg Loesche und das Periodisierungsproblem der Fakultätsgeschichte. Zwischen Politik, Kirchenpolitik, Kulturprotestantismus und Nationalismus. In: Schwarz, Wagner: Zeitenwechsel. S. 50–69, dort S. 65–66. Als Kirchenhistoriker ist Otto bekannt für seine Erforschung der frühchristlichen Apologeten. In Wien wandte er sich dann auch der österreichischen Reformationsgeschichte zu (er publizierte über Caspar Tauber und Kaiser Maximilian II.).Leeb: Kirchenhistoriker. S. 18–21.

Das Jahrbuch und seine Namensänderungen Das Jahrbuch dieser Gesellschaft begann im Jahr nach ihrer Gründung zu erscheinen, im April 1880 – im selben Jahr wie die Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Das Jahrbuch gehört damit zu den ältesten noch existierenden deutschsprachigen wissenschaftlichen Zeitschriften.In Frankreich gab es ein deutlich älteres Vorbild, nämlich die bereits 1852 gegründete Zeitschrift Le Bulletin de la Société de l’Histoire du Protestantisme Français. Für eine private Gesellschaft ohne staatliche Unterstützung war der Beginn einer Zeitschrift ein großes Unterfangen, daher bemühte man sich darum, viele Mitglieder aus der eigenen Kirche für die Gesellschaft zu gewinnen, um Leser und Unterstützer zu haben.

In den ersten Jahren erschienen jährlich jeweils mehrere Hefte, dann stieg man darauf um, nur einmal im Jahr einen Band auf einmal herauszubringen – eben ein „Jahrbuch“.

Der ursprüngliche Name war etwas länger und beinhaltete zusätzlich den Einschub „der Gesellschaft“: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. Dabei wurde „Geschichte des Protestantismus“ in einem engen Sinn definiert: „Alles, was sich auf die Geschichte unserer Kirche in Oesterreich bezieht“.So der Central-Vorstand: Die Entstehung unserer Gesellschaft. In: JbGPrÖ. 1 (1880), S. 6.

Seit 1926 wurde „in Österreich“ ersetzt durch: „im ehemaligen und im neuen Österreich“. Der Rückbezug auf das ehemalige Österreich meinte speziell die österreichische Reichshälfte der Habsburgermonarchie (Ungarn eher ausklammernd); man wollte sich also nicht auf die heutigen Grenzen Österreichs beschränken, wie sie nach 1918 die verkleinerte „Republik Österreich“ hatte – auf diese bezog sich die – also durchaus nicht euphorisch gemeinte – Bezeichnung neues Österreich. Bei der Betrachtung der Habsburgermonarchie lag der Schwerpunkt allerdings deutlich auf dem deutschsprachigen Protestantismus.

Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 wurde die Angabe der Region im Namen des Jahrbuches verkürzt auf: „im ehemaligen Österreich“.

Das Ende des Ersten Weltkrieges (1918) bedeutete durch das Auseinanderbrechen der Habsburgermonarchie und damit verbunden die wesentliche Änderung des Inhaltes von „Österreich“ einen starken Einschnitt für das Studium der österreichischen Protestantengeschichte. Durch die Errichtung des „Ständestaates“ (1934), der den Katholizismus stark bevorzugte, lebten auf evangelischer Seite apologetisch-polemische Neigungen wieder auf. Das geschah jedoch außerhalb der „Gesellschaft“ – in dieser meinte man, die Bedeutung der evangelischen Kirche am besten durch seriöse historische Forschung darlegen zu können.Reingrabner: Gesellschaft. 2004, S. 21–22. Ein radikaler Einschnitt ergab sich auch durch das Ende des Zweiten Weltkrieges (1945) und die damit verbundene Desillusionierung in Bezug auf deutschnationale Ideale, die bis dahin im evangelischen Bereich Österreichs starken Einfluss ausübten.Wie insbesondere die Professoren der Evangelisch-Theologischen Fakultät in den verschiedenen Phasen der Geschichte Österreichs agierten, wurde untersucht von Karl Schwarz: „Haus in der Zeit“: Die Fakultät in den Wirrnissen dieses Jahrhunderts. In: Schwarz, Wagner: Zeitenwechsel. 1997, S. 124–208. Dabei bezieht Schwarz allerdings das „Jahrbuch“ nicht als Quelle mit ein.

Seit 1980 gibt es den heutigen Titel, durch die Rückkehr zu „in Österreich“ sowie durch den Wegfall des ursprünglichen Zusatzes „der Gesellschaft“.Die Veränderungen werden aufgelistet bei Andreas Lawaty u. a. (Hrsg.): Deutsch-polnische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart. Bibliographie. Band 2. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 2000, S. 31 ().

Bedeutung des Jahrbuchs Insgesamt fielen 5 Jahrgänge aus, und zwar in der Nachkriegszeit (1946–1950).Deshalb trug z. B. der im Jahr 2010 erscheinende Jahrgang die Nummer 126, also 131 minus 5 (da 1880 der Jahrgang 1 erschien, würde man 2010, also 130 Jahre später, den Jahrgang 131 erwarten). Von dieser Lücke abgesehen, gelang die kontinuierliche Herausgabe des Jahrbuches über nunmehr bereits mehr als ein Jahrhundert hinweg. Diese Aktivität der „Gesellschaft“ erfolgte also sehr konstant, während andere Aktivitäten nur zeitweise intensiv betrieben wurden, etwa im Bereich des Sammelns und des Vortragsveranstaltens.

Eine ähnliche Zeitschrift für die Geschichte des Katholizismus in Österreich gibt es nicht, obwohl dieser hier weit einflussreicher war und ungefähr 20-mal so viele Mitglieder hat wie die Evangelische Kirche. Die Gründung einer protestantismusgeschichtlichen Zeitschrift erfolgte wohl aus der Erfahrung einer oft benachteiligten Minderheit: Man erwartete sich von der „Erforschung und Darstellung der Passionshistorie unserer Kirche“ eine Förderung „für das kirchlich-religiöse Leben der Gegenwart“, wie es bereits im ersten Band hieß.JbGPrÖ. 1880, S. 9, in der dort abgedruckten Eingabe des Central-Vorstandes der Gesellschaft an den k. k. evangelischen Oberkirchenrat. Das Anliegen der „Identitätsfindung“ begleitete die protestantismusgeschichtliche Forschung.Reingrabner: Gesellschaft. S. 18 f.

In einem Rückblick schätzt Reingrabner „das Echo auf das Jahrbuch“ als nicht groß ein, und meint, dass „die Zahl der Mitglieder stets klein war“. Auch die „Unterstützung aus dem Ausland war … insgesamt … eher gering“.Reingrabner: Vorbemerkungen. In: JbGPrÖ. 120 (2004), S. 11–15, hier S. 11–13. – Zum geringen Echo siehe auch Reingrabner: Gesellschaft. S. 19, 24.

Die im Jahrbuch veröffentlichten Beiträge tendieren zum Äußerlich-Faktischen. Sie vermeiden antikatholische Polemik, widmen sich nur selten methodischen Fragen der Kirchengeschichtsschreibung, und die Aufnahme neuer Ansätze der deutschen reformationsgeschichtlichen Forschung erfolgte nur zögernd.Reingrabner: Gesellschaft. S. 18 f., 24 f. Aber einzelne im Jahrbuch publizierte Ansätze wurden in der Geschichtsforschung aufgegriffen, etwa Reingrabners Beschreibung einer „Bikonfessionalität“ im Selbstverständnis des Adels in Niederösterreich während der ersten Jahrzehnte der Reformation Martin Luthers.Gernot Heiß: Reformation und Gegenreformation (1519–1618). In: Erich Zöllner (Hrsg.): Die Quellen der Geschichte Österreichs (= Schriften des Institutes für Österreichkunde; 40). Österreichischer Bundesverlag, Wien 1982, S. 114–132, dort 123 f., über Reingrabners „ausgezeichnete Einführung in die Auswertbarkeit der verschiedensten Quellengattungen zum religiösen Selbstverständnis“. Reingrabners Studie erschien in JbGPrÖ. 90/91 (1975), S. 3–59.

Herausgeber und Verlage Im ersten Jahrzehnt war ein Gremium für die Herausgeberschaft zuständig. Danach wurde ein Jahrhundert lang jeweils ein einzelner Kirchenhistoriker als Herausgeber genannt: Ab 1891, über vier Jahrzehnte hinweg, Georg Loesche.Zu den aufeinanderfolgenden Herausgebern Loesche, Völker, Dedic und Kühnert siehe Leeb: Kirchenhistoriker. S. 21–40. Er kam aus Berlin und war der Nachfolger von Otto als Professor für Kirchengeschichte. Als solcher machte er die österreichische Protestantengeschichte zu seinem Hauptarbeitsgebiet. Er sichtete und verwertete zahlreiche Quellen, seine Publikationen bekamen aber zunehmend eine kämpferische, apologetische Schlagseite. 1902 publizierte er seine Geschichte des Protestantismus in Oesterreich in Umrissen, und zwar „im Auftrage der Gesellschaft …“ – eine solche Gesamtdarstellung war ein großes Anliegen der „Gesellschaft“: Die im Jahrbuch veröffentlichten Detailforschungen sollten zu einer solchen soliden Gesamtdarstellung hinführen. Loesches Protestantismusgeschichte erschien noch in erweiterten Auflagen (21921, als Doppelband 40/41 des JbGPrÖ, und 31930) und hatte großen Einfluss. Im „Jahrbuch“ veröffentlichte Loesche regelmäßig Bibliographien.Peter F. Barton: Georg Loesche und das Periodisierungsproblem der Fakultätsgeschichte. In: Schwarz, Wagner: Zeitenwechsel. 1997, S. 50–69, dort 65 listet Barton sämtliche Bibliographien von Loesche (von 1886 bis 1927) auf.

Ab 1930 war Karl Völker der Herausgeber des Jahrbuches. Er stammte aus Lemberg, wo er zweisprachig aufgewachsen war. Dadurch hatte er gute Voraussetzungen zur Erforschung der Kirchengeschichte Polens. Kurz nach der Eingliederung der Evangelisch-Theologischen Fakultät (als zweite Theologische Fakultät) in die Universität Wien (1922) wurde Völker hier Professor für Kirchengeschichte. Er hatte mehrere Schüler, die später selbst als Forscher hervortraten – u. a. die beiden nachfolgenden Jahrbuch-Herausgeber Dedic und Kühnert. 1937 starb er, erst 50-jährig.