Die schweren Kämpfe von Oktober 1944 bis Februar 1945 im Gebiet der Nordeifel (südöstlich von Aachen) werden als Schlacht im Hürtgenwald bezeichnet. Unterschieden werden dabei drei Abwehrschlachten zwischen der Wehrmacht und der angreifenden US Army. Die Waldkämpfe um den Hürtgenwald zählen zu den schwersten Kämpfen der US Army im Zweiten Weltkrieg. Diese Waldkämpfe gelten als die ersten Gefechte der US Army in dieser Art von Gelände.
Landschaft Ort der Schlacht war ein 140 km² großes Waldplateau nordöstlich der belgisch-deutschen Grenze, südlich der Linie Aachen–Düren und westlich der Rur gelegen. Heute wird es Hürtgenwald genannt. Es besteht aus den Forsten Merode, Wenau, Hürtgen und Roetgen mit dichten Wäldern, unbewaldeten Hügeln, tiefen Taleinschnitten und dünner Besiedlung.
Vorgeschichte Nach der Landung in der Normandie am D-Day (6. Juni 1944) kämpften die westlichen Alliierten im Rahmen der Operation Overlord darum, dort eine feste Basis aufzubauen und die Deutschen aus Nordfrankreich zurückzudrängen. Zunächst konnten die Alliierten nur geringe Geländegewinne erzielen. Mit der Operation Cobra (auch als „Durchbruch bei Avranches“ bezeichnet; 24. Juli bis zum 4. August 1944) gelang es, die deutschen Stellungen im Westen des Invasionsgebietes zu durchbrechen. In dem folgenden motorisierten Bewegungskrieg in Nordfrankreich konnten durch das unerwartet schnelle Vorrücken der alliierten Streitkräfte diese den dafür notwendigen Nachschub nicht mehr sicherstellen und der Vormarsch geriet im Raum Aachen vor dem Westwall ins Stocken. Das gab den Deutschen die Gelegenheit, ihre schwer angeschlagenen Truppen zu reorganisieren und Verteidigungsstellungen zu errichten. (siehe auch: Deutsche Westfront 1944/1945)
Die Alliierten wollten zwischen Aachen und Monschau in einem Waldgebiet bei Hürtgen (heute Gemeinde Hürtgenwald im Kreis Düren) durchbrechen und den entlang der Rurfront in der Jülicher Börde stehenden deutschen Verbänden in die Flanke fallen, um ihren Truppen auf dem Weg zum Rhein dort den Stellungskrieg zu ersparen. Sie fürchteten auch eine Überflutung durch Sprengung der Rurtalsperre und Flankenangriffe aus der Eifel bei ihrem Vorstoß zum Rhein. Deshalb versuchten sie einen Angriff durch die Bergregion, ohne sich über die Gegebenheiten in diesem unwegsamen Gelände im Klaren zu sein.
Die deutsche Abwehr verfolgte zwei Ziele: Um einen befürchteten amerikanischen Durchbruch in der Jülicher Börde zu verzögern und einen Flankenangriff auf die entlang der Rurfront stehenden deutschen Verbände zu verhindern, sollten das Gebiet und der Zugang zur Rurtalsperre wegen der Überflutungsmöglichkeit verteidigt werden. So sollte ein alliierter Durchbruch zum Rhein unterbunden werden. Zudem wurde die Eifel als Aufmarschgebiet für die Ardennenoffensive benötigt, die Mitte Dezember 1944 beginnen sollte. Die Region musste deshalb in deutscher Hand bleiben, wollte man nicht die Geheimhaltung aufs Spiel setzen und sich der Gefahr von Flankenangriffen aussetzen. Der Hürtgenwald konnte wegen des bergigen Geländes gut verteidigt werden.
Kampfhandlungen Am Vormittag des 6. Oktober 1944 begann der Vormarsch der zur 1. US-Armee gehörenden 9. US-Infanteriedivision unter dem Oberbefehl des V. US-Corps gegen die deutsche 275. Infanterie-Division auf der gesamten Breite des Angriffsgeländes.Charles B. MacDonald: The Siegfried Line Campaign, S. 328–340. In diesem Waldgebiet gelang es jedoch kaum, Ziele für die alliierte Artillerie und Luftwaffe auszumachen. Größtenteils machte das Gelände den Einsatz schwerer Fahrzeuge unmöglich, weil die wenigen Wege für schwere Fahrzeuge kaum oder gar nicht geeignet waren. Weitere Probleme für die US-Truppen waren die genaue Ortskenntnis der Wehrmacht und deren sorgfältige Vorbereitungen von Feuerplänen und -stellungen für Artillerie, Mörser und MGs. Die Verteidiger waren durch das bergige und waldige Gelände im Vorteil, das die amerikanische Überlegenheit an Kriegsgerät weniger zur Geltung kommen ließ; außerdem standen ihnen die Befestigungen des Westwalls zur Verfügung. Der in den späten 1930er Jahren erbaute Westwall war vielerorts verfallen und entwaffnet; das unübersichtliche deutsche Stellungssystem bot aber gute Verteidigungsmöglichkeiten und war ein schweres Hindernis für Angreifer. Das unebene und stark bewaldete Gelände begünstigte Infiltrationstaktiken und erschwerte den Aufbau einer zusammenhängenden Front. Die US-Truppen litten außerdem darunter, dass ihre Mörsergruppen Lichtungen zum Aufbau von Feuerstellungen benötigten, die es vielerorts einfach nicht gab; ihren Infanteristen fehlte oft die Unterstützung durch Mörser.
Die US-Soldaten waren dazu gezwungen, einen Grabenkrieg zu führen, der für beide Seiten sehr kräftezehrend war. Dabei wirkte sich erschwerend aus, dass die Amerikaner praktisch keine Erfahrung im Gebirgs- und Kleinkrieg besaßen, während die Deutschen durch die Erfahrungen der vergangenen Kriegsjahre damit vertraut waren. Viele ältere Offiziere hatten auch noch Erfahrungen aus dem Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg. Im Wald- und Bergland gab es nur wenig Ansatzpunkte für die Luftwaffe und gepanzerte Fahrzeuge, so dass die Infanterie die Hauptlast der Kämpfe trug. Die Deutschen verwandelten den dichten Wald mit unzähligen Schützenlöchern, Gräben und dem massiven Einsatz von Minen in eine Festung; in den Bäumen versteckte Scharfschützen („Baumschützen“) forderten einen stetigen Blutzoll. Baumkrepierer (d. h. Artilleriegranaten, die so eingestellt wurden, dass sie in Baumwipfelhöhe detonierten und somit den Boden noch zusätzlich mit Holzsplittern übersäten) erwiesen sich als sehr gefährlich für die ohne ausreichende Deckung vorgehenden Angreifer. Teilweise schoss die deutsche Artillerie mit Granaten, die einen Doppel- oder Zeitzünder besaßen und noch in der Luft detonierten, was die Splitterwirkung im Vergleich zu herkömmlichen Granaten mit Aufschlagzündern um das Anderthalbfache erhöhte. So blieb der Angriff im Wald stecken und die Höhen blieben in deutscher Hand, obwohl sich die Amerikaner den Gegebenheiten recht schnell anpassten. Die Deutschen hatten Nachschubschwierigkeiten; die kämpfenden Verbände hatten auf dem Rückzug durch Frankreich schwere Verluste erlitten und Ersatz war kaum verfügbar. Durch den Mangel an Treibstoff und Fahrzeugen musste der Nachschub im unwegsamen Gelände oft von Trägerkolonnen nach vorn gebracht werden. Nach zehn Tagen schwerer Kämpfe waren beide Seiten so geschwächt, dass die Kampfhandlungen abflauten. Am Ende der erfolglosen Offensive betrug der Geländegewinn der Amerikaner 2,7 Kilometer, die Verluste betrugen 4500 Mann; die Deutschen verloren 3200 Mann.
mini|Ein amerikanisches Halbkettenfahrzeug bahnt sich den Weg durch die schlammigen Straßen des Hürtgenwalds
Die Allerseelenschlacht Am Ende war die 9. US-Division durch die sehr harten Waldgefechte abgekämpft und wurde am 26. Oktober 1944 durch die 28. Infanteriedivision ersetzt. Der Anblick der schmutzig und abgerissen aussehenden Soldaten der abgelösten Einheit beeinträchtigte den Kampfgeist der weitgehend unerfahrenen Ersatztruppen. Das US-Oberkommando wollte keine Zeit verlieren und plante einen Angriff auf das Dorf Schmidt, das als Kreuzungspunkt vieler Wege und durch seine Höhenlage im so genannten „Stolberg-Korridor“ taktisch und operativ wichtig war. Der Angriffstermin wurde auf den 31. Oktober angesetzt, musste aber wegen schlechten Wetters auf den 2. November verschoben werden. Die 28. Infanteriedivision wurde dabei um zusätzliche Pionier-, Panzer- und Artillerieeinheiten verstärkt, die beim Durchbruch helfen sollten.
Die Deutschen verwandelten währenddessen das Waldgebiet mit zahlreichen Feldbefestigungen und Minenfeldern wieder in eine Festung. Das deutsche Oberkommando war der Ansicht, dass der amerikanische Stoß auf die Rurtalsperre zielte, um mit deren Kontrolle eine Überflutung des Rurtales zu verhindern, die einen amerikanischen Vorstoß in dieser Gegend für Wochen aufgehalten hätte. Dies hätte die deutschen Pläne für die bereits in Vorbereitung befindliche Ardennenoffensive gefährdet, ganz abgesehen von der Gefahr eines Flankenangriffs, falls das Bergland in alliierte Hand gefallen wäre, so dass die deutsche Führung der Verteidigung der Talsperren und damit des Hürtgenwaldes hohe Bedeutung beimaß. Die Amerikaner dagegen unterschätzten die Bedeutung der Talsperren anfangsCharles B. MacDonald: The Siegfried Line Campaign, S. 324 ff. und wählten die Angriffsroute wohl hauptsächlich, um zu verhindern, dass ihre weiter nördlich kämpfenden Truppen bei einem Vorstoß auf den Rhein durch Reserven aus dem Hürtgenwald behindert wurden. Das Primärziel war somit das Festhalten des Gegners und das Binden seiner Streitkräfte. Im Bergland waren auf deutscher Seite die 275. Infanterie-Division sowie die 89. Infanterie- und die 12. Volksgrenadier-Division eingesetzt. Die 116. Panzer-Division stand als Reserve bereit. Alle diese Verbände waren allerdings stark dezimiert und weit unter Sollstärke. So hatte beispielsweise die 275. Infanterie-Division nur noch etwa 5000 Mann.
Der US-Angriff begann planmäßig und gelangte trotz schwerer Verluste schon am 3. November 1944 über Vossenack bis nach Schmidt und ins benachbarte Kommerscheidt. Starkes deutsches Mörser- und Infanteriefeuer konnte im unwegsamen Gelände nicht ausgeschaltet werden, und die vorrückenden Truppen erlitten Verluste durch die ausgedehnten Minenfelder und Baumkrepierer. Von besonderer Bedeutung war dabei der Weg durch die Kallschlucht, die als einzige Nachschubroute von Vossenack nach Schmidt führte. Wegen der schlechten Wege hatten die Angriffsspitzen große Probleme beim Vordringen, insbesondere war es fast unmöglich, Panzer über die schmalen und stark gewundenen Waldwege zu manövrieren. Dieselbe Schwierigkeit behinderte auch die Verteidiger beim Heranführen von Reserven; der Fall des Ortes Schmidt konnte nicht verhindert werden. Die deutsche Führung sah nun die Talsperren bedroht und stellte ausreichende Kräfte für einen Gegenangriff bereit. Die Amerikaner blieben währenddessen unter ständigem Artilleriefeuer, wobei die undurchdringliche und unheimliche Waldlandschaft, die immer noch voller deutscher Scharfschützen und Kampfgruppen steckte, die Kampfmoral der US-Soldaten, die sich in eroberten Ortschaften verschanzten, schwächte.