mini|Von den israelischen Streitkräften enttarnter Tunnel zwischen dem Gazastreifen und Israel (2006) Das Tunnelsystem im Gazastreifen ist ein von der Terrororganisation Hamas kontrolliertes, weitverzweigtes System von Tunneln, die vom Gazastreifen nach Ägypten und Israel führen oder innerhalb Gazas verlaufen, ohne die Grenze zu überqueren. Über die Tunnelverbindungen nach Ägypten werden sowohl Dinge des täglichen Bedarfs als auch Kriegsgerät und Kampfstoffe in unbekanntem Umfang in den Gazastreifen eingeführt. Die nach Israel führenden Tunnel dienen dagegen vorrangig dazu, Terroranschläge zu verüben oder Entführungen vorzunehmen. Des Weiteren nutzen die Hamas-Terroristen sie als Waffenlager sowie für den Abschuss von Raketen. Innerhalb Gazas dienen die Tunnel zudem als Fluchtwege für Hamas-Terroristen und hohe Mitglieder der Organisation. Das ganze Ausmaß der seit 1994 bekannten Untertunnelung im israelischen Grenzgebiet wurde erst im Verlauf der Operation Protective Edge im Juli 2014 deutlich.

Hintergrund mini|Gazastreifen Im Norden und Osten grenzt der Gazastreifen an Israel, im Süden an Ägypten und im Westen an das Mittelmeer. Die Landgrenzen des Gazastreifens werden seit 1994 durch die Sperranlage um den Gazastreifen gesichert. Außer über die Grenzübergänge und den Seeweg gibt es keine offizielle Möglichkeit, den Gazastreifen zu betreten oder zu verlassen. Die Grenzübergänge zu Israel und der Seeweg werden von Israel kontrolliert. Insbesondere Waffen und für den Krieg im weitesten Sinn taugliche Güter können daher nicht von Israel oder über den Seeweg in den Gazastreifen eingeführt werden. Der Grenzübergang nach Ägypten wird durch Ägypten kontrolliert, wobei Israel und Ägypten gemeinsam die Regeln für den Grenzverkehr festlegen. Daher ist auch über den ägyptischen Grenzübergang eine Einfuhr von Waffen und Munition unmöglich. Demzufolge dürften sich seit 1994 keine neuen als kriegstauglich deklarierten Waren mehr im Gazastreifen befinden.Raniah Salloum: Die fleißigen Tunnelgräber von Rafah. In: Spiegel Online, 24. November 2012.

Schmuggeltunnel Tunnelbau mini|Schmugglertunnel bei Rafah (2009) Seit 1994 wurden von Schmugglern Tunnel zwischen Ägypten und dem Gazastreifen gegraben. Ausgehend von Kellern oder aus Olivenhainen wurden die Tunnel in der Regel von unabhängigen Schmugglern gebaut. Sie verliefen unter der Grenze in einer Tiefe von bis zu 18 Metern und können eine Länge von 1,7 km erreichen. Häufig gab es Absprachen zwischen Grundeigentümern und Tunnelbetreibern über die Aufteilung des Gewinns.In the tunnels of Gaza, smugglers risk death for weapons and profit. Times Online. Die Gesamtzahl der Tunnel wurde vor dem Gazakrieg 2008/09 auf etwa 1500,Lebensader Tunnel, Deutschlandfunk, 13. Februar 2010. und 2010 noch auf über 800 geschätzt.Peter Münch: Stählerner Vorhang. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010. Bis 2014 soll die Anzahl jedoch wieder auf weit über 1000 Tunnel mit einer Standardlänge von etwa einem Kilometer angestiegen sein.Gisela Dachs: Die Terror-Tunnel der Hamas. In: Zeit Online, 19. Juli 2014. Aufgrund eingeschränkter Platzverhältnisse wurden die Tunnel sogar auf mehreren Ebenen ausgeschachtet. Die Errichtung eines durchschnittlichen Schmugglertunnels kostete etwa 90.000 US-Dollar.Tunnel fraud leaves Gazans on verge of financial ruin. In: The Observer, 7. Juni 2009.

Einige Tunnel waren nur so groß, dass ein Mensch sich hindurchzwängen kann. Andere Tunnel ermöglichen die Durchfahrt von Fahrzeugen. Die Tunnel sind unterschiedlich ausgebaut. Zum einen gibt es Tunnel, die ohne bergmännische Sicherung angelegt wurden und ständig vom Zusammenbruch bedroht sind. Zum anderen finden sich auch Tunnel, deren Tunnelwandung aus Beton besteht. Einige Tunnel besitzen äußerst tragfähige Röhren mit Lastenaufzügen und Schienen, Stromversorgung sowie Belüftungs- und Sprechanlagen, die sogar die Durchfahrt von Lkws erlauben. (mit Foto), al-monitor.com, 15. Februar 2012. Da durch die Tunnel auch Waffen verschiedener Art geschmuggelt wurden, bemühten sich Israel und Ägypten aus Sicherheitsgründen, den Schmuggel mittels Zerstörung der Tunnel zu unterbinden. Versuche der ägyptischen Armee, den Schmuggel durch unterirdische Stahlkonstruktionen zu verhindern, konnten über tiefliegendere Tunnel (bis zu 40 Meter unter der Erde) allerdings umgangen werden.

Im Vergleich zu den früheren Schmugglertunnel, die nach dem Ersten Gazakrieg zerstört wurden, ist das im Inneren des Gazastreifens angelegte Tunnelsystem der Hamas, das von israelischen Militärs als Metro bezeichnet wird, weitaus aufwändiger und professioneller gebaut. Experten zufolge verfügt es über ein eigenes Stromverteilungssystem, ist komplett beleuchtet und mit Luftfiltern ausgestattet. Fortbewegen kann man sich in den Tunneln unter anderem mit Motorrädern.

Betrieb und Nutzen Der Nutzen der Tunnel wird von israelischer und palästinensischer Seite unterschiedlich dargestellt. Die Hamas bezeichnet die Versorgung der Bevölkerung des Gazastreifens mit Kleidung, Hygieneartikeln, elektronischen Geräten, Medikamenten, Essen und Alltagsgegenständen durch die Tunnel als überlebensnotwendig, ebenso wie die Versorgung mit Treibstoff und Baumaterial (Zement, Kies etc.), die von Israel als kriegsrelevant und daher nur eingeschränkt importfähig eingestuft werden. Viele Palästinenser sehen die Tunnel vor allem in Zeiten der sich wiederholenden Blockaden als Lebensader an, da eine breite Palette von lebenswichtigen Gütern den Gazastreifen auf diese Weise trotz Blockade erreichen könne.Hamas: Background and Issues for Congress (PDF; 787 kB)

Aus Sicht Israels dient das Tunnelsystem nach Ägypten jedoch vorrangig dem Schmuggel von Waffen für die radikal-islamische Hamas, um gegen Israel kämpfen und Raketen auf Israel abfeuern zu können, Schmuggel von Personen, die aufgrund von Visa- oder strafrechtlichen Problemen die Grenzübergänge nicht passieren dürfen, Schmuggel von Waren und Konsumgütern in Zeiten, in denen die Grenzübergänge geschlossen sind (z. B. während der Operation Wolkensäule). So wurde beispielsweise sogar ein Löwe für einen der Zoos in Gaza durch einen der Tunnels eingeführt, der aber aufgrund unzureichender Sedierung während des Transportes erwachte und einen Schmuggler anfiel.James Verini: The Tunnels of Gaza. In: National Geographic, Dezember 2012. Schmuggel von Tramadol.Hamas burns recreational drugs, taxes cigarettes, ynetnews.com

Der Tunnelbau und -betrieb wird von der Hamas kontrolliert und mit hohen Steuern auf die geschmuggelten Waren belegt.

Auswirkungen der Tunnel Israel Seit 1994 sind viele tausend Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung bewohnter Gebiete in Israel abgefeuert worden. Besonders seit dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen im Jahr 2007 haben sich die Angriffe massiv verstärkt. Die Tunnel ermöglichen es der radikalislamischen Hamas, Raketen oder Raketenteile in den Gazastreifen zu schmuggeln.

Gazastreifen Zum Höhepunkt der Blockade arbeiteten rund 15.000 Palästinenser im Bereich der Tunnelwirtschaft, wobei die offizielle Arbeitslosenquote in Gaza bei über 30 % liegt. Die Stadt Rafah, Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde, entwickelte sich in dieser Zeit zu einem florierenden Wirtschaftszentrum und Umschlagplatz für Waren. Aber nicht alle Bewohner des Gazastreifen profitierten durch den Handel. Um an verhältnismäßig teure Güter wie Waffen, Drogen und Luxusgüter zu kommen, müsse Geld aus dem Gazastreifen, das eigentlich zum Aufbau eines funktionierenden Staatssystems zur Versorgung der Bevölkerung dringend notwendig sei, an die Schmuggler gezahlt werden. Dadurch gingen dem Gazastreifen wichtige Finanzmittel verloren. Von dem Handel mit Schmuggelgut aus den Tunneln profitierten vor allen Dingen die Schmuggler, reiche Menschen und die Hamas. Der Handel schade dagegen den bedürftigen Menschen, also der großen Mehrheit der Bevölkerung in Gaza.

Die Hamas profitiert auch direkt von den strikt kontrollierten Tunneln: sie erhebt Steuern von den Tunnelbetreibern bzw. kassiert Schmiergelder, um den Schmuggel durch die Tunnel zu tolerieren.Viergeteilt durch den Tunnel, n-tv Nach Einschätzung von Beobachtern wird das durch Tunnel erwirtschaftete Einkommen der Hamas auf 750 Millionen Dollar pro Jahr eingeschätzt und ist somit eine wichtige Einnahmequelle der Hamas. Zugleich zeigte sich in diesem Zusammenhang ein hohes Maß an Korruption, sodass die Popularität der Hamas sank. Auch der Verdacht, die Hamas profitiere von der Blockade, kam auf.

Die Tunnelarbeiter gehörten lange zu den bestbezahlten Arbeitern in Gaza. Bei einem tödlichen Unfall wurden sie von der islamistischen Hamas als im Widerstand tätige Märtyrer gefeiert. Auch mindestens 160 Kinder sind nach offiziellen Angaben bei Grabungsarbeiten umgekommen.

Ägypten Für die grenznahen, strukturschwachen Regionen Ägyptens ist der illegale Tunnelhandel ebenfalls ein Wirtschaftsfaktor. Der Warenhandel und das Einschmuggeln von Waffen und Personen sind eine wichtige Einkommensquelle für die von der ägyptischen Zentralregierung vernachlässigte Region und die dort lebenden Beduinen, was bereits Auswirkungen auf die überlieferte Lebensweise, die Kultur und sozialen Strukturen der in Ägypten lebenden Negev-Nomaden zur Folge hat.

Gegenmaßnahmen Israel, Ägypten, die Vereinigten Staaten sowie andere NATO-Staaten haben sich darauf verständigt, den Schmuggel nach Gaza auf dem Land- und Wasserweg einzudämmen. Obwohl die israelische Luftwaffe im Gazakrieg 2008/2009 über 100 Tunnel außer Betrieb setzen konnte, wurden viele der Tunnel ein paar Wochen später wieder geöffnet. Seit 2009 versucht Ägypten, die Schmugglertunnel mit Hilfe einer unterirdischen Sperranlage in den Griff zu bekommen. Dazu werden auf einer Länge von 10 Kilometern 30 Meter lange Stahlteile in die Erde gerammt.Peter Münch: . In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.Ägypten baut unterirdische Metallmauer am Gazastreifen, Der Standard, 10. Dezember 2009. Diese Sperranlage ist jedoch nicht vollständig ausgebaut. Auch während der Operation Wolkensäule im Jahr 2012 waren die Schmuggeltunnel Ziel von israelischen Luftangriffen.

Die neue ägyptische Regierung hat seit ihrem Antritt die Kontrollen an den Grenzen verschärft, trotzdem wurden zerstörte Tunnel zunächst wieder aufgebaut, und der lebensgefährliche Schmuggel blühte weiter.Redaktion: Gaza: Jetzt werden die Schmuggeltunnel repariert. In: Zeit Online, 7. November 2012. Das führte zu verschärften Maßnahmen der ägyptischen Regierung. Seit Sommer 2013 wurden durch die ägyptische Armee rund zwei Drittel der etwa 1200 Schmuggeltunnel, die von der Sinai-Halbinsel in das Palästinensergebiet führen, zerstört und so der Schmuggel weitgehend unterbunden. Dadurch wurde der Mangel an lebenswichtigen Gütern im Gazastreifen verschärft, und es kam in der Folge zu einem Ansteigen der Inflation.Markus Symank: Ägypten drängt Hamas ins Abseits. Deutsche Welle, 5. März 2014, abgerufen am 11. Juli 2014.

Am 16. April 2018 stellte die israelische Armee ein System vor, mit dem sie Tunnel aufspüren und neutralisieren kann. Dabei wird mit einem fahrbaren Labor der Boden gescannt, nachdem ein riesiger Bohrer metertief in die Erde eingedrungen ist. Die Soldaten im Labor erstellen aus den übermittelten Daten verschiedene Diagramme und Erhebungen. Sie suchen und entschlüsseln Veränderungen und Unregelmäßigkeiten im Boden, womit sie Tunnel identifizieren können.Armee stellt System zum Aufspühren von Terrortunneln vor. In: Israelnetz.de, 16. April 2018, abgerufen am 1. Mai 2018.