Die sardische Sprache (sardisch: limba sarda [ˈlimba ˈzaɾda] / lingua sarda [ˈliŋɡwa ˈzaɾda]), das Sardische (sardisch: sardu [ˈsaɾdu]), ist eine romanische Sprache, die von ca. 1–1,3 Millionen Einwohnern der Mittelmeerinsel Sardinien gesprochen wird. Im Vergleich mit dem Italienischen und den anderen romanischen Sprachen hat Sardisch verhältnismäßig viele phonetische Elemente des Lateinischen bewahrt. Pei demonstriert eine vergleichende statistische Methode zur Bestimmung des Ausmaßes der Veränderung gegenüber dem Lateinischen für die freien und kontrollierten betonten Vokale des Französischen, Spanischen, Italienischen, Portugiesischen, Rumänischen, Altprovenzalischen und Logudoresischen Sardischen. Durch die Zuweisung von 3½ Veränderungspunkten pro Vokal (mit 2 Punkten für Diphthongierung, 1 Punkt für Veränderung der Vokalquantität, ½ Punkt für Veränderungen aufgrund von Nasalisierung, Palatalisierung oder Umlaut und −½ Punkt für das Versäumnis, eine normale Veränderung herbeizuführen) gibt es ein Maximum von 77 Veränderungspunkten für freie und kontrolliert betonte Vokallaute (11×2×3½=77). Nach diesem System (dargestellt durch sieben Diagramme am Ende des Artikels) ist der prozentuale Veränderungsanteil im Französischen (44 %) am größten und im Italienischen (12 %) und Sardischen (8 %) am geringsten. Auch katalanische und spanische (kastilische) Einflüsse finden sich im Sardischen. Nach einer gängigen Einteilung der Romania wird Sardisch aufgrund seiner Mittelposition zwischen beiden Sprachgruppen weder zu den westromanischen noch zu den ostromanischen Sprachen gerechnet, sondern bildet einen eigenen Zweig der romanischen Sprachen.
Sardisch wird von der UNESCO als eine vom Aussterben bedrohte Sprache eingestuft.
Die romanische sardische Sprache ist nicht mit der vorrömischen, nicht-indogermanischen paläo-sardischen Sprache zu verwechseln, die im Altertum ausgestorben ist.
Auf Sardinien werden weitere romanische Sprachen gesprochen, insbesondere Korsisch an der Nordküste der Insel (schätzungsweise 100.000 Sprecher).
mini|400px|Einteilung des romanischen Sprachraums in Europa und Nordafrika nach Walther von Wartburg (1950): Westromania in Dunkelgrün (Galizisch-Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Okzitanisch, Französisch, Galloitalisch, Rätoromanisch); Ostromania in Hellgrün (Italienisch, Korsisch, Rumänisch); im Mittelalter untergegangene Bereiche in Schwarz; in der Mitte, gestreift, Südromanisch (Sardisch). Die sogenannte Spezia-Rimini-Linie (rot) in Mittelitalien teilt zwischen west- und ostromanischen Dialekten
Schriftsprache Eine für alle sardischen Varietäten gültige gemeinsame Schriftsprache, die Limba sarda comuna (LSC), wurde 2006 experimentell eingeführt; der erste Text in LSC ist das Statut der autonomen Region Sardinien, das am 7. März 2007 ratifiziert wurde;Limba sarda comuna Sardische Kulturagentur siehe auch unten unter Geschichte.
Dialekte mini|300px|Verbreitung der Dialekte des Sardischen (in Ockertönen). Außerdem: Korsisch in Grün, Katalanisch in Blau, Ligurisch in Rosa Die Hauptdialekte des Sardischen sind: Logudoresisch oder Sardu LogudorèsuDie Akzente dienen hier als Aussprachehilfen; sie sind in der LSC sowie in den meisten anderen Schriftsystemen nur in Wörtern, die auf der drittletzten Silbe betont werden, üblich. (Nord- und Zentral-Sardinien); Nuoresisch oder Sardu Nugorèsu (Zentral-Ost-Sardinien), oft als Untervarietät des logudoresischen Dialekts betrachtet; Campidanesisch oder Sardu Campidanèsu (Süd-Sardinien).
Grammatik Besonders auffällig ist im Sardischen der bestimmte Artikel: Im Unterschied zu den anderen romanischen Sprachen mit Ausnahme des Mallorquinischen geht dieser nicht auf das lateinische Demonstrativpronomen ille, illa, illud (z. B. italienisch il/lo, la, französisch le, la, spanisch el, la) und die jeweiligen Pluralformen zurück, sondern leitet sich von lat. ipse, ipsv(m), ipsa(m) etc. her: Im Singular lauten die sardischen bestimmten Artikel su (mask. sing.), sa (fem. sing), im Plural sos (mask. pl.) und sas (fem. pl.) im Logudoresischen, im Campidanesischen is für beide Genera.
Wie etwa im Spanischen und Rumänischen wird das direkte Objekt mit einer Präposition markiert (sogenannter präpositionaler Akkusativ): deo bìdo a Maria („ich sehe Maria“ (wörtlich: ich sehe zu Maria)).
Das Sardische bildet wie die westromanischen Sprachen den Plural auf -s, beispielsweise sa domo > sas domos; su cane > sos canes.Grammatik der limba sarda comuna (PDF; 427 kB)
Konjugation a-Konjugation (Beispielwort: furare „stehlen“)
Indikativ Singular Plural 1. 2. 3. 1. 2. 3. Aktiv Präsens furo furas furat furamus furades furant Imperfekt furaia furaias furaiat furaìamus furaiais furaiant Futur I apo a furare as a furare at a furare amus a furare ais a furare ant a furare Perfekt soe furadu ses furadu est furadu semus furados seis furados sunt furados Plusquamperfekt fio furadu fias furadu fit furadu fìmus furados fizis furados fint furados Futur II apo a essere furadu as a essere furadu at a essere furadu amus a essere furados ais a essere furados ant a essere furados Konjunktiv Singular Plural 1. 2. 3. 1. 2. 3. Aktiv Präsens fure fures furet furemus fureis furent Imperfekt furere fureres fureret fureremus furereis furerent Perfekt sia furadu sias furadu siet furadu semus furados sieis furados siant furados Plusquamperfekt fiat furadu fis(tis) furadu fit furadu fìmus furados fizis furados fint furados Konditionalis Singular Plural 1. 2. 3. 1. 2. 3. Aktiv Präsens dia furare dias furare diat furare diamus furare dieis furare diant a furare Perfekt dia essere furadu dias essere furadu diat essere furadu diamus essere furados dieis essere furados diant essere furados Imperativ Singular Plural 1. 2. 3. 1. 2. 3. Aktiv Präsens — fura furet furamus furade furent Non-finite Formen Aktiv Passiv Präsens Perfekt Futur Präsens Perfekt Futur Infinitive furare essere furadu — — — — Partizipien furende essende furadu — — furadu —
Phonetik und Phonologie Charakteristisch ist der weitestgehende Erhalt des regionalen vulgärlateinischen Vokalsystems, v. a. im Logudoresischen und Nuoresischen (im Campidanesischen nur in betonter Stellung, in unbetonter Position ist eine Reduktion auf -a, -i, -u zu beobachten, ähnlich wie im Sizilianischen).
In den logudoresischen und nuoresischen Dialekten bleiben die lateinischen intervokalischen Plosive (p, t, k) weitestgehend intakt, vor allem der Erhalt der lateinischen velaren Aussprache von -C- (/k/) fällt auf: z. B. lat. centu(m) (sprich: /kentu/) '100' > logudoresisch kentu (vgl. italienisch cento, französisch cent). Dieser Archaismus findet sich sonst nur im ausgestorbenen Dalmatischen.
Besonderheiten des Sardischen sind außerdem die Metaphonie (Umlaut), die Epithese („Nachklappvokal“: Wenn ein Wort bzw. Satz auf Konsonant endet, wird der vorherige Vokal wiederholt: z. B. sas domos – sprich: /sar oder sal domoso/) sowie die Existenz des (nur in der Geminate auftretenden) Retroflex-Konsonanten [ɖɖ], der graphisch meist mit -dd-, -ḍḍ- oder -ddh- wiedergegeben wird.
+ Vokale Vorne Zentral Hinten Geschlossen Halbgeschlossen Halboffen Offen + Konsonanten Bilabial Labiodental Dental Alveolar Postalveolar Retroflex Palatal Velar Nasal Plosiv Affrikate Frikativ Approximant Flap Vibrant Lateral
Lautverschiebungen vom Lateinischen hin zum Sardischen LautverschiebungBeispielLateinischVulgärlatein(2. Jhd.)Vulgärlatein(4. Jhd.)Vulgärlatein(6. Jhd.)Vulgärlatein(7. Jhd.)Sardisch[w] → [v] → [b]vīnum[ˈwiː.nũː]vinu[ˈvi.nu]vinu[ˈvi.nu]vinu[ˈvi.nu]vinu[ˈvi.nu]binu[ˈbi.nu][p] → [b] → [β]caput[ˈkä.pʊt]capu[ˈkä.pʊ]capu[ˈkä.pu]capu[ˈkä.pu]cabu[ˈkä.bu]cabu[ˈkä.βu][kʷ] → [p] → [b]aqua[ˈä.kʷä]aqua[ˈä.kʷä]aqua[ˈä.kʷä]apa[ˈä.pä]aba[ˈä.bä]abba[ˈä.bä][t] → [d] → [ð]rota[ˈrɔ.tä]rota[ˈrɔ.tä]rota[ˈrɔ.tä]rota[ˈrɔ.tä]roda[ˈrɔ.dä]roda[ˈɾɔ.ðä]
Geschichte Die geografische Isolation Sardiniens vom europäischen Festland förderte die Entwicklung einer romanischen Sprache, die Spuren einheimischer vorrömischer Sprache(n) bewahrt hat. Es wird angenommen, dass die Sprache substratale Einflüsse aus dem Paläo-Sardischen hat, das einige Wissenschaftler mit dem Baskisch und Etruskisch in Verbindung gebracht haben. Adstratale Einflüsse sind katalanisch, spanisch (kastilisch) und italienisch.
300px|mini|rechts|Ausbreitung des lateinischen Sprachraums (rot). Die Farbtöne geben die Dauer der römischen Herrschaft in Jahren an (dunkelrot ca. 500, mittelrot 400–500, hellrot ca. 350, blassrot weniger als 190). In schwarzen Lettern: Namen von aus Latein entstandenen Volkssprachen (Provenzalisch steht hier für Okzitanisch). Rechts die griechischsprachigen römischen Provinzen, im Norden germanische Gebiete. Dunkellila gestreift: Rumänisch im 20. Jahrhundert Die Zeit der sardischen Judikate Sardisch war die erste romanische Volkssprache, die im Mittelalter einen offiziellen Status errang. Sie wurde in vier Judikaten verwendet, ehemaligen byzantinischen Bezirken, die zu unabhängigen politischen Einheiten geworden waren, nachdem die arabische Expansion im Mittelmeerraum die Verbindung der Insel zu Byzanz unterbrochen hatte. Eine der ältesten auf Sardisch erhaltenen Dokumente, die sogenannte Carta Volgare, stammt aus dem Judikat von Cagliari und wurde um 1070 von Torchitorius I. de Lacon-Gunale in griechischer Schrift ausgestellt.
Das Sardisch dieser Periode wies eine größere Anzahl von Archaismen und Latinismen als das heutige Sardisch auf. Während ältere Dokumente die Existenz einer frühen sardischen Koine belegen, weist die Sprache der Judikate bereits eine gewisse dialektale Differenzierung auf. Eine Sonderstellung nahm das Judikat von Arborea ein, dem letzten sardischen Königreich, das an fremde Mächte fiel, in dem ein Übergangsdialekt, das Mittelsardische (sardu de mesania), gesprochen wurde. Die Carta de Logu des Königreichs Arborea, eine der ersten Verfassungswerke der Geschichte, 1355–1376 von Marianus IV. und der Königin (judikessa auf Sardisch, jutgessa auf Katalanisch, giudicessa auf Italienisch) Eleonora von Arborea verfasst, wurde in dieser Übergangsvarietät des Sardischen geschrieben und blieb bis 1827 in Kraft. Es wird vermutet, dass die Arboräer versuchten, die sardischen Dialekte zu vereinheitlichen, als Zeichen ihres Anspruchs, die legitimen Herrscher einer die gesamte Insel umfassenden republica sardisca zu sein.Ein solches Ziel wurde schon 1164 manifest, als der arboräische Richter Barison sein großes Siegel mit den Schriftzügen Baresonus Dei Gratia Rei Sardiniee (Barison, von Gottes Gnaden König von Sardinien) und Est vis Sardorum pariter regnum Populorum (Die Herrschaft des Volkes ist der eigenen Kraft der Sarden gleich) anfertigen ließ.