Ossip (Joseph) Klarwein (; * 6. Februar 1893 in Warschau, Russisch-Polen, Russisches Kaiserreich; † 9. September 1970 in Jerusalem) war ein polnischstämmiger deutsch-israelischer Architekt, der in Deutschland, Palästina und dann Israel baute. Er entwarf 1957 und baute später mit anderen die Knesset.

Leben In Deutschland mini|Gedenktafel am Haus, Joachim-Friedrich-Straße 47, in Berlin-Halensee Klarwein wurde in Warschau geboren. Sein Vater Menachem Klarwein war Hebräischlehrer und dem Zionismus zugetan. Als Juden wanderte die Familie wegen des wachsenden Antisemitismus in Russisch-Polen und anderen Teilen Russlands nach der gescheiterten Revolution von 1905 vom Zarenreich nach Deutschland aus. Aufgrund seiner erkennbaren künstlerischen Begabung studierte Klarwein von 1917 bis 1919 Architektur an der Technischen Hochschule München, ohne einen formalen Hochschulabschluss (als Diplom-Ingenieur) zu erwerben.Susan (Sheila) Hattis Rolef: “”, In: קתדרה. Band 96 (Juli 2000), hier ihre englische Übersetzung in Auszügen, , auf: Knesset English Homepage, abgerufen am 19. November 2012. Im Jahr 1921 lernte er bei Hans Poelzig im Meisteratelier für Architektur der Preußischen Akademie der Künste in Berlin.

Seit 1924 unterhielt Klarwein in Berlin-Halensee eine Wohnung in der Joachim-Friedrich-Straße 47. Klarwein und die Opernsängerin Martha Else Kumme (13. November 1894–?) heirateten am 26. Juli 1924 in Charlottenburg.Jacqueline Hénard, „Ossip Klarwein – Leben und Schicksahl“, in: Ossip Klarwein: Vom »Kraftwerk Gottes« zur Knesset, Publikation des ‹Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin› mit Beiträgen von: Doron Bar, Dafna Berger Sperling, Johannes Cramer, Diana Dolev, Sigal Davidi, Jacqueline Hénard, Noah Hysler Rubin, Guy Jamo und Talia Margalit, Sue McRae und Hans Brandt (Übers.), Bönen: Kettler, 2025, S. 8–21, hier Seite wie gesondert angegeben. ISBN 978-3-98741-197-7.

Ab 1926 arbeitete Klarwein im Architekturbüro von Fritz Höger in Hamburg, bald hatte er dort als Hauptentwurfsarchitekt eine leitende Funktion. Högers Büro wuchs in diesen Jahren mit der zunehmenden Zahl von Aufträgen auch personell erheblich an. Seiner Position als Angestellter entsprechend, wurden Klarweins Entwürfe in dieser Zeit stets unter Högers Namen veröffentlicht.

Myra Warhaftig nimmt an, dass Höger mit seiner expressionistischen Architektur den jungen Klarwein gleich überzeugte, „und so kam es zu einer harmonischen Zusammenarbeit der beiden.“ Für Höger war Klarwein „einer der Allerbesten“ seiner Mitarbeiter. Die Entwürfe Klarweins, der nahe dem Schwanenwik an der Alster wohnte und ein Gehalt von über 1.000 Reichsmark bezog, wurden von Müller mit Graphitkreide meist in Perspektive gesetzt. 1932 brachte Else Klarwein den Sohn der beiden, Matthias in Hamburg zur Welt.

Über Ernst-Erik Pfannschmidt, einen ebenfalls angestellten Architektenkollegen Klarweins, und dessen Vater Ernst Christian Pfannschmidt gelangte Höger 1928 an den Auftrag, die Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin zu bauen. Höger hatte mit einem Plan Klarweins überzeugt, den Höger vertragsgemäß unter seinem Namen eingereicht hatte. Klarweins späterer Freund, der Architekt Yehudah Lavie (geb. Ernst Loewisohn), bestätigte in einem Interview, dass diese Kirche ein Entwurf Klarweins war. Der Bau besticht durch seinen separaten expressionistischen Campanile. Der Kirchturm am Hohenzollernplatz war von Anfang an in dieser Ausführung geplant. Sein Wohnsitz in Berlin nur wenige Kilometer von der Kirche entfernt, bedeutet freilich nicht, dass er diesen Bau auch betreute. Diese Aufgabe übernahmen vielmehr die Mitarbeiter Brandt und Walther Lorenzen, mit dem Klarwein sein Leben lang befreundet blieb.Myra Warhaftig (), Sie legten den Grundstein. Leben und Wirken deutschsprachiger jüdischer Architekten in Palästina 1918–1948, Berlin / Tübingen: Wasmuth, 1996, Seite wie gesondert angegeben. ISBN 3-8030-0171-4.

Auch den Wettbewerbsentwurf für die spätere Wichernkirche in Hamburg-Hamm-Mitte (errichtet ab 1934) zeichnete Ossip Klarwein. Höger bewertete die Entwürfe als Plagiat nach einem bereits veröffentlichten Modellfoto von Hans Luckhardt und Alfons Anker. Klarwein habe seinen Entwurf wütend eingepackt, zu Hause über das Wochenende fertiggestellt und unter dem Namen von Fritz Höger eingereicht; die Arbeit bekam den ersten Preis, und Höger führte ihn allen Besuchern als beste Arbeit seines Büros vor. Der Bau wurde 1943 bei Luftangriffen (Operation Gomorrha) zerstört und 1954 durch einen Neubau von Wolfgang Manshardt ersetzt.

Klarwein kündigte bei Höger, der sich den Nationalsozialisten andiente, zum 1. Januar 1933, weil die Auftragslage zu schlecht war, allerdings noch mit mehreren Monaten Kündigungsfrist, aber schon vor der Machtübernahme. Klarwein inserierte daher ein Stellengesuch in der Zeitschrift Bauwelt. Höger schrieb seinem Kollegen Carl Winand in einem Brief am 21. März 1933 über Klarwein: „Er ist ein ausgezeichneter Mitarbeiter, der kaum durch drei andere zu ersetzen ist. Er hat sich ausgezeichnet eingearbeitet und sich absolut in meinem Geist gefügt; sodass, wenn er später selbständiger Architekt sein wird, er ein wirklicher Höger-Ableger sein wird …“ Da Klarwein bis zum Vertragsende weiter für Höger arbeitete, fürchtete dieser einen Nachteil in seinem Bemühen, sich den Nationalsozialisten mit seinem Baustil anzudienen. Der Antisemit Eugen Hönig, Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste, schrieb der Reichskulturkammer am 19. Dezember 1934, dass bei Höger ausgerechnet ein Jude, nämlich Klarwein, alle Kirchen entwerfe, wie ihm der Hamburger Architekt Wilhelm Carl David Giese (1891–1939) zugetragen habe. Dies nutzten Högers Gegner, um gegen ihn zu intrigieren.Claudia Turtenwald, Fritz Höger (1877–1949). Architekt zwischen Stein und Stahl, Glas und Beton. Dissertation 2003, Westfälische Wilhelms-Universität (Münster), 2004, Seite wie gesondert angegeben. ISBN 978-3-935549-56-1.

In Palästina/Israel mini|230px|Knesset – 1966 Nach Beendigung des laufenden Baus an der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin meldete Klarwein sich am 19. März 1933 in seiner Wohnung am Falkensteiner Ufer 20 in Altona-Blankenese ab, da er als Jude in Deutschland keine Zukunft mehr hatte und emigrierte im Zuge der Fünften ʿAlijjah. Gattin und Sohn zogen einstweilen zur Schwester Bronislawa Klarwein (1898–1944, ermordet in Auschwitz) nach Berlin. Er selbst ließ sich in Haifa nieder. Klarwein änderte seinen Vornamen von der slawischen Namensvariante Ossip zur hebräischen Form Josseph (), blieb im informellen Umgang aber bei Ossip. In Haifa machte sich Klarwein als Architekt selbständig. Im Gegensatz zu anderen Immigranten war er gleich von Beginn an gut beschäftigt und plante und baute oft für andere Immigranten Häuser, teilweise recht anspruchsvolle Bauten, oft auf dem Karmel. Gattin Else, Sohn Matthias und der 82-jährige Vater Mendel Menachem Klarwein folgten Ossip Klarwein am 11. April 1934 nach Haifa ins britische Mandatsgebiet Palästina. Als Hochschullehrer am Technion bildete Klarwein die nächste Generation Architekten aus.

Er nahm an zahlreichen Wettbewerben teil, von denen er mindestens vier gewann und anschließend ausführte, darunter das Büro- und Geschäftshaus Binjan haQranot () in Haifas wichtiger Geschäftsstraße Rechov Herzl. „Der Komplex mit Läden und Büroräumen erstreckte sich zwischen Gidʿon Kaminkas Uhrhaus im Osten und dem Areal des Technions von Alex Baerwald im Westen entlang der Herzl-Straße, der Hauptstraße Haifas.“ Der schlichte Bau ist wie benachbarte Gebäude Baerwalds mit Kalkstein verkleidet. „Lediglich dem orientalisierenden Stil Alex Baerwalds hat sich Klarwein ausdrücklich mit der Begründung widersetzt: «Er widerspricht dem Zeitgeist».“

mini|Bau des Tegart-Forts 034 in Dschenin, 1940 Durch die Bauflute durch den Arabischen Aufstand in Palästina (1936–1939) musste Klarwein sein Architekturbüro aufgeben und trat für die Jahre März 1940 bis März 1945 als angestellter Architekt in das Public Works Department (P.W.D.) ein. Von den 69 Tegart-Forts, Polizeifestungen, die Überfällen arabischer Aufständischer besser standhielten, errichtete Klarwein für die P.W.D. jene mit den Nummern 010 (in Latrun), 011 (in al-Dschiftlik), 029 und 030 (in Nablus) und 034 (in Dschenin). Am 1. April 1945 wechselte er in die Stadtplanung der Stadt Jerusalem. Mitte der 1940er Jahre zog Klarwein nach Jerusalem. Seine Ehe ging in die Brüche und er heiratete später in zweiter Ehe die geschiedene Else Höffner.

mini|links|Panoramablick von einer oberen Terrasse der Bahai-Gärten auf den Hafen und in dessen Zentrum das Dagon-Silo mini|Blick vom Karmel auf das Dagon-Silo Das im Hafen von Haifa gelegene Dagon-Silo () wurde nach Plänen von Klarwein zwischen 1953 und 1955 für Reuben Hecht und die von diesem gegründete Dagon Silo Company erbaut.Biblical Archaeology Society Library: The Dagon Collection: A Glimpse Into Agricultural History Bei dem etwa 68 Meter hohen und um die 200 Meter langen ikonischen GebäudePort of Haifa: The iconic 'Dagon' building will be replaced – what will the new silo in Haifa look like?, haipo.co.il, 4. März 2025 (HAIPO = The News Corporation of Haifa and the surrounding area) handelt es sich um einen Getreidespeicher, dessen Architektur „geometrische Muster mit funktionaler Industriearchitektur“ kombiniert, und dessen monumentale Anlage „zu einem Wahrzeichen der Hafenstadt Haifa“ wurde.Ido Tachan, Moshe Cohen-Gil, Avigail Paytan, Ayana Barak Etedgui: DAGON SILOS als Teil des von Studierenden der Tel Aviv University getragenen Projekts KLARWEINS ARCHITEKTONISCHE VISION AUS DEM BLICKWINKEL EINER NEUEN GENERATION Das bis in die 1970er Jahre hin erweiterte und etwa 85.000 Tonnen Getreide fassende Gebäude mit seinen Türmen ragt wie eine Hafenfestung aus den umliegenden Häusern hervor. „Er [Klarwein] ließ erstmals ornamentale Motive in die Betonaußenwände eingravieren, die der Klinkersteinstruktur des 1925[–1928] von Fritz Höger in Delmenhorst bei Bremen erbauten Krankenhauses ähneln.“

Die Tage des Dagon-Gebäudes als Getreidespeicher sind gezählt. Anfang 2025 veranstaltete die Hafenbehörde von Haifa einen Wettbewerb zur Realisierung eines neuen Silogebäudes im östlichen Teil des Hafens. Nach Fertigstellung dieser geplanten neuen Siloanlage soll das Dagon-Silo bei Wahrung des Bestandsgebäudes und dessen Erscheinungsbildes als Teil der städtischen Strandpromenade von Haifa zu einer kommerziell und kulturell nutzbaren Einrichtung werden.

Die meisten von Klarweins Arbeiten sind öffentliche und gewerbliche Gebäude sowie Bebauungspläne für Städte und Viertel, verstreut über ganz Israel, aber eher in Städten konzentriert. Auftraggeber waren dabei oft Städte und Gemeinden, die Mandatsbehörden und zionistische Einrichtungen, aber auch private Bauherren beauftragten Klarwein. Er entwarf mit Richard Kauffmann und Heinz Rau den Campus der Hebräischen Universität auf dem Berge Skopus.Lotte Cohn: Richard Kauffmann, Architect and City Planner. [Richard Kauffmann: Architekt und Stadtplaner (dt.), Jerusalem: Brief an Bath-Scheva Kauffmann, 1978; Engl.] Monika Iacovacci (Übers.), auf: Richard Kauffmann: Architect and Town Planner – Biography, abgerufen am 28. Oktober 2012. In Naharija errichtete er für Fritz Ettlinger sein erstes kubisches Wohnhaus, der Palast genannt, ein Schwimmbad mit Restaurant, Geschäftshäuser für das neue Stadtzentrum und den Kinopalast Hod mit mehr als 1000 Sitzplätzen. Sein Entwurf für das Rathaus wurde nicht realisiert. In Jerusalem erbaute er 1959 das Gebäude der Juristischen Fakultät auf dem neuen Campus Givʿat Ram der Hebräischen Universität (jetzt Ross-Bau genannt). Alle drei Bauten zeigen Klarweins Hinwendung zur funktionalen und sachlichen Architektur.