Als Massaker von Račak oder Massaker von Reçak (, ) wurde ein Ereignis in der innerstaatlichen Phase des Kosovo-Konflikts bekannt, bei dem am 15. Januar 1999 mindestens 40 Menschen von Mitgliedern serbischer Sicherheitskräfte erschossen wurden. Die Leichen wurden am folgenden Tag in und bei dem Dorf Reçak (Račak) im Kosovo aufgefunden.

Der Vorfall wurde auf diplomatischem Weg und in den Medien unverzüglich der serbisch-jugoslawischen Regierung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Massaker angelastet. Die jugoslawische Führung behauptete dagegen, die Getöteten seien Angehörige einer „terroristischen Gruppe“, der UÇK; sie seien von der Polizei bei einer Kampfaktion getötet worden, mit der die Polizei auf die Ermordung eines Polizisten durch die UÇK reagiert habe. Der Vorfall diente dann zur Legitimation des Eintritts der NATO in den Kosovokrieg (Operation Allied Force). Am 24. März begannen die ohne UNO-Mandat geführten Luftangriffe der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien.Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 45.

Das Massaker von Račak ist zu einem bedeutenden Beispiel polarisierter Berichterstattung und politischer Instrumentalisierung geworden.Geschichte der Kriegspropaganda Bundeszentrale für politische Bildung, 1. Oktober 2011, siehe Abschnitt Kosovokrieg 1999. Den Medien wird dabei vorgehalten, sich zum Sprachrohr der jeweiligen Kriegspartei gemacht zu haben.Miriam Nuschke: Der Kosovokrieg – Der erste Medienkrieg in Europa. Studienarbeit, GRIN, 2006, ISBN 3-638-47879-3, S. 1 f. Für die Verbreitung unüberprüfbarer Bilder des angeblichen Massakers von Račak wie auch später von Rogovo nutzten UÇK-nahe Organisationen auch das Internet, das im Kosovokrieg erstmals der gezielten Kriegspropaganda diente. Die Widersprüche, die sich unter anderem aus den Berichten von OSZE-KVM, Menschenrechtsorganisationen, forensischen Expertenteams, jugoslawischen Behörden, UÇK-Organen und den Prozessen vor dem Haager Tribunal ergeben, haben zwar eine Vielzahl eklatanter Falschmeldungen und Fehlinformationen offenbart, doch wurden wichtige Dokumente bislang nicht freigegeben und die tatsächlichen Vorgänge nicht aufgeklärt.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 333–351.

Hintergrund

Račak ist ein Dorf, welches am östlichen Rand des in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Carraleva-Gebirgszuges liegt. Dieser trennt, durchzogen von wenigen Verbindungswegen, die beiden Flachländer Amselfeld und Metochien voneinander. In diesen beiden fruchtbaren Regionen lebte nahezu die gesamte, zur Zeit des Vorfalls vornehmlich aus ethnischen Albanern und Serben zusammengesetzte, Bevölkerung der jugoslawischen Autonomen Provinz „Kosovo“.

Nach der seit 1948 verhinderten Umsetzung der Autonomierechte und der damit verbundenen Diskriminierung der mehrheitlich albanischen Bevölkerung im Kosovo hatte die jugoslawische Führung unter Josip Broz Tito ihre Kosovo-Politik mit den Änderungen an der jugoslawischen Verfassung von 1967 und 1974 gewendet und der somit nur noch formell serbischen Provinz Kosovo praktisch Republikstatus eingeräumt. Daraufhin kam es seit 1968 zu einer zunehmenden Albanisierung der Gesellschaft und Diskriminierung der serbischen Bevölkerung im Kosovo.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 106 f., 147 f., 353 f., 450. Im März 1989 war nach einer serbischen Machtübernahme im Kosovo und Änderung der serbischen Verfassung die Autonomie der Provinz faktisch abgeschafft worden,Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 176 f.Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 58 f.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 118 f. worauf eine Serbisierung der Institutionen einsetzte und sich ein albanischer Widerstand organisierte, der politische und soziale Parallelstrukturen ausbildete.Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 59–70.

Zur Zeit des Vorfalls im Januar 1999 galt Račak als Hochburg der UÇK („Befreiungsarmee des Kosovo“), die als albanische Rebellenorganisation am 4. Januar 1998 verkündet hatte, dass sie die bewaffnete Kraft der Albaner sei, die bis zur Vereinigung des Kosovo mit Albanien kämpfen werde.Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 45, 170.Judith Armatta: Twilight of Impunity: The War Crimes Trial of Slobodan Milosevic. Duke University Press, 2010, S. 59.

Die UÇK war im April und Mai 1998 in einer Offensive in den Zentralkosovo vorgedrungen, hatte immer größere Gebiete des Kosovo unter ihre Kontrolle gebracht sowie die wichtigsten Verkehrswege zwischen Pristina, Peja und Montenegro kontrolliert. Parallel kam es andererseits ab dem 24. Mai zu einer serbisch-jugoslawischen Gegenoffensive mit dem Ziel, die UÇK zu zerschlagen, die von der UÇK „befreiten Gebiete“ mit den wichtigsten Kommunikationsverbindungen und Versorgungslinien zurückzuerobern und die Grenzregion zu Albanien zu kontrollieren.Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 220 f.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 279 f. In der Reaktion auf die Eskalation, bei der zahlreiche serbische Polizisten und bis zu 100 Kosovo-Albaner getötet wurden und tausende Bewohner in benachbarte Regionen geflohen waren, blieben Internationale Gemeinschaft und die 1994 gebildete und Russland einschließende Balkan-Kontaktgruppe gespalten. Die USA und Großbritannien sprachen sich für ein schärferes Vorgehen gegen die jugoslawische Regierung aus und versuchten, rein westliche Institutionen wie die EU und die NATO dafür zu instrumentalisieren.Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 221 f. Zitat: „Die Reaktionen der Internationalen Gemeinschaft auf die neuerliche militärische Eskalation waren weiterhin gespalten. Die USA und Großbritannien, das den EU-Vorsitz innehatte, plädierten für ein schärferes Vorgehen gegen Belgrad […]. Verstärkt versuchte man, rein westliche Institutionen wie die EU und die NATO zu instrumentalisieren, da man innerhalb der Kontaktgruppe weiterhin russischen Widerstand gegen Sanktionen erwartete.“ Im Frühjahr 1998 erörterte die NATO ein militärisches Eingreifen, für das jedoch die Regierungen Frankreichs und Italiens noch im Mai 1998 ein entsprechendes UN-Mandat für notwendig erklärten. Dennoch kündigte die NATO am 28. Mai ein gemeinsames Truppenmanöver mit albanischen Truppen in Albanien und Mazedonien an, das am 15. Juni ausgeführt wurde.Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 221 f.

Nach dem Jelzin-Milošević-Abkommen, einem inoffiziellen Gentlemen’s Agreement vom 16. Juni 1998, kam es am 6. Juli zur Einrichtung der „Diplomatischen Beobachtermission für das Kosovo“ (KDOM) und somit ab Sommer 1998 erstmals zu einer Überwachung der Lage im Kosovo durch internationale Beobachter.Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 222 f. Diese wurden von den USA, Russland und der EU gestellt, letztere gestützt auf die seit 1991 bestehende Struktur der ECMM.Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 225. Boris Jelzin sicherte im Gegenzug der jugoslawischen Führung zu, dass Russland einen NATO-Militäreinsatz im UN-Sicherheitsrat blockieren werde.

Nach einem medienwirksamen Treffen des US-amerikanischen Sonderbeauftragten Richard Holbrooke am 24. Juni 1998Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 27 f. mit einem UÇK-Kommandanten, das der UÇK erstmals politische Anerkennung verschaffte,Wolfgang Petritsch, Robert Pichler: Kosovo – Kosova – Der lange Weg zum Frieden. Wieser, Klagenfurt u. a. 2004, ISBN 3-85129-430-0, S. 149 f.Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 280 f. kam es zu einer Intensivierung der Angriffe durch die UÇK, die drei Monate zuvor noch von Seiten der USA als „terroristische Organisation“ bezeichnet worden war, gegen die die Anwendung von militärischer Gewalt gerechtfertigt sei.Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 224.John R. Fulton: NATO and the KLA: How the West Encouraged Terrorism. Global Security Studies, 1, (3), 2010, S. 130–141. Gestärkt durch die Anerkennung seitens der Weltmacht USA begann die UÇK mit der „ethnischen Säuberung“ serbischer Dörfer im Zentralkosovo, aus dem viele Serben vertrieben wurden.Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 29 f. Die serbischen Einheiten verhielten sich zunächst abwartend und sammelten sich in der Region Suhareka und Shtime. Ab Juli starteten sie aber,Carl Polónyi: Heil und Zerstörung: Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8305-1724-5, S. 280 f. Zitat: „Am 29. Juni 1998 begann das serbische Militär mit einem massiven Gegenangriff […].“Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 225 f. Zitat: „Ende Juli starteten Sonderpolizei und Armee, die mittlerweile lose in eine Kommandostruktur eingebunden waren, eine Großoffensive.“Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 171; Zitat: „Mitte Juli bis Ende September : Serbisch-jugoslawische Offensive gegen die UCK […]“. nachdem von Seiten des Westens keine Eindämmung der UÇK-Militäraktionen bewirkt worden war und die UÇK bis Ende Juni/Anfang Juli 30 bis 40 Prozent des Kosovo unter ihre Kontrolle gebracht hatte,Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis März 1999. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8, S. 171 f. einen massiven Gegenangriff und drängten die in offenen Gefechten unterlegene UÇK zurück.Wolfgang Petritsch, Karl Kaser, Robert Pichler: Kosovo – Kosova: Mythen, Daten, Fakten. 2. Auflage. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-304-5, S. 225 f. Dabei wurden Hunderte von UÇK-Kämpfern getötet, und die kosovo-albanische Zivilbevölkerung sah sich nach dem teilweise kampflosen Rückzug der UÇK aus Angst vor Racheakten, auch von paramilitärischen Banden, zur Flucht gezwungen.