mini|Emblem der Muslimbrüder Die Muslimbrüder in Syrien () sind der syrische Zweig der internationalen Organisation der Muslimbrüder. Die Organisation, die eine gemäßigt islamistische Ausrichtung hat, wurde 1945 in Damaskus gegründet und entstand durch den Zusammenschluss mehrerer reformistischer islamischer Vereinigungen, die während der französischen Mandatszeit in Syrien aktiv waren. In dieser Zeit starker Fremdbestimmung, in der der Islam aus wichtigen gesellschaftlichen Institutionen wie dem Erziehungs- und Rechtswesen verdrängt worden war, versuchten die Muslimbrüder auf die Probleme der eigenen Gesellschaft eine religiöse Antwort zu geben. Wie die Muslimbrüder Ägyptens sprachen sie im Wesentlichen das sunnitische Kleinbürgertum der Städte an. In den Jahren von 1947 bis Anfang 1952 beteiligten sie sich im Rahmen der syrischen parlamentarischen Demokratie erfolgreich an der Politik,Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 396. wobei sie selbst eine islamisierte Version des Sozialismus propagierten. Mit ihrem Islamismus standen sie aber in einem antagonistischen Verhältnis zur ebenfalls sozialistischen Baath-Partei.Hans Günter Lobmeyer: Opposition und Widerstand in Syrien. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1995. S. 58.
In ihren Anfängen waren die Syrischen Muslimbrüder eine friedliche Gruppe, die sich den Prinzipien des Konstitutionalismus verpflichtet fühlte. Während der repressiven Baath-Herrschaft in den 1970er Jahren durchliefen sie jedoch einen Prozess der Radikalisierung.Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 19. Im Rahmen ihres Aufstands gegen das Baath-Regime, der von 1976 bis 1982 dauerte und von ihnen zum Dschihad deklariert wurde, wurden die Syrischen Muslimbrüder auch gewalttätig. Nachdem schon 1980 die Baath-Partei die Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft bei Todesstrafe verboten hatte, ging die Führung der Organisation außer Landes. Im Exil kehrte sie in den 2000er Jahren zur politischen Arbeit zurück und forderte in verschiedenen Deklarationen die Schaffung eines modernen, pluralistischen Staates, der auf aktiver Bürgerschaft und Rechtsstaatlichkeit basiert. 2005 schloss sie sich der Damaskus-Deklaration an, in der verschiedene säkularistische Oppositionsgruppen Syriens die Rückkehr zur Demokratie forderten. Nach Beginn des syrischen Aufstands gegen Baschar al-Assad im März 2011 engagierte sie sich bei der Organisation von Konferenzen zur Mobilisierung und Koordination der politischen Opposition im Exil. Zwar stieß sie bei den anderen Oppositionsgruppen, insbesondere den Vertretern religiöser und ethnischer Minderheiten, auf Vorbehalte, weil ihr Programm auch nach Mäßigung immer noch religiöse Grundsätze enthält, die mit deren Präferenzen unvereinbar waren, doch blieb sie die prominenteste und einflussreichste Organisation in der Opposition.Blanga: “The Role of the Muslim Brotherhood In the Syrian Civil War”. 2017, S. 65.
Das militante und sektiererische Image, das noch heute der syrischen Muslimbruderschaft anhaftet, ist hauptsächlich auf den radikalen Kurs zurückzuführen, den die Organisation während ihres gescheiterten Aufstands von 1976 bis 1982 verfolgte.Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 161. Allerdings rückten die Erinnerungen an diesen Aufstand die Frage der Gewaltlosigkeit in den Vordergrund ihres Diskurses und machten sie zu einem „der – relativ gesehen – liberalsten Zweige der Muslimbruderschaft im Nahen Osten“.Brynjar Lia: “The Islamist Uprising in Syria, 1976–82: The History and Legacy of a Failed Revolt” in British Journal of Middle Eastern Studies 43/4 (2016) 541-559. Hier S. 559.
Die Muslimbrüder in Syrien bis 1963 Gründungsprozess: Zusammenschluss aus verschiedenen Organisationen Die Muslimbrüder Syriens begannen sich etwa um 1940 in einem recht langwierigen Prozess zu formieren.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 79. Anders als bei den Muslimbrüdern Ägyptens lässt sich bei den Muslimbrüdern Syriens keine klare „Geburtsstunde“ bestimmen.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 97. Die Vereinigung baute auf verschiedenen Vorläuferorganisationen auf. Zu diesen gehörten Šabāb Muḥammad (Mohammed-Jugend) und die Gesellschaft der muslimischen jungen Männer sowie der aleppinische Sport- und Kulturclub Dār al-Arqam, benannt nach dem Prophetengefährten al-Arqam ibn Abī l-Arqam. Er wurde 1936 von ʿUmar Bahā al-Amīrī gegründet, dem späteren stellvertretenden Präsidenten der syrischen Muslimbrüder.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 98. In den Augen vieler Muslimbrüder Syriens war es vor allem dieser Club Dār al-Arqam, der durch die Entstehung mehrerer gleichgesinnter Gruppen mit Sitz in Hama und Homs sowie anderen Städten zur Gründung der syrischen Muslimbruderschaft führte.Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 13.
Im Jahre 1945 erschien mit Ahdāfunā wa-mabādiʾunā („Unsere Ziele und Prinzipien“) die erste programmatische Schrift der Muslimbrüder Syriens, was dafür spricht, dieses Jahr als Entstehungsdatum für die syrischen Muslimbrüder anzusetzen. Auch ein anonymes Handbuch über die syrischen Parteien aus dem Jahre 1954 gibt 1945 als das Jahr an, in dem sich die verschiedenen beteiligten Organisationen zu den „Muslimbrüdern“ zusammenschlossen.Anonymus: al-Aḥzāb as-siyāsīya fī Sūriyā. 1954, S. 11. Digitalisat Im selben Jahr gründeten die Muslimbrüder zusammen mit der „Vereinigung der Islamischen Zivilisation“ (Ǧamʿīyat at-tamaddun al-islāmī) das Islamisch-Arabische Institut (al-Maʿhad al-ʿArabī al-Islāmī). Es hatte einen Kindergarten, bot Primär- und Sekundarschulbildung an sowie Abendkurse für Arbeiter.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 106. Im Zeitraum zwischen dem Winter 1945 und dem Sommer 1946 gingen Šabāb Muḥammad und aš-Šubbān al-muslimūn in der syrischen Muslimbruderschaft auf, und Mustafā as-Sibāʿī wurde zum ersten Generalaufseher (murāqib ʿāmm) der Muslimbrüder Syriens und des Libanon gewählt. Er hatte in Ägypten studiert und war durch die dortigen Muslimbrüder beeinflusst. Die Familie as-Sibāʿī stellte sowohl den Anführer der Muslimbrüder als auch den Anführer der Kommunisten; beide Gruppen sollten sich in den folgenden Jahren aufs Heftigste bekämpfen.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 26.
Zum Hintergrund des Zusammenschlusses der verschiedenen Organisationen in der Muslimbruderschaft erklärte Mustafā as-Sibāʿī im Sommer 1946 gegenüber einem britischen Diplomaten:
Von ihren Vorläuferorganisationen übernahm die Muslimbruderschaft verschiedene Einrichtungen, so zum Beispiel eine Bibliothek in Homs, die dort 1941 von Šabāb Muḥammad gegründet worden war.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 105. Bis 1946 fand damit der Prozess der Entstehung der Muslimbrüder Syriens seinen Abschluss.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 101. Im Herbst 1946 traten die Syrischen Muslimbrüder der zu diesem Zeitpunkt gegründeten „Liga der ʿUlamā'“ (Rābiṭat al-ʿulamāʾ) bei, einer Art Dachverband der islamischen Vereinigungen, dem allerdings nicht alle Vereinigungen angehörten.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 102. Da die Mitglieder der in Hama und Aleppo beheimateten regionalen Organisationen, die in der Muslimbruderschaft aufgingen, der sufischen Tradition folgten, während die Mitglieder aus Damaskus dem Salafismus, entstand durch den Zusammenschluss auch auf ideeller Ebene eine einzigartige Synthese.Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 26.
Organisation und Aufbau In ihrer prinzipiellen Gliederung unterschied sich die Organisation der Muslimbrüder nicht wesentlich von der ihrer Brüder in Ägypten. Es gab einerseits die hierarchische Gliederung in Zentren, Zweigstellen und Sektionen und andererseits die nach Funktionen wie zum Beispiel Studenten- und Arbeiterkomitees. Eine organisatorische Verbindung zwischen den Muslimbrüdern Syriens und denen Ägyptens bestand allerdings nicht. Die syrischen Muslimbrüder waren administrativ und finanziell unabhängig und erhielten keine Anweisungen oder Befehle von den Muslimbrüdern in Ägypten.Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 25. Der nationale Charakter der Muslimbrüder Syriens zeigt sich darin, dass die hierarchischen Einheiten der Gesellschaft parallel zu den Verwaltungseinheiten des syrischen Staates gebildet wurden.
mini|Mustafā as-Sibāʿī, der erste Generalaufseher der syrischen Muslimbrüder An der Spitze der Organisation stand das „Allgemeine Zentrum“ (al-markaz al-ʿāmm), das sich in der Hauptstadt Damaskus befand. In ihm hatte auch das Oberste Zentralkomitee (al-laǧna al-markazīya al-ʿulyā) seinen Sitz. An der Spitze dieses Komitees als Führer aller Muslimbrüder Syriens stand der Generalaufseher (murāqib ʿāmm), der von einem 25-köpfigen Gremium gewählt wurde, das „Allgemeine Konferenz“ (muʾtamar ʿāmm) oder Konsultativrat (maǧlis aš-šūrā) genannt wurde. Das Amt des Generalaufsehers übte bis 1954 Mustafā as-Sibāʿī aus. Er war in den ersten Jahren die überragende Persönlichkeit bei den syrischen Muslimbrüdern.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 126. Die Führung der Muslimbrüder Syriens hatte allerdings mehr kollektiven Charakter. Die wichtigsten Persönlichkeiten in der Anfangszeit neben Mustafā as-Sibāʿī waren der Aleppiner ʿUmar Bahā al-Amīrī, der im März 1948 zum Stellvertreter as-Sibāʿīs gewählt wurde, der Damaszener Journalist Baschīr al-ʿAuf, der die Zeitungen der Muslimbrüder herausgab, und die beiden Hochschullehrer und Politiker Maʿrūf ad-Dawālībī aus Aleppo und Muhammad al-Mubārak aus Damaskus.
Intern war die Organisation in einzelne Gremien gegliedert, die Komitees (liǧān) genannt wurden. Für die Wohltätigkeitsarbeit waren zum Beispiel die Komitees der gegenseitigen Hilfe zuständig. Neben den Komitees gab es auch eigene Wirtschaftsunternehmen, die genossenschaftlich organisiert waren. Die Druck- und Verlagsgesellschaft, bei der die Zeitung der Muslimbrüder gedruckt wurde, lag ebenfalls in ihren eigenen Händen. Darüber hinaus hatten die Syrischen Muslimbrüder mit der eine pfadfinderähnliche, paramilitärische Unterorganisation, die sie nach den gleichnamigen mittelalterlichen Männerbünden Futuwwa nannten. Im August 1946 wurde für sie in Yabrud erstmals ein Trainingslager abgehalten. Ungefähr 300 junge Muslimbrüder kamen am 28. August nach Yabrud, um unter Aufsicht der Armee den Gebrauch von Waffen zu üben. Allerdings unternahmen die Futūwa-Gruppen auch Reisen, zum Beispiel zu archäologischen Sehenswürdigkeiten oder Lagern von Palästinaflüchtlingen.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 108.
Die Syrischen Muslimbrüder unterhielten auch eigene Schulen. Die wichtigste war das Islamisch-Arabische Institut in Damaskus. In den Abendschulen der Muslimbrüder in Aleppo wurden mehr Arbeiter ausgebildet als in allen anderen öffentlichen und privaten Schulen der Stadt. Auch in Latakia und Deir ez-Zor hatten sie Schulen. Sie dienten vor allem der Bekämpfung des Analphabetismus.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 106 f. In Damaskus hatten die Muslimbrüder auch eine eigene Klinik. Im Winter 1947 nahmen sie aktiv an Vorsorgemaßnahmen und der Bekämpfung der aus Ägypten eingeschleppten Cholera teil.Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 110.