mini|hochkant=1.5|Lage von Ad Fines am DIR-Limes (Bodensee-Linie) mini|Ad fines auf der Tabula Peutingeriana
Das Kastell Pfyn war Teil der Festungskette des in der Spätantike entstandenen Donau-Iller-Rhein-Limes (DIRL) und liegt in der Schweiz, Kanton Thurgau, Bezirk Frauenfeld, politische Gemeinde Pfyn.
Das vermutlich im späten 4. Jahrhundert n. Chr. gegründete Kastell war Teil der rückwärtigen Befestigungslinie des DIRL, der zum Schutz der Fernverkehrsverbindungen der unter Diokletian und Konstantin I. wieder an die Rhein-Donau-Linie zurückgenommenen Reichsgrenze errichtet worden war. Die Römer befestigten den östlichen Teil eines Moränenzuges, der parallel zum Hügelzug des Seerückens und der Thurebene verläuft. Einige Reste der nördlichen Umwehrung sind heute noch sichtbar. Anzeichen einer früh- oder mittelkaiserzeitlichen Besiedlung des Kastellhügels fanden sich nur sehr selten. Bis heute sind auch keine Inschriften aus seiner Gründungszeit bekannt. Aufgrund der Münzreihe wird angenommen, dass hier ab 400 n. Chr. keine regulären römischen Truppen mehr standen. Neben Hinweisen auf einen römischen Gutshof (villa rustica) in der Flur Heerenziegler sind ansonsten nur diverse Einzelfunde sowie Reste eines grösseren Steinbaus aus Spolien entdeckt worden. Im Kastell fand man hauptsächlich Münzen, Geschirr, Schmuck, Spielzeug und Werkzeuge, aber nur wenige Waffen. Der Innenbereich war vermutlich dicht bebaut und scheint nicht ausschließlich vom Militär genutzt worden zu sein.
Name mini|Follis des Diokletian
Der heutige Ortsname leitet sich vom lateinischen ad fines oder auch ad finem (= „An der Grenze gelegen“) ab, da hier die alte Grenzlinie zwischen den frühkaiserzeitlichen Provinzen Raetia und Belgica, vermutlich östlich von Konstanz am Arboner Forst, verlief. Letztere entwickelte sich später zur Germania superior und im Zuge der Verwaltungsreformen Diokletians zur Maxima Sequanorum. Das Kastell könnte aber auch der benachbarten Raetia I zugeschlagen worden sein. Ad fines wird in den beiden Hauptquellen für römische Ortsnamen, im
Itinerarium Antonini und in der Tabula Peutingeriana,
erwähnt.Itinerarium Antonini 238,1 und Tabula Peutingeriana, Segmentum 2 A5. In beiden wechseln die Entfernungsangaben bei Pfyn von den im Osten des Reiches üblichen römischen Meilen auf gallische Leugen über. Der Ort wird im Itinerarium als Etappenstation an der Fernverkehrsverbindung Augusta Vindelicum (Augsburg) – Ad Fines (Pfyn) – Treveros (Trier) angeführt.Jost Bürgi: 2005, S. 81.„Von Augusta Vindelicorum 136 Römische Meilen (1,48 km), von Augusta Treverorum 221 gallische Leugen (1,5 RM, 2,22 km) entfernt“.Jost Bürgi: 2005, S. 81, 2008 S. 22.
Lage und Strassenverbindungen mini|Luftaufnahme des Städtlihügels von Süd-West
Pfyn liegt etwa sechs Kilometer von der Bezirkshauptstadt Frauenfeld entfernt, am nördlichen Rand des Thurbeckens. Sein Umland ist von den Überresten der grossen Eiszeiten geprägt. Im Norden trennt ein aus Moränen bestehender Hügelzug, der sogenannte Seerücken, die Ortschaft und das Tal der Thur vom Untersee. Das Thurtal selbst wurde durch urzeitliche Gletscher ausgebildet. Der Fluss verläuft aufgrund von Regulierungsmassnahmen im 19. Jahrhundert heute nicht mehr – wie noch zu den Zeiten der römischen Antike – in unmittelbarer Nähe des „Städtlihügels“, sondern rund 500 Meter weiter südlich. Das spätrömische Kastell war, strategisch und verkehrstechnisch günstig, auf dem östlichen Teil einer etwa ein Kilometer langen, drumlinartigen und würmeiszeitlichen Seitenmoräne („Bergli“) errichtet worden, die 500 Meter weiter als Sporn des Adelberges ausläuft. Es ist heute fast komplett vom mittelalterlichen, ca. 20 Meter über der Thur befindlichen Ortskern (sog. „Städtli“) und der Sankt Bartholomäuskirche überbaut.
Über Pfyn führte in der Antike eine von Westen kommende römische Heerstrasse von Vitudurum (Oberwinterthur) zum benachbarten Kastell in Arbor Felix (Arbon), eine weitere Verbindung über den Seerücken zweigte von hier nach Tasgetium (Eschenz) ab. An welcher Stelle diese Strasse die Thur überquerte, ist nicht bekannt, vermutlich befand sich die Römerbrücke im Bereich des sogenannten „Alten Zollhauses“. Dieser Flussübergang wurde bis ins 19. Jahrhundert benutzt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit existierte noch eine zweite Strassentrasse nach Arbon, die am Südrand des Thurbeckens und durch das Lauertal verlief.Jost Bürgi: 2008, S. 25.
Datierung und Funktion Da bis heute in Pfyn keine diesbezüglichen Inschriften entdeckt werden konnten, kann das Gründungsdatum des Kastells nur geschätzt werden; wahrscheinlich wurde es zwischen den Jahren 295 und 300 erbaut. Aufgrund der Münzfunde (4. bis 5. Jahrhundert) gilt es als sicher, dass es in der gleichen Zeitperiode wie die benachbarten Kastelle von
Arbor Felix (Arbon), Vitudurum (Oberwinterthur) und Tasgetium (Eschenz-Burg/Stein am Rhein)
errichtet wurde. Dort aufgefundene Inschriften belegen, dass zumindest der Bau der beiden letzteren in das Jahr 294 datiert werden kann. Vorher dürfte es keine nennenswerte römische Siedlungstätigkeit auf dem „Städtlihügel“ gegeben haben.Lothar Bakker: 1998, S. 114, Hansjörg Brehm: 2008, S. 87.
Aus der Position des Kastells lässt sich erschliessen, dass seine Besatzung für die Überwachung eines Abschnittes der Linie Arbon–Konstanz–Eschenz–Zurzach–Basel zuständig gewesen sein dürfte. Das Lager deckte so auch die rückwärtige Verbindungslinie für die Grenzfestungen längs der Rheinlinie und am Ufer des Bodensees zwischen Arbon und Oberwinterthur.Jost Bürgi: 2008, S. 20.
Forschungsgeschichte mini|Befundplan von Ferdinand Keller, 1860
Erstmals taucht Pfyn um 760 – unter dem Namen „vina“ – in der Chronik des St. Gallener Mönchs Ratpert auf, als es in den Besitz des Grafen Warin gelangte. Ein weiteres Mal wird das Dorf im 15. Jahrhundert in den Konstanzer Chroniken erwähnt; das Kastell soll bis zu einer Feuersbrunst, die 1476 den Ort verheerte, noch deutlich sichtbar gewesen sein. Im ausgehenden 16. Jahrhundert berichtete Johannes Stumpf von römischen Mauerresten, Münzen und Lesefunden. 1811 erkannte Ludwig Haller die Ruinen als römisches Lager und vermutete, dass es aus der Zeit des Kaisers Tiberius stammte. Diese Annahme hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Beim „Gasthof Krone“ entdeckte man etwas später auch ein römisches Gräberfeld. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind auch römische Gebäudereste mit Hypokaustenheizung (Fussbodenheizung) in der Flur „Heerenziegler“ bekannt. 1850 fand man im selben Abschnitt einen ca. 118 Kilogramm schweren Bleisarkophag, der heute nicht mehr erhalten ist. Um 1860 publizierte der Begründer der modernen Archäologie in der Schweiz, Ferdinand Keller, eine erste Bestandsaufnahme und Albert Strupler erstellte einen Lageplan des Kastellplatzes. 1920 begann mit den Untersuchungen Karl Keller-Tarnutzers eine neue Ära in der Erforschung des Kastells. Er konnte Ferdinand Kellers Interpretation der Befunde teilweise berichtigen und machte sich besonders um die systematische Erfassung der bis 1923 auf dem Lagerareal gemachten Funde verdient. In den Jahren 1928–1929 wurde auf dem Adelberg, rund 700 Meter östlich des Kastells, ein kleines antikes Gräberfeld mit insgesamt 18 Bestattungen untersucht, 1931 beobachtete man beim „Gasthof Krone“ acht weitere Bestattungen. 1935 fanden sich im Heerenziegler auch die Reste eines antiken Brennofens.
Das Kastell selbst blieb bis 1976 gänzlich unerforscht. Seit diesem Jahr führte das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau bis 2001 immer wieder kleinere und grössere Ausgrabungen bzw. Sondierungen durch. Aufgrund der stark erodierten römischen Schichten und der begrenzten Grabungsflächen konnte aber nur ein kleiner Bruchteil des ursprünglichen vorhandenen Siedlungsschutts untersucht werden, die jüngeren Ablagen aus der Spätantike fehlten meist völlig.Olympia Stefani, Bettina Hedinger, Hansjörg Brehm: 2008, S. 207. Die Befunde wurden 2008 in einem zweibändigen Werk zusammengefasst und veröffentlicht (siehe Abschnitt Literatur).Urs Leutzinger: 2008, S. 249.
Entwicklung Prähistorische Funde, die im westlich von Pfyn gelegenen „Torfmoor Breitenloo“ gemacht wurden, bewiesen, dass der Ort bereits seit vorgeschichtlicher Zeit bewohnt gewesen sein muss. Die Befunde, darunter Reste von Pfahlbauten aus der Jungsteinzeit, waren so spezifisch, dass von einer eigenständigen „Pfyner Kultur“ ausgegangen werden kann. Das Kastell selbst steht direkt über den Resten einer keltischen Siedlung aus der Latènezeit. Die Römer hatten sich seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in der Nordostschweiz festgesetzt. Bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. befand sich das Pfyner Umland noch tief im Reichsgebiet, da die Grenze zur Germania libera (freies Germanien) viel weiter im Norden verlief. Ab dem Jahr 300 musste jedoch dieser Obergermanisch-rätische Limes zusammen mit dem Dekumatland in den Wirren der Reichskrise des 3. Jahrhunderts aufgegeben und den stetig nachdrängenden Alamannen überlassen werden. Die Grenze des Römischen Reiches wurde daher unter Kaiser Probus wieder auf die Rhein-Donau-Linie bzw. bis zu den Ufern des Bodensees (lacus Brigantiae) zurückgenommen und die Region wurde neuerlich zum Grenzgebiet.
Der Zusammenbruch des obergermanisch-rätischen Limes zwang die Überlebenden der romanischen Bevölkerung zur Errichtung von provisorischen Befestigungen auf schwer zugänglichen Hügeln (zum Beispiel die Höhensiedlungen von Toos-Waldi und Schaan-Krüppel) oder sich auf leichter zu verteidigende Positionen in den grösseren Städten (Augusta Raurica-Castellen) zurückzuziehen. Diese weitgehend voneinander isolierten Stützpunkte und Zufluchtsorte konnten aber einen flächendeckend organisierten Grenzschutz nicht ersetzen. Als sich die Lage zwischen den 260er und 290er Jahren wieder etwas stabilisierte, erbaute die römische Zentralregierung, vermutlich im Auftrag Diokletians, in Basel-Münsterberg, Kaiseraugst, Zurzach, Eschenz, Konstanz und wohl auch auf dem Pfyner „Städtlihügel“ eine Reihe von neuen Kastellen, die dem damaligen neuesten Stand in der römischen Festungsbautechnik entsprachen.
Zur weiteren Unterstützung wurde unter anderem auf dem Bodensee eine Flottille Patrouillenboote (numerus barcariorum) etabliert, die Stützpunkte in Brigantium (Bregenz) und Arbor Felix (Arbon) unterhielt. Zur Sicherung der Hauptverbindungsrouten zwischen den Grenzfestungen und dem Hinterland wurden die Besatzungen in den Kastellen der zweiten Linie wie Pfyn, Oberwinterthur, Kloten, Irgenhausen, Schaan und Zürich-Lindenhof herangezogen. 298 kam es zum letzten grossen Alamanneneinfall im 3. Jahrhundert, der aber durch einen raschen Sieg der Römer bei Vindonissa abgewehrt werden konnte. Danach herrschte an diesem Abschnitt des Limes für ca. 50 Jahre wieder relative Ruhe. Zwischen den neuen, 15 oder 40 Kilometer auseinanderliegenden Kastellen wurden unter Konstantin I. und letztmals durch Valentinian I. noch zusätzlich zahlreiche Wachtürme (burgi) zur Nachrichtenübermittlung und lückenlosen Überwachung errichtet.