Friedenspfarrer – auch Friedenspastor – bezeichnet Geistliche, die sich der Friedensbotschaft des Evangeliums verpflichtet fühlen und sich auf Grundlage dieser Motivation aktiv in der Friedensbewegung allgemein oder in einer ihrer Organisationen engagiert haben. Die Zuschreibung erfolgte positiv oder kritisch mitunter bereits zeitgenössisch, meist jedoch im Rückblick auf die Lebensleistung.

In einer ersten historischen Phase bezieht sich der Begriff auf christliche Geistliche beiderlei Konfessionen, die sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts in Organisationen wie zum Beispiel in Deutschland in der Deutschen Friedensgesellschaft (gegründet 1892) oder dem Friedensbund Deutscher Katholiken (gegründet 1919) engagiert haben.Siehe dazu Karlheinz Lipp: Berliner Friedenspfarrer und der Erste Weltkrieg, Berlin 2012, S. 7. Viele von ihnen traten im Vorfeld oder während des Zweiten Weltkrieges als Kriegsdienstgegner in ErscheinungSiehe katholischerseits zum Beispiel Max Josef Metzger und den Vorstand des Bundes der Kriegsdienstgegner Ernst Thrasolt oder traten für Kriegsdienstverweigerer ein.Exemplarisch hierfür die Unterstützung für den Kriegsdienstverweigerer Hermann Stöhr, siehe Matthias Scheel: Kriegsdienstverweigerung im Dritten Reich: Eine Untersuchung der Haltung der evangelischen Kirche im NS-Staat zur Frage der Kriegsdienstverweigerung am besonderen Beispiel Dr. Hermann Stöhrs, 2010.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich unter den neuen politischen Bedingungen weltweit wiederum zahlreiche Geistliche in unterschiedlichen, zum Teil fortgeführten, zum Teil neu gegründeten Organisationen engagiert, ob zum Beispiel im Rahmen der Christlichen Friedenskonferenz (gegründet 1958) oder in der Bewegung Pax Christi (gegründet zum Ende des Weltkrieges in Frankreich). Unter den Bedingungen der DDRGünther Wirth: Die `Friedenspfarrer´ am Anfang der fünfziger Jahre, in: Zwischen Aufbruch und Beharrung. Der deutsche Protestantismus in politischen Entscheidungsprozessen, Berlin/DDR 1979, S. 221–235. haben dabei nicht wenige dieser neuen Generation der Friedenspfarrer mit der SED oder auch mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet. Ähnliche Situationen gab es unter anderem auch in der Tschechoslowakei und in Ungarn, dort mehrheitlich katholische Geistliche betreffend.József Gyula Orbán: Friedensbewegung katholischer Priester in Ungarn, 1950–1956, 1996; Lénárd Ödön: Wege und Irrwege der katholischen Kirche Ungarns in der Zeit der Verfolgung durch die Kommunisten, 2009. Sie wurden bereits zeitgenössisch eher abwertend und entgegen der ursprünglichen Bedeutung als „Friedenspfarrer“ oder „Friedenspriester“ bezeichnet. Walter Bredendiek wies bereits in seiner Arbeit über „Emil Fuchs und die Anfänge des Christlichen Arbeitskreises in Friedensrat der Deutschen Demokratischen Republik“ (1964) die diffamierende oder auch nur ironische Verwendung des Begriffs im Blick auf die friedensbewegten Geistlichen zurück, die sich auch von Amtsbrüdern als „Friedenshetzer“ abkanzeln lassen mussten.Walter Bredendiek: Emil Fuchs und die Anfänge des Christlichen Arbeitskreises in Friedensrat der Deutschen Demokratischen Republik, 1964, S. 23f.

Die Situation änderte sich in den 1980er Jahren, als in vielen Staaten kritisch eingestellte Pfarrer sich gegen die staatliche Politik wandten. Insbesondere die in der friedlichen Opposition aktiven Pfarrer und Pastoren wurden infolgedessen als Friedenspfarrer bezeichnet. Als namhafte Friedenspfarrer galten in der Deutschen Demokratischen Republik u. a. Friedrich Schorlemmer (1944–2024) und Christian Führer (1943–2014), der als „Friedenspfarrer der deutschen Wende“ bezeichnet wird.

Frühe Phase Der Kirchenhistoriker Walter Bredendiek konstatierte für die frühe Phase der Friedensbewegung in Bezug auf die in ihre engagierten „Friedenspfarrer“:Walter Bredendiek: Zur Bedeutung des „klassischen“ Pazifismus für die Anfänge christlicher Friedensarbeit in Deutschland, in: ders.: Kirchengeschichte von „links“ und von „unten“, Berlin/Basel 2011, S. 246.

Geistliche in der Deutschen Friedensgesellschaft Pfarrer Otto Umfrid (1857–1920) wurde 1894 Mitglied der 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) und war von 1900 bis zu seinem Tod 1920 ihr Vizepräsident. 1895 bestanden 26 Ortsgruppen der DFG, von denen eine von einem Pfarrer geleitet wurde; 1899 hatte sich die Zahl der Ortsgruppen auf 71 erhöht, zu deren Vorsitzenden drei evangelische Geistliche gehörten. Zu seinen frühen Weggefährten gehörte Albert Kalthoff (1850–1906). Er gründete 1903 die Bremer Ortsgruppe und wurde deren Vorsitzender. Bis 1907 entwickelte sich eine Gruppe von Pfarrern und Theologen innerhalb der DFG, die öffentlich auf ihre Mitarbeit hinweisen und andere Geistliche zur Mitarbeit ermutigen wollte. Diese Erwägungen führten 1907/08 zum ersten Friedensappell deutscher Theologen. Otto Umfrid, Martin Rade (1857–1940) und Ludwig Weber (1846–1922) verschickten diesen Appell an etwa tausend Pfarrer in Deutschland. Davon wurden rund einhundert Mitglieder der DFG. Das DFG-Mitglied Paul Knapp (1879–1953) gründete die kurzlebige Deutsche Friedenspartei.Manfred Schmid: Der »Friedenspfarrer« Paul Knapp, in: Schwäbische Heimat. 39. Jg. (1988), S. 34–37.

Karlheinz Lipp zählt in seiner Arbeit „Die Berliner Friedenspfarrer und der Erste Weltkrieg“ in besonderem Maße Otto Umfrid, Ernst Böhme (1862–1941), Hans Karl August Francke (1864–1938) und Walther Nithack-Stahn (1866–1942) als DFG-Mitglieder zu den „Friedenspfarrern“.

Spätere Mitglieder waren Martin Niemöller (1892–1984), Kurt Essen (1904–1993), Herbert Mochalski (1910–1992) und Franz Freiherr von Hammerstein-Equord (1921–2011).

Der Jenaer Pfarrer Ernst Böhme ging in seinen Predigten in der Kunitzer Kirche und mit Schriften gegen Rüstung und Kriegsverherrlichung an. Der Leiter der Jenaer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft berief 1908 den Ersten Deutschen Friedenskongress nach Jena ein. 1894 war von Böhme bereits der erste Beitrag zum Thema „Christen und Friedensbewegung“ unter dem Titel „Der Krieg und die christliche Kirche“ erschienen. Dieser Aufsatz ist das erste theologisch und kirchengeschichtlich begründete Plädoyer für die nachhaltige Unterstützung der Friedensbewegung durch Christen, Pfarrer und Kirchen.Walter Bredendiek: Kirchengeschichte von 'links und von unten'. Studien zur Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aus sozialhistorischer Perspektive. (PDF; 1,9 MB), Leonhard-Thurneysser-Verlag 2011, S. 245 f.

Entwicklungen vor und im Ersten Weltkrieg Der zweite Friedensappell deutscher Theologen von 1913, formuliert durch den Pfarrer an der Berliner Gedächtniskirche Walther Nithack-Stahn, warb um Völkerverständigung und um die Verhinderung des drohenden Krieges durch ein internationales Rechtsabkommen. Dieser Aufruf wurde an 3400 Geistliche versandt und von 340 unterzeichnet. Erstunterzeichner waren Walther Nithack-Stahn, Heinrich Weinel, Otto Umfrid, Ernst Böhme, Rudolf Wielandt (Pfarrer von Niedereggenen), Adolf Wagner (Pfarrer von Neuhengstett) und Hans Karl August Francke. Dieser und ähnliche Appelle waren der Versuch, evangelische Pfarrer und Theologen für die Mitarbeit in der Friedensbewegung zu gewinnen.Walter Bredendiek: Die Friedensappelle deutscher Theologen von 1907/08 und 1913, Hefte aus Burgscheidungen Nr. 97, 1963.

Pfarrer verstanden ihren Verkündigungsauftrag als Verpflichtung, vor den Schrecken des Krieges zu warnen und ihre Gemeinden zum tätigen Einsatz für friedliche Verhältnisse im gesellschaftlichen Zusammenleben und zwischen den Völkern zu ermutigen.Karlheinz Lipp: Berliner Friedenspfarrer und der Erste Weltkrieg, Berlin 2012, ISBN 978-3-86226-197-0.

Geistliche im Internationalen Versöhnungsbund Im 1914 gegründeten Internationalen Versöhnungsbund waren folgende Geistliche bereits früh Mitglied geworden: Alfred Dedo Müller (1890–1972), er wurde 1925 der Vorsitzende des deutschen Zweiges, Abraham J. Muste (1885–1967), Friedrich Siegmund-Schultze (1885–1969) und Hermann Maas (1877–1970). Pfarrer Wilhelm Mensching (1887–1964) wurde 1932 Präsident und Sekretär des Internationalen Versöhnungsbundes. Später kamen noch Kurt Essen (1904–1993), Heinrich Kloppenburg (1903–1986), Jean Lasserre (1908–1983) und André Trocmé (1901–1971), schließlich Rudolf Albrecht (1942–2015) und Martin Arnold (* 1946) hinzu.

Mit Leonhard Ragaz (1868–1945), der bereits 1915 als Friedenspfarrer bezeichnet wurde,Zu einem Beitrag von Ragaz in den „Blättern für zwischenstaatliche Organisation“ heißt es in: Die Hilfe: Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst, Bd. 21, 1915, S. 524; in: Die Frau: Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, Bd. 22, 1915, S. 755; und Friedrich Naumann, Gertrud Bäumer: Kriegs- u. Heimat-Chronik, Bd. 2, 1917, S. 11: „Ein Schweizer Friedenspfarrer Ragaz setzt sich ... über die innere Stellung des Christen zum Krieg auseinander.“ und Willi Kobe (1899–1995), Vorsitzender des Schweizer Versöhnungsbundes, sowie mit Emil Fuchs war auch eine starke Gruppe religiös-sozialistisch gesinnter Pfarrer in der Friedensbewegung, insbesondere im Internationalen Versöhnungsbund tätig. Der religiöse Sozialist Hans Hartmann übernahm 1927 die Leitung der deutschen Sektion von Alfred Dedo Müller.Versöhnungsbund auf freundeskreis-arthur-pfeifer.de In diesen Kontext gehört auch Ragaz-Freund Oswald Damian (1889–1978).

Mit Max Josef Metzger (1887–1944) trat in Deutschland aufgrund seiner Erfahrungen als Divisionspfarrer im Ersten Weltkrieg erstmals ein römisch-katholischer Pfarrer einer internationalen Friedensorganisation bei.Michaela Kronthaler: Pfarrer Dr. Max Josef Metzger. Vom Militärseelsorger zum Pazifisten, in: Maximilian Liebmann, Michaela Kronthaler (Hrsg.): Bedrängte Kirche. Graz 1995, S. 60–65.

Friedensbund Deutscher Katholiken Während des Ersten Weltkrieges begannen auch katholischerseits Anstrengungen, einen Friedensbund zu schaffen. Federführend waren an der Gründung des Friedensbundes Deutscher Katholiken 1919 neben Max Josef Metzger folgende friedensbewegte Geistliche beteiligt: Johann Baptist Wolfgruber (1868–1950),Jakob Knab, Johann Baptist Wolfgruber – Ein aufmüpfiger Friedenspfarrer, in: Geschichte quer 12 – Zwischen Krieg und Frieden (2004) der Gründer des Friedensbundes katholischer Geistlicher, der durch die „Konferenz katholischer Pazifisten“ vom 2. Oktober 1919 durch die Öffnung für Laien zum Friedensbund Deutscher Katholiken erweitert wurde; Ernst Thrasolt (1878–1945), der zudem Vorstand des Bundes der Kriegsdienstgegner war. Franziskus Maria Stratmann (1883–1971)Kurt Tucholsky: Briefe an eine Katholikin, 1929–1931. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970, ISBN 3-498-06463-0, S. 9: Marierose Fuchs spricht von „Friedenspater Stratmann“; ebenso Hans Hartmann: Begegnung mit Europäern. Gespräche mit Gestaltern unserer Zeit. 1954, S. 223.

Insbesondere Alfons Maria Wachsmann (1896–1944), Franz Stock (1904–1948) und Joseph Cornelius Rossaint (1902–1991) sind als Mitglieder des Friedensbundes noch bekannt geworden. Unter den katholischen Geistlichen aus dieser Zeit ist, wenn auch nicht Mitglied im FDK, Georg Moenius als Friedenspfarrer zu nennen. Nach der Wiedergründung des Friedensbundes 1946 trat insbesondere der Düsseldorfer Pfarrer Matthias Beckers in Erscheinung.

NSDAP-Mitglieder unter den Friedenspfarrern