300px|mini|Herrenhaus Wiebendorf, Blick auf den Zugangsbereich mit dem viersäuligen Portikus.

Das Herrenhaus Wiebendorf befand sich im Ortsteil Wiebendorf der Gemeinde Bengerstorf im Landkreis Ludwigslust-Parchim und war bis zu seiner weitgehenden Zerstörung 1943 das größte und prunkvollste Herrenhaus Westmecklenburgs.

Geschichte Im Jahr 1876 erwarb der Hamburger Unternehmer und Pächter der Hamburger GaswerkeDas Gas- und Wasserfach, Nr. 36, Verlag R. Oldenbourg, München 1893, S. 718. Carl Hermann Theodor Haase, den Kaiser Wilhelm II. am 28. Mai 1889 / 24. Juni 1889 in den erblichen Adelsstand als von HaaseRegierungsblatt für das Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1889. Im Verlage der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei, Schwerin 1889, S. 139. erhob, das 223 ha große Gut Wiebendorf und Hof Bretzin mit 312 ha von der Familie von Witzendorff. Der Besitz eines Landgutes war seinerzeit für vermögende Hamburger ein erstrebenswertes Ziel. In Wiebendorf begann Haase sogleich mit dem grundlegenden Um- und Ausbau des bereits vorhandenen Gutsbetriebes. Als Erstes ließ er einige Wohn- und Wirtschaftsgebäude errichten, währenddessen begab er sich auf die Suche nach einem Architekten, der ein seinen Wünschen entsprechendes Herrenhaus planen und errichten sollte. Seine Wahl fiel auf die Architekten Martin Haller und Leopold Lamprecht, beide anerkannte Hamburger Architekten, die sich mit ihren Villenbauten und städtischen Auftragsbauten in und um Hamburg einen Namen gemacht hatten. Bauherr Haase ließ Haller dann nahezu freie Hand bei seinem Gestaltungsentwurf. Haller zitierte seinen Auftraggeber später: „Ich muss – so sagte er mir beim ersten Auftrag – eine Kuppel haben, so hoch wie die des Charlottenburger Schlosses, damit ich meine Bude schon von der Bahnstation in Boizenburg zu Gesicht bekomme.“Vgl. Klaus Mühlfried: (Dissertation Universität Hamburg), Hamburg 2005, S. 612.

Das von der Familie Haase mit erworbene große Gutshaus, direkt an der Schaale gelegen, sollte den Ansprüchen der Herrschaften nicht mehr genügen und wurde infolgedessen abgebrochen.

Im Jahr 1882 begann der Bau des neuen Herrenhauses, nach den Plänen Hallers. 1884 konnte Gutsherr Haase dann sein prunkvolles Anwesen in Besitz nehmen.Felix Lüdemann: Schlösser, Gutshäuser und Domänenpächterhäuser in der Region Ludwigslust und dem Amt Neuhaus: Beiträge zur Denkmaltopographie Mecklenburgs und Pommerns. Teil II., Inauguraldissertation, Hamburg 2013, ISBN 978-3-00-044538-5, S. 1263 f. Geld schien für Haase keine große Rolle gespielt zu haben, nicht nur im Äußeren entstand ein „monumentaler Prunkbau“. Die Baukosten betrugen stolze 390.000 Mark, die Einrichtung kostete zusätzlich noch einmal 154.000 Mark.Martin Haller: Herrenhaus Wiebendorf. In: Karl Emil Otto Fritsch (Hrsg.): Deutsche Bauzeitung. Heft 43. Verlag Ernst Toeche, Berlin 1885, S. 257. (Kaufkraft-Index 2025 8,7 = ca. 3,39 bzw. 1,33 Millionen Euro)Deutsche Bundesbank: Historische Beiträge. (PDF-Digitalisat)

Am 28. Januar 1885 präsentierte Architekt Haller dem bei einer Versammlung anwesenden Fachpublikum des Architekten- und Ingenieurvereins Hamburg die von ihm in Auftrag gegebenen Photographien des fertiggestellten Herrenhauses Wiebendorf.

Nachdem das Herrenhaus fertiggestellt war, ließ Gutsherr Carl von Haase weitere Gutsarbeiterhäuser errichten. So wurde das letzte der markanten Wohnhäuser im Jahr 1894 fertiggestellt. Erwähnenswert ist auch das große Gärtnerhaus, das mit seinen gequaderten Ecklisenen dem damaligen Erscheinungsbild des Herrenhauses folgt.

1889 ließ Gutsherr Haase aus den Allodialgütern Wiebendorf und Hof Bretzin, Roggendorf und Marienthal, Dorotheenhof und Klein-Salitz eine Fideikommissstiftung errichten. Die Stiftung erhielt am 4. März 1889 die landesherrliche Zustimmung und sollte mit dem Ableben des Stifters ihre volle Rechtswirksamkeit erlangen.Regierungsblatt für das Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1894. Im Verlage der Bärensprungschen Hofbuchdruckerei, Schwerin 1894, S. 91. Andere Quellen sprechen von 1891, zu diesem Zeitpunkt war Karl von Haase General-Konsul des Schahs von Persien, mit Hauptwohnsitz Hamburg. Auch ging er 1891 offiziell in den Ruhestand.K. K. O. Fritsch: Deutsche Bauzeitung. Mit_ Mittheilungen aus Vereinen. Architekten- und Ingenieurverein zu Hamburg. Nummer 23, XXVIII. Jahrgang, Verlag Greve, Berlin 1894-03-17, S. 142–143. (Digitalisat)

Carl Hermann Theodor von Haase verstarb am 18. November 1893 in Hamburg und wurde auf dem Friedhof in Zahrensdorf beigesetzt. Seine Frau Marie Emilie Malwine von Haase, geborene Lewien, und Sohn Curt Artur Benno von Haase-Wiebendorf lebten weiterhin auf Gut Wiebendorf. Sie verstarb ebenda am 20. September 1897. Artur Benno Curt (Kurd) von Haase wurde zweiter Nutznießer des Fideikommisses Wiebendorf und Roggendorf. Er war kurz mit Adelheid von Bonin (1885–1939) verheiratet. Aus dieser Beziehung stammte der nachfolgende Dr. jur. Carl-Joachim von Haase. 1916 ist eine wohltätige von Haase-Stiftung (Min. A. f. g. A.) genannt,Großherzoglich Statistisches Bureau: Grozsherzoglich Mecklenburg-Schwerinscher Staatskalender. Öffentliche Bekanntmachungen. XI. Klöster, milde Stiftungen, Auflage 141, Verlag Bärensprung, Schwerin 1916, S. 391–392. (Teil-Digitalisat) welche aber schon 1894 mit 150.000 Mark Kapital startete.Beilage zum Mecklenburgisches Kirchen- und Zeitblatt. Jahrgang 1894, Nummer 5, Auflage 22, Verlag der Eberhardt’sche Hof-und Rathsbuchdruckerei, Wismar 1894-02-10, S. 94–95. (Digitalisat) Auch die zweite Ehe des Gutsherrn mit Gräfin Gabriele von Gersdorff scheiterte und wurde 1923 für nichtig erklärt.Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Häuser. Zugleich Adelsmatrikel der Deutschen Adelsgenossenschaft (DAG). Teil A (Uradel) 1942. Jahrgang 115, Justus Perthes, Gotha 1941-11, S. 228–229. (Digitalisat) Hieraus stammt der Sohn Diethelm von Haase. Kurt von Hasse lebte dann noch bis in die 1930er Jahre hinein auf dem Anwesen in Wiebendorf. Er ging nach dem Gothaischen Genealogischen Taschenbuch von 1937 mit Hedwig Kalsack eine dritte Beziehung ein, der die Töchter Edith und Eva sowie der Sohn Edmund von Haase-Wiebendorf entstammten.

Durch nicht näher zu ermittelnde Umstände ist das Herrenhaus im Jahr 1943 nahezu vollständig zerstört worden. Die noch vorhandenen Reste des imposanten Herrenhauses wurden nach 1945 von sowjetischen Einheiten gesprengt, Trümmer dieser Sprengung finden sich noch heute am ehemaligen Standort des Hauses. Erhalten blieben einige der Wirtschaftsgebäude und die Gutsarbeiterhäuser, die nach der deutschen Wiedervereinigung verkauft und schrittweise saniert wurden. Der ebenso erhaltene Pavillon wurde denkmalgerecht saniert, sein Erscheinungsbild lässt die einstige Pracht des Haupthauses erahnen. Erwähnenswert ist auch der im Jahr 1879 erbaute große Pferdestall mit Wasserturm, welcher einst mit weithin sichtbaren Pferdekopf-Terrakotten versehen war, von denen nur noch Bruchstücke vorhanden sind. Ein Großteil der noch erhaltenen Gebäude der ehemaligen Gutsanlage steht heute unter Denkmalschutz.

Besitzerfolge Gut Wiebendorf 1506–1935 Familie von BlücherFriedrich Wigger: Geschichte der Familie von Blücher. Band I., Stiller’sche Hofbuchhandlung, Schwerin 1870, S. 256, S. 258 f.Siegmund Wilhelm Wohlbrück (Hrsg.): Geschichtliche Nachrichten von dem Geschlechte Alvensleben und seinen Gütern. Band II., Berlin 1819, S. 199 f. (Digitalisat) (1506–1633) Reimar von Blücher Joachim von Blücher († 1550), Domherr zu RatzeburgGottlieb Matthias Carl Masch: Geschichte des Bisthums Ratzeburg. Friedr. As[s]chenfeldt, Lübeck 1835, S. 443 () Christoph von BlücherFriedrich Wigger: Die Geschichte der Familie von Blücher. Band 2. Stillersche Hofbuchhandlung, Schwerin 1878, S. 91. Hieronymus Vogeler (1633–1639), BürgermeisterHieronymus Vogeler erwarb die Güter Wiebendorf und Zahrensdorf am 8. August 1633 für 11.000 Taler von Joachim von Blücher. vgl. Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. Band III. Bärensprungsche Hofbuchdruckerei, Schwerin 1899, S. 138. (Digitalisat) Barthold Moller (1639–1651), BürgermeisterÜbernahme des Gutes durch Schenkung (Verwandtschaft) von Hieronymus Vogeler. Joachim Sander (1651–1655), Oberstleutnant Erich von Wördenhofen (1655–1659) Johann Tellien (1659–1668), Oberst Familie von Delwig (1668–1700)Gustav von Lehsten: Der Adel Mecklenburgs seit dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleiche (1755). Druck und Verlag von J. G. Tiedemann, Rostock 1864, S. 125.Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. Band III. Bärensprungsche Hofbuchdruckerei, Schwerin 1899, S. 138. (Digitalisat) Heinrich von Delwig, Generalmajor Walther von Delwig, Kapitän und Ehefrau Katharina, geborene von Delwig Familie von Stöterogge und von Dellwig (1700–1749) Staz Friedrich von Stöterogge († 1723) Sophia Elisabeth von Stöterogge, geborene von Delwig († 4. Juni 1749) ⚭ Valentin Friedrich von Both († 12. Juni 1737), Oberstleutnant ⚭ Joachim Werner von dem Knesebeck († 1749) Familie von Kirchner und von Dellwig (1749–1782) Hedwig Juliane von Kirchner, geborene von Delwig († 1772) Otto von Kirchner († 1778) Erbengemeinschaft der Familien von Delwig und von Kirchner Johann Reinhold Baron von RosenGustav von Lehsten: Der Adel Mecklenburgs seit dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleiche (1755). Druck und Verlag von J. G. Tiedemann, Rostock 1864, S. 222. (1782–1784) Johann Hermann Kütemeyer (1784–1791), Rechtsanwalt Heinrich Ludwig Giese (1791–1798) Hartwig von Bülow, KammerherrGustav von Lehsten: Der Adel Mecklenburgs seit dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleiche (1755). Druck und Verlag von J. G. Tiedemann, Rostock 1864, S. 44. (1798–1800) Heinrich Joseph Graf von Malet (1800–1803)Die Güter Wiebendorf und Zahrensdorf wurden getrennt; Gut Zahrensdorf erwarb Franz Philipp Christian Mecklenburg; vgl. Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. Band III. Bärensprungsche Hofbuchdruckerei, Schwerin 1899, S. 138. Christian Andreas Kober (1803–1804) Peter Knaudt (1804–1810), BürgermeisterHerzoglich-Mecklenburg-Schwerinscher Staats-Kalender 1804. Im Verlag der Hofbuchdruckerey, Schwerin 1804, S. 92.Boizenburger Bürgermeister von 1803 bis zu seinem Tode im Jahr 1818. Johann Friedrich Rüdel (1810–??), KommerzienratBesitzwechsel zwischen 1814 und 1817, fehlende Dokumentation. Johannes Krückmann (1828–1866 ??) Johann Konrad Oluff Krückmann (??–1841) Friedrich Gabriel Zarneckow (1841–1843) Familie von WitzendorffGustav von Lehsten: Der Adel Mecklenburgs seit dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleiche (1755). Druck und Verlag von J. G. Tiedemann, Rostock 1864, S. 295. (1843–1876) Peter von Witzendorff (1778–1857), hannoverscher Oberhauptmann Wilhelm von Witzendorff (1830–1865), preußischer Premierleutnant a. D. Marie von Witzendorff, geborene Schliephake (1833–1893) und minderjährige Erben Familie von Haase (1876–1935)GStA Bestand: I. HA Rep. 167, Nr. 329, Landesamt für Familiengüter 1918–1945, Fideikommiss „Wiebendorf und Roggendorf“ der Familie von Haase, Laufzeit: 1935–1938.Kreisarchiv Nordwestmecklenburg: N1/0086, Ortschronik Roggendorf, Auszüge/Abschriften aus anderer Literatur, Auszug aus der Roggendorfer Kirchenchronik, enthält u. a. 1935 Erwähnung des Verkaufs des Gutes Wiebendorf, 1935 Zwangsverwaltung für die Güter Roggendorf, Marienthal und Dorotheenhof aufgehoben.

Herrenhaus Baubeschreibung mini|Herrenhaus Wiebendorf, Entwurfszeichnung der Architekten Haller und Lamprecht. mini|Überreste eines polygonen Vorbaus.

Der Architekt verwendete in seinem Entwurf überwiegend Formen der klassizistischen Renaissance. Vorbilder fand er in Villenbauten von Andrea Palladio, unter anderem der Villa Rotonda und der Villa Barbaro.