mini|Josef Schintlmeister im Lesesaal des ZfK Rossendorf
Josef Peter Schintlmeister (* 16. Juni 1908 in Radstadt; † 14. August 1971 in Hinterglemm)Lebensdaten nach: Kalliope-Verbund war ein österreichischer Kernphysiker und Mitarbeiter am Uranprojekt und am sowjetischen Atombombenprojekt.
Die frühen Jahre
Schintlmeister wurde als Sohn des Oberlehrers und späteren Direktors der Radstädter Volksschule Peter Schintlmeister (1858–1937) und dessen Ehefrau Maria geb. Scharfetter (1876–1957) geboren. Er selbst maturierte 1927 am Humanistischen Gymnasium in Salzburg und studierte anschließend Physik an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. Am 20. Juli 1932 promovierte er bei Privatdozent Georg Stetter mit einer Arbeit über die Ionisation von H-Strahlen in verschiedenen Gasen. Diese Arbeit war für die Entwicklung der nuklearelektronischen Messmethoden von Bedeutung.
mini |Josef Schintlmeister beim 10. Rossendorfer Klubabend Naturwissenschaft und Kunst am 21. Mai 1970
Im Jahr 1938 habilitierte sich Schintlmeister. Seine Vorlesung ist veröffentlicht. Er systematisierte die Energie eines Alphastrahlers in Abhängigkeit von der der Massenzahl, indem er Nuklide mit gleicher Protonenzahl Z mit der Differenz zwischen Neutronen- und Protonenzahl N-Z in Beziehung setzte. Damit war es erstmals möglich, die Alpha-Radioaktivität von Nukliden vorherzusagen. Die vorhergesagte Alpha-Aktivität von Actinium wurde ein Jahr später von Marguerite Perey, einer Mitarbeiterin von Marie Curie, bestätigt. Auch Glenn T. Seaborg und seine Mitarbeiter nutzten Schintlmeisters Systematik bei der Entdeckung der Transurane und zitierten ihn. Siehe
Als Dozent für Experimentalphysik am 2. Physikalischen Institut der Universität Wien wirkte er im Zweiten Weltkrieg am deutschen Kernforschungsprojekt (Uranverein) in der Gruppe von Georg Stetter, die sich mit Kernspaltung und Resonanzabsorptionsquerschnitten von Neutronen befasste. Dabei fand er auch Hinweise auf die Existenz eines neuen Elements Plutonium, publiziert in vier geheimen Berichten 1940 bis 1942 (teilweise mit Friedrich Hernegger). Sie fanden, dass es spaltbar war und in einem Reaktor erzeugt werden konnte.Schintlmeister, Hernegger: Über ein bisher unbekanntes, alpha-strahlendes chemisches Element. G-55, 10. Dezember 1940. Dieselben: Die Stellung des Elementes mit Alphastrahlen von 1,8 cm Reichweite im periodischen System. III Bericht. G-111, 23. Mai 1941. Dieselben: Weitere chemische Untersuchungen an dem Element mit Alphastrahlen von 1,8 cm Reichweite. II Bericht. G-112, Mai 1941. Schintlmeister: Die Aussichten für eine Energieerzeugung durch Kernspaltung des 1,8 cm Alphastrahlers. G-186, 26. Februar 1942. GP steht für “German Reports” und ist eine gängige Abkürzung der überwiegend geheimen deutschen Berichte des Uranprojekts, Verzeichnis z. B. Mark Walker: Die Uranmaschine. Siedler 1990, Goldmann TB, S. 313ff. Er trug darüber auf einer Fachkonferenz im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin im Februar 1942 vor.
Als Physiker im sowjetischen Atomprojekt Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs entsandte die Sowjetunion Sonderkommandos nach Deutschland (darunter auch nach Österreich), um Atomwissenschaftler ausfindig zu machen, die für das sowjetische Kernwaffenprojekt nützlich sein könnten und in die Sowjetunion überführt werden sollten. Die Mission wurde von Generalleutnant Awraami Pawlowitsch Sawenjagin geleitet. Schintlmeister wurde 1946 in Salzburg, das sich damals in der amerikanischen Besatzungszone befand, vom russischen Sonderkommando aufgespürt und in die Sowjetunion „eingeladen“. Er wurde nach Moskau gebracht und dem Laboratorium 2, dem späteren Kurtschatow-Institut zugeteilt.
Zwischen 1999 und 2010 erschien in Russland ein Sammelwerk in drei Bänden mit dem Titel „Das Atomprojekt der UdSSR. Dokumente und Materialien“ veröffentlicht. Alle Bände sind im Internet auf Russisch verfügbar. Das Projekt erstreckt sich über zehn umfangreiche Bücher, von denen sieben den Titel „Die Atombombe 1945–1954“ tragen. Diese Dokumentensammlung gibt auch Aufschluss über die Tätigkeiten deutscher Wissenschaftler und Spezialisten im sowjetischen Atomprojekt, speziell auch über die von Josef Schintlmeister.
In einem Bericht vom 1. September 1947 steht:
Dieses Dokument wurde von Rudolf Arthur Pose, dem Sohn von Heinz Pose, aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt und ist in der Monografie Deutsche Wissenschaftler und Spezialisten im sowjetischen Atomprojekt – Dokumente, Kommentare, Erinnerungen enthalten.
Am 6. Juni 1949 wurde berichtet, dass Schintlmeister das Labor zur Erforschung der Prozesse von Kernexplosionenv im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut Nr. 9 (NII-9) in Moskau leitete. Seine deutschen wissenschaftlichen Mitarbeiter waren Wunibald Kunz und der Ingenieur Birkenfeld. Außerdem hatte er fünf sowjetische Mitarbeiter. Im gleichen Institut leitete auch der Chemiker Max Volmer erfolgreich ein Labor. Das NII-9 wurde im Dezember 1944 unter der Kontrolle des NKWD in Moskau gegründet und trug ursprünglich einen anderen Namen. Es war primär für die Metallurgie, die Erforschung von Uranvorkommen sowie die Gewinnung und Verarbeitung von Plutonium im sowjetischen Kernwaffenprogramm zuständig. In einen anderen Brief mit gleichem Datum 6. Juni 1949 heißt es: „Die deutschen Spezialisten aus dem Werk Nr. 12 (Gruppe Doktor (Günter) Wirths und NII-9 (Gruppe Professor Volmer und Doktor Schintlmeister) sind ins Labor «W» (120 km von Moskau) zu verlegen.“ Also nach Obninsk.
Aus einem Bericht vom 1. Juli 1950 geht hervor, dass Schintlmeister gemeinsam mit dem Ingenieur F. Schmidt im Labor W in Obninsk arbeitete. Im Jahr 1950, im Jahr nach der Zündung der ersten russischen Atombombe, wurde die Struktur der sowjetischen Forschungseinrichtungen grundlegend geändert. Ab diesem Zeitpunkt wurden die deutschen Physiker und Spezialisten nach und nach aus der direkten militärischen Forschung herausgenommen. Im Zuge dieser Umstrukturierung übernahm Blochinzew die Leitung des Labors W von Pose. Schintlmeister und Schmidt arbeiten fortan unter Blochinzew. Ihre Aufgabe war es, neue Typen elektronischer Apparaturen für die Kernforschung zu entwickeln.
In einem Plan für die wissenschaftlichen Arbeiten der deutschen Spezialisten im Jahr 1953 wurde Wunibald Kunz und Schintlmeister die folgende Aufgabe gestellt: Isotopentabelle mit Angabe ihrer Eigenschaften und Zerfallsschemata. Nach ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion arbeiteten sie daran weiter und publizierten gemeinsam das Standardwerk Tabellen der Atomkerne, das ab 1958 im Akademie-Verlag erschien.
Da die jungen russischen Wissenschaftler, die in das Programm involviert waren und in Schintlmeisters Arbeitsgruppe tätig waren, jedoch die ins Russische übersetzte Fassung des Buchs „Die Elektronenröhre als physikalisches Messinstrument“ als Arbeitsgrundlage schätzten, ist davon auszugehen, dass Schintlmeister vorwiegend auf seinem Spezialgebiet, der Entwicklung von kernphysikalischer Messtechnik, tätig war. Im Rahmen des Atomprogramms der UdSSR arbeitete Schintlmeister auch andernorts mit Spezialisten aus Deutschland zusammen, beispielsweise in seiner „Quarantänezeit“ im Institut G in Agudseri bei Suchumi, dessen Direktor der Nobelpreisträger Gustav Hertz war. Im Jahr 2006 wurde berichtet, dass die deutschen und österreichischen Mitarbeiter nach Beendigung ihrer Arbeit in der Sowjetunion an Eides statt ein Dokument unterzeichnen mussten, in dem sie sich dazu verpflichteten, 25 Jahre lang nicht über ihre Arbeit am Atomprogramm der UdSSR zu sprechen. auf Deutsch: Daran hat sich Schintlmeister gehalten. Im Nekrolog auf Schintlmeister von Rudolf Münze und Dieter Netzband aus dem Jahr 1971 wird die Zeit Schintlmeisters in der Sowjetunion hingegen ausgespart. Lediglich auf Seite 10 findet sich der Satz „Von 1946 bis 1955 war Schintlmeister an maßgeblicher Stelle in der Sowjetunion als Spezialist tätig.“
mini |Grabstein von Josef Schintlmeister auf dem Loschwitzer Friedhof in Dresden
Als Bereichsleiter im ZfK Rossendorf 1955 kehrte er nach Österreich zurück, ging aber bald darauf in die DDR, wo er Direktor am Zentralinstitut für Kernphysik Rossendorf und Leiter des Bereichs Kernphysik wurde. Außerdem wurde er als Professor für Kernphysik an die Technische Universität Dresden berufen.Hardwin Jungclaussen: Frei in drei Diktaturen – Wie ich mein Leben erlebte und wie ich mein Glück fand. Autobiografie. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, trafo Literaturverlag, Reihe Autobiographien Band 48, Berlin 2015, S. 139, ISBN 978-3-86465-050-5.
In den 1950er Jahren war er Vertreter der DDR im wissenschaftlichen Rat des Kernforschungsinstituts Dubna (mit Heinz Pose und Klaus Fuchs).Rudolf Arthur Pose: Rudolf Arthur Pose:
Er gab die deutsche Übersetzung der Lehrbücher von Aage Bohr und Ben Mottelson (Theorie der Atomkerne) und von Jakow Frenkel (Prinzipien der Theorie der Atomkerne, 1957) heraus.Außerdem Augusta Lavruchina, J. A. Solotow: Die Transurane. VEB Verlag Grundstoffindustrie, 1961. Baldin, Goldanski, Rosental: Kinematik der Kernreaktionen. Akademie Verlag, 1963. Aufsatzsammlung russischer Autoren (Smorodinski u. a.): Der Isospin von Atomkernen. Akademie Verlag 1960
1964 erhielt Schintlmeister den Nationalpreis der DDR III. Klasse für Wissenschaft und Technik.
Er starb am 14. August 1971 in seiner Pension Sonnhof in Hinterglemm im Salzburger Land, keine 100 km von seinem Geburtsort Radstadt entfernt, an den Folgen eines zweiten Herzinfarkts im Alter von 63 Jahren.
Familie
Schintlmeister war in erster Ehe mit Maria Renata geb. Deinlein (1909–?) verheiratet. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, eine früh verstorbene Tochter, ein Sohn und eine weitere Tochter. In zweiter Ehe heiratete er 1955 die Physikerin Alexandra geb. Obolenskaja (1923–2019), mit der er zwei Söhne hatte.
Im Jahr 2026 veröffentlichte der Enkel von Schintlmeister, Adrian Schintlmeister, in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung einen Artikel mit dem Titel Ein OAZ-Redakteur berichtet: Wie mein Opa den Sowjets half, die Atombombe zu bauen. Er zeichnet den Weg seines Großvaters nach und schreibt: „Nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde die Wiener Physik in das deutsche Wissenschaftssystem integriert. Wie so viele seiner Landsleute trat er im Mai 1938 der NSDAP bei und wurde Teil des Systems. Dass er überzeugter Nazi war, glaubt in unserer Familie niemand. (...) Er war ein Mann, der Berge bestieg und Atome spaltete. Der für die Nazis forschte, für die Sowjets arbeitete und in der DDR lehrte. Der von westlichen Geheimdiensten befragt und von östlichen überwacht wurde.“
Josef Schintlmeister als Bergsteiger Josef Schintlmeister war ein erfahrener Alpinist von internationalem Rang. 1929 stand er zum ersten Mal auf dem Sellajoch in den Dolomiten und blickte auf den Langkofel mit seiner prächtigen Nordflanke. Der Gosaukamm im Dachsteingebirge und das Gesäuse in den Nördlichen Kalkalpen wurden bald seine bergsteigerische Heimat. Am 1. Juli 1931 gelang ihm die Erstdurchsteigung der Dachl Nordwand im Gesäuse, die bis heute als eine der schwierigsten Routen (7+) gilt. Weitere Erstbegehungen machten Schintlmeister in Bergsteigerkreisen bekannt. Im Jahr 1931 gelang ihm die Erstüberschreitung der Besengimauer im Kaukasus.
In den 1950er Jahren war Schintlmeister wieder im Kaukasus unterwegs. Der Physiker Hardwin Jungclaussen erinnert sich in seinen Lebenserinnerungen an gemeinsame Bergtouren im Jahr 1953, bei denen Schintlmeister Initiator und Leiter war. 1956 stellte Schintlmeister Jungclaussen in Rossendorf ein. Schintlmeister war Mitglied der Nationalmannschaft Bergsteigen der DDR.
Josef Schintlmeister als Kunstfreund