Sunrise. Das Buch Joseph ist ein Roman von Patrick Roth aus dem Jahr 2012.

Überblick

Im Mittelpunkt steht der neutestamentliche Joseph von Nazareth, der Mann Marias und Ziehvater Jesu. In sechs Abschnitten, jeweils drei „Büchern des Abstiegs“ und drei „Büchern des Aufstiegs“, insgesamt 112 Kapiteln, entwirft der Roman das fiktive Leben von Joseph, das die Zeit von 7 v. Chr. bis 30 n. Chr. umspannt und an verschiedenen Schauplätzen in Palästina zur Zeit Jesu spielt. In der Fort- und Neuschreibung biblischer Stoffe und der poetischen Sprache schließt „SUNRISE“ an die Werke der Christus-Trilogie (1991–96) an.

Der Roman erschien auf Deutsch erstmals 2012 im Göttinger Wallstein Verlag (ISBN 978-3-8353-1051-3) und wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 nominiert. vom 15. August 2012 Im Herbst 2012 wurde er für den Rundfunk aufgenommen.SWR2 „Fortsetzung folgt“, abgerufen am 15. November 2012

Inhalt

Erstes Buch: „Der Träger“ (Kap. 1–29)

Die „Bücher des Abstiegs“ setzen 70 n. Chr. gegen Ende des großen Jüdischen Krieges ein, wenige Tage vor der vollständigen Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Zwei jungen Judenchristen, Monoimos und Balthazar aus der Gemeinde in Pella, ist es gelungen, sich in die belagerte Stadt einzuschleusen. Sie verfolgen den Auftrag, das Grab Jesu zu sichern, bevor es dem Erdboden gleichgemacht wird. Im Chaos eines Sandsturms finden sie Schutz im Haus einer Ägypterin namens Neith. Die geheimnisvolle alte Frau kennt nicht nur die Lage des Grabs des „Herrn“, sondern auch das Leben des „Herrn des Herrn“, des Vaters Jesu, das sie den jungen Männern im Folgenden erzählt.

Die Geschichte setzt im Frühjahr des Jahres 7 v. Chr. ein. Auf dem Heimweg von der Arbeit in Sepphoris wird Joseph von einem prächtigen Vogel überschattet, der sich auf einem Baum hinter einer Mauer niederlässt. Joseph steigt auf die Mauer und blickt in den Garten eines römischen Landhauses; am Baum in der Mitte des Gartens hängt ein ägyptischer Sklave, der ausgepeitscht wurde. Joseph beobachtet eine Schlange aus dem Bauminneren, die sich dem Hals des Hängenden nähert – er springt in den Garten und schneidet den Ägypter vom Ast; den hinzueilenden Aufseher schlägt er mit dem Beil nieder. Mit dem ohnmächtigen Sklaven auf dem Rücken flieht Joseph die Nacht hindurch nach Nazareth, um seine Last dort abzulegen, wo er einst Maria schlafend fand: bei einer ausgetrockneten Zisterne, außerhalb des Dorfes. Joseph vertraut Maria den Ägypter zur Pflege an und flieht noch in derselben Nacht in Richtung Jordan. In einem prophetischen Traum, der in der Nähe von Daberat über ihn kommt, sieht er sich an einem Seil bei strömendem Regen die Reihe der 64 Ahnen hinabsteigen, die in Form von „Ragebildern“ in die Tiefe reichen; auf dem Grund des riesigen Tempels angelangt, fordert die Stimme Gottes ihn auf, am Standbild des Urahns Adam einen Tiegel zu zerschlagen. Joseph soll das in Scherben zerschmetterte Gefäß zu einem neuen Tiegel zusammensetzen, auf dass dieser ihnen beiden, Mensch und Gott, Speise schöpfen möge. Am Morgen gedenkt Joseph des Ortes seines Traums mit einem Steinmal und nennt ihn Beit Re’evim, „Haus der Hungrigen“.

Am folgenden Tag setzt Joseph südlich der Gegend der später an dieser Stelle errichten Stadt Tiberias über den See Genezareth gen Bethsaida am Nordostufer, um seine Verwandtschaft mütterlicherseits zu besuchen. Ein aufkommender Sturm treibt sein Boot gen Osten, ans Ufer des „Landes der Vertriebenen“ Gerasa. Joseph erinnert sich an seine letzte Fahrt mit der ersten Frau und dem ersten Sohn, Jesus. Auch damals war ein Sturm im See aufgekommen; eine Woge hatte Joseph den Säugling aus der Hand geschlagen; von den Wellen verschluckt wurde das Kind in der Tiefe von einem hohlen Baumstamm aufgenommen. Wie damals treiben die Winde Josephs Boot wieder ans Ostufer, in die Gegend bei Hippos, in der Dekapolis. Auf der Suche nach dem Grabmal, das er dem ertrunkenen Sohn damals baute, trifft Joseph auf den ehemaligen römischen Hauptmann Virdanus, der in einer Grabhöhle lebt. Joseph erlebt, wie dieser von einem inneren Dämon getrieben, sich stets von neuem die Hand mit einem Stein aufschlägt und erfährt, dass Virdanus einst die Auslöschung eines Dorfs befehligte.

Im Grabdenkmal des verlorenen Sohns hat Joseph einen Traum: Eine Stimme kündet ihm die Geburt eines Sohns an, den er, wie den ersten, Jesus nennen soll. Über das Dorf der Mutter in der Gegend von Kochaba kehrt er am Bach Kerit entlangwandernd zum Jordan zurück; ein Rabe weist dem im Nebel Verirrten den Weg durch den Fluss. In Nazareth liegt die Zisterne verlassen, auf ihrem Grund wachsen Ähren. Maria berichtet, dass Söldner die Gegend durchsuchten, der Ägypter, nachdem er zwei Tage lang von ihr versorgt worden war, geflohen sei. Sie gesteht, schwanger zu sein ohne zu wissen, wie dies geschah. In der folgenden Nacht sieht Joseph sich im Traum noch einmal auf dem Grund des Ahnen-Tempels stehen; ein Engel gebietet ihm, den Sohn anzunehmen: was Maria im Fleisch austrage, habe er im Geist auszutragen.

Ein halbes Jahr nach der Geburt Jesu wird Joseph auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit von einem Trupp Söldner zur Löschung eines Brands abkommandiert. Das Landgut, aus dessen Garten er einst den ägyptischen Sklaven befreite, steht in Flammen; darin befindet sich das Kind des römischen Herrn, das zu retten Joseph ins Feuer geschickt wird. Im brennenden Haus befreit er einen eingeklemmten Mann, der einen Säugling im Arm hält. Die Flucht aus dem Inferno gelingt und Joseph erfährt, dass er das Mädchen einer ägyptischen Magd rettete; der Mann unterm brennenden Balken stellt sich als Aufseher der Knechte heraus, dem Joseph einst das Beil in die Kehle schlug. Gerüchte besagen, der Aufseher habe das Feuer aus Eifersucht gelegt. Joseph erhält den Auftrag, den Baum, mit dem alles begann und der nun verbrannt ist, zu fällen. Mit dem Bild des in den Armen einer Magd ruhenden Kindes vor Augen steigt Joseph im Schutz des gefällten Baums über die Mauer zurück nach Nazareth.

Zweites Buch: „Die Pilger“ (Kap. 30–37)

Zwölf Jahre nach diesen Ereignissen zieht Joseph mit seiner Familie nach Jerusalem, das erste Pessachfest des zwölfjährigen Jesus zu feiern. Sie queren die Jesreelebene und treffen bei Ofra, wo alle Wege sich kreuzen, die aus nördlicher und östlicher Richtung hinzustoßende Verwandtschaft, um gemeinsam über das Hochland von Samarien in die Hauptstadt weiterzuziehen. Die alte Königstadt Megiddo am Südrand der Jesreelebene, Todesort des Königs Joschija, und das Ziel der Reise, die Pessachfeierlichkeiten in Jerusalem, werden zum Auslöser der Geschichte vom „Verlorenen Buch“, die Jesus unterwegs von Joseph zu hören begehrt. Den historischen Hintergrund der im 2. Buch der Könige geschilderten Episode bildet die Kultreform Joschijas. Sie umfasste auch die Renovierung des Tempels, bei der das Gesetzbuch gefunden wurde (), welches die Tradition mit dem 5. Buch Mose gleichsetzt. Es wird zum Gegenstand der Geschichte vom „Verlorenen Buch“, die sich im Hin- und Hererzählen zwischen Joseph und Jesus entfaltet. Sie stellt ein Gleichnis auf die eigene Berufung dar, die nicht zu suchen, nur zu finden ist.

Auch Silo, Ort des ersten israelitischen Tempels, den die Reisenden im Süden des samaritanischen Hochlands passieren, wird zum Anlass einer Geschichte. Jesus erzählt die Berufung des Propheten Samuel aus dem ersten Buch Samuel wie als Vorausdeutung auf seine eigene Berufung. Bei Schilo, der letzten Station vor Jerusalem, hat Joseph einen rätselhaften Traum. Darin steht er einsam am Rand einer Grube in der Sandwüste; Leitern führen hinab. Auf dem Grund der Grube liegt ein mächtiges hölzernes Kreuz, der Längsbalken zur Leiter ausgebildet. Aus dem riesigen Kreuz tönen Gegurre und Menschenschreie. Auf dem Weg zurück nach Nazareth erhält Joseph in Schilo Nachricht vom Verschwinden des Sohns. Auf der Suche nach ihm gerät Joseph in Jerusalem zunächst in die Kulissen, dann auf die Bühne eines antiken Theaters, in dem gerade Ödipus auf Kolonos gegeben wird.

In der Nacht darauf sieht Joseph im Traum seine Werkstatt und alles, was er je gefertigt hat, in Flammen aufgehen; der Brand greift auf Jerusalem über und Joseph erkennt: Das Feuer geht vom Tempel aus, der ein riesiger Ofen ist. Am dritten Tag der Suche findet Joseph Jesus auf den Stufen des Tempels eingeschlafen. Jesus berichtet, dass ihn beim Verlassen der Stadt, eine Stimme zum Tempel zurückgezogen habe, wo er (wie einst Samuel) eingeschlafen sei und Gott zu ihm gesprochen habe. Angst und Verlassenheit seien über ihn gekommen, als er zum Zeugen der Kreuzigung eines Ägypters wurde, den man an ihm vorbeigetrieben habe. In der Wendung des Ägypters aufs Kreuz hin habe dessen Auge seines getroffen und nicht mehr losgelassen. Im Tempel dann sei ihm, Jesus, Antwort von Gott geschehen. Joseph glaubt, in dem zum Kreuzestod Verurteilten den ägyptischen Sklaven zu erkennen, den er einst aus dem Garten des römischen Landhauses befreite. Wenige Tage später hat er einen Traum: Darin blickt Joseph – auf dem Gipfel des Sinai stehend – durch die Räume und Zeiten; der Berg selbst ist ein brütender Ofen, eine Parallele zu Mose (), über ihm Gewölk, aus dem die Stimme Gottes spricht. Sie verlangt, den Sohn wie einst Abraham hinauszuführen auf einen Berg, ihn dort zum Brandopfer zu schlachten.

Drittes Buch: „Das Opfer“ (Kap. 38–50)

Joseph droht, an dem Traum verrückt zu werden. Er verschließt sich gegen Frau und Sohn und stiehlt sich öfter fort, um nach dem Berg zu suchen, der ihm als Opferstätte gewiesen wurde. Er sammelt Steine für den Altar, Holz für das Brandopfer und wartet auf ein Zeichen Gottes, das aber ausbleibt. Unter dem Vorwand, ein Sühnopfer zu halten, zieht er nach Zweifeln, mit Jesus, dem Opfertier und einer Eselin als Lasttier los. Unterwegs zum Berg, den er zweimal in einem großen Bogen umgeht, führt Joseph einen inneren Dialog mit Gott, in der Hoffnung, das Gebot abwenden zu können. Auf dem Weg hinauf begegnet ihnen eine Räuberbande. Die Männer entwenden Opferlamm und Eselin und schlagen den aufbegehrenden Jesus nieder; Joseph fleht um das Leben seines Sohns. Den Anführer der Bande erkennt er als den Hauptmann der Söldner wieder, der ihn zum römischen Landgut trieb, das Kind aus dem Flammen zu holen. Um Hab und Gut beraubt ziehen Vater und Sohn weiter den Berg hinauf.

Am nächtlichen Lagerfeuer unterhalb der Opferstätte, die im Dunkeln bleibt, erzählt Jesus die Geschichte des Jona, der vor seiner Sendung floh. Er trägt den im Buch Jona überlieferten Mythos in einer Variante vor, die ein Alter aus Gat-Hefer, Heimat des Propheten, berichtete. Demnach ist Jona Gottes Auftrag ausgewichen, weil er den sicheren Untergang der Stadt Ninive im Traum vorweggeschaut hatte. Ninive aber sei verschont worden, weil Jona ausgewichen sei und Gott auf diese Weise Besinnung ermöglicht habe.

Als Jesus am Feuer eingeschlafen ist, trifft Joseph letzte Vorbereitungen; er bindet den schlafenden Sohn mit einem Seil und schichtet die Scheite auf dem Altar, als er Tierlaute vernimmt. Ein Reiter nähert sich von der anderen Seite des Hügels. Joseph beobachtet, wie der Mann von zwei Berglöwen angefallen und vor seinen Augen zerrissen wird. Erschüttert bricht Joseph vorm Opferaltar, das Messer noch in der Hand, zusammen. Jesus, der die Szene heimlich beobachtet, flieht vom Schauplatz. Im zerfleischten Leichnam, dessen Kopf abgerissen ist, erkennt Joseph den Aufseher der Knechte, dem er einst das Beil in den Hals schlug und später aus dem Feuer des römischen Landhauses rettete. Im zerrissenen Körper erkennt er sich selbst als einen Toten, der sein Leben vor Gott und seinen Angehörigen verwirkt hat. Zum Zeichen seines Todes reißt er sich die Kleider vom Leib, taucht sie ins Blut des Aufsehers und legt sie dem Kadaver an. Zuletzt begräbt er den abgetrennten Kopf im Boden einer nahe gelegenen Felskluft.

Viertes Buch: „Der Tote“ (Kap. 51–65)