mini|Karl Wolff, hier als SS-Gruppenführer (1937) Karl Friedrich Otto Wolff (* 13. Mai 1900 in Darmstadt; † 15. Juli 1984 in Rosenheim) war ein deutscher SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Er avancierte zum Chef des „persönlichen Stabes Reichsführer SS“ und „Verbindungsoffizier der SS zu Hitler“. Nach dem Zweiten Weltkrieg behauptete Wolff, von der Vernichtung der Juden erst 1945 erfahren zu haben. Am 30. September 1964 wurde er vom Landgericht München II wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen (Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka) zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1969 wurde er wegen Haftunfähigkeit entlassen.

Herkunft und Schule Karl Wolff wuchs als Sohn des promovierten Juristen Karl Friedrich Wolff (1871–1916) und seiner Ehefrau Elisabeth Luise, geb. Urich (1872–1939), in einer Darmstädter Honoratiorenfamilie auf. Seine Mutter, eine Tochter des Fürstlich Ysenburgischen Forstmeisters Karl Urich, stammte aus Büdingen, sein Vater aus Gießen. Dieser wurde 1901 Staatsanwalt in Darmstadt und wechselte 1906 als Amtsrichter nach Butzbach und anschließend Darmstadt.Otto Knaus: 80 Semester Activitas Karlsruhensiae 1878–1928. Festschrift Verbindung Karlsruhensia (Heidelberg), ca. 1960, S. 41 (). 1910 erfolgte die Ernennung zum Amtsgerichtsrat,Grossherzoglich hessisches Regierungsblatt 1910, S. 16; 1911 zum Landgerichtsrat.Hof- und Staats-Handbuch des Grossherzogtums Hessen für das Jahr 1912/13, S. 174. Zuletzt war Wolffs Vater Präsident des Landgerichts Darmstadt.

Karl Wolff hatte schon in früher Jugend den Wunsch, zum Militär zu gehen und Offizier zu werden. So absolvierte er bereits als Schüler des Ludwig-Georgs-Gymnasiums in Darmstadt freiwillig eine zweijährige vormilitärische Ausbildung der Nationalen Jugendwehr.

Teilnahme am Ersten Weltkrieg Nach dem Notabitur am 27. April 1917 meldete sich Wolff freiwillig und wurde dank der Empfehlungen seiner Verwandtschaft als Fahnenjunker in das Großherzogliche Hessische Leibgarde-Infanterie-Regiment Nr. 115 aufgenommen. Nach einer viermonatigen Rekrutenausbildung kam er am 5. September 1917 an die Westfront und avancierte bis Ende des Krieges zum Leutnant. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter und erster Klasse ausgezeichnet.

Demobilisierung und Berufstätigkeit Die durch den Versailler Vertrag festgelegte Verringerung der personellen Stärke der Reichswehr führte im Mai 1920 zu seiner Demobilisierung. Wolff war kurzzeitig Kompaniechef in einem hessischen Freikorps.Der Spiegel 7/1962, S. 37 ff.

Im Bankhaus der Gebrüder Bethmann in Frankfurt am Main durchlief Wolff bis Juli 1922 eine zweijährige Lehrzeit. Nach seiner Heirat im August 1923 zog das Ehepaar Wolff nach München, wo er Arbeit bei der Deutschen Bank fand. Er wurde Ende Juni 1924 durch Auswirkungen der Inflationszeit arbeitslos und fand bald eine neue Beschäftigung bei der Münchner Filiale der „Annoncen-Expedition Walther von Danckelmann“. Am 1. Juli 1925 eröffnete er seine eigene Firma unter dem Namen „Annoncen-Expedition Karl Wolff – von Römheld“.

Die Wirtschaftskrise im Jahr 1931 (s. Deutsche Bankenkrise) ließ ihn zur Überzeugung gelangen, dass nur die radikalen Parteien zur Lösung des wirtschaftlichen und politischen Dilemmas in Deutschland fähig seien. Für ihn kam dafür nur die rechtsradikale Richtung in Betracht.

Politischer Werdegang Wolff trat am 13. Oktober 1931 in die SS (SS-Nummer 14.235) und am 1. November 1931 in die NSDAP (Mitgliedsnummer 695.131) ein und machte in der SS eine steile Karriere.

Ein dreiwöchiger Lehrgang auf der Reichsführerschule der SA in München vermittelte ihm das weltanschauliche Grundgerüst und führte zur ersten Bekanntschaft mit den als Dozenten auftretenden Spitzen der Partei, wie Franz Xaver Schwarz, Richard Walther Darré, Heinrich Himmler und Adolf Hitler.

mini|Himmler mit seinem Adjutanten Wolff (rechts), 12. Dezember 1933 Vom 18. Februar 1932 bis September 1932 führte Wolff als SS-SturmführerNach dem Selbstverständnis der SS wurde er damit in den Offiziersrang aufgenommen. Allerdings konnte die SS als interne Parteigliederung keine Offiziersdienstgrade, sondern nur „Ränge“ vergeben. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden SS-Ränge als Offiziersdienstgrade angesehen. den Sturm 2 des II. Sturmbannes der SS-Standarte 1. Im Jahr 1932 mit seinen beiden Reichstagswahlen wurde auch die SS häufig bei Parteiversammlungen, Straßendemonstrationen und organisierten Schlägereien eingesetzt. Am 20. September 1932 wurde der bewährte, ehrgeizige und in gesellschaftlichen Umgangsformen versierte Sturmführer zum Adjutanten des Sturmbannes II der Standarte 1 bestellt und am 30. Januar 1933 zum SS-Hauptsturmführer befördert. Dem Amt eines Adjutanten der SS beim neuen Reichsstatthalter in Bayern, General Franz Ritter von Epp, vom März 1933 folgte mit der Kommandierung als Adjutant zum Stab des Reichsführers SS am 18. Juni 1933 der Sprung vom ehrenamtlichen zum hauptamtlichen Mitglied der Schutzstaffel. Die damit verbundene finanzielle Sicherheit ermöglichte es ihm, seinen bisherigen Beruf aufzugeben und seine Firma zu verkaufen. Am 8. März 1933 wurde er Mitglied des Reichstages.

Die Gunst Himmlers sowie Wolffs Talent, neben seinem Einsatz für Partei und SS auch seinen eigenen Vorteil zu mehren, ermöglichten einen schnellen Aufstieg bis zum 1. Adjutanten im Stab des „Reichsführers SS“ am 4. April 1934, verbunden mit drei Beförderungen bis zum SS-Standartenführer am 20. April 1934. Am 25. Juli wurde seine Tochter Helga geboren; 1934 lernte er auch seine Geliebte und zweite Ehefrau (ab 1943) Ingeborg Gräfin von Bernstorff kennen. Im Januar 1936 gebar seine Frau Frieda einen Sohn.dfg-vk-darmstadt.de: Lebenslauf (aus: DFG-VK Darmstadt Von Adelung bis Zwangsarbeit – Stichworte zu Militär und Nationalsozialismus in Darmstadt).

Als Chef des persönlichen Stabes des Reichsführers SS ab dem 9. November 1935 bekleidete er neben der Chefadjutantur sieben Ämter (darunter Personalkanzlei, SS-Gericht, Revisionsabteilung und Stabskasse). Seine Dienststelle hatte zwar nicht offiziell den Rang eines SS-Hauptamtes; sie war den eigentlichen Hauptämtern aber de facto gleichgestellt und diente als Auffangbecken für alle Aufgaben, die nicht einem der Hauptämter zugeordnet waren (so zum Beispiel der „Beauftragte für das Diensthundewesen“). Hinzu kamen noch die Organisationen „Lebensborn“, der „Freundeskreis Reichsführer SS“ sowie „Förderndes Mitglied der SS“.

Eine besondere Freundschaft verband Wolff mit dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich.

Im Führerhauptquartier mini|Karl Wolff, zweite Reihe, Dritter von rechts, im Stab von Adolf Hitler im Juni 1940 vermutlich auf dem Eselsberg in Rodert bei Münstereifel, in der Nähe des „K-Standes“ des Führerhauptquartiers Felsennest mini|Reichsführer Heinrich Himmler mit Karl Wolff bei einem Treffen mit Francisco Franco und Ramón Serrano Súñer (ganz rechts) in Spanien (25. Oktober 1940) mini|Heinrich Himmler während eines Besuchs im KZ Mauthausen, April 1941. Von links nach rechts: August Eigruber, Franz Ziereis, August Schmidhuber (hinter Ziereis, mit Brille), Himmler, Wolff, Franz Kutschera Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Wolff ins Führerhauptquartier entsandt, um hier nach eigenen Angaben als „Verbindungsoffizier der Waffen-SS“ zu fungieren. Eine solche Aufgabe wurde immer wieder angezweifelt. Schließlich war es Hitler selbst, der sich für Wolff als Vertreter der SS in seinem Hauptquartier aussprach, möglicherweise auch um die Rolle eines potentiellen Himmler-Nachfolgers zu übernehmen, wofür neben Heydrich offensichtlich zumindest zeitweise auch Wolff in Betracht kam. Praktisch war Wolff jedoch wohl „Himmlers Auge und Ohr“ im Führerhauptquartier, wie das die Staatsanwaltschaft beim Schwurgericht München 1964 formulierte.

Im Führerhauptquartier erhielt er zweifellos auch Kenntnis über alle wesentlichen Geschehnisse oder konnte sich unschwer Zugang zu relevanten Informationen beschaffen. Auch auf dem Berghof, der temporär als Führerhauptquartier fungierte, war Wolff anwesend. Darüber hinaus erhielt er auch als Chef des persönlichen Stabes Reichsführer SS Kopien aller wichtigen Schreiben der SS-Hauptämter, so dass seine Nachkriegsbeteuerungen, von Verbrechen erst nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes erfahren zu haben, als Schutzbehauptung anzusehen sind. Wenn er als rechte Hand Himmlers den Organisator der „Aktion Reinhardt“, Odilo Globocnik, zu seinen Freunden zählte, kann er nicht weniger Informationen besessen haben als die vielen, die vor Ort Augenzeugen der Untaten des Regimes wurden.

Als bei der Räumung des Warschauer Ghettos Engpässe bei den Eisenbahntransportkapazitäten auftraten, vermittelte Wolff durch den ihm gut bekannten stellvertretenden Reichsverkehrsminister, Staatssekretär Albert Ganzenmüller, die benötigten Züge in die Vernichtungslager. In einem Schreiben vom 13. August 1942 bedankte sich Wolff für Ganzenmüllers Beistand: „Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, daß nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka fährt […] Ich habe von mir aus mit den beteiligten Stellen Fühlung aufgenommen, so daß eine reibungslose Durchführung der gesamten Maßnahme gewährleistet erscheint.“Gerald Riedlinger: Die Endlösung. Berlin 1956, S. 288 (Korrespondenz zwischen dem Staatssekretär im Verkehrsministerium Ganzenmüller und Himmlers Feldadjutant, SS-Obergruppenführer Karl Wolff; Prozess IV, S. 2184f); zitiert nach: Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933 bis 1945 (Gerhard Schoenberner), Hamburg 1960, S. 78.

Auch von den Unterdruck- und Kaltwasserexperimenten des Arztes Sigmund Rascher im KZ Dachau wurde er in seiner Eigenschaft als Vorgesetzter seines für das „Ahnenerbe“ zuständigen Amtschefs Wolfram Sievers informiert. In seiner Position als Adjutant Himmlers bekam Wolff Anfang Februar 1943 einen Brief des Abteilungsleiters und Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, Martin Luther auf den Tisch, der dazu dienen sollte, den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop zu stürzen. Zu diesem Zweck hatte Luther umfangreiches belastendes Material gegen seinen Vorgesetzten gesammelt und ihn als „geisteskrank und amtsmüde“ erscheinen lassen. Dieses Schreiben gab Wolff persönlich an Ribbentrop weiter. Hans-Jürgen Döscher: Martin Luther – Aufstieg und Fall eines Unterstaatssekretärs, S. 188 Der Absender wurde noch am 10. Februar 1943 verhaftet und landete als prominenter Häftling im KZ Sachsenhausen. Christopher Browning: Martin Luther : Auswärtiges Amt. Ein hemdsärmeliger Aufsteiger. In: Hans-Christian Jasch, Christoph Kreutzmüller (Hrsg.): Die Teilnehmer. Die Männer der Wannsee-Konferenz. Berlin : Metropol, 2017, ISBN 978-3-86331-306-7, S. 227ff.

Am 6. März 1943 ließ Wolff sich – gegen den angeblichen Willen Himmlers – von seiner Ehefrau Frieda von Römheld scheiden und heiratete am 9. März seine langjährige Geliebte, die Witwe Ingeborg Gräfin Bernstorff, überzeugte Nationalsozialistin und Schwägerin von Albrecht Graf von Bernstorff, den die SS noch Ende April 1945 ermordete. Eine Beteiligung Wolffs wurde zwar untersucht, konnte aber nicht erwiesen werden. Die Trübung seines guten Verhältnisses zu Himmler wegen der Scheidung (die dann von Hitler genehmigt wurdeSS-General Wolff: Himmlers Wölffchen. Der Spiegel 7/1962 vom 14. Februar 1962, S. 37 ff.) und eine längere Krankheit führten zu seiner Ablösung als Chef des Stabes Reichsführer SS und seiner Versetzung nach Italien.

Dort war er u. a. verantwortlich für die am 16. Oktober 1943 erfolgte Verhaftung von 1259 Juden im Ghetto Rom, von denen 1007 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden.Schreiben von Herbert Kappler an Karl Wolff, 17. Oktober 1943 über erfolgreich durchgeführte „Judenaktion“, in: Museo storico della Liberazione, Rom

Höchster SS- und Polizeiführer in Italien