Die getrennte Bestattung ist eine Form der Teilbestattung, bei der die Bestattung der inneren Organe getrennt vom übrigen Körper erfolgt. Besonders der separaten Herzbestattung kam bis in die Neuzeit eine große Bedeutung zu.

Die getrennte Bestattung eines Leichnams, die auch als Herzbestattung bezeichnet wird, wurde im Laufe der Geschichte aus unterschiedlichen Motiven praktiziert. Dazu gehörten das Memorialwesen betreffende Vorstellungen ebenso wie Zielsetzungen der Repräsentation. Aber auch praktische Gründe der Leichenkonservierung oder des Leichentransports spielten eine wichtige Rolle wie z. B. bei Begräbnissen von verstorbenen Gesandten am Immerwährenden Reichstag in Regensburg, nach deren Tod zumindest das Herz am eventuell weit entfernten Heimatort begraben werden sollte, während der Körper in Regensburg auf dem Friedhof der Gesandten hinter der Dreieinigkeitskirche verblieb.Christopher R. Seddon: Seziert und zugenäht. Überlegungen zur Leichenkonservierung als Teil höfischen Zeremoniells der Habsburger. Sonderdruck, Linz 2005, S. 12–18.

Im Mittelalter und in der Neuzeit wurden getrennte Bestattungen in erster Linie bei hochgestellten Verstorbenen des geistlichen Standes und der weltlichen Stände vorgenommen, wie z. B. im Fall des Begräbnisses von Karl Theodor von Dalberg, des weithin bekannten Reichsfreiherren, der sowohl ein geistlicher Fürst war, aber daneben auch als weltlicher Fürst im Fürstentum Regensburg fungierte. Weitere Beispiele finden sich auch in anderen Fällen von Päpsten und Bischöfen, Monarchen und bedeutenden Adeligen, Künstlern und Literaten.

Praktische Gründe

Bereits in der Antike war bekannt, dass sich die auf künstlichem Wege eingeleitete Konservierung eines Leichnams durch das Entfernen des Gehirns, der inneren Organe und der Eingeweide erheblich verbessern und vereinfachen lässt. Bei der Mumifizierung im Alten Ägypten wurde das Herz nach Möglichkeit im Körper belassen, die Eingeweide aber separat vom Leichnam beigesetzt. Entnommen wurden Leber, Lunge, Magen und Gedärm und separat von der Mumie in Kanopen aufbewahrt.Karl Martin: Kanopen II. In: Lexikon der Ägyptologie (LÄ) bd. III. Spalte 317 und Hans Bonnet: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte (RÄRG). S. 366.Richard H. Wilkinson: Die Welt der Götter im alten Ägypten. Glaube – Macht – Mythologie. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1819-6, S. 88Rosemarie Drenkhahn: Kebehsenuef. In: LÄ III, Spalte 379.Arne Eggebrecht: Duamutef. In Lexikon der Ägyptologie (LÄ) I. Spalte 1150.

In Europa begünstigten ähnliche Erkenntnisse im Mittelalter die Ausbreitung der getrennten Bestattung von Herz, Innereien und Körper. Die Herzbestattung erreichte ihren Höhepunkt dann im 17. Jahrhundert.Christine Pernlochner-Kügler: Herzbestattung: Hintergründe einer bizarren Habsburger-Tradition, abgerufen am 14. November 2012

Vielen Fürsten und Monarchen wurden nach dem Tod das Herz und teilweise die Eingeweide entnommen und getrennt vom Körper bestattet. Dies kam besonders dann zur Anwendung, wenn zwischen dem Eintreten des Todes und der Beisetzung eine lange Zeitspanne lag. Bei besonders hochgestellten Personen wurde im Hochmittelalter zeitweise das Verfahren des „mos teutonicus“ praktiziert, bei dem der Leichnam durch Abkochen in Fleisch und Knochen zerlegt wurde. Er wurde so zwar nicht als Ganzes konserviert, aber man hatte so die Möglichkeit, wenigstens die Gebeine an ihren Bestimmungsort zu überführen, ohne dass während der Reise noch Verwesung eintreten konnte. Das Verfahren kam vorwiegend bei auf Kriegsschauplätzen gefallenen oder im Ausland sowie auf Reisen verstorbenen Herrschern zum Einsatz, etwa bei Kaiser Lothar III. Er starb am 3. Dezember 1137 bei Breitenwang in Tirol und wurde am 31. Dezember 1137 im Kaiserdom Königslutter begraben. Als Kaiser Friedrich I. während des Dritten Kreuzzugs am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph nahe Seleucia (Kilikien) ums Leben kam, wurde sein Leichnam ebenfalls auf diese Weise bestattet. Sein Herz und seine Eingeweide wurden in Tarsos beigesetzt, sein Fleisch Anfang Juli in der Peterskirche von Antiochia, während die Knochen von seinem Sohn Friedrich VI. von Schwaben mindestens bis Tyrus mitgeführt wurden, wohl um sie in Jerusalem zu bestatten.Knut Görich: Die Staufer: Herrscher und Reich, 2. durchges. und aktual. Ausg., C.H.Beck, München 2006 (= C.-H.-Beck-Wissen, 2393; ISBN 3-406-53593-3), S. 67

Der Leichnam von Richard Löwenherz († 1199) ist neben seinen Eltern in der Abtei Fontevrault beigesetzt; sein Herz liegt jedoch in einem Sarkophag in der Kathedrale von Rouen.

Auch im Fall der Babenberger-Herzöge Friedrich I. († 1198) und Leopold VI. von Österreich († 1230)Reinhold Röhricht: Zur Geschichte des Begräbnisses more teutonico, in: ZfdPh 24 (1892), S. 505 wurde dieses Verfahren angewandt. Teilbestattungen dieser Art waren aus praktischen Gründen erzwungen. Besonders im Fall der Kreuzfahrer war es aufgrund der damals fehlenden technischen Möglichkeiten unmöglich, einen Leichnam intakt aus dem Mittelmeerraum in die Heimat zu überführen.

Im Fall des berühmten Heerführers Bertrand du Guesclin († 1380) führte eine Mischung aus praktischen und persönlichen Gründen zu einer getrennten Bestattung: In Châteauneuf-de-Randon in der Auvergne (Südfrankreich) gefallen, hatte er den Wunsch geäußert, in seiner Heimat Dinan in der Bretagne begraben zu werden. Der Leichnam wurde für die Überführung einbalsamiert, wobei seine Eingeweide entnommen und in der Dominikanerkirche von Le Puy-en-Velay bestattet wurden. Die Konservierung war jedoch nicht erfolgreich und der Leichnam begann während der Überführung zu zerfallen. In Montferrand wurde das Fleisch schließlich entsprechend dem „mos teutonicus“ von den Knochen gekocht und in der Franziskanerkirche des Ortes bestattet. Das Herz wurde vorher entnommen. Wegen der Verdienste du Guesclins um das Königreich ordnete der französische König Karl V. an, die Gebeine in der Königsgrablege Saint-Denis bei Paris zu bestatten. Das Herz dagegen bestattete man nach dem Wunsch du Guesclins in seiner bretonischen Heimat, in der Dominikanerkirche von Dinan, später verlegte man das Grab in die Kirche Saint Sauveur in Dinan. Du Guesclin ist also an vier Stellen begraben.

mini|120px|Stadtpfarrkirche Linz, Intestina-Grabstein für Kaiser Friedrich III. Die Teilung in Herz, Innereien und Körper entsprach so den praktischen Notwendigkeiten bei Überführungen oder lange dauernden Leichenfeiern. Die Aufteilung der Körper nahm im mittelalterlichen Europa schließlich institutionelle Formen an, die im Hofzeremoniell besonders der katholischen Herrscherhäuser bis in die Neuzeit weiterlebten. Das Herz als „edelster Teil des Menschen“ sollte dabei stets einen würdigen Platz erhalten. Dem Leichnam selbst war aufgrund der technischen Möglichkeiten hingegen keine dauerhafte Konservierung zugesichert,Alexander Glück, Marcello LaSperanza, Peter Ryborz: Unter Wien: Auf den Spuren des Dritten Mannes durch Kanäle, Grüfte und Kasematten. Christoph Links Verlag, 2001, S. 43–44, books.google.co.uk da es nach dem Stand der damaligen Technik noch nicht möglich war, den natürlichen Zerfall auf Dauer zu verhindern. Es musste genügen, wenn ein verstorbener Herrscher für wenige Tage aufgebahrt werden konnte. Als Kaiser Friedrich III. 1493 in Linz starb, wurde sein Leichnam einen Tag lang in der großen Stube des Linzer Schlosses öffentlich ausgestellt, dann nach Wien überführt und im Stephansdom beigesetzt. Sein Herz und seine Eingeweide wurden hingegen bereits in Linz bestattet und erhielten ihren Platz in der Stadtpfarrkirche.

mini|Stich (1758) der Herzogsgruft im Wiener Stephansdom. Neben den Sarkophagen sind in der Abbildung zahlreiche Urnen für Herz- und Eingeweidebestattungen der Habsburger zu erkennen.

Die getrennte Bestattung blieb ungeachtet aller methodischen Fortschritte auf dem Gebiet der Leichenkonservierung über Jahrhunderte in Gebrauch. Sie konnte sich selbst dann noch halten, als man Anfang des 19. Jahrhunderts begann, Leichen durch das Einspritzen konservierender Flüssigkeiten in den Blutkreislauf auch von innen her zu behandeln. Herz, Gehirn und Eingeweide wurden dennoch meist wie bisher entnommen und getrennt bestattet. Dieses Verfahren kam z. B. 1821 bei Napoleon Bonaparte und 1832 bei seinem Sohn Napoleon Franz zum Einsatz.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte die Entdeckung des Formaldehyds (1855) die Leichenkonservierung, sodass die Entfernung von Herz und Eingeweiden unnötig wurde und sich eine langfristige Erhaltung des Leichnams allein durch den Einsatz von Chemikalien erreichen ließ. Bei den Habsburgern in Wien wurde die Entfernung von Herz und Eingeweiden letztmals 1878 beim Tod von Kaiser Franz Josephs Vater Erzherzog Franz Karl praktiziert, danach ging man am österreichischen Hof zur ausschließlichen Anwendung von Formaldehyd über. Die Päpste folgten der Entwicklung wenig später. Seit Sixtus V. († 1590) waren den verstorbenen Päpsten die inneren Organe entnommen und in Rom beim Trevi-Brunnen in der Kirche „St. Vinzenz und Anastasius“ aufbewahrt worden, die Körper meist in den Vatikanischen Grotten unter dem Petersdom.Barbara Hartl: In: P.M. Magazin; abgerufen am 4. November 2012 Leo XIII. († 1903) wurde noch auf diese Weise bestattet, sein Nachfolger Pius X. schaffte die Organentnahme ab. Bei toten Päpsten wurde das Blut seither ebenfalls durch eine konservierende Flüssigkeit mit Formaldehyd ersetzt.Papst Pius XII. Der bizarre Tod des Stellvertreters. einestages; abgerufen am 11. November 2012

Religion und Repräsentation mini|Herzgrab Robert Bruces († 1329) in Melrose Abbey (Schottland) mini|Herzgrab König Franz’ II. († 1560) in Saint-Denis (Paris) mini|Herzgrab von Thomas de Choisy († 1710), Marschall von Frankreich, in der Pfarrkirche St. Ludwig in Saarlouis mini|Herzurne Ludwigs XVII. († 1795) in Saint-Denis (Paris) mini|Herzurne Karl Theodor von Dalbergs († 1817) in der Stiftskirche Aschaffenburg mini|Herzgrab Frédéric Chopins († 1849) in der Heiligkreuzkirche in Warschau mini|Herzurne Kaiser Karls VII. in der Gnadenkapelle von Altötting mini|Herzurne Léon Gambettas († 1882) im Panthéon (Paris) mini|Herzgrab Thomas Hardys († 1928) in Stinsford, Dorset mini|Stele hinter dem Altar der Loretokapelle (Kloster Muri) mit den Herzurnen von Kaiser Karl I. († 1922) und Kaiserin Zita († 1989) Neben den genannten praktischen Gründen gab es eine Reihe von religiösen oder sozialen Vorstellungen und politischen Überlegungen, die zur Verbreitung der getrennten Bestattung beitrugen.

Aus dem Frühmittelalter sind Angaben zu Bestattungsriten überliefert, die darauf hindeuten, dass das Herz nach dem Tod aus dem Körper entfernt wurde, um getrennt beigesetzt zu werden.Estella Weiss-Krejci: Heart burial in medieval and early post-medieval central Europe. In: Katharina Rebay-Salisbury, Marie Louise Stig Sørensen, Jessica Hughes (Hrsg.): Body Parts and Bodies Whole. S. 119–134. Studies in Funerary Archaeology. 5. Oxbow Books, Oxford 2010, univie.ac.at (PDF) abgerufen am 6. Juli 2011 Ein Grund für diese Vorgehensweise könnte die seit der Antike verbreitete Sicht gewesen sein, dass das Herz der Sitz der Seele und des Wesens einer Person sei. Das Konzil von Vienne befand 1311, die Seele wohne im Körper des Menschen, nicht nur im Herzen. Dennoch entwickelte sich aus diesen Überlegungen die Herzbestattung als ein Ritual, das im Spätmittelalter und der Neuzeit besonders bei hochgestellten Persönlichkeiten zur Anwendung kam. Durch die Aufteilung des Körpers konnte man eine Mehrfachbestattung vornehmen, was besonders bei Reliquien von Bedeutung war.