mini|Ordo des Muttersegens im St. Gallener Codex (16. Jhd.)

Der Muttersegen, die Segnung einer Mutter vor und nach der Geburt, ist ein Ritus in Verbindung mit dem Sakrament der Taufe in der römisch-katholischen Kirche.Benediktionale, Studienausgabe für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Freiburg i. Br., Herder 2004, S. 15–16. Auch in der orthodoxen, evangelischen und anglikanischen Kirche können Wöchnerinnen gesegnet werden.

Volkstümlich wurde der Ritus bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts regional im katholischen Sprachgebrauch als Aussegnung, auch als (Her)vorsegnung, Fürsegnung, Hervorgehen, Füragehen oder Vorgang bezeichnet.P. Amand Baumgarten: Aus der volksmässigen Überlieferung der Heimat. IX. Geburt, Heirat, Tod, mit einem Anhang von Liedern. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines – 28 (1869): 1–159. Kap. 13: Das Hervorgehn, „Füragehn.“ (S. 25–27) In den evangelischen Landeskirchen hieß er Einsegnung, erster Kirchgang, froher oder dankbarer Kirchgang, Abdankung, Danksagung oder Aufopferung.Gerda Grober-Glück: Der Erste Kirchgang der Wöchnerin um 1930. Ein „Kirchenbrauch“ in Verbreitung und Wandel. Nach den Sammlungen des Atlas der deutschen Volkskunde. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde. Band XXIII, 1977, S. 22–86, hier S. 23 A. 5. – Wörterbuch der deutschen Volkskunde. 3. Auflage, Stuttgart 1974, zitiert . Er fand meist einige Zeit nach der Taufe statt, falls die Mutter nicht an der Taufe teilnehmen konnte.

Herkunft und Entwicklung mini|Darstellung des Herrn im Tempel Die Spendung dieses Segens wird auf aus dem Judentum stammende Reinigungsrituale zurückgeführt. Im Judentum galt eine Frau nach einer Geburt, genau wie nach der Menstruation, mehrere Tage als „unrein“ und durfte das Heiligtum nach der Geburt eines Sohnes erst nach 40 Tagen, nach der eines Mädchens nach 80 Tagen wieder betreten. Das Ende dieser Zeit zeigte sie durch das rituelle Bad in der Mikwe an und brachte zum Dank für die Geburt des Kindes ein Opfer.Walter von Arx: Die Segnung der Mutter nach der Geburt. Geschichte und Bedeutung. In: Concilium (D). 14, 1978, S. 106–111, hier S. 106.

Im Lukasevangelium findet sich die Darstellung des Herrn im Tempel . Das Fest der Darstellung Jesu wird am 2. Februar – am 40. Tag nach der Geburt Jesu entsprechend der jüdischen Weisung – gefeiert und hieß bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils In Purificatione Beatae Mariae Virginis („Zur Reinigung der seligen Jungfrau Maria“ – „Fest Mariä Reinigung oder Lichtmeß“).Erzabtei Beuron: Das vollständige Römische Meßbuch. Freiburg/Basel/Wien 1963, S. 764. Daher wurde es früher im Volksmund auch „Mariä Opferung“ oder „Mariä Reinigung“ genannt.

Auch im Christentum war die Ansicht weit verbreitet, „eine junge Mutter habe sich nach der Geburt einige Zeit von der Kirche fernzuhalten und bedürfe, um die Kirche wieder betreten zu dürfen, der Reinigung und Entsühnung.“Kleinheyer (Lit.), S. 153. Diese Auffassung ging von den orientalischen Kirchen bis zum Frühmittelalter auch auf die Lateinische Kirche über und wurde ab dem 11. Jahrhundert in die liturgischen Bücher aufgenommen. Die ältesten sicheren Quellen für eine rituelle Segnung der Wöchnerin beim ersten Kirchgang stammen vom Ende des 12. Jahrhunderts, doch die Wöchnerinnen dürften auch schon vorher eine Frist bis zum ersten Kirchgang eingehalten haben. Eine Verpflichtung zur rituellen Reinigung bestand nicht. Man berief sich auf Papst Gregor den Großen († 604), der in einem Brief betont hatte, die Frau sei nicht zu verurteilen (non judicanda), wenn sie sofort nach der Geburt zur Danksagung die Kirche betrete und die Kommunion empfange. Der Gedanke von der Unreinheit der Frau ließ sich jedoch nicht verdrängen, und die Kirche empfahl den Brauch der Aussegnung als pia et laudabilis consuetudo, als „fromme und lobenswerte Sitte“ und „approbierte Gewohnheit“. Im 12. Jahrhundert wurde der Brauch allgemein geübt, im 15. Jahrhundert wurde er mancherorts sogar als Verpflichtung betrachtet.Gerda Grober-Glück: Der Erste Kirchgang der Wöchnerin um 1930. Ein „Kirchenbrauch“ in Verbreitung und Wandel. Nach den Sammlungen des Atlas der deutschen Volkskunde. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde. Band XXIII, 1977, S. 22–86, hier S. 72, unter Berufung auf: A. Franz: Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter. Bd. 2, Freiburg 1909, S. 219f.

Mancherorts wurde Wöchnerinnen, die während der Geburt oder im Wochenbett ohne Aussegnung gestorben waren, die kirchliche Beerdigung verweigert. Andernorts wurden verstorbene Wöchnerinnen vor der Beerdigung noch ausgesegnet. Solche lokalen Gewohnheiten hielten sich trotz offiziellen kirchlichen Verbots bis ins 19. Jahrhundert.Walter von Arx: Die Segnung der Mutter nach der Geburt. Geschichte und Bedeutung. In: Concilium (D). 14, 1978, S. 106–111, hier S. 109; Gerda Grober-Glück: Der Erste Kirchgang der Wöchnerin um 1930. Ein „Kirchenbrauch“ in Verbreitung und Wandel. Nach den Sammlungen des Atlas der deutschen Volkskunde. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde. Band XXIII, 1977, S. 22–86, hier S. 78.

Seit 1614 ist der Ritus im Rituale Romanum, die Benedictio mulieris post partum („Segnung der Mutter nach der Geburt“), vom Dank der Mutter an Gott für die Geburt des Kindes und das Überleben der Geburt geprägt, das Reinigungsmotiv spielte darin keine Rolle mehr. Das ältere Verständnis einer Reinigung („Aussegnung“) war jedoch im Volksglauben noch bis ins 20. Jahrhundert wirksam und wurde auch in den Partikularritualien mancher Diözesen noch nach 1614 beibehalten.

Die Kirchenordnungen der Reformationszeit standen der Aussegnung zunächst kritisch gegenüber und betrachteten sie als „ärgerlichen Missbrauch“ und „Ausfluss des Aberglaubens“; zudem sei der Ehestand heilig und Gebären kein Gräuel. Doch konstituierte sich auch im Protestantismus bereits ab Ende des 16. Jahrhunderts die Einsegnung der Kindbetterin wieder, und zwar mit dem Charakter einer Danksagung für die glückliche Geburt.Gerda Grober-Glück: Der Erste Kirchgang der Wöchnerin um 1930. Ein „Kirchenbrauch“ in Verbreitung und Wandel. Nach den Sammlungen des Atlas der deutschen Volkskunde. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde. Band XXIII, 1977, S. 22–86, hier S. 73–77. Die evangelische Seelsorge versteht heute die Einsegnung als „benediktionelle Praxis“ („segnendes Handeln“), in der durch Handauflegung einzelnen Menschen in besonderen Lebenssituationen der Segen Gottes zugeeignet wird. Damit gehört die Segnung einer Mutter zu den Kasualien.

Ritus Die Segnung war von der Taufe des Kindes getrennt, wenn diese schon kurz nach der Geburt und ohne die Anwesenheit der Mutter gespendet wurde. Sie fand zehn bis vierzig Tage nach der Geburt statt. Wo spät getauft wurde – etwa im protestantischen Nord- und Mitteldeutschland –, lag auch der Termin des ersten Kirchgangs spät oder wurde mit dem Tauftermin verbunden, bei früher Taufe – verbreitet südlich des Mains – lag er ebenfalls früher. In Österreich galt fast überall eine Zweiwochenfrist.Gerda Grober-Glück: Der Erste Kirchgang der Wöchnerin um 1930. Ein „Kirchenbrauch“ in Verbreitung und Wandel. Nach den Sammlungen des Atlas der deutschen Volkskunde. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde. Band XXIII, 1977, S. 22–86, hier S. 52f.

Katholische Liturgie Der Priester und ein Messdiener begaben sich ans Kirchenportal oder in den hinteren Teil der Kirche, regional auch in die Sakristei, wo die Mutter wartete. Der Messdiener reichte ihr eine brennende Kerze. Der Priester besprengte die Mutter mit Weihwasser. Nach dem Gesang einer Antiphon zog die Prozession unter dem Gebet von Psalm 23 zum Marienaltar – örtlich, wo vorhanden, auch zum Altar der hl. Anna (der Mutter Marias) –, wo die Wöchnerin niederkniete. Der Priester legte seine Stola über die Hände der Frau und sprach: „Tritt ein in den Tempel Gottes, bete an den Sohn der allerseligsten Jungfrau Maria, welcher dir die Fruchtbarkeit verliehen hat.“ Nach dem Kyrie eleison, Vaterunser und der Oration sprach er das Segensgebet, besprengte die Mutter erneut mit Weihwasser und erteilte den Segen.Rituale romanum, 1952, tit. VIII cap. 6; Walter von Arx: Die Segnung der Mutter nach der Geburt. Geschichte und Bedeutung. In: Concilium (D). 14, 1978, S. 106–111, hier S. 107. Häufig wurde ein Marienlied gesungen.

Als die Taufspendung mit größerem Abstand von der Geburt und im Beisein der Mutter üblich wurde, ging man zu einer Spendung des Muttersegens unmittelbar im Anschluss an die Tauffeier über.

In dem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erneuerten Taufritus wurde die Aussegnung umgeformt in eine Segnung der Mutter und des Vaters am Ende der Tauffeier. Kann die Mutter nicht an der Taufe ihres Kindes teilnehmen, kann sie später mit ihrem neugetauften Kind zur Kirche kommen, um Gott für die Geburt zu danken und seinen Segen zu empfangen. Der Gottesdienst umfasst eine Schriftlesung, den Gesang des Magnifikat und das Segensgebet über die Mutter (und den Vater) des Kindes.>; Rituale romanum ex decreto Sacrosancti Oecumenici Concilii Vaticani II renovatum, auctoritate Pauli PP. VI editum, Ioannis Pauli PP II cura recognit.

Evangelische Praxis Der Erste Kirchgang einer Wöchnerin konnte im evangelischen Bereich als feierliche Einsegnung am Altar im Rahmen eines Gemeindegottesdienstes geschehen. Der Ablauf sah eine Ansprache des Pfarrers, ein Gebet und den Segen über die auf den Altarstufen kniende Wöchnerin vor, lokal kam ein Umgang um den Altar und das Niederlegen eines Opfers vor. Der erste Kirchgang konnte auch ohne förmliche Einsegnung stattfinden. Die Wöchnerin besuchte dabei allein oder in Begleitung an einem Werktag während des Gebetsläutens (ältere Praxis) oder am Sonntag vor dem Gemeindegottesdienst die Kirche, kniete nieder, sprach ein Gebet und legte ein Opfer auf den Altar.

Um 1930 war als weitere Form die Predigtfürbitte verbreitet: Die Wöchnerin nahm unter anderen Gemeindegliedern sitzend am Gottesdienst teil, und im Rahmen der allgemeinen Abkündigungen und Fürbitten wurden der Dank für die Geburt und der Segen für Mutter und Kind ausgesprochen. Dazu war es regional üblich, ein Lob- und Danklied (am häufigsten Lobe den Herren und Nun danket alle Gott) zu singen.

Schließlich wurde zunehmend seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Einsegnung mit der Taufe des Kindes an deren Ende verbunden; diese Praxis führte letztlich zum Verschwinden eines besonderen Brauchtums.Gerda Grober-Glück: Der Erste Kirchgang der Wöchnerin um 1930. Ein „Kirchenbrauch“ in Verbreitung und Wandel. Nach den Sammlungen des Atlas der deutschen Volkskunde. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde. Band XXIII, 1977, S. 22–86, hier S. 24ff., 36, 39–43.

Opfergabe Entsprechend der jüdischen Vorschrift gehörte zum Ritus der rituellen Reinigung der Wöchnerin eine Opfergabe. Auch Maria und Josef opferten bei der Darstellung Jesu im Tempel zwei Tauben . Bis ins 20. Jahrhundert war demzufolge die Opfersitte in den christlichen Konfessionen Bestandteil von Aussegnung und erstem Kirchgang. Die Opfergabe konnte aus einer Geldspende bestehen, aber vor allem in Bayern wurden auch Semmeln, Eier oder, verbreiteter, Kerzen gespendet; dabei wurde regional auch das Opfergeld in das Wachs einer Kerze gedrückt. Ursprünglich entrichtete die Wöchnerin selber in der Kirche das Opfer, gegebenenfalls unterstützt von ihrer Begleitung. Mancherorts war es üblich, das Opfer auf dem Altar niederzulegen, manchmal verbunden mit einem Altarumgang als „Opfergang“. Anteile des Opfers erhielten der Priester, auch der Küster und die Ministranten.