miniatur|Rudolf und Gertraud Helene Magnus um 1905 Rudolf Magnus (* 2. September 1873 in Braunschweig; † 25. Juli 1927 in Pontresina) war ein deutscher Arzt, Pharmakologe und Physiologe. Sein bedeutendster Beitrag zur Biologie war die Erforschung der Reflexe, die zur Körperhaltung beitragen. Sein Leben und Werk haben die Pharmakologen Wolfgang Heubner und Göran Liljestrand sowie Rudolfs Sohn Otto Magnus (* 1913) dargestellt.

Leben Rudolf Magnus stammte aus einer Braunschweiger jüdischen Familie. Seine Eltern waren der Jurist Otto Magnus (1836–1920) und dessen Frau Sophie geb. Isler (1840–1920). Großvater und Urgroßvater väterlicherseits waren Ärzte. Der Großvater mütterlicherseits, Meyer Isler (1807–1888), war Direktor der Stadtbibliothek, heute Staats- und Universitätsbibliothek, Hamburg. Nach dem Abitur 1892 am Martino-Katharineum in Braunschweig entschied sich Rudolf trotz seiner Liebe zu dichterischer Literatur für ein Studium der Medizin. Er absolvierte es in Heidelberg, kurz auch in Berlin und München. In Heidelberg beeindruckte ihn besonders der Physiologe Wilhelm Kühne. Bei ihm fertigte er seine Dissertation „Ueber die Messung des Blutdrucks mit dem Sphygmographen“ an, über die er 1895 auf dem Dritten Internationalen Physiologenkongress in Bern berichtete. Bei ihm lernte er auch den gleichaltrigen späteren Physiologen Otto Cohnheim-Kestner und den etwas älteren Zoologen und Philosophen Jakob Johann von Uexküll kennen, die seine Freunde wurden. 1898 bestand er das Staatsexamen und wurde zum Dr. med. promoviert.

Nach einer Reise nach England, wo er in Cambridge auf dem Vierten Internationalen Physiologenkongress über „Beiträge zur Pupillarreaktion des Aalauges“ vortrug, begann seine Assistentenzeit bei dem Heidelberger Pharmakologen Rudolf Gottlieb. 1900 habilitierte er sich mit einer Schrift „Über Diurese. II. Mittheilung: Vergleich der diuretischen Wirksamkeit isotonischer Salzlösungen“Gedruckt bei J. B. Hirschfeld in Leipzig. Heidelberger Universitätsarchiv UAH H-III-111/132 fol.108r–117v. und wurde Privatdozent. In den Semesterferien arbeitete er oft in ausländischen Laboratorien, so 1901 bei dem Physiologen Edward Albert Sharpey-Schafer in Edinburgh und 1902 und 1903 mit Jakob Johann von Uexküll an der Zoologischen Station Neapel. 1902 heiratete er in München Gertraud Helene Rau (1875–1947), ebenfalls aus einer jüdischen Familie. Vor der Heirat hatten sich beide taufen lassen.Otto Magnus S. 79. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, darunter als jüngstes Otto, der später Rudolfs ausführliche Biographie schrieb. Weitere Englandreisen führten 1905 zu dem Physiologen John Newport Langley in Cambridge und 1908 zu dem Physiologen Charles Scott Sherrington in Liverpool. Hier erhielt er Ende April ein Schreiben Gottliebs, er könne ihm nicht länger die Stelle des Ersten Assistenten geben. Kaum in Heidelberg zurück, erreichte ihn Anfang Mai ein Ruf der niederländischen Königin Wilhelmina auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Pharmakologie in Utrecht, den ersten Pharmakologie-Lehrstuhl in den Niederlanden.Otto Magnus S. 193.

Magnus nahm an und bezog als sein Institut ein 1567 als Krankenhaus errichtetes kirchenähnliches Gebäude, „Leeuwenbergh“, in Utrecht. Es gab in Utrecht mehrere deutsche oder österreichische Professoren, und Magnus hielt seine Vorlesungen mit Billigung der Studenten zunächst auf Deutsch. Etwa 1918 war es nach einer Anekdote zu Beginn einer Vorlesung einmal unruhig im Hörsaal; Magnus vergewisserte sich der Korrektheit seiner Kleidung und merkte erst nach zwanzig Minuten, dass er niederländisch sprach; von da an habe er in der Landessprache gelehrt.Otto Magnus S. 198.

Der Erste Weltkrieg änderte nichts, bis Magnus im Oktober 1915 als Stabsarzt an ein Lazarett in Speyer und im Juni 1916 an die Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin gerufen wurde. Einen Ruf auf den Pharmakologie-Lehrstuhl der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg 1915 lehnte er ab. 1917 konnte er, weil dort nicht mehr abkömmlich, nach Utrecht zurückkehren. „Wie einen Fürsten holte ihn die Utrechter Studentenschaft am Bahnhof ein und geleitete ihn mit Jubel zurück an seine Arbeitsstätte.“Heubner S. 21, analog auch Otto Magnus S. 200. Rufe 1924 nach Groningen und (als Nachfolger Gottliebs) nach Heidelberg lehnte er ebenfalls ab. Mit Hilfe der Rockefeller Foundation plante er den Bau eines neuen Institutsgebäudes. 1926 wurde der Grundstein gelegt. Vor der Fertigstellung starb Magnus. Bei der Feuerbestattung in Zürich sprachen unter anderen Otto Cohnheim-Kestner, der Züricher Physiologe Walter Rudolf Hess, Wolfgang Heubner und Magnus‘ engster Mitarbeiter Adriaan P.H.A. de Kleijn (1883–1949). Das neue Institut „Nieuw Leeuwenbergh“ wurde 1928 von Magnus‘ Nachfolger Ulbe Gerrit Bijlsma (1892–1977) eröffnet.

Werk Heidelberg Allgemeines Magnus‘ Habilitationsschrift wurde außer als separater Druck auch in Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie veröffentlicht, dort als eine von fünf „Ueber Diurese“ betitelte Mitteilungen. In allen ging es um die Funktion der Nieren und die Entstehung von Ödemen. Welche Rolle spielte bei der Harnproduktion die Flüssigkeitsfiltration in den Glomerula einerseits, die Sekretion und Reabsorption in den Nierenkanälchen andererseits? Welche Rolle kam bei Ödemen den Nieren einerseits, der Durchlässigkeit der Blutkapillaren andererseits zu? Laut der Habilitationsschrift wirkte Natriumsulfat stärker diuretisch als Natriumchlorid, wohl wegen „einer verschiedenen Wirkung in den secernierenden Elementen der Niere selbst“. Die Einordnung in das heutige Wissen um die Nierenphysiologie ist schwierig.Otto Magnus S. 88.

Über mehrere andere Themen arbeitete Magnus in seiner Heidelberger Zeit, so über Herzglykoside, die Pharmakologie der Atmung und – drei so betitelte Aufsätze – „Die stopfende Wirkung des Morphins“; die letztere untersuchte er mit Hilfe der eben entdeckten Röntgenstrahlen.

Physiologie und Pharmakologie des Darms miniatur|Kontraktionsmessung am Darm und Aufzeichnung auf einem Kymograph. Am nachhaltigsten waren seine „Versuche am überlebenden Dünndarm von Säugetieren“ – sieben so betitelte Aufsätze in Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere. Im ersten Aufsatz stellt er seine Methode vor:

Magnus zeigt dann, dass man Darmschlingen auch in Salzlösungen statt in Blut lebend halten kann. „In der That führt der Darm unter diesen Umständen Stunden lang seine mehr oder weniger lebhaften Bewegungen unverändert fort, und man kann sowohl den gesammten Darm als auch einzelne kleinere Stücke desselben unter diesen Bedingungen dem Versuche zugänglich machen.“ Er beschreibt die Folgen von Temperaturänderungen, Änderungen des Innendrucks und eines Sauerstoffentzugs und schließt: Die Hoffnung erfüllte sich zum Beispiel in Paul Trendelenburgs Anbahnung der Entdeckung der Opioidrezeptoren 1917. „Magnus war berufen, … der Pharmakologie ein sehr vielseitig anwendbares Verfahren und einen gewaltigen Anstoß zu geben. … Daß die Methode zum Studium des isolierten Darmes … zugleich das Vorbild für alle Untersuchungen geworden ist, die sich mit dem Studium irgendwelcher glattmuskeliger Organe beschäftigt haben, des Uterus, des retrakten Penis, der Bronchien, der Ureteren, der Arterienstreifen, Blasenstreifen, Pupillenstreifen, selbst der Herzstreifen und anderer Objekte mehr, das ist heute Allgemeingut der Pharmakologen.“Heubner S. 19. Leopold Ther nahm eine ausführliche Beschreibung in seine „Pharmakologischen Methoden“ auf.Leopold Ther: Pharmakologische Methoden. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1949, S. 289–294. Vermutlich wüssten wenige, die die Methode benutzen, meint Otto Magnus, von den fundamentalen Beobachtungen ihres Erfinders.Otto Magnus S. 129.

Goethe als Naturforscher Neben Forschung und pharmakologischer Lehre fand Magnus im Sommersemester 1906 Zeit für zehn Vorlesungen über „Goethe als Naturforscher“. Zu seiner literarischen Neigung kam eine Anregung von Uexkülls. Das BuchRudolf Magnus: Goethe als Naturforscher. Vorlesungen gehalten im Sommer-Semester 1906 an der Universität Heidelberg.Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1906. widmete er seiner „Frau und treuen Mitarbeiterin“. Es ist das erste Werk, das sich auf die eben komplettierten dreizehn Bände der „Weimarer Ausgabe“ mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften stützen konnte. Außerdem wurde es Magnus „durch das freundliche Entgegenkommen des Herrn Geh. Hofrat Dr. Ruland in Weimar ermöglicht, im Goethe-Hause mit des Dichters eignen, noch wohl erhaltenen Apparaten seine Versuche zu wiederholen“. miniatur|Frontispiz und Titelblatt des Buches Goethe als Naturforscher. Gerahmt werden die Vorlesungen von zwei Gedichten: „Weite Welt und breites Leben …“ von 1817 und „Eins und Alles“ von 1821. „Zu bescheiden“ findet Magnus den Schlussvers des ersten Gedichtes „Nun! man kommt schon eine Strecke“. „Denn wir haben tatsächlich in Goethe einen der hervorragenden Naturforscher an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zu sehen, der auf allen den zahlreichen Gebieten, die er bearbeitete, seine Studien mit größter Energie betrieb und sich nie mit dilettantischer Tätigkeit begnügte, sondern nicht ruhte, bis er sich die Kenntnisse und die Selbständigkeit des Fachmanns erworben hatte.“ In zwei Vorlesungen werden die botanischen Arbeiten, in zweien die osteologischen und vergleichend anatomischen, in zweien die Arbeiten zur Farbenlehre und in einer Vorlesung die Arbeiten zur Mineralogie, Geologie und Meteorologie behandelt. An die Beschreibung von Goethes „sorgfältigsten und mühevollsten Detailstudien“ und ihre Einordnung in die Wissenschaft der Zeit schließt sich jeweils eine Beurteilung vom Wissen des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts aus. Ein Beispiel ist Magnus' Urteil über Goethes Beziehung zur Deszendenztheorie. „Man hat in Goethe vielfach einen Vorläufer Darwins sehen wollen. Besonders hat Häckel diese Ansicht zu begründen versucht. Daran ist jedenfalls richtig, daß Goethe als einer der Mitbegründer der vergleichenden Anatomie die Grundlagen schuf, auf denen Darwin weiter gearbeitet hat. Dagegen finden sich in Goethes morphologischen Hauptwerken ... keine Anschauungen, welche als darwinistisch im engeren Sinn bezeichnet werden können.“ Goethe hatte in seiner Abhandlung von 1822 „Fossiler Stier“ geschrieben: „Auf allen Fall läßt sich der alte Stier als eine weit verbreitete untergegangene Stamm-Race betrachten, wovon der gemeine und der indische Stier als Abkömmlinge gelten dürften.“Zitat nach Magnus. In Goethes Original heißt es statt „der alte Stier“ „das alte Geschöpf“. Dies, so Magnus, sei Goethes fast einzige unzweideutige Bejahung einer Abstammungshypothese.Siehe aber Hermann Bräuning-Oktavio: Vom Zwischenkieferknochen zur Idee des Typus. Goethe als Naturforscher in den Jahren 1780–1786. In: Nova Acta Leopoldina Band 18, Nummer 126. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1956. Bräuning-Oktavio zitiert S. 51–53 Goethe: „Und doch läßt sich eine Reihe von Wesen <zwischen Schildkröte und Elefant> stellen, die beide verbindet.“ Ferner: „Herders neue Schrift macht wahrscheinlich, daß wir erst Pflanzen und Tiere waren. Was nun die Natur weiter aus uns stampfen wird, wird uns wohl unbekannt bleiben.“ Immer wieder betont er, dass auch da, wo Goethes Folgerungen irrten, wie gegenüber Isaac Newton in der physikalischen Optik, seine Beobachtungen richtig gewesen seien.