Die Hamburger Orgellandschaft beschreibt den Orgelbestand der Freien und Hansestadt Hamburg in seiner historischen Entwicklung. Der Begriff Orgellandschaft allein nimmt Bezug auf historisch bedingte nationale oder regionale Eigenheiten der Orgeln. Die Hamburger Orgellandschaft grenzt im Süden an die Orgellandschaft Lüneburg, im Westen an die Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser und nördlich der Elbe an die Orgellandschaft Schleswig-Holstein. Zwar erlangte Hamburg im norddeutschen Raum aufgrund günstiger Rahmenbedingungen eine führende Stellung im Orgelbau, war aber vielfältig in die umgebenden Kulturgebiete eingebunden und nahm keine Sonderrolle ein.Küster: Hamburgs „zentrale Stellung“ in der norddeutschen Orgelkultur. 2001, kritisiert eine insbesondere in der älteren Forschung postulierte Sonderrolle Hamburgs. mini|Die Orgel von St. Jacobi von 1693 integriert Register vom 16. bis zum 20. Jahrhundert.
Unter Einfluss der Orgelbauerfamilie Scherer, von Gottfried Fritzsche und Arp Schnitger, die in der Hansestadt wirkten, erreichte der Orgeltyp der norddeutschen Barockorgel einen Höhepunkt und hat den Orgelbau weltweit geprägt. Da die meisten historischen Orgeln im Laufe der Zeit durch Neubauten ersetzt oder durch Kriege und Katastrophen zerstört wurden, bestimmen heute zahlreiche Neubauten das Bild der Hamburger Orgellandschaft.Zum Begriff „Hamburger Orgellandschaft“ siehe Dorothea Schröder: Gloria in excelsis Deo. Eine Geschichte der Orgeln in der Hauptkirche St. Petri, Hamburg. Wachholtz, Neumünster 2006, ISBN 3-529-02848-7, S. 20. Nähere Details zu den erhaltenen Werken finden sich in der Liste der Orgeln in Hamburg.
Von den Anfängen bis 1540 Bedeutende Orgelbauer und ihre Werke Orgeln in Hamburg werden zum ersten Mal im 14. Jahrhundert erwähnt. Für die Hauptkirche Sankt Jacobi ist im Jahr 1301 „Meister Rudolf“ als Organist nachgewiesen. Eine Orgel ist 1358 im Mariendom bezeugt und die Franziskanerkirche St.-Maria-Magdalena verfügte um 1400 sogar über zwei Orgeln: Die kleine Chororgel diente für die Stundengebete, die Hauptorgel im nördlichen Seitenschiff für die Heilige Messe.Fock: Hamburgs Anteil am Orgelbau. 1939, S. 290 f (online). Sankt Katharinen besaß um 1400 eine Orgel, während Sankt Nikolai vor der Reformation zwei Orgeln hatte. In Rechnungsbüchern der Jacobi-Kirche ist ab dem Jahr 1508 eine Bezahlung für den (namentlich nicht genannten) Organisten dokumentiert; ab 1517 sind alle Jacobi-Organisten mit Namen bekannt.Reinitzer (Hrsg.): Die Arp-Schnitger-Orgel. 1995, S. 67. Aus vorreformatorischer Zeit sind für Hamburg sieben Orgelbauer mit Namen bekannt. Einige Orgelbauer waren zugleich Organisten wie Johann van Kollen, der 1467 an Sankt Petri angestellt wurde.Fock: Hamburgs Anteil am Orgelbau. 1939, S. 294 (online). Im Jahr 1502 schuf Harmen Stüven ein neues Werk für das Heilig-Geist-Hospital. Zusammen mit Jacob Iversand baute er von 1507 bis 1512 eine neue Orgel für St. Petri und anschließend von 1512 bis 1516 einen zweimanualigen Neubau für St. Jacobi, der vor 1543 um ein Rückpositiv erweitert wurde. Mit Namen treten zudem Hans Lüders, Dom. Engelbert, Meister Marten und Meister Johann hervor. Die Reformation führte in Hamburg zwar nicht wie andernorts zur Zerstörung von Orgeln, aber zu einem Stillstand im Orgelbau bis etwa um 1540.Fock: Hamburgs Anteil am Orgelbau. 1939, S. 297 (online).
Kennzeichen und Funktion Diese gotischen Instrumente waren ursprünglich Blockwerke, deren Register nicht einzeln anspielbar waren, sondern nur im vollen Werk erklangen. Erst im ausgehenden Mittelalter ermöglichte die Erfindung der Schleiflade und Springlade, dass einzelne Pfeifenreihen separat gespielt werden konnten, wodurch ein großes klangliches Spektrum erzielt wurde. Die mittelalterliche Orgel diente liturgischen Zwecken und nicht zur Begleitung des Gemeindegesangs. Sie übernahm Teile der Messe und der kirchlichen Tageszeiten wie den Introitus und die Lobgesänge und erklang im Wechsel mit dem Chor, der Gemeinde oder einzelnen Sängern („Alternatimpraxis“).Reinitzer (Hrsg.): Die Arp-Schnitger-Orgel. 1995, S. 43.
Renaissance und Frühbarock Bedeutende Orgelbauer und ihre Werke Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts erlebte der Hamburger Orgelbau einen starken Auftrieb. Maßgeblich waren daran Orgelbauer aus dem Herzogtum Brabant beteiligt, die im Zuge der Reformation, aufgrund von Glaubenskriegen und der orgelfeindlichen Haltung reformierter Kirchen, in Norddeutschland neue Betätigungsfelder suchten. Um 1600 stammte etwa die Hälfte der Stadtbewohner aus den Niederlanden. Hamburg profitierte vom Wirken der Orgelbauer Gregorius Vogel, Jasper Johansen und dem berühmten Hendrik Niehoff aus ’s-Hertogenbosch. Vogel führte 1542/1543 an der Orgel von St. Katharinen einen Umbau durch, der einem Neubau gleichkam.Fock: Hamburgs Anteil am Orgelbau. 1939, S. 297 f (online). Das Instrument war bereits im 16. Jahrhundert berühmt. Niehoff erweiterte die gotische Blockwerk-Orgel von St. Petri 1548 bis 1550 zusammen mit Johansen um ein Rückpositiv (mit elf Registern), ein Oberwerk (mit acht Registern) und ein Pedal (acht Register) auf ein dreimanualiges Werk.Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 66.
Weit über Hamburg hinaus wirkte die Orgelbauerfamilie Scherer. Der Begründer Jacob Scherer hatte von Iversand die Werkstatt übernommen und schuf im norddeutschen Raum einige dreimanualige Werke. Sein Sohn Hans Scherer der Ältere, Schüler von Niehoff, vermittelte die Neuerungen des fortschrittlichen brabantischen Orgelbaus und war auch in St. Katharinen an der Erweiterung der Orgel beteiligt, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert wurde. Zu Scherers bedeutendsten Nachfolgern gehörten Gottfried Fritzsche und Antonius Wilde, die eigene Werkstätten errichteten. mini|Die Manualklaviaturen von St. Jacobi sind seit Gottfried Fritzsche (1636) viermanualig. Fritzsche, Nachfolger von Hans Scherer dem Jüngeren und wichtiges Bindeglied zu Arp Schnitger, zog um 1630 aus Sachsen nach Ottensen mit dem Auftrag, die Orgeln aller vier Hauptkirchen umzubauen und zu erweitern. Zu der Zeit wirkten an diesen vier Kirchen jeweils Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, des „hamburgischen Organistenmachers“:Johann Mattheson: Grundlage einer Ehren-Pforte. 1740; – „so, daß man unsern Schweling nur den hamburgischen Organistenmacher hieß“. die Brüder Jacob Praetorius der Jüngere und Johann Praetorius an Sankt Petri und St. Nicolai, Ulrich Cernitz an St. Jacobi sowie Heinrich Scheidemann an St. Katharinen. In Neuengamme, St. Johannis sind noch Teile der Fritzsche-Orgel von 1634 und in Kirchwerder, St. Severini einige Register und Prospektteile von Hinrich Speter (1641) erhalten. In der Orgel von Sankt Jacobi sind sogar noch zehn Scherer-Register und 19 von Fritzsche ganz oder teilweise erhalten. Auf Fritzsche, der die brabantische Kunst des Orgelbaus weiterentwickelte, gehen zahlreiche Neuerungen im Orgelbau zurück, so beispielsweise die Einführungen neuer Zungenregister wie Dulzian, Regal, Sordun und das langbechrige Krummhorn. Im Brustwerk und Pedal setzte er regelmäßig einfüßige Stimmen ein, die bei Scherer noch unbekannt waren.Fock: Hamburgs Anteil am Orgelbau. 1939, S. 345 (online). Anstelle von Scherers hochliegendem Scharff baute Fritzsche eine zweifache Zimbel und bevorzugte einzelne Aliquotregister. So war die 1635 durch Fritzsche in die Orgel von St. Jacobi eingebaute Sesquialtera die erste im norddeutschen Raum überhaupt. Gegenüber Scherer kamen etliche neue Nebenregister wie Tremulant und „Trommel“ und Effektregister wie „Kuckuck“, „Vogelsang“ und „Nachtigall“ hinzu.Fock: Hamburgs Anteil am Orgelbau. 1939, S. 346 (online). Während in Norddeutschland bisher gehämmerte Bleipfeifen die Regel waren, hobelte Fritzsche die Pfeifen und verwendete eine Legierung mit einem höheren Zinnanteil, für die Becher der Posaunen und Trompeten setzt er Markasit zu. Durch Fritzsches Erweiterungen gehörten die Orgeln in St. Jacobi und St. Katharinen zu den ersten Orgeln überhaupt, die über vier Manuale verfügten.Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 43.
Durch Fritzsches Schüler fand das hohe Niveau des Orgelbaus im norddeutschen Raum Verbreitung. Friedrich Stellwagen war Schwiegersohn und Geselle von Fritzsche und begleitete seinen Lehrmeister nach Hamburg, bevor er sich um 1635 in Lübeck selbstständig machte. Joachim Richborn führte die Werkstatt von Fritzsche fort und schuf um 1670 für Sankt Michaelis einen Neubau (II/P/20)Nach allgemeiner Tradition im Orgelbau gibt die römische Zahl die Anzahl der Manuale und die arabische die Anzahl der klingenden Register an. Ein großes „P“ steht für ein selbstständiges Pedal, ein kleines „p“ für ein angehängtes Pedal. und einige neue Register für die Orgel von Johann Adam Reincken in St. Katharinen, darunter einen Prinzipal 32-Fuß im Pedal. Unter dem Einfluss der Organisten von St. Katharinen, Scheidemann, der 34 Jahre Organist der Hauptkirche war, und seinem Schüler und Nachfolger Reincken, der dort fast 60 Jahre wirkte, war dieses monumentale Instrument immer weiter ausgebaut worden. Auf Grundlage von Dokumenten und 520 erhaltenen Pfeifen aus 20 Registern wurde dieses 1943 durch Kriegseinwirkung zerstörte Instrument von 2007 bis 2013 mit 61 Registern rekonstruiert und am 9. Juni 2013 geweiht. Legendär ist das Orgelkonzert, das Johann Sebastian Bach im Jahr 1720 in St. Katharinen gab:
In der Hansestadt wirkten neben den überregional bedeutenden Orgelbauern Scherer, Richborn, Gottfried Fritzsche, sein Sohn Hans Christoph Fritzsche und Matthias Dropa (1692–1705) noch Hans Riege (1648–1666), Paul Landrock (um 1657–1686), Johann Luchtemaker (1666), Benjamin Ziegenhorn (1680–1687), Hermann Eggers (1684), Johann Hinrich Wernitzky (1684–1686) und Johann Middelburg (1692). Ausgehend von Hamburg prägten sie den Orgelbau bis in die skandinavischen Länder, Spanien und Portugal.Konrad Küster: Orgelbau und Orgelspiel in Hamburg im Wandel der Jahrhunderte. In: Seggermann: Die Orgeln in Hamburg. 2019, S. XVII.
Kennzeichen und Funktion mini|Schematischer Werkaufbau „Hamburger Prospekt“.PW = Pedalwerk, OW = Oberwerk,HW = Hauptwerk, BW = Brustwerk,RP = Rückpositiv. Durch den Enkel Hans Scherer den Jüngeren erhielt der Hamburger Prospekt seine klassische Form, die international eine Vorbildfunktion einnahm. Eine wesentliche Errungenschaft des Hamburger Orgelbaus war die Vollendung des Werkprinzips. Im niederländisch-norddeutschen Kulturraum wurden entsprechend dieser Bauweise relativ selbstständige Klangkörper in separaten Gehäusen aufgestellt: die Pedaltürme seitlich freistehend, das Rückpositiv in der Emporenbrüstung, das Brustwerk über dem Spieltisch. Diese Werke kontrastierten in klanglicher Hinsicht mit dem vollen Klang des Hauptwerks.Reinitzer (Hrsg.): Die Arp-Schnitger-Orgel. 1995, S. 36. Das Rückgrat dieser Einzelwerke bildeten die vollständig ausgebauten Prinzipalchöre, die auf jeweils unterschiedlicher Fußtonlage (Tonhöhe) basierten (16 Fuß, 8 Fuß, 4 Fuß).