Monika Schwarz-Friesel (* 28. November 1961 in Bensberg) ist eine deutsche Kognitionswissenschaftlerin, Antisemitismusforscherin und Professorin an der Technischen Universität Berlin.Monika Schwarz-Friesel Biografie. Webseite der Technischen Universität Berlin. Abgerufen am 20. Februar 2024.
Leben und Wirken Monika Schwarz-Friesel studierte deutsche und englische Philologie sowie Psychologie an der Universität zu Köln. 1990 wurde sie mit dem Thema „Kognitive Semantik und neuropsychologische Realität“ in Köln promoviert und habilitierte sich 1998 mit dem Thema „Indirekte Anaphern in Texten“. Sie etablierte in Deutschland den Ansatz der kritischen Kognitionslinguistik. Von 2000 bis 2010 lehrte sie als Universitätsprofessorin für Textlinguistik und Pragmatik am Institut für germanistische Sprachwissenschaft der FSU Jena. Seit 2010 bekleidet sie einen Lehrstuhl an der TU Berlin.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Interaktion von Sprache, Kognition und Emotion, kognitive Semantik und Metaphern sowie verbale Manifestationen des aktuellen Antisemitismus.TU Website Forschungsprojekte. Abgerufen am 20. Februar 2024. Sie hat zahlreiche empirische Untersuchungen zum Thema Antisemitismus und Sprache, Judenhass im Internet sowie zur kollektiven Emotion Judenhass in der Mitte der Gesellschaft durchgeführt. Im Rahmen einer von der TU Berlin verantworteten Langzeitstudie untersuchte sie mit ihrem Team über mehr als ein Jahrzehnt Kommentare in Kommentarspalten von Qualitätsmedien, sozialen Netzwerken, Ratgeberportalen und Foren, um Ausmaß und Formen des Antisemitismus im Internet zu erfassen. Die Studie dokumentierte eine deutliche Zunahme sowohl der Häufigkeit als auch der sprachlichen Radikalisierung antisemitischer Äußerungen und weist das Internet als zentralen Multiplikator und Beschleuniger judenfeindlicher Kommunikation aus.
Als Expertin für aktuellen Antisemitismus berät sie zahlreiche Institutionen im In- und Ausland, u. a. StopAntisemitismus.de der ZEIT-Stiftung und ist im Beirat der wissenschaftlichen Fachzeitschriften Antisemitism Studies (USA) und Journal of Contemporary Antisemitism (UK). Sie ist Kuratoriumsvorsitzende der Leo-Trepp-Stiftung und Mitglied der Jury für den Simon-Wiesenthal-Preis des österreichischen Parlaments seit der Etablierung durch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka im Jahr 2020.Jury des Simon-Wiesenthal-Preises
Monika Schwarz-Friesel ist mit dem Historiker Evyatar Friesel verheiratet.https://www.haaretz.com/jewish/news/.premium-1.576189 vom 25. Februar 2014, abgerufen am 23. Februar 2017
Positionen Judenhass als kulturelle Denk- und Gefühlskategorie
Schwarz-Friesel definiert Judenhass als kulturelle Kategorie, die auf der Trias Sprache-Kognition-Emotion fußt und tief verankert im abendländischen Denken und Fühlen ist. Ihr Ursprung liegt in den ersten fünf Jahrhunderten der Adversus-Judaeos-Rhetorik frühchristlicher Schriften, die die Differenzkonstruktion zwischen Judentum und christlicher Welt etablierten und Juden/Judentum zum Frevel und Übel in der Welt erklärten. Hier liegen die Wurzeln der Abgrenzung, Verachtung und Stigmatisierung, die sich im Laufe der Jahrhunderte anpassten, stets aber ihren konzeptuellen Kern erhielten. In umfangreichen Korpus-Studien konnte gezeigt werden, wie sich die alten Stereotype und Argumente des Anti-Judaismus bis heute artikulieren. und zu semantischer Abgrenzung und Entwertung von Juden führen.
Verbalantisemitismus: die Sprache der Judenfeindschaft und 4-D-Modell
In ihrer viel beachteten Studie „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ wertete sie zusammen mit dem Historiker Jehuda Reinharz Tausende von E-Mails an Zentralrat der Juden in Deutschland und die Israelische Botschaft in Berlin aus und gab Kriterien für die Analyse antisemitischer Äußerungen sowie zur Abgrenzung von politischer Kritik und israelbezogenem Judenhass. Sharanskys 3-D-Modell zum israelbezogenen Antisemitismus erweitert sie zum 4-D-Modell durch die übergeordnete Kategorie der De-Realisierung, aus der sich Verdammnis, Doppelstandard und Delegitimierung zwangsläufig ergeben. Ihre Analysen zeigen, wie die Semantik des Judenhasses über die Jahrhunderte erhalten blieb und sich lediglich oberflächlich einige Ausdrucksformen verändern. Die antisemitische Hassrede unterschiedlicher politischer und ideologischer Gruppen weist daher mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen auf.
Das emotionale Fundament von Antisemitismus: zur Kontinuität des Hasses
Das Denken von Antisemiten zeichnet sich durch eine hohe Abstraktheit aus, denn ihr Konzept von JUDE hat mit der Realität nichts zu tun, sondern ist vielmehr ein Fantasie-Konstrukt, ein fiktives Abstraktum. Daraus rühren Realitätsverlust und Faktenresistenz. Die emotionalen Prozesse dagegen weisen eine extrem hohe Intensität und Konkretheit auf: Antisemitischer Hass artikuliert sich vehement, obsessiv und mit einem besonderen hohen Intensitätsparameter. Antisemitisches Denken und Fühlen folgt einer affektiven Logik, die als „Hamsterrad-Kognition“ bezeichnet wird, da die Gedanken immer nur im kognitiven und konzeptuell geschlossenen Universum des eigenen Glaubenssystems bleiben, ohne Fakten der realen Welt zu berücksichtigen. Das Denken basiert auf einer gefühlten Wahrheit: „Antisemiten glauben, ohne zu wissen. Sie „wissen“, weil sie glauben. Sie glauben, weil sie fühlen.“ Diese Affektlogik führt zu eklatanten Widersprüchen und Dissoziationen in der Argumentation, da sie die Fakten der Realität abwehren und umdeuten müssen, um ihr geschlossenes Weltbild aufrechterhalten zu können. „Das subjektive Gefühl wird aus dem Hamsterrad auf die Welt projiziert und damit zu einer quasi-universalen Emotion erklärt: jeder hasst die Juden“. Die Intensität der Gefühle ergibt sich aus einer doppelten Emotionalität: Antisemiten fühlen individuell und zugleich kollektiv mit dem kulturellen Gefühlswert. Vor diesem Hintergrund beschreibt Schwarz-Friesel Antisemitismus auch in öffentlichen Diskursen als seit rund 2000 Jahren tradiertes, kulturell verankertes Glaubenssystem, dessen Stereotype im Unterschied zu anderen Vorurteilsformationen keinerlei empirische Grundlage hätten. Demgegenüber deutet sie etwa muslimfeindliche Ressentiments vor allem als Übergeneralisierungen einzelner realer Fälle, während antisemitische Bilder vollständig aus fiktiven, fantastischen Zuschreibungen bestehen.
Opportune Adaptionslogik und die Israelisierung der antisemitischen Semantik
Antisemitismus erweist sich als Chamäleon, das seine Erscheinung je nach Umgebung und Zeitgeist anpasst, also einer „opportunen Adaptionslogik“ folgt. Je nach Zeitgeist und Epoche wird die Form jüdischer Existenz attackiert, die gerade im Fokus steht. Folglich sind auch Post-Holocaust-Antisemitismus und israelbezogener Judenhass keine neuen Phänomene, sondern moderne Varianten der uralten Judenfeindschaft, die letztlich auf den klassischen Stereotypen des Anti-Judaismus basieren. In diesem Zusammenhang prägte Schwarz-Friesel mit Jehuda Reinharz den Begriff der „Israelisierung der antisemitischen Semantik“. Die Stereotype des klassischen Judenhasses werden auf das Konzept ISRAEL projiziert. Israelhass ist kein politisches Phänomen, sondern führt den alten Antisemitismus angepasst weiter. Die Multiplikatoren und „geistigen Brandstifter“ sitzen wie früher in der gebildeten Mitte der Gesellschaft. Auf Basis ihrer Internet-Studien betont Schwarz-Friesel, dass gerade der israelbezogene Antisemitismus in der gesellschaftlichen Mitte auf die geringste Empörung stoße und deshalb als besonders gefährlich gelte. Sie warnt, diese Spielart des Judenhasses sei dabei, zu einem vermeintlich „politisch korrekten Antisemitismus“ zu werden, weil sie im Unterschied zu offen extremistischen Formen häufig verharmlost werde. Zugleich fordert sie, antisemitischen Einstellungen in migrantischen Milieus entschieden entgegenzutreten, macht jedoch deutlich, dass der Hinweis auf entsprechenden Antisemitismus keine Nähe zu rechtspopulistischen Positionen impliziere. In Bezug auf antisemitische Muster in Teilen der politischen Linken hebt sie hervor, dass diese nach den Ergebnissen ihrer Studie häufig geleugnet oder abgewehrt würden; die Rede von einem angeblichen Kritiktabu gegenüber Israel interpretiert sie als Schutzbehauptung und verweist darauf, dass ihre Untersuchung in den analysierten Massenmedien kein Beispiel dafür fand, dass Kritik an israelischer Politik pauschal als antisemitisch gebrandmarkt worden wäre. Der israelbezogene Antisemitismus zeigt sich daher in den letzten Jahren zunehmend in zahlreichen öffentlichen und medialen Debatten (u. a. bei der Mbembe-Debatte und in Bezug auf die antisemitischen Werke auf der documenta 15).
Judenhass im Internet: alltägliche Multiplikatoren
In ihrer Pilot-Studie zu „Judenhass im Internet“ belegte sie die alltägliche Verbreitung und Zugänglichkeit sowie die Radikalisierung von antisemitischen Texten in den sozialen Medien. Aufbauend darauf leitete sie an der Technischen Universität Berlin eine Langzeitstudie, in der von 2007 bis 2018 mehr als 265.000 Kommentare aus Kommentarspalten von Qualitätsmedien, sozialen Netzwerken, Ratgeberportalen und Foren im Netz ausgewertet wurden. Dabei zeigte sich eine Vervierfachung antisemitischer Äußerungen in den untersuchten Kommentarspalten sowie eine deutliche Zunahme radikalisierter Muster wie NS-Vergleichen, Entmenschlichung und Gewaltfantasien. Schwarz-Friesel konstatiert vor diesem Hintergrund, dass sich das Sagbarkeitsfeld für antisemitische Äußerungen im Netz massiv erweitert habe und Solidaritätsaufrufe gegen Judenhass in Online-Debatten häufig binnen kurzer Zeit von judenfeindlichen Kommentaren überlagert würden. In den Kommentaren zu solchen Aktionen enthielten nach ihren Angaben rund 37 Prozent antisemitische Inhalte. Antisemitismus im Web 2.0 zeigt sich in den von Alltagsnutzern besuchten Kommunikationsräumen als Kommunikationsmuster der Hassrede, das maßgeblich von den Strukturen der klassischen Judenfeindschaft geprägt ist und sich aus dem kommunikativen Gedächtnis speist. Schwarz-Friesel betont, dass es sich bei den analysierten Online-Kommentaren um „natürliche Daten“ handele, die unabhängig von Befragungssituationen entstünden und daher ein weniger verzerrtes Bild antisemitischer Einstellungen ermöglichten, was sie als wichtigen methodischen Fortschritt der Antisemitismusforschung bewertet.
Kritik an Politik, Justiz und Zivilgesellschaft
Im Zusammenhang mit ihren empirischen Befunden kritisiert Schwarz-Friesel wiederholt, dass Politik, Justiz und Zivilgesellschaft Antisemitismus nicht entschieden genug entgegentreten. So verweist sie etwa auf den Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal, der vor Gericht als Ausdruck von „Israel-Kritik“ bewertet wurde, sowie auf das Urteil gegen einen Angreifer, der 2018 in Berlin einen Kippa tragenden Mann mit einem Gürtel attackierte, wobei ein antisemitisches Motiv in den Urteilsgründen nicht ausdrücklich benannt worden sei. Aus ihrer Sicht verstärken solche Entscheidungen den Eindruck, dass antisemitische Positionen öffentlich immer unverblümter geäußert werden können. Sie bezeichnet es als „Armutszeugnis“, wenn Kundgebungen gegen Judenhass lediglich von wenigen Politikern und Repräsentanten jüdischer Organisationen besucht werden, und verweist darauf, dass Ankündigungen, man werde „mit aller Härte“ gegen Antisemitismus vorgehen, in den vergangenen Jahren zwar häufig gewesen seien, ohne immer in entsprechend konsequentes Handeln zu münden. Die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung bewertet sie grundsätzlich positiv, warnt aber davor, durch die Einrichtung weiterer Beauftragtenstellen für andere Diskriminierungsformen die Besonderheit des antisemitischen Ressentiments zu relativieren.
Rezeption und Würdigung Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert