Tianjin, nach Post und nach Stange Tientsin (), ist eine Hafenstadt in der Volksrepublik China. Das Verwaltungsgebiet der Stadt hat eine Fläche von 11.943 Quadratkilometern. Tianjin ist eine der vier regierungsunmittelbaren Städte in China, das heißt direkt der Zentralregierung in Peking unterstellt, und hat damit denselben Status wie eine Provinz.
Das Verwaltungsgebiet Tianjins hat 12,94 Millionen Einwohner (Stand: Zensus 2010). Davon sind 9,5 Millionen registrierte Bewohner mit ständigem Wohnsitz () und 1,0 Millionen temporäre Einwohner () mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung (). Wenn man die Kernstadt mit deren hoher Bebauungsdichte und geschlossener Ortsform als Grundlage nimmt, leben in Tianjin 3,8 Millionen Menschen mit Hauptwohnsitz.World Gazetteer: In: bevoelkerungsstatistik.de, abgerufen am 26. November 2023. Der Ballungsraum hat 6,4 Millionen Einwohner, einschließlich Vororte. (Stand: 2007)World Gazetteer: In: bevoelkerungsstatistik.de, abgerufen am 26. November 2023.
Die Stadt ist Industriezentrum, Verkehrsknoten und kultureller Mittelpunkt der Region mit Universitäten, Hochschulen, Museen und Baudenkmälern. Das Verwaltungsgebiet Tianjins stellt kein zusammenhängendes Stadtgebiet dar, sondern ist – mit seiner dominierenden ländlichen Siedlungsstruktur – eher mit einer kleinen Provinz vergleichbar. Historisch war Tianjin die Hauptstadt der ehemaligen Provinz Zhili.
Geographie Geographische Lage mini|Satellitenaufnahme von Tianjin, 2002
Die Stadt liegt im Norden des Landes südöstlich von Peking fünf Meter über dem Meeresspiegel, am Zusammenfluss des Hai He mit dem Kaiserkanal. Sie grenzt an die Regierungsunmittelbare Stadt Peking und die Provinz Hebei.
Das administrative Stadtgebiet hat eine Fläche von 11.943 Quadratkilometer. Das entspricht ungefähr der Bodenfläche von Oberösterreich und ist etwas kleiner als Schleswig-Holstein. Davon gehören 167,8 km² (1,4 %) zur Kernstadt (hohe Bebauungsdichte und geschlossene Ortsform) und 11.775,2 km² (98,6 %) zu Vorstädten und Gebieten mit ländlicher Siedlungsstruktur.
Vom Stadtzentrum Tianjins bis Peking sind es 120 Kilometer. Die Bohai-Bucht befindet sich 50 Kilometer östlich von Tianjin. Durch die Stadt fließt der Hai He-Fluss zur Bohai-Bucht.
Das gesamte Verwaltungsgebiet der regierungsunmittelbaren Stadt Tianjin hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von 186 Kilometern und eine Ost-West-Ausdehnung von 101 Kilometern. Die größten Städte sind: Tianjin 3.755.249 Einwohner, Tanggu 564.498 Einwohner, Hangu 227.358 Einwohner, Gangdong 141.741 Einwohner, Yangliuqing 77.768 Einwohner, Xianshuigu 75.366 Einwohner und Yangcun 64.908 Einwohner.(Stand: 1. Januar 2007)World Gazetteer: In: bevoelkerungsstatistik.de, abgerufen am 26. November 2023.
Geologie Die nordchinesische Ebene (Große Ebene), in der Tianjin liegt, ist geologisch ein Einbruchsfeld, das später von den Deltabildungen der nordchinesischen Ströme ausgefüllt wurde. Sie besteht aus Schwemmlöß und Sanden, die von den Flüssen aus den westlichen Gebirgsländern herangeführt worden sind. Die Ebene ist also eine Fortsetzung des Lößlandes.
Auch klimatisch – heißfeuchte Sommer und trockenkalte Winter mit Staubstürmen – und pflanzengeographisch – Parklandschaft mit steppenhaften Zügen – ähnelt sie den benachbarten Lößbergländern. Die Nordchinesische Ebene stellt einen riesigen Schwemmkegel dar, den der Huang He, der schlammreichste Fluss der Erde, im Laufe vieler Jahrtausende aufgeschüttet hat und dessen Ausläufer nördlich und südlich der Halbinsel Shandong das Gelbe Meer erreichen. Das Gebiet ist starken tektonischen Spannungen ausgesetzt, die immer wieder zu Erdbeben führen. Ursache ist die langsame Verschiebung der indischen Kontinentalplatte nach Norden in die eurasische Kontinentalplatte. Die Geschwindigkeit der Plattentektonik beträgt im Mittel etwa vier Zentimeter pro Jahr.
Am 28. Juli 1976 ereignete sich in Tangshan, 120 Kilometer östlich von Tianjin, das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts (siehe Beben von Tangshan 1976). Es hatte eine Stärke von 8,2 auf der Richterskala. Die offizielle Angabe der Regierung der Volksrepublik China über die Zahl der Toten beträgt 242.419, doch manche Schätzungen geben eine Zahl bis zu 800.000 Toten an, davon 25.000 in Tianjin, auch die Stärke wird offiziell nur mit 7,8 angegeben. Das Beben führte in Tianjin und anderen Städten der Region zu schweren Schäden.
Stadtgliederung
Das Verwaltungsgebiet der Stadt gliedert sich in 15 Stadtbezirke und einen „neuen“ Stadtbezirk.
Die Kernstadt teilt sich in sechs Stadtbezirke (Stand: Zensus 2020)Citypopulation.de: China: Tientsin, abgerufen am 30. Mai 2024.: Heping (), 10 km², 355.000 Einwohner; Hexi ( Héxī Qū), 39 km², 822.174 Einwohner; Hebei (), 30 km², 647.702 Einwohner; Nankai (), 41 km², 890.422 Einwohner; Hedong (), 42 km², 858.787 Einwohner; Hongqiao (), 23 km², 483.130 Einwohner.
Vier weitere Stadtbezirke befinden sich in der nahen Umgebung der Kernstadt (Stand: Zensus 2020): Jinnan (), 386 km², 928.066 Einwohner; Dongli (), 469 km², 857.027 Einwohner; Xiqing (), 563 km², 1.195.124 Einwohner; Beichen (), 474 km², 909.643 Einwohner.
Fünf Stadtbezirke und der neue Stadtbezirk Binhai liegen in den ländlichen Gebieten außerhalb der Kernstadt (Stand: Zensus 2020): Binhai (), 2.610 km², 2.067.318 Einwohner; Baodi (), 1.510 km², 722.367 Einwohner – Kreis bis 2001 Wuqing (), 1.574 km², 1.151.313 Einwohner – Kreis bis 2000 Jizhou (), 1.590 km², 795.516 Einwohner – Kreis Ji bis 2016 Jinghai (), 1.441 km², 787.106 Einwohner – Kreis bis 2015 Ninghe (), 1.154 km², 395.314 Einwohner – Kreis bis 2015
Siehe auch Liste der Stadtbezirke von Tianjin
Klima Obwohl Tianjin nur etwa 50 Kilometer von der Küste entfernt liegt, hat es aufgrund der Lage im Westwindgürtel ein gemäßigtes kontinentales Klima, also warme feuchte Sommer und kalte trockene Winter. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt bei 560,2 Millimeter im Durchschnitt, davon fallen etwa 61 Prozent in den Monaten Juli und August.
Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 13,0 °C. Wärmster Monat ist der Juli mit 30,7 °C mittlerer Tageshöchst- und 22,7 °C mittlerer nächtlicher Tiefsttemperatur. Der kälteste Monat ist in der Gegend um Tianjin der Januar mit 1,6 °C mittlerer Tageshöchst- und −7,7 °C mittlerer nächtlicher Tiefsttemperatur.
Im Winter herrschen Temperaturen bis zu −20 Grad Celsius und ein eisiger, aus den Ebenen der Inneren Mongolei wehender Wind. Der Sommer (Juni bis August) ist schwül und heiß mit Temperaturen bis zu 35 Grad Celsius, der kurze Frühling (April und Mai) trocken, aber windig. Im Herbst (September und Oktober) herrscht trockenes und mildes Wetter.
Wenn der Wind aus dem Norden kommt, kann es im Winter sehr kalt werden, und im Frühjahr gibt es häufig Sandstürme. Die höchste jemals registrierte Temperatur wurde offiziell am 4. Juli 1972 mit 39,7 °C gemessen, die tiefste am 22. Februar 1966 mit −22,9 °C.Enorth.com: Brief Introduction-Tianjin.
Geschichte Ursprung und weitere Entwicklung mini|Historischer Hafen von Tianjin, 1887
Die Geschichte des Ortes vom Fischerdorf zur modernen Handelsmetropole reicht viele Jahrhunderte zurück und ist stark mit der Geschichte Pekings verknüpft. Vom 11. bis 14. Jahrhundert war Tianjin ein kleiner Seehafen, der für den kaiserlichen Hof als Getreidelager hohe Bedeutung hatte. Später, als ursprünglich unabhängige Reiche im Süden Chinas unterworfen wurden, war die Stadt Durchgangshafen für die Tribute und Lieferungen aus jenen Reichen an die Hauptstadt. Während der Yuan-Dynastie wurde im 13. Jahrhundert schließlich der durch Tianjin führende Kaiserkanal fertiggestellt bzw. bis in Dadu (Peking) verlängert.
Den Namen Tianjin erhielt die Stadt vom Kaiser Zhudi während der frühen Jahre der Ming-Dynastie (1368–1644). Zu dieser Zeit erhielt es seine Vorrangstellung als Hafen für Peking und stark befestigte Garnisonsstadt. Später, unter der Qing-Dynastie (1644–1911), wurde es ein florierendes Handelszentrum (vor allem für Meersalz).
Ausländische Konzessionen mini|Wilhelmstraße in Tianjin, 1898 mini|Tientsin Club und Astor House Hotel, 1902 mini|Die Österreich-Ungarn-Flagge auf dem Dach der österreichischen Marinekommandantur, Konzessionsgebiet 1903
Im 19. Jahrhundert wurden die seefahrenden Mächte aus dem Westen auf die Stadt aufmerksam. Infolge der Niederlage Chinas im Ersten Opiumkrieg erzwang Großbritannien durch den Vertrag von Nanking 1842 die Öffnung fünf südchinesischer Hafenstädte für seinen Handel (siehe Ungleiche Verträge). Unter dem Vorwand – chinesische Beamte hatten am 8. Oktober 1856 die unter britischer Flagge fahrende Lorcha Arrow festgesetzt – erklärte das Vereinigte Königreich China erneut den Krieg. Auch in diesem sogenannten Zweiten Opiumkrieg, auch „Arrow-Krieg“ genannt, dem sich Frankreich aus vergleichbaren, handelspolitischen Motiven auf britischer Seite anschloss, erwiesen sich die europäischen Kanonenboote und Kriegsführung als überlegen (siehe Kanonenbootpolitik). Mit dem am 27. Juni 1858 unterzeichneten Vertrag von Tianjin erhielten die siegreichen Europäer das Recht, auf dem chinesischen Festland weitere Konzessionen zu errichten. Als Gegenleistung war der Rückzug der Engländer aus Tianjin (historische Umschrift Tientsin) und die Räumung der Festung Dagu, 60 Kilometer südöstlich der Stadt, vorgesehen. China weigerte sich im Anschluss, den Vertrag umzusetzen. Daraufhin eröffneten die Briten im Juni 1859 mit einem erneuten Angriff auf Dagukou die zweite Phase des Zweiten Opiumkriegs. Erst nach dem Feldzug im Jahr 1860, im Rahmen dessen ein Invasionsheer unter Führung Lord Elgins unter anderem den Alten Sommerpalast in Peking in Schutt und Asche legte, bestätigte Prinz Gong in Vertretung des in die Mandschurei geflohenen Kaisers Xianfeng die Vertragsbedingungen. In der sogenannten Pekinger Konvention vom 18. Oktober 1860 wurden sie um weitere Punkte ergänzt, insbesondere die Öffnung des Hafens von Tianjin selbst, weitere Reparationsleistungen sowie Gebietsabtretungen an Großbritannien und Russland.
Auf dieser Grundlage errichteten zunächst Großbritannien und Frankreich (wie bereits in den 1840ern in Shanghai) in Tianjin südöstlich der ummauerten Stadt zwei Konzessionsgebiete, von denen aus Nordchina für den internationalen Handel erschlossen werden konnte. Aufgrund der wachsenden Bedeutung der Stadt als wichtiges Handels- und Kommunikationszentrum (als „Shanghai des Nordens“) unweit Pekings folgten bis 1895/1900 weitere Kolonialmächte (Russland, Japan, Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Belgien und Italien) die ihrerseits mittels diplomatischen, aber auch militärischen Drucks Folgeverträge (siehe Ungleiche Verträge) aushandelten und separate Konzessionen entlang des Hai He anlegten.Sabina Donati: Italy’s Informal Imperialism in Tianjin during the Liberal Epoch, 1902–1922. The Historical Journal, Cambridge University Press, 2016, doi:10.1017/S0018246X15000461. Diese – in dem jeweiligen nationalen Architekturstil bebauten – ausländischen Enklaven verfügten über ihre eigene Infrastruktur und Verwaltung. Der Erste Weltkrieg gab der jungen Republik China die Gelegenheit, 1917 zumindest die österreichisch-ungarische und die deutsche Konzessionszone zu besetzen und zurückzugewinnen – ebenso wie der Russische Bürgerkrieg die Rückgewinnung der russischen Konzession ermöglichte (1924 auch von der Sowjetunion anerkannt). Während der Weltwirtschaftskrise gab Belgien seine Konzession 1931 aus Kostengründen freiwillig zurück. Die übrigen Konzessionen existierten de jure bis 1943 fort, waren jedoch seit 1937 de facto von Japan besetzt.