rechts|241x241px mini|Podium Paris–Nizza 2019 (v. l. n. r. Nairo Quintana, Egan Bernal, Michał Kwiatkowski) Die Fernfahrt Paris–Nizza, auch Rennen zur Sonne genannt, gilt als das erste wichtige Etappenrennen der Straßenradsport-Saison und findet traditionell Anfang März statt. Die Erstaustragung im Jahr 1933 geht auf Albert Lejeune, den Direktor der Zeitschriften „Le Petit Journal“ und „Le Petit Niçois“, zurück. Heute wird das Rennen von der Amaury Sport Organisation veranstaltet, die auch die Tour de France organisiert. Seit 2011 gehört das französische Rennen zur UCI WorldTour.

Inzwischen findet der Start nicht mehr in Paris, sondern im Pariser Umland statt. Das Profil des Etappenrennens ist für den frühen Zeitpunkt in der Saison als relativ schwer zu bezeichnen, da mehrere Bergetappen mit Anstiegen der ersten Kategorie auf dem Programm stehen. Die letzte Etappe wurde oft als Bergzeitfahren auf den Col d’Èze ausgetragen, ehe sie heutzutage nach einer anspruchsvollen Etappe um Nizza auf der Promenade des Anglais endet. Im Jahr 1959 fand die Fernfahrt unter dem Namen Paris–Nizza–Rom statt und endete nach elf Etappen in der italienischen Hauptstadt.

In Analogie zur Tour de France wird der Führende der Gesamtwertung mit dem Gelben Trikot (maillot jaune), der Führende der Punktewertung mit dem Grünen Trikot (maillot vert) und der Führende der Bergwertung mit dem Gepunkteten Trikot (maillot à pois) ausgezeichnet. Der beste Nachwuchsfahrer darf das Weiße Trikot (maillot blanc) tragen. Mit sieben Siegen in Folge in den 1980er Jahren ist der Ire Sean Kelly Rekordsieger von Paris–Nizza.

Parallel zu Paris–Nizza findet in Italien die Fernfahrt Tirreno–Adriatico statt, die ebenfalls Teil der UCI WorldTour ist.

Geschichte

1933–1939 mini|Albert Lejeune Die Idee der Fernfahrt geht auf Albert Lejeune, den Eigentümer der Zeitschriften Le Petit Journal und Le Petit Niçois, zurück. Im Bestreben, die Sitze der beiden Zeitschriften in Paris und Nizza zu verbinden, trug er im Jahr 1933 erstmals ein Etappenrennen zwischen den beiden Städten aus. Die Fernfahrt fand im Rahmen von sechs Tagen statt und stellte somit eine alternative zu den Sechstagerennen auf der Bahn dar, die sich damals großer Attraktivität erfreuten, jedoch dem Veranstalter mehr Gewinn einbrachten als den Zeitschriften, die die Berichterstattung übernahmen. In Anlehnung an die Rennen auf der Bahn fand das Rennen unter dem Namen Six Jours de la Route (Sechs Tage der Straße) statt. Die Erstaustragung wurde am 14. März vor dem Café Rozes auf dem Place d’Italie in Paris gestartet, ehe es über die Städte Dijon, Lyon, Avignon, Marseille und Cannes nach Nizza ging. Im Kampf um das Blau-goldene Trikot des Gesamtsiegers, das das Meer und die Sonne Nizzas repräsentierte, setzte sich der Belgier Alfons Schepers durch, der wenige Wochen später auch die Flandern-Rundfahrt gewann. Mit rund 130 Fahrern, die als Einzelstarter oder für Markenteams an den Start gingen, hatte sich das Rennen bereits damals im Radsportkalender etabliert.

Nur ein Jahr nach der Erstaustragung wechselte die Fernfahrt ihr Format und fand nun an fünf anstelle der ursprünglichen sechs Tage statt. Dafür wurde erstmals eine sogenannte „Demi-Etappe“ abgehalten, bei der man eine Etappe in zwei Abschnitte teilte, die unabhängig voneinander gewertet wurden. Dieses Konzept übernahmen in den Folgejahren auch die großen Rundfahrten wie die Tour de France und der Giro d’Italia. Die Streckenführung änderte sich nur geringfügig und orientierte sich weiterhin an den Ufern der Loire und Rhone, während die größtenteils verschneiten Alpen gemieden wurde. Mit Gaston Rebry war erneut ein Belgier erfolgreich. Im Jahr 1935 beendete Albert Lejeune die Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Lyon Républicain und verlegte den Streckenverlauf über Saint-Étienne. Zwischen den Städten Marseille und Toulon wurde das erste Einzelzeitfahren der Fernfahrt abgehalten. Es fand auf dem ersten Abschnitt der fünften und vorletzten Etappe statt und führte über eine Distanz von 78 Kilometern. Eine weitere Erneuerung waren die Zeitbonifikationen, die für die ersten Fahrer an gewissen Anstiegen vergeben wurden. Mit René Vietto sicherte sich erstmals ein französischer Fahrer den Gesamtsieg. Ab dem Jahr 1936 wurden auch bei den Zielankünften Zeitbonifikationen vergeben. Die Fernfahrt fand nun erstmals im Rahmen von sieben Tagen statt, ehe die Etappenanzahl bis ins Jahr 1939 jährlich um einen Abschnitt abnahm und somit nur noch über vier Tage führte. Dem Franzosen Maurice Archambaud gelang es als Erstem, die Fernfahrt zweimal zu gewinnen (1936, 1939), dazwischen waren Roger Lapébie (1937) und Jules Lowie (1938) erfolgreich. Neben der Gesamtwertung wurde im Jahr 1938 erstmals eine Punktewertung ausgetragen.

1946 Aufgrund des Zweiten Weltkriegs konnte die Fernfahrt in den Jahren 1940–1945 nicht abgehalten werden. Im Jahr 1946 fand schließlich die 8. Austragung des Rennens statt, das nun von der Zeitschrift Ce soir organisiert wurde. Mit dem neuen Veranstalter wechselte auch die Farbe des Führungstrikots, das nun in Grün gehalten war. Obwohl die Veranstaltung als großer Erfolg galt, entschloss sich Ce soir, keine weitere Fernfahrt abzuhalten und sich stattdessen dem Wiederaufbau Frankreichs zu widmen. In den Jahren 1947 bis 1950 fanden somit keine weiteren Austragungen statt. Sieger der 8. Austragung war mit Fermo Camellini erstmals ein Italiener.

1951–1982 Auf Wunsch des damaligen Bürgermeisters von Nizza, Jean Médecin, kam es im Jahr 1951 zu einer Neuauflage der Fernfahrt, die unter dem Namen „Paris – Côte d’Azur“ gestartet wurde. Ziel der Veranstaltung war es, die Region der Côte d’Azur bekannter zu machen und den Radsportlern eine Vorbereitung auf die Frühjahrsklassiker anzubieten. Mit Jean Leulliot wurde der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Route et Piste zum Renndirektor ernannt, der die Entwicklung der Fernfahrt und des Straßenradsports bedeutend prägen sollte. Jean Leulliot war jedoch nicht unumstritten, da er als Leiter der Sportredaktion der Zeitschrift La France socialiste mit den deutschen Besatzern kollaboriert und im Jahr 1942 mit dem Circuit de France eine Gegenveranstaltung zur abgesagten Tour de France abgehalten hatte.Viollet, S. 137Bobet, S. 125–131 Das Führungstrikot wechselte erneut seine Farbe und war nun Gelb mit orangen Rändern. Die Anzahl der Etappen wechselte nun mit jeder Ausgabe und schwankte zwischen sechs und vier Abschnitten. Nennenswerte Veränderungen in den ersten Jahren der Neuaustragung waren die kurzzeitige Einführung einer Bergwertung (1951) und das Startrecht einer Amateur-Mannschaft, die unter dem Namen „Route de France“ fuhr (beides 1952). Die ersten Sieger der Neuauflage waren der Belgier Roger Decock (1951) sowie die Franzosen Louison Bobet (1952) und Jean-Pierre Munch (1953).

Im Jahr 1954 wurde die Fernfahrt erstmals unter ihrem heutigen Namen Paris–Nizza ausgetragen. Nur ein Jahr später wurde mit den Amis de Route et Piste ein neuer Veranstalter präsentiert, der das weiße Führungstrikot einführte. Im Jahr 1956 übernahm Jean Leulliot die Organisation schließlich in Eigenregie und schloss Einzelstarter von der Teilnahme bei Paris-Nizza aus. Im Rahmen eines Einzelzeitfahrens fand auf dem Mont-d’Or bei Manosque die erste kleine Bergankunft des Rennens statt. Neben Raymond Impanis (1954), Jean Bobet (1955) und Fred De Bruyne (1956, 1958) gewann Jacques Anquetil im Jahr 1957 zum ersten Mals die Fernfahrt.

Mit Paris–Nizza–Rom fand im Jahr 1959 die wohl unkonventionellste Austragung des Etappenrennens statt. Es ging über elf Etappen, wobei Nizza nach dem sechsten Tagesabschnitt erreicht wurde. Im Rahmen des Rennens wurden drei unterschiedliche Gesamtwertungen abgehalten, die sich aus den Zeiten Paris–Nizza, Menton–Rom und der Gesamtdistanz zusammensetzten. Als offizieller Sieger der Austragung gilt der Franzose Jean Graczyk, wobei sich sein Landsmann Gerard Saint die Wertung zwischen Menton und Rom sicherte. Von den 96 Startern erreichten nur 46 das Ziel in Rom, wo sie anschließend zu einer Audienz beim Papst geladen wurden. Die Verlängerung der Fernfahrt wurde sowohl von der Öffentlichkeit als auch von den Fahrern negativ aufgenommen, wobei bei Letzteren vor allem die 254 Kilometer lange Schlussetappe von Siena nach Rom für Unmut sorgte. Nach dem Abschluss der Fernfahrt äußerte sich der Weltradsport-Verband (UCI) zu der Streckenänderung und versicherte, dass das Etappenrennen im Folgejahr zu seinem ursprünglichen Zielort Nizza zurückkehren würde. Mit der Austragung 1959 wurde die Fernfahrt ein Teil der neu geschaffenen Super-Prestige-Pernod-Wertung, die eine Serie der wichtigsten Straßenradrennen darstellte.

Nach dem Misserfolg von Paris–Nizza–Rom kehrte die Fernfahrt im Jahr 1960 zu ihren Wurzeln zurück, wobei auch in den nachfolgenden Jahren zahlreiche Erneuerungen stattfanden. So behielt die Organisation die höhere Etappenanzahl bei und führte vermehrt „Demi-Etappen“ durch. Neben den Einzelzeitfahren wurde erstmals ein Mannschaftszeitfahren ausgetragen, das über 82 Kilometer von Gien nach Bourges führte. Als Ausgangspunkt der Fernfahrt dienten vermehrt die Vororte von Paris, wobei in erster Linie Montgeron, Fontainebleau, Melun und Athis-Mons als Startorte dienten. Zwischenzeitlich wurde auch die Bergwertung wieder ausgetragen und sowohl Raymond Impanis (1960) als auch Jacques Anquetil (1961) feierten ihren zweiten Gesamtsieg. Mit dem Belgier Jef Planckaert gewann im Jahr 1962 ein weiterer Belgier. Im Jahr 1963 machte die Fernfahrt ihren ersten Abstecher auf Korsika und kehrte in den Jahren 1964 und 1966 auf die Mittelmeerinsel zurück. Besonders die Austragung des Jahres 1966 ging in die Geschichte ein und steht für den Kampf zwischen den beiden französischen Rad-Ikonen Raymond Poulidor und Jacques Anquetil. Poulidor hatte seinen Rivalen erstmals im Zeitfahren auf Korsika bezwungen und alle Angriffe auf den Pässen der Insel abfangen können, doch auf der letzten Etappe wurde er von Jacques Anquetil im Anstieg nach Tourrettes-sur-Loup distanziert. Die letzte Etappe sorgte für große Aufregung unter den Anhängern der beiden Fahrer und zeigte die tiefe Spaltung der beiden Gruppen. Jaques Anquetil, der auch die Austragungen der Jahre 1957, 1961, 1963 und 1965 für sich entschieden hatte, war nun mit seinem fünften und letzten Gesamtsieg bei Paris–Nizza der unumstrittene Rekordhalter der Fernfahrt. Einzig der Holländer Jan Jansen hatte die Dominanz des Franzosen im Jahr 1964 kurzzeitig brechen können.

Im Jahr 1967 verteidigte Tom Simpson das Führungstrikot im neu geschaffenen Abschlusszeitfahren, das über 28 Kilometer von Antibes nach Nizza führte, und gewann die Fernfahrt als erster Brite. Nur ein Jahr später setzte sich Rolf Wolfshohl als erster Deutscher durch, wobei die 26. Austragung gleich mehrere Erneuerungen brachte. Neben dem Abschlusszeitfahren wurde nun auch die erste Etappe im Rahmen eines Einzelzeitfahrens ausgetragen, das über gerade einmal vier Kilometer führte und als Prolog bezeichnet wurde. Weiters wurde auf der Abfahrt des Mont Faron der schnellste Abfahrer (Meilleur Descendeur) ermittelt. Die Wertung, die von einem Ski-Hersteller gesponsert wurde, sollte jedoch nur einmal ausgetragen werden. Im Jahr 1969 wurde die Strecke des Abschlusszeitfahrens verlegt und führte nun von Nizza über 9,5 Kilometer auf den Col d’Eze (507 m), der die Fernfahrt über die nächsten Jahrzehnte prägen sollte. Der erste siegreiche Fahrer auf dem Col d’Eze war der Belgier Eddy Merckx, der sich zugleich seinen ersten Gesamtsiegen bei Paris–Nizza sicherte.