mini|Logo mit roter und schwarzer Fahne
Antifa (Kopfwort von Antifaschismus) wird von den Wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestages als ein „Oberbegriff für verschiedene, im Regelfall eher locker strukturierte, ephemere autonome Strömungen der linken bis linksextremen Szene“ definiert.Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Linksextremismus in Gestalt der so genannten „Antifa“ – Organisationsbezogene strafrechtliche Implikationen. Ausarbeitung WD 7-3000-069/18, 24. April 2018 (PDF S. 13) Dabei handelt es sich um Ideen und Verhaltensweisen einer sozialen Bewegung ohne Organisationsstruktur, Anführer und Hauptquartier.Anne Speckhard, Molly Ellenberg: Perspective. Why Branding Antifa a Terror Group Is a Diversion. Homeland Security Today, 2. Juni 2020, online verfügbar Auf lokaler Ebene kann es jedoch Gruppierungen mit festeren Organisationsstrukturen geben.
Seit etwa 1980 werden Gruppen und Organisationen als Antifa bezeichnet, die nach eigenem Selbstverständnis Neonazismus, Antisemitismus, Rassismus, völkischen Nationalismus und rechtsgerichteten Geschichtsrevisionismus aktiv bekämpfen. Sie stellen sich damit in die Tradition des historischen Antifaschismus seit den 1920er Jahren. „Bei den von der Antifa durchgeführten Aktivitäten handelt es sich unter anderem um Recherchen, Aufklärung sowie Dokumentation und Verbreitung von Informationen über rechtsextreme und rechtskonservative Strömungen.“
Linksextremistische antifaschistische Gruppen verstehen bzw. verstanden Faschismus im Anschluss an die neomarxistische Kritische Theorie als besondere Form des Kapitalismus und Antifaschismus daher als Teil eines revolutionären Kampfes zur Überwindung jeder Klassengesellschaft. Gleichwohl können sie situativ Bündnisse mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen anstreben.Armin Pfahl-Traughber: Antifaschismus als Thema linksextremistischer Agitation, Bündnispolitik und Ideologie. In: Linksextremismus, Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung.
In der Öffentlichkeit wird die Antifa als militant wahrgenommen. Um sich von bürgerlichen und staatstragenden Antifaschisten abzugrenzen, bezeichnen sich manche Antifagruppen als „autonome“, „militante“ oder „unabhängige Antifaschisten“.Horst Schöppner: Antifa heißt Angriff: Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren; 2015, S. 11 und 68 f. Die Anwendung und Form von Gewalt wird breit und detailliert diskutiert.Nils Schuhmacher: Sich wehren, etwas machen – Antifa-Gruppen und -Szenen als Einstiegs- und Lernfeld im Prozess der Politisierung. 2013, S. 67. In: René Schultens, Michaela Glaser (Hrsg.): 2013, S. 47–70 (PDF; 2 MB).
Das Logo vieler Antifagruppen stammt vom Signet der „Antifaschistischen Aktion“ von 1932, dessen zwei rote Flaggen für Sozialismus und Kommunismus standen. Die heute geläufige Variante enthält eine größere rote Fahne für Sozialismus, eine kleinere schwarze für Anarchismus. Sie wurde in den 1970er Jahren von der Göttinger Gruppe „Kunst und Kampf“ um Bernd Langer entworfen.Der Erfinder der Antifa: Auf den Spuren des Bauhaus-Grafikers Max Gebhard., Neues Deutschland (ND), 14. Dezember 2019 In den 1980er Jahren wurde diese Variante zum Standard; seit 1989 zeigen die Fahnenstangen immer nach rechts.Mirja Keller et al.: Antifa, Stuttgart 2013, S. 70; Bernd Langer: Antifaschistische Aktion, Münster 2015, S. 73 und 180.
Gruppen, die sich als „Antifa“ oder „Antifaschistische Aktion“ bezeichnen (oft unter dem Akronym AFA) und dieses Logo oder ähnliche verwenden, gibt es in fast allen Staaten Europas und Nordamerikas. Ihre Organisationsformen und politische Ausrichtung unterscheiden sich jedoch teils erheblich.Mark Bray: Antifa. London 2017, S. 223.
Definition Es gibt keine klare Definition, was Antifa bedeutet. Nach dem Politikwissenschaftler Alexander Deycke ist „Antifa“ kontextabhängig eine Abkürzung von Antifaschismus oder ein Akronym für „Antifaschistische Aktion“. In der Regel verstehe man unter Antifa autonomen, potenziell militanten Antifaschismus. Im Gegensatz dazu erwähnt er die VVN/BdA und Antifa-Arbeitskreise der Jungsozialisten.
Historischer Hintergrund
mini|hochkant|Plakat der Antifaschistischen Aktion von 1932 Mit dem Sammelbegriff „Faschismus“ wurden seit 1922 der Faschismus in Italien, der Nationalsozialismus in Deutschland, der Franquismus in Spanien und weitere nationalistisch-autoritäre Regimes und Bewegungen Europas als vergleichbare und verwandte Phänomene eingeordnet. Faschismustheorien versuchten sie unterschiedlich zu erklären und die Perspektiven eines gemeinsamen Kampfes dagegen zu begründen. Als „Antifaschismus“ bezeichnete man die aktive Bekämpfung derartiger Kräfte und Ideologien mit dem Ziel, sie dauerhaft zu überwinden. In vielen Staaten wurde diese Bekämpfung zu einem zentralen Tätigkeitsfeld der verschiedenen linken Gruppen und Parteien.Mirja Keller et al.: Antifa, Stuttgart 2013, S. 7.
In der Weimarer Republik forderten viele Linke seit 1923 gemeinsame antifaschistische Aktionen gegen die Verbände der völkischen Bewegung und die aufsteigende NSDAP. Nur wenige sahen deren vernichtende Folgen für die Demokratie und die Arbeiterbewegung frühzeitig und zutreffend voraus. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gründeten je eigene antifaschistische Kampfbünde, standen einander aber zugleich programmatisch und in allen wesentlichen Fragen der praktischen Politik feindlich und unversöhnlich gegenüber. Ihre Parteiführungen setzten einander wechselseitig mit dem Faschismus gleich. Am 25. Mai 1932 kam es im Preußischen Landtag während einer Rede des kommunistischen Abgeordneten Wilhelm Pieck zu einem Angriff der Nationalsozialisten auf die Kommunisten mit sich anschließender Saalschlacht, bei der mehrere kommunistische wie sozialdemokratische Abgeordnete teils schwer verletzt wurden und die den Abbruch der Sitzung zur Folge hatte.Angelika Voss-Louis, Ursula Büttner, Hermann Weber (Hrsg.): Vom Hamburger Aufstand zur politischen Isolierung. Kommunistische Politik 1923–1933 in Hamburg und im Deutschen Reich, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, 1983, S. 235. Die Saalschlacht war Auslöser für die Gründung der Antifaschistischen Aktion durch die KPD.Bernd Langer, in: Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur e. V. (Hrsg.): 80 Jahre Antifaschistische Aktion, S. 23. Bereits einen Tag zuvor forderte Ernst Thälmann auf einer Sitzung des ZK der KPD eine „große antifaschistische Aktion in Deutschland“.Hermann Weber: Hauptfeind Sozialdemokratie: Strategie und Taktik der KPD 1929–1933, Droste Verlag, Düsseldorf, 1982, 50. Diese im Juni 1932 von der KPD ausgerufene antifaschistische Einheitsfront wurde von der SPD abgelehnt und blieb in der Reichstagswahl Juli 1932 weitgehend folgenlos.Bernd Langer: Antifaschistische Aktion, Münster 2015, S. 68–73. Nur auf lokaler und regionaler Ebene kam es zu gemeinsamen antifaschistischen Aktionen, vor allem bei unabhängigen oder von SPD und KPD ausgeschlossenen Kommunisten, Sozialdemokraten und Anarchisten.Marcel Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Berlin 2016, S. 363–387. Eine direkte Kontinuität von den 1930er Jahren bis zur heutigen Antifa besteht nicht, doch sind Antifa-Aktivisten der Gegenwart von der Antifaschistischen Aktion inspiriert und übernahmen in leichter Abwandlung auch deren Logo: Es zeigt neben der roten (kommunistischen) Fahne auch die schwarze Fahne des Anarchismus.George Michael: Antifa. Anatomy of a Movement. In: José Pedro Zúquete (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Left-Wing Extremism, Band 2. Palgrave Macmillan, Cham 2023, ISBN 978-3-031-36267-5, S. 19–40, hier S. 20.
Als Antifa wurden auch die Antifaschistischen Lagerkomitees in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern bezeichnet, die von der sowjetischen Führung in Koordination mit dem NKFD zur Schulung der Gefangenen und deren Einsatz für Propagandazwecke organisiert wurden.Reinhard Rürup (Hrsg.): Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945. Argon, Berlin 1991, Abschnitt Nationalkomitee „Freies Deutschland“ Der Inhalt dieser Propaganda bestand in der Einwirkung mittels Lautsprecheransagen und den Abwurf von Flugblättern auf die Stellungen der Wehrmacht mit dem Ziel, Mannschaften und Offiziere zum Überlaufen aufzufordern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten überlebende Antifaschisten aller politischen Richtungen in den vier Besatzungszonen Hunderte von Antifaschistischen Aktionsausschüssen, die die notwendige Entnazifizierung aller deutschen Gesellschaftsbereiche durchführen und die Spaltung der Linksparteien überwinden wollten. Sie wurden jedoch nach wenigen Monaten von den Alliierten verboten, aufgelöst oder offiziellen Verwaltungsorganen unterstellt. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland übernahm zwar das alliierte Verbot aller nazistischen Organisationen, die Bundestagsparteien gaben den antifaschistischen Nachkriegskonsens einer gründlichen gesellschaftlichen Umgestaltung aber weitgehend auf und ersetzten ihn durch einen parteiübergreifenden Antikommunismus. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wiederum definierte sich als antifaschistischer Staat, tabuisierte aber weitgehend das Versagen der KPD vor 1933 und die gesellschaftliche Zustimmung der Bevölkerung zum Nationalsozialismus.
Die westdeutsche Außerparlamentarische Opposition (APO) hatte in den 1960er Jahren vielfältige Kontinuitäten zur NS-Zeit aufgedeckt, über die NS-Vergangenheit von Institutionen und Einzelpersonen aufgeklärt und antiautoritäre Aktionsformen gegen Vorgänge und Tendenzen entwickelt, die sie als faschistisch betrachtete. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke (11. April 1968) war der SDS in verschiedene K-Gruppen zerfallen. Für diese war Antifaschismus nur Nebenschauplatz ihrer orthodox-marxistischen Klassenkampf-Konzepte. Auch die etwas späteren linksterroristischen Gruppen Revolutionäre Zellen, Bewegung 2. Juni und Rote Armee Fraktion führten keine Aktionen gegen Neonazismus durch und schieden als Vorbild für die Antifa-Bewegung aus. Diese begann mit spontanen Aktionen der undogmatischen Neuen Linken gegen die NPD, um deren drohenden Einzug in den Bundestag bei der Bundestagswahl 1969 zu verhindern.Bernd Langer: Antifaschistische Aktion, Münster 2015, S. 167f. Diese neue Antifa-Bewegung steht in keiner organisatorischen Kontinuität zu KPD, SPD oder anderen Parteien, sondern knüpft an den parteiunabhängigen Antifaschismus seit 1923 und die APO der 1960er Jahre an.Mirja Keller et al.: Antifa, Stuttgart 2013, S. 48–60.
Deutschland 1970er Jahre Der in Norddeutschland verankerte Kommunistische Bund (KB) entwickelte seit 1971 ein neues Aktionskonzept, das zum Ausgangspunkt der Antifa-Bewegung wurde: Er bildete regionale und lokale Initiativen gegen Neonazi-Aufmärsche, die für Antifaschisten aller Art offen waren, aber keine Bündnisse mit anderen Organisationen anstrebten. Er setzte auf militante Aktionsformen, die nicht nur parallele Proteste, sondern auch direkte Konfrontation mit Neonazis und den sie schützenden Polizeiaufgeboten einschlossen. Er sammelte und veröffentlichte Informationen über Strukturen rechtsradikaler Gruppen, ihre Unterstützer und Zusammenhänge, auch mit staatlichen Behörden. Mit diesem Konzept knüpfte der KB an Versuche in der Weimarer Republik an, eine „Arbeiterjugend von unten“ gegen die SA aufzubauen. 1973 veröffentlichte er Faschismusanalysen der 1920er und 1930er Jahre, um das aktuelle Engagement gegen Neonazis auch theoretisch zu begründen.Ulrich Schneider: Antifaschismus. Köln 2014, S. 79f.