Die Toccata C-Dur ist ein frühes, äußerst virtuoses, einsätziges Klavierwerk von Robert Schumann, dessen erste Fassung bereits im Winter 1829/30 in Heidelberg entstand. Sie steht in Zusammenhang mit Schumanns klaviertechnischen Studien als Vorbereitung auf den angestrebten Beruf eines Konzertpianisten. Nach einer gründlichen Überarbeitung veröffentlichte Schumann das Stück 1834 als op. 7 in Leipzig und widmete es seinem Freund Ludwig Schuncke, der es zu Schumanns Überraschung nach mehrmaligem Hören, ohne es geübt zu haben, spielen konnte. Die öffentliche Uraufführung geschah durch Clara Wieck, Schumanns spätere Ehefrau, am 11. September 1834 in Leipzig. Heute gehört die Toccata op. 7 zum Repertoire vieler renommierter Pianisten.
Entstehung Die Toccata op. 7 hat einen jahrelangen Entstehungsprozess durchlaufen. Davon zeugen neben einer autographen, Excercice pour le Pianoforte genannten Fassung von 1830 auch Eintragungen in Skizzen- und Tagebüchern Robert Schumanns sowie Erwähnungen in Briefen.Richard D. Green: Robert Schumann’s Exercice and the Toccata, Opus 7. In: Enrique Alberto Arias u. a. (Hrsg.): Essays in Honor of John F. Ohl. A Compendium of American Musicology. S. 179–194.
Improvisationen nach Vorbildern mini|Die Toccata op. 7 im Vergleich mit möglichen Vorbildern (Ausschnitte)
Im August 1828 begann Schumanns Klavierunterricht bei Friedrich Wieck in Leipzig. Wiecks Lehrmethode enthielt auch Anleitungen zu Improvisationsübungen, bei denen seine Schüler Übungsmaterial und Etüden nach ihren eigenen Bedürfnissen selbst entwickeln oder erweitern sollten.Janina Klassen: Clara Schumann. Musik und öffentlichkeit. Köln u. a. 2009, S. 82. Im Mai 1829 wechselte Schumann zum Studium nach Heidelberg.Ernst Burger: Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. Mainz 1999, S. 72. Dort glänzte er als Improvisator am KlavierErnst Burger: Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. Mainz 1999, S. 74. und begann – der Anregung aus Wiecks Unterricht folgend – an einer größeren, mit ihren Doppelgriffen seinen eigenen pianistischen Problemen angepassten Etüde (Exercice, Übung) zu arbeiten,Arnfried Edler: Robert Schumann. München 2009, S. 70. die nach mehreren weitgehend am Klavier improvisierend gestalteten Umarbeitungen schließlich zur Toccata op. 7 wurde. Vorbilder dazu können die Übung Nr. 31 aus Friedrich Wiecks im Unterricht verwendeten und von Marie Wieck später herausgegebenen Pianoforte-Studien und Carl Czernys 1826 veröffentlichte Toccata ou exercice op. 92 gewesen sein, in denen Doppelgriffe das grundlegende motivische Element bilden.Jarmila Gabrielova: Toccata für Klavier op. 7. In: Helmut Loss (Hrsg.): Robert Schumann. Interpretationen seiner Werke. Band 1, Laaber 2005, S. 43.Friedrich Wieck: Piano-Studien. (imslp.org)Carl Czerny: Toccata op. 92. (imslp.org) Doppelgriffe kommen auch in weiteren vergleichbaren Etüden und Toccaten der Zeit vor, z. B. in der Caprice ou Toccata op. 6 von George Onslow (1810)Wolfgang Boetticher: Robert Schumanns Klavierwerke. S. 31 f. und in Johann Baptist Cramers Etüde op. 50, Nr. 29.Johann Baptist Cramer: Etüden op. 50. (imslp.org) Bezüge zu Cramers Etüden finden sich in Schumanns Tagebuch bereits am 11. Dezember 1828, also schon vor Schumanns Wechsel nach Heidelberg: „Stunde bei Wieck – Cramersche Etude“.Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 153. (archive.org) Auch Johann Nepomuk Hummels Grande Sonate fis-Moll, die Schumann im Januar 1829 erstmals im Tagebuch erwähnte und die er immer wieder übte,Dana Gooley: Schumann and Agencies od Improvisation. In: Roe-Min Kok u. a. (Hrsg.): Rethinking Schumann. Oxford u. a. 2011, S. 139 f. sowie Hummels von Schumann durchgearbeitete Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel enthalten solche Doppelgriffe.Schumann. Tagebücher Band 1, S. 174 f (archive.org)Applikatur-Übungen. In Doppelgriffen. In: Johann Nepomuk Hummel: Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel. (1827) (imslp.org) Transponierte Beispiele aus der Anweisung notierte sich Schumann in seinem Skizzenbuch I.Erläuterungen zur Veröffentlichung der Skizzenbücher I und II. (schumann.ga.de)Skizzenbuch I. S. 92 mit Notationen nach Hummel.
Erste Notationen und das Exercice pour le Pianoforte von 1830 mini|Vergleich der Takte 44–50 der Toccata op. 7 mit der entsprechenden Skizze von 1829/30
In einem Brief vom 15. März 1835 datierte Schumann den Beginn der Komposition auf 1829,Robert Schumanns Briefe. Neue Folge. S. 150. (archive.org) auf dem autographen Vorsatzblatt seines Exemplars der Erstausgabe von 1834 dagegen auf 1830.Ernst Herttrich: Bemerkungen. In: Robert Schumann. Toccata Opus 7. Fassungen 1830 und 1834. G. Henle Verlag, Berlin 2009, S. 25. In seinem Projektenbuch hielt er nachträglich fest: „1830 […] Toccata in C Dur in 1ster Gestalt.“Michael J. Luebbe: Robert Schumann’s Exercice pour le Pianoforte. In: Bernhard R. Appel (Hrsg.): Schumanniana nova. Festschrift Gerd Nauhaus zum 60. Geburtstag. Sinzig 2002, S. 430. In Schumanns Skizzenbuch V mit Heidelberger Eintragungen aus den Jahren 1829 und 1830 findet sich ein kurzer Entwurf, der nahezu unverändert in das erste vollständige Autograph der als Exercice pour le Pianoforte. bezeichneten Toccata. aus dem Jahr 1830 und mit entscheidenden Änderungen in die Endfassung übernommen wurde.Robert Schumann: Skizzenbuch V. S. 76. Abgerufen am 19. Mai 2019 In dieser 1834 gedruckten Endfassung wurden die Notenwerte der Skizze halbiert und die Taktangabe entsprechend von (alla breve) zu 2/4 geändert. Zudem wurde eine ruhige Melodie als Seitenthema eingefügt.
Mehrere Fassungen mit unterschiedlichen Titeln Mehrfach erwähnte Schumann in seinen Tagebüchern und in Briefen die Arbeit an der Toccata, die er aber zunächst anders bezeichnete, beispielsweise als Exercice,Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 329. (archive.org)Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 336. (archive.org) großes Exercice in Doppelgriffen,Jugendbriefe von Robert Schumann nach den Originalen mitgetheilt von Clara Schumann. S. 156. (archive.org) Exercice fantastique,Jugendbriefe von Robert Schumann nach den Originalen mitgetheilt von Clara Schumann. S. 170. (archive.org)Jugendbriefe von Robert Schumann nach den Originalen mitgetheilt von Clara Schumann. S. 184. (archive.org)Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 381. (archive.org)Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 394. (archive.org)Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 411. (archive.org) und Gr. Etude à quatre voix.Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 413. (archive.org)
Am 11. Mai 1831 hielt er fest: „mein Exercice mundiert“ (= ins Reine geschrieben)Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 329. (archive.org) Dabei kann es sich um die verlorene Reinschrift des erhalten gebliebenen, mit Korrekturen versehenen Autographs von 1830 handeln. Am 4. Juni 1831 führte Schumann ein Gespräch mit Heinrich Dorn, der von der Veröffentlichung abriet, weil alles überraschend und neu sei. Und Schumann mutmaßte, dem Exercice fehle das Jacobi’sche „Wohlgefühl“.Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 336. (archive.org) Dabei bezog er sich auf eine Stelle in Friedrich Heinrich Jacobis Woldemar, eine Seltenheit aus der Naturgeschichte.Stichwort Wohlgefühl in Woldemar. (books.google.de)
Am 13. Juli 1832 vermerkte er: „Das Ex. fantastique ward auch fertig.“Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 412. (archive.org)
Angebote an die Verlage Haslinger und Breitkopf & Härtel In einem Brief an den Verleger Tobias Haslinger vom 13. August 1832 bot er eine Phantasieübung – als mögliche „Fortsetzung der Cramerschen und Keßlerschen Etüden“ – und eine zweite Studie in Doppelgriffen zur Veröffentlichung an sowie am 2. November 1832 dem Verlag Breitkopf & Härtel eine wahrscheinlich mit der genannten Phantasieübung identische Fantasieübung, die er seinem ehemaligen Zwickauer Lehrer Johann Gottfried Kuntsch widmen wollte.Robert Schumanns Briefe. Neue Folge. S. 413. (archive.org)Jugendbriefe von Robert Schumann nach den Originalen mitgetheilt von Clara Schumann. S. 190. (archive.org)Johann Gottfried Kuntsch beim Schumann-Portal
In einem bei Jansen abgedruckten autographen Kompositionsverzeichnis Robert Schumanns wird diese Fantasieübung als Exercice fantastique aufgeführt, zudem auch eine Etude fantastique:Robert Schumanns Briefe. Neue Folge. S. 536. (archive.org) „Exercice fantastique pour le Pft. Dedié à Mr. J. G. Kuntsch par son élève. Op. 5. Januar 1832, ausgearbeitet im Juli.“ „Etude fantastique en doubles-sons, dedié à M. de Schlegel. Oeuv. 6. Heidelberg, Mai 1830, ausgearbeitet im Juli 1832.“ Sie entsprechen den schon am 13. August 1832 dem Verleger Haslinger angebotenen Werken. Das heißt, dass das Exercice fantastique und die Etude fantastique nebeneinander vollständig ausgeführte und mit eigenen Opuszahlen ausgestattete Werke waren. Beide Niederschriften gingen verloren. Wahrscheinlich bezieht sich die Bezeichnung Exercice en doubles sons (Tagebuch: 8. März 1833Robert Schumann. Tagebücher Band 1. S. 418. (archive.org)) auch auf die Etude fantastique en doubles-sons des Kompositionsverzeichnisses.Michael J. Luebbe: Robert Schumann’s Exercice pour le Pianoforte. In: Bernhard R. Appel (Hrsg.): Schumanniana nova. Festschrift Gerd Nauhaus zum 60. Geburtstag. Sinzig 2002, S. 432.
Exercice pour le Pianoforte und Toccata op. 7 Entwürfe in Schumanns Skizzenbuch II zeigen, dass 1833 erneute Umarbeitungen stattfanden,Skizzenbuch II. S. 4., Skizzenbuch II. S. 6., Skizzenbuch II. S. 9. bis schließlich ein heute verschollenes Autograph als Druckvorlage für die Erstausgabe der Toccata op. 7 fertiggestellt war.Ernst Herttrich: Vorwort. In: Robert Schumann. Toccata Opus 7. Fassungen 1830 und 1834. G. Henle Verlag, Berlin 2009, S. IV.Margit L. McCorkle: Robert Schumann. Thematisch-Bibliographisches Werkverzeichnis. München 2003, S. 27–30.
Erst nach der Veröffentlichung der Toccata wurde für sie im Tagebuch und in Briefen der Gattungsbegriff Toccata verwendet. Frühere Tagebucheinträge zu Toccata, z. B. am 22. Dezember 1828, betreffen eine Toccata von Charles Mayer (bei Schumann: Meyer).Fundort bei archive.org
Heute liegen zwei vollständig ausgeführte Werke vor: das autographe Exercice pour le Pianoforte von 1830 und die gedruckte Toccata op. 7 von 1834. Das Exercice ist kürzer als die Toccata und wirkt insgesamt weniger einheitlich. Schumann schrieb dazu in einem Brief an Theodor Töpken vom 18. August 1834: „In meiner Toccata werden Sie einem alten Freund die Hand drücken; er spricht nun nicht mehr so wild, sondern viel sittiger.“ Sowohl in diesem Brief als auch auf dem Vorsatzblatt seines Exemplars der Erstausgabe und in seinem Projektenbuch führte Schumann an, die Komposition der Toccata 1833 abgeschlossen zu haben.Margit L. McCorkle: Robert Schumann. Thematisch-Bibliographisches Werkverzeichnis. München 2003, S. 28.Robert Schumanns Briefe. Neue Folge. S. 53. (archive.org)
Musikalische Merkmale Gattung Während Schumann an der Toccata arbeitete, beschäftigte er sich einerseits mit klaviertechnischen Problemen, andererseits setzte er sich mit der Sonatenhauptsatzform auseinander. Parallel zur Toccata entstanden Entwürfe für Etüden als Variationen nach einem Thema von Ludwig van BeethovenErnst Burger: Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. Mainz 1999, S. 119–121. sowie die Studien und Konzertetüden nach Capricen von Paganini op. 3 und op. 10.Ernst Burger: Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. Mainz 1999, S. 107–109. In dieser Zeit arbeitete er auch am aus einem Sonatensatz bestehenden Allegro op. 8Ernst Hettrich: Vorwort zur Urtextausgabe des Verlages G. Henle und an den Klaviersonaten op. 11 und 22.Ernst Burger: Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten. Mainz 1999, S. 116–117.