Leichenkonservierung ist ein Sammelbegriff für verschiedene Verfahren der Haltbarmachung von Überresten menschlicher oder tierischer Körper für eine möglichst lange Zeit.

Herbeigeführt werden kann die Konservierung eines Leichnams durch das natürliche Vorkommen günstiger Gegebenheiten oder durch bewusst eingeleitete künstliche Maßnahmen. Sie verhindern oder verzögern auf physikalische und auch chemische Weise jene natürlichen Zerfallsprozesse, die nach Eintreten des Todes durch verschiedene Faktoren hervorgerufen werden. Das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit der erreichten Konservierung ist dabei stark unterschiedlich.

Begriffliche Bestimmungen Einbalsamierung, Mumifikation, Mumifizierung Je nach Ausmaß und Dauerhaftigkeit einer Leichenkonservierung kann man von einer Einbalsamierung beziehungsweise vom Prozess einer Mumifikation oder Mumifizierung sprechen, wobei das Endergebnis insbesondere einer dauerhaften Konservierung als „Mumie“ oder als „mumifiziert“ bezeichnet wird. Obwohl eine Gleichsetzung der genannten Begriffe nicht vorgenommen werden sollte, sind sie eng miteinander verwandt: Mumifikation bezeichnet an sich den natürlich ablaufenden Prozess einer langfristigen Leichenkonservierung Mumifizierung bezeichnet an sich eine künstlich durch besondere Verfahren herbeigeführte langfristige Leichenkonservierung Einbalsamierung beschreibt an sich eine künstlich durch besondere Verfahren herbeigeführte übergangsweise Leichenkonservierung, ohne dass die langfristige Erhaltung dabei von vornherein das Ziel ist.

Im Deutschen werden alle drei Begriffe oft synonym für jede Art von Leichenkonservierung gebraucht, ohne dass eine Unterscheidung der jeweils zugrunde liegenden physikalischen und chemischen Verfahren erfolgt. Der laienhafte Sprachgebrauch kann leicht zu Missverständnissen führen.Barbara Hartl: P.M. Magazin; abgerufen am 4. November 2012 Aus Gründen der fehlenden sprachlichen Abgrenzung ist daher auch oft umstritten, ab wann ein konservierter Leichnam nun als einbalsamiert oder mumifiziert zu bezeichnen ist. Mitunter haben auch Konservierungsmethoden, die an sich nur übergangsweise wirken sollten, eine dauerhafte Erhaltung bewirkt. Die regelmäßig wiederholte Anwendung von übergangsweise wirksamen Konservierungsmethoden kann ebenfalls zur langfristigen Erhaltung einer Leiche führen (z. B. im Fall Lenins). Schließlich haben sich in vielen Fällen auch natürliche Gegebenheiten für die Leichenkonservierung mit von Menschenhand entwickelten künstlichen Verfahren kombiniert. Wird z. B. ein mittels „Modern Embalming“ auf der Grundlage von Formalin konservierter Leichnam in einer Gruft mit ständiger trockener Luftzirkulation beigesetzt, so werden gewebezersetzende Einflüsse stark eingeschränkt. Der Leichnam kann mit der Zeit austrocknen und damit zu einer Mumie werden, bei der sich die Körperstrukturen weitgehend erhalten.Vgl. Peter T. Schmidt: Alfred Riepertinger: Er balsamierte Moshammer und Franz Josef Strauß ein, www.merkur.de, 1. Juli 2015; abgerufen am 31. August 2021 (online) Die Übergänge zwischen Einbalsamierung, Mumifizierung oder Mumifikation sind also fließend. Im Gegensatz dazu können selbst über Jahrtausende gut erhaltene Leichen durch natürliche Zerfallsprozesse rasch zerstört werden, wenn sich die Umwelt- bzw. Umgebungsbedingungen ändern. Eine Definition ist schließlich auch deshalb schwierig, weil ursprünglich nur ägyptische Leichen als Mumien bezeichnet wurden und der Begriff erst später auf anderweitig erhaltene Leichen ausdehnt wurde.

Am längsten eingebürgert ist die Bezeichnung „Mumien“ für die durch Spezialisten künstlich präparierten Leichen aus dem Alten Ägypten. Daneben sind jedoch auch aus Ägypten sogenannte Wüstenmumien bekannt, die nicht von Spezialisten konserviert wurden, sondern – im Gegenteil – ohne besondere Konservierungsmaßnahmen in einfachen Bodengräbern bestattet wurden, wo sie aufgrund der Trockenheit der Umgebung aber rasch austrockneten und sich somit allein aufgrund der günstigen natürlichen Gegebenheiten erhalten haben. Solche auf unterschiedliche Weise natürlich konservierte Leichen finden sich in vielen Gegenden der Welt, zum Beispiel in Hochmooren (sogenannte Moorleichen), in Gebirgen oder Permafrostböden (sogenannte Permafrostleichen) oder auch in Gebäuden, die durch Trockenheit und Luftzug die Erhaltung von Leichen ebenfalls begünstigen (z. B. die Kapuzinergruft in Palermo). Gemeinsames Merkmal solcher Leichen ist, dass die ursprüngliche Konservierung zufällig, also ohne bewusst eingeleitete Erhaltungsmaßnahmen, erfolgte. Viele diese Leichen müssen nach ihrer Entdeckung freilich regelmäßig restauriert werden.

Natürliche und künstliche Konservierungen Eine scharfe Unterscheidung in natürlich und künstlich konservierte Leichen ist ebenfalls nicht unproblematisch, da Tote seit alters her auch bewusst an Orten bestattet wurden, von denen eine konservierende Wirkung bekannt war, und zwar mit dem Ziel, ihre Leichname für möglichst lange Zeit zu erhalten. Auf diese Weise entwickelte sich z. B. die erwähnte Kapuzinergruft in Palermo zu einem beliebten Begräbnisort für die lokale Oberschicht. Seit Entdeckung der natürlichen Konservierungseigenschaften dieser Gruft im 16. Jahrhundert stieg die Zahl der Bestattungen dort stetig an. Um der wachsenden Zahl an Toten Herr zu werden, verließen sich die Mönche des Kapuzinerklosters in Palermo bald nicht mehr allein auf die natürliche Konservierungseigenschaften der Gruft, sondern wandten zusätzlich auch künstliche Mittel für die Erhaltung der Leichen an. Diese reichen in ihrer Bandbreite vom Bestäuben des Leichnams mit Calciumcarbonat (Kreide, Kalk, Kalkmilch) bis hin zur Behandlung mit Arsenik. Natürliche Gegebenheiten für die Konservierung der Leichen wurden auf diese Weise mit verschiedenen von Menschenhand entwickelten künstlichen Verfahren kombiniert.

Von den rein künstlichen Methoden zur Leichenkonservierung ist die Technik der Mumifizierung im Alten Ägypten heute vermutlich die bekannteste. Aus religiösen Überlegungen sollte der Körper des Verstorbenen auch nach der Beisetzung möglichst dauerhaft „für alle Zeiten“ erhalten bleiben, um damit der Seele auch nach dem Tod ein Wiedererkennen des Körpers zu ermöglichen.Alexander Glück, Marcello LaSperanza, Peter Ryborz: Unter Wien: Auf den Spuren des Dritten Mannes durch Kanäle, Grüfte und Kasematten. Christoph Links Verlag 2001, S. 44 () Im Rahmen dieses Verfahrens wurde der Leichnam unter anderem mit Gemischen aus Harzen und ätherischen Ölen (Balsame) behandelt, was die natürlichen Zerfallsprozesse zwar verlangsamen konnte, für sich allein genommen aber keine dauerhafte Konservierung darstellte. Die Verwendung von Balsam für Leichen war im Altertum im Orient weit verbreitet; unter anderem wird die Praxis der Salbung Verstorbener auch im Neuen Testament im Zusammenhang mit der Grablegung Jesu Christi erwähnt, z. B.: „Nikodemus […] brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.“ (Joh 19,39-40 EÜ). Davon abgeleitet ist der Begriff der „Einbalsamierung“, womit zwar auf Verfahren zur künstlichen Leichenkonservierung verwiesen wird, die jedoch nicht notwendigerweise auf eine langfristige Erhaltung des Leichnams ausgelegt sein müssen.

mini|Aufbahrung eines Leichnams im offenen Sarg (Josiah Guthrie, Kanada 1923)

Mitunter erfolgen konservierende Maßnahmen aus praktischen Erfordernissen, etwa wenn ein Leichnam vor seiner endgültigen Bestattung über einen längeren Zeitraum transportiert oder öffentlich ausgestellt werden soll, ohne dass sich sein Zustand durch Fäulnis und Verwesung verändert. Eine langfristige Konservierung auch nach der Beisetzung, wie etwa im Alten Ägypten, wird dabei nicht immer angestrebt. Im Vordergrund steht vielmehr, die ästhetisch einwandfreie Aufbahrung eines Verstorbenen durch solche Maßnahmen zu gewährleisten, die man heute als „Thanatopraxie“ oder „praktische Thanatologie“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um Leistungen, die über die hygienische Totenversorgung hinausgehen, beispielsweise die Konservierung eines Leichnams zum Zwecke der Überführung ins Ausland, der Aufbahrung im offenen Sarg über einen längeren Zeitraum und/oder in öffentlichen Gebäuden, die nicht ausschließlich für Verstorbene gedacht sind (z. B. Kirchen, Regierungsgebäude, Theater). Eine übergangsweise Konservierung findet heutzutage hauptsächlich dort statt, wo vor der endgültigen Bestattung eine offene Aufbahrung der Verstorbenen üblich ist, wie etwa in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Russland oder auch Armenien. Um einen Leichnam übergangsweise zu konservieren, wenden Thanatopraktiker heute eine „präventive Behandlung“ an, die in Großbritannien und den USA als „Modern Embalming“ bekannt ist. Die endgültige Bestattung erfolgt nach der Aufbahrung entweder durch Begräbnis oder Kremation.

Ausmaß und Dauerhaftigkeit Das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit einer Leichenkonservierung kann im Einzelfall je nach Erfordernis variiert werden. Für Beisetzungen in einer Gruft oder einem Mausoleum ist eine Konservierung aus hygienischen Gründen heute nicht unbedingt notwendig, da in der Regel die Verwendung eines Metallsarges, abgedichteten Steinsarkophages oder eines luftdichten Einsatzes aus Zink innerhalb eines hölzernen Übersarges vorgeschrieben ist. In manchen Ländern bestehen außerdem Vorschriften, die im Falle ansteckender Krankheiten Konservierungsmaßnahmen überhaupt verbieten.Fälle, in denen Konservierungsmaßnahmen verboten sind. afif.asso.fr; abgerufen am 24. August 2014

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Leichen durch das Injizieren eines Gemisches von Alkohol und Arsen(III)-oxid in den Blutkreislauf konserviert, wozu Herz, Gehirn und Eingeweide entfernt wurden. Die Ergebnisse, die sich so erzielen ließen, sind sehr unterschiedlich. Während in vielen Fällen nur eine vorübergehende Konservierung für mehrere Monate oder Jahre erreicht wurde, erwiesen sich andere Leichen noch im 21. Jahrhundert als trocken und gut erhalten. Dies lässt darauf schließen, dass sich die Körper zu einem erheblichen Teil auch aufgrund günstiger Gegebenheiten erhalten haben, also eine Kombination von natürlicher und künstlicher Leichenkonservierung vorliegt.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte die Entdeckung des Formaldehyds die künstliche Leichenkonservierung, sodass – eine entsprechend hohe Dosierung der Chemikalien vorausgesetzt – damit auch eine langfristige Erhaltung des Leichnams möglich wurde. Mit diesem Verfahren wurden etwa die Leichname der kommunistischen Politiker Lenin, Hồ Chí Minh, Mao Zedong, Kim Il-Sung und Kim Jong-il konserviert, um sie dauerhaft für die Nachwelt zu erhalten. Ihre Körper werden meist als einbalsamiert bezeichnet, obwohl sie aufgrund der künstlich herbeigeführten und auf möglichste Langfristigkeit angelegten Konservierung auch als Mumien gelten könnten.

Zusammenfassung