mini|hochkant|Alfred Stieglitz: Georgia O’Keeffe (1918) Georgia Totto O’Keeffe (* 15. November 1887 in Sun Prairie, Dane County, Wisconsin; † 6. März 1986 in Santa Fe, New Mexico) zählt zu den bekanntesten US-amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war eine Begründerin der amerikanischen Moderne und eine Pionierin als Künstlerin. Ihre monumentalen Blumenbilder der 1920er Jahre, die, unter dem Einfluss der Schriften Sigmund Freuds, stark sexualisierende Interpretationen hervorriefen, zählen zu ihren bekanntesten Sujets. Motive ihrer an der Grenze zur gegenstandslosen Malerei angesiedelten und als Interpretation der Welt in weiblicher Begrifflichkeit verstandenen Werke sind häufig Blumen, Flammen und später auch Stadtansichten, Wüstenlandschaften oder Knochen. Sie gehört zu den bekannten Frauen in der Kunst im 20. Jahrhundert. Ihre Werke werden teilweise sehr hoch gehandelt.

Leben Kindheit und Ausbildung O’Keeffe wurde als zweites von sieben Kindern des Milchbauern Francis Calyxtus O’Keeffe (1852–1918) und dessen Frau Ida Ten Eyck (geb. Totto) O’Keeffe (1864–1916) geboren. Sie wurde nach ihrem Großvater mütterlicherseits, George Victor Totto, benannt. Obwohl sie zahlreiche Geschwister hatte, wuchs O’Keeffe recht isoliert auf und zog die Natur, die ihre Fantasie anregte, der Gesellschaft vor. Schon früh äußerte sie den Wunsch, Malerin zu werden. Insoweit unterstützt durch ihre Mutter, erhielt sie noch im Kindesalter Zeichenunterricht von der lokalen Aquarellistin Sara Mann. Nach dem Verkauf der Farm bei Sun Prairie in Wisconsin zogen die O’Keeffes im Herbst 1902 in die Nähe von Peacock Hill in Williamsburg, Virginia. Georgia blieb zunächst bei ihrer Tante in Wisconsin, besuchte die Madison Highschool und folgte ihrer Familie erst 1903 nach Virginia. Sie beendete die Highschool am Chatham Episcopal Institute (jetzt Chatham Hall) 1905.

Nach Beendigung der High School besuchte sie von 1905 bis 1906 die Kunsthochschule am Art Institute of Chicago. Aus finanziellen Gründen musste sie das Studium dort abbrechen; im Anschluss war sie 1907 bis 1908 ein Jahr lang als Studentin am Art Students League in New York eingeschrieben. Hier saß sie Eugene Speicher Modell, der mit ihrem Bildnis seine erste formale Anerkennung als Porträtmaler fand. mini|Georgia O'Keeffe: Dead rabbit with the copper pot, 1908 1908 sorgte eine auch von O’Keeffe besuchte Ausstellung in der Galerie 291 von Alfred Stieglitz für Entsetzen, die eine Serie von Zeichnungen des französischen Bildhauers Auguste Rodin zeigte. Die scheinbar einfachen Zeichnungen erhoben einen über Arbeitsskizzen hinausgehenden Anspruch und standen damit im Widerspruch zu den gegenständlichen Forderungen des konservativen New York. Stieglitz war bekannt für seine provozierenden Ausstellungen europäischer Avantgarde-Künstler. Die in der Galerie 291 ausgestellten avantgardistischen Werke, neben Rodin beispielsweise von Picasso, Matisse oder Cézanne, gaben O’Keeffe Anstöße zur Findung ihrer eigenen künstlerischen Handschrift. Bei der Abschlussarbeit des ersten Studienjahres orientierte O’Keeffe sich aber noch an den konservativen Ansprüchen ihrer Lehrer und erhielt für das Stillleben in Öl Untitled (Totes Kaninchen vor KupfertopfDead Rabbit with Copper Pot. In: museum-reproductions.com, aufgerufen am 16. Mai 2019.) den William-Merritt-Chase-Preis,. In: Georgia O’Keeffe Museum. der mit einem Sommerkurs am Lake George dotiert war.

Künstlerischer Durchbruch und Beziehung zu Alfred Stieglitz Finanzielle Schwierigkeiten zwangen O’Keeffe dazu, die Universität zu verlassen. Sie war zwischen 1908 und 1910 zunächst als Gebrauchsgrafikerin und später als Kunstlehrerin tätig. Bei einem Sommerlehrgang 1912 an der University of Virginia in Charlottesville lernte sie über ihren Lehrer Alon Bement die Theorien von Arthur Wesley Dow kennen, insbesondere dessen Kompositionslehre (Composition: A Series of Exercises in Art Structure for the Use of Students and Teachers). Dows Kompositionslehre bot O’Keeffe einen ersten Zugang zur abstrakten Kunst. Er ermutigte Künstler, sich mit Linien, Farben und harmonischen Schattierungen auszudrücken.

Nach weiterer Lehrtätigkeit wurde sie von 1914 bis 1915 Schülerin von Dow am Columbia Teachers College in New York. Da die Galerie 291 die einzige Galerie war, die es wagte, moderne Künstler auszustellen, pflegte O’Keeffe, zumindest oberflächlich, Umgang mit Alfred Stieglitz. Über eine Kommilitonin trat sie außerdem der National Woman’s Party (Nationale Frauenpartei) bei und blieb über drei Jahrzehnte Mitglied.

mini|hochkant|links|Georgia O'Keeffe: Blue 2, ca. 1916

Nach einem erneuten Sommerkurs 1915 bei Bement in Virginia nahm O’Keeffe zum Herbst hin erneut eine Stelle als Lehrerin, nun am Columbia College in Columbia, South Carolina, an, die ihr jedoch viel Zeit für die eigene Arbeit ließ. Unter dem Eindruck einer Liebesbeziehung zu einem Kommilitonen in New York, zugleich beeindruckt von der Landschaft in der Umgebung ihres Arbeitsortes und abgesehen von brieflichen Kontakten zu ihrer Freundin Anita Pollitzer isoliert, geriet sie in eine Schaffenskrise, die zum Bruch mit fast allen ihrer bisherigen Werke führte. Eine Phase der Selbstfindung schloss sich an, in der sie nur noch mit Kohlestiften auf Papier zeichnete. Ihre Freundin Anita Pollitzer brachte einige ihr übersandte Arbeiten zu Stieglitz. Dieser erkannte sogleich die herausragende künstlerische Qualität derselben und stellte die Werke im Spätfrühling 1916 im Rahmen einer Gruppenausstellung aus. Durch diese verhalf er O’Keeffe zu einem ersten Durchbruch. Trotz seines Rats, weiter in Schwarz-Weiß zu arbeiten, kehrte O’Keeffe zu farbigen Arbeiten zurück. Nachfolgend entstand eine Serie von etwa 50 überwiegend in blau gehaltenen Aquarellen.

mini|Alfred Stieglitz: Georgia O’Keeffe (1918)

1917 arrangierte Stieglitz die erste Einzelausstellung für O’Keeffe mit Ölgemälden und Aquarellen, die sie in Texas vollendet hatte, die jedoch wegen des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg nur drei Tage nach der Eröffnung bereits wieder geschlossen wurde. Bei dieser Gelegenheit machte O’Keeffe die Bekanntschaft von John Marin und Paul Strand.

Stieglitz bat O’Keeffe, für ihn Modell zu stehen, und erste Fotos mit ihr als Motiv entstanden. Nach einem neuerlichen Aufenthalt in Texas kehrte sie auf Bitten von Stieglitz nach New York zurück. Zwischen den beiden entstand, obwohl Stieglitz 23 Jahre älter war, eine intensive Liebesbeziehung, in deren Verlauf sich Stieglitz 1918 nach 24 Jahren Ehe mit Emmeline Obermeyer scheiden ließ. Sie heirateten 1924 in einer kleinen, privaten Zeremonie im Haus von John Marin. Es gab keinen Empfang, keine Feierlichkeiten oder Flitterwochen. mini|links|Georgia O'Keeffe: Lake George Reflection, ca. 1921. Während vieler Jahre waren es Sommeraufenthalte auf dem Ferienwohnsitz der Familie Stieglitz am Lake George im Bundesstaat New York, wo ein großer Teil ihres damaligen Schaffens seinen Anfang nahm. mini|links|Alfred Stieglitz: Georgia O'Keeffe – Torso, 1931. Sie inszeniert sich selbst als Modell künstlerischer Selbstbestimmung.sueddeutsche.de Von 1918 bis 1937 fertigte Stieglitz über 300 Fotografien von O’Keeffe an. Die meisten der erotischen Fotografien machte er in den 1910er und frühen 1920er Jahren. Im Jahr 1978 schrieb O’Keeffe: „Wenn ich mir die Fotografien ansehe, die Stieglitz von mir gemacht hat – einige von ihnen vor mehr als 60 Jahren –, frage ich mich, wer diese Person ist. Es ist, als ob ich in meinem einen Leben viele Leben gelebt hätte. Wenn die Person auf den Fotografien in dieser Welt heute leben würde, wäre sie ein ganz anderer Mensch – aber es spielt keine Rolle – Stieglitz fotografierte sie damals.“Barbara Lynes, O'Keeffe, Stieglitz and the Critics, 1916–1929, UMI Research Press, Ann Arbor, Michigan 1989, ISBN 0-8357-1930-8, S. 55–56. Mit den Porträt-Fotografien, die Stieglitz anfertigte, prägte sie als moderne Medienfigur ihr öffentliches Bild. O’Keeffe hielt außerdem Freundschaften zu Fotografinnen und Fotografen ihrer Zeit, so zum Beispiel zu Laura Gilpin, Ansel Adams und Todd Webb; sie ließ sich von Annie Leibovitz, Richard Avedon und Andy Warhol porträtieren. mini|hochkant|Alfred Stieglitz: Georgia O’Keeffe (um 1921) Anfang 1918 hatte O’Keeffe viele frühe amerikanische Modernisten kennengelernt, die zu Stieglitz’ Künstlerkreis gehörten, einschließlich Charles Demuth, Arthur Dove, Marsden Hartley, John Marin, Paul Strand und Edward Steichen. Bald nach 1918 begann O’Keeffe, primär in Öl zu arbeiten, ein Schritt weg von ihren Aquarellen, an denen sie in den frühen 1910er Jahren hauptsächlich gearbeitet hatte. Mitte der 1920er Jahre begann O’Keeffe mit großformatigen Gemälden von Naturformen im Nahbereich, wie durch ein Vergrößerungsglas. Im Jahr 1924 malte sie ihr erstes großformatiges Blumengemälde, Petunia, No. 2, das im Jahr 1925 erstmals ausgestellt wurde. Sie vervollständigte auch eine umfangreiche Reihe an Gemälden von New Yorker Gebäuden, wie City Night, New York-Night, 1926 und Radiator Building – Night, New York, 1927.

O’Keeffe wandte sich immer mehr dem Gegenständlichen zu. Ihre früheren Arbeiten waren meist abstrakt gewesen, aber Arbeiten wie Black Iris III (1926) evozieren die Interpretation als eine verschleierte Darstellung der weiblichen Genitalien und gleichzeitig eine präzise Darstellung der Mitte einer Iris. O’Keeffe bestritt stets die Gültigkeit der Freudschen Interpretationen ihrer Kunst, aber auch 50 Jahre danach bewerteten viele bekannte feministische Künstlerinnen ihre Arbeit ähnlich. Die feministische Künstlerin Judy Chicago gab O’Keeffe einen prominenten Platz in ihrer Arbeit The Dinner Party.

Obwohl die Feministinnen der 1970er Jahre O’Keeffe als Urheberin der „weiblichen Ikonographie“ feierten, wies O’Keeffe deren Verherrlichung ihrer Arbeit zurück und weigerte sich, an irgendeinem ihrer Projekte mitzuwirken.

mini|hochkant|Gaston Lachaise: Büste von Georgia O’Keeffe, 1927

Mitte der 1920er Jahre war O’Keeffe eine der bekanntesten amerikanischen Künstlerinnen geworden. Ihre Arbeiten erzielten hohe Preise. 1938 beauftragte die Werbeagentur N. W. Ayer & Son O’Keeffe, zwei Gemälde für die Hawaiian Pineapple Company (heute Dole Food Company) anzufertigen.Jennifer Saville, Georgia O'Keeffe: Paintings of Hawaiʻi, Honolulu Academy of Arts, Honolulu 1990, ISBN 978-0-937426-11-1, S. 13; Patricia Jennings & Maria Ausherman, Georgia O'Keeffe's Hawaiʻi, Koa Books, Kihei, Hawaii, 2011, S. 3; Theresa Papanikolas, Georgia O'Keeffe and Ansel Adams, The Hawaiʻi Pictures, Honolulu Museum of Art, 2013. Andere Künstler, die für die Werbung der Hawaiian Pineapple Company arbeiteten, waren Lloyd Sexton Jr., Millard Sheets, Yasuo Kuniyoshi, Isamu Noguchi und Miguel Covarrubias.Don R. Severson u. a., Finding Paradise: Island Art in Private Collections, Honolulu Academy of Arts, 2002, ISBN 978-0-8248-2657-4, S. 119, Ausschnitt. Das Angebot kam zu einem kritischen Zeitpunkt in O’Keeffes Leben: Sie war 51, und ihre Karriere schien zu stagnieren (Kritiker hielten ihren Fokus auf New Mexico für zu eingeschränkt).Tony Perrottet: O'Keeffe's Hawaii. In: New York Times, 30. November 2012. Severson 2002, S. 128. Sie erreichte Honolulu an Bord der SS Lurline am 8. Februar 1939 und verbrachte neun Wochen in Oahu, Maui, Kauai und auf der Insel Hawaii. Sie malte Blumen, Landschaften und traditionelle hawaiianische Angelhaken. Als sie nach New York zurückgekehrt war, vollendete O’Keeffe eine Serie von 20 sinnlichen saftgrünen Bildern. Allerdings malte sie die gewünschte Ananas erst, als die Hawaiian Pineapple Company eine Pflanze in ihr New Yorker Studio schickte.Severson 2002, S. 128.

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