mini|hochkant=1.2|Piotr Beczała und Anna Netrebko in La Bohème, 2012

Die Opernproduktionen der Salzburger Festspiele wirken auf Grund ihrer herausragenden Qualität stilbildend im weltweiten Opernbetrieb. Der Schwerpunkt der Salzburger Festspiele liegt unverändert seit der Gründung auf (a) Mozart, (b) Richard Strauss, (c) zeitgenössischen Werken. Darüber hinaus werden in Salzburg regelmäßig Barockopern, exemplarisch Werke des klassischen Repertoires und fallweise Raritäten gespielt.

Die Gründerjahre

Zwar war in allen Manifesten der Gründer die Oper als zentrale Achse der Salzburger Festspiele vorgesehen, eröffnet wurde 1920 allerdings mit einem Schauspiel, Hofmannsthals Jedermann. 1921 fanden die ersten Konzerte statt – mit lokalen Kräften unter Leitung von Bernhard Paumgartner, teils Laienmusiker. Richard Strauss war darob sehr entzürnt, fürchtete die Idee der Festspiele „auf ewige Zeiten diskreditiert“, griff zum Telefon und zum Taktstock, engagierte die Wiener Staatsoper und dirigierte selbst am 14. August 1922 die erste Oper der Festspiele: Don Giovanni. Erlesen war die Besetzung mit den Damen Born, Kappel, Schöne und den Herren Jerger, Madin, Markhoff, Mayr, Tauber.

Es ist bezeichnend für den Charakter der Festspiele, dass aus jeder Schwäche sofort ein neuer Höhepunkt entwickelt werden muss. „Oper, Schauspiel oder Konzert? Alles und von allem das Höchste“, schrieb Hofmannsthal ins Salzburger Programm und verlieh damit dem spiritus loci die rechten Worte. Seit 1922 sind die Wiener Philharmoniker das erste Orchester des Festivals, sie spielen traditionell das Eröffnungskonzert und fast alle Opern. Seit 1927 kann das Festspielhaus – zwei Jahre zuvor mit einer Schauspielproduktion eröffnet – auch für den Opernbetrieb genutzt werden.

Der Opernbetrieb der ersten Jahre bestand überwiegend aus Repertoirestücken der Staatsoper. Als diese jedoch 1928 eine geplante Zauberflöte nicht realisieren konnte, wurden Bühnenbild und Kostüme erstmals in Salzburg gefertigt. 1928 gastierte auch das Leningrader Opernstudio mit vier Opern und einem Konzert bei den Festspielen. Schritt für Schritt befreite sich das neue Festival vom Vorwurf, „nur eine sommerliche Dependance der Wiener Staatsoper“ zu sein, engagierte eigene Sänger und eigene Dirigenten – und entwickelte schrittweise eine eigenständige Programmatik.

Bereits in den 1930er Jahren erfüllten die Salzburger Opernproduktionen höchste internationale Standards – dirigiert von Fritz Busch, Hans Knappertsbusch, Clemens Krauss, Josef Krips, Richard Strauss, Arturo Toscanini, Bruno Walter und Felix von Weingartner. Und es war ein exzellentes Sängerensemble, das den Ruf Salzburgs begründete: allen voran die legendäre Maria Cebotari und die dramatische Lotte Lehmann, die Soprane Arangi-Lombardi, Berger, Born, Caniglia, Gerhart, Eisinger, Ivogün, Kern, Anny und Hilde Konetzni, Lubin, Müller, Pauly, Reining, Rethberg, Réthy, Schöne, Schumann und Ursuleac, die Mezzosoprane Anday, Angerer, Bokor, Elsner, Hadrabová, Novotná, Onégin und Rünger, die Tenöre Fidesser, Grahl, Kalenberg, von Pataky, Rosvaenge und Völker, im Baritonfach Domgraf-Fassbaender, Hammes, Nissen und Rode, sowie die Bässe Alsen, Hann, Jerger, Kipnis, List, Mayr, von Manowarda und Pinza.

JahrMozarteumStadttheater 1920 1921 1922 Così fan tutte Don Giovanni Die Entführung aus dem Serail Le nozze di Figaro 1923 1924Festspielhaus 1925 Don Pasquale Don Giovanni, Le nozze di FigaroFelsenreitschule 1926 Die Entführung aus dem Serail Fledermaus Don Juan

Ariadne auf Naxos Dom Juan/La serva padrona/Les petits Riens 1927 Fidelio Don Giovanni, Le nozze di Figaro 1928 Zauberflöte Fidelio Der unsterbliche Kachtschey Bastien und Bastienne/ Die Höhle von Salamanca Così fan tutte Der steinerne Gast 1929 Don Giovanni Rosenkavalier Fidelio 1930 Iphigénie en Aulide Le nozze di Figaro Don Giovanni, Fidelio, Rosenkavalier Don Pasquale 1931 Il barbiere di Siviglia Orfeo ed Euridice Zauberflöte Don Giovanni, Fidelio, Le nozze di Figaro, Rosenkavalier Don Pasquale Il matrimonio segreto Die Entführung aus dem Serail Così fan tutte 1932 Die Entführung aus dem Serail Frau ohne Schatten Oberon Così fan tutte, Fidelio, Le nozze di Figaro, Orfeo ed Euridice, Rosenkavalier, Zauberflöte 1933 Die ägyptische Helena Tristan und Isolde Così fan tutte, Fidelio, Frau ohne Schatten, Le nozze di Figaro, Oberon, Orfeo ed Euridice, Rosenkavalier, Zauberflöte 1934 Don Giovanni Elektra Die ägyptische Helena, Così fan tutte, Fidelio, Le nozze di Figaro, Oberon, Rosenkavalier, Tristan und Isolde

Die Ära Toscanini

Kurz, aber eindrucksvoll und nachhaltig war die Ära Arturo Toscaninis in Salzburg. Nachdem er schon 1934 mit drei Orchesterkonzerten fulminante Erfolge erzielt hatte, war er in den Folgejahren der Publikumsmagnet der Festspiele. Mit Perfektionismus und Charisma konnte er ein internationales Publikum anziehen, was umso wichtiger für das Überleben der Institution war, zumal durch die 1000-Mark-Sperre der Hitler-Diktatur der deutsche Besucherkreis von den Festspielen de facto ausgeschlossen war. Toscanini dirigierte in Salzburg drei aufwendige Neuproduktionen: 1935 den Falstaff, 1936 die Meistersinger von Nürnberg, 1937 die Zauberflöte. Zu seinem 70. Geburtstag wurde der rückwärtige Vorplatz des Bühnenhauses in Toscaninihof umbenannt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sagte der aufrechte Antifaschist umgehend seine weitere Teilnahme an den Festspielen ab.

JahrFestspielhaus 1935 Die Entführung aus dem Serail Falstaff Così fan tutte, Don Giovanni, Fidelio, Le nozze di Figaro, Rosenkavalier, Tristan und Isolde 1936 Der Corregidor Meistersinger von Nürnberg Orfeo ed Euridice Così fan tutte, Don Giovanni, Falstaff, Fidelio, Le nozze di Figaro, Tristan und Isolde 1937 Euryanthe Le nozze di Figaro Zauberflöte Don Giovanni, Elektra, Falstaff, Fidelio, Meistersinger von Nürnberg, Orfeo ed Euridice, Rosenkavalier

Festspiele unterm Hakenkreuz Sofort nach der NS-Machtübernahme im März 1938 begann der unaufhaltsame Abstieg der Festspiele: Der Jedermann wird abgesetzt, die Faust-Stadt Max Reinhardts abgebaut, alle kritischen Geister und alle Künstler mit jüdischen Vorfahren werden aus Salzburg vertrieben, Heinrich Puthon als Präsident der Festspiele und Bernhard Paumgartner als Direktor des Mozarteums ihrer Ämter enthoben, das Festspielhaus von Reichsbühnenbildner Benno von Arent dem NS-Geschmack angepasst – es bekommt eine Führerloge. Arturo Toscanini, der aufrechte Antifaschist, der die Festspiele der drei Jahre davor maßgeblich geprägt hatte, sagt seine Teilnahme ab.

Am Opernspielplan änderte sich nicht viel. Wilhelm Furtwängler sprang für Toscanini als Meistersinger-Dirigent ein, die Rosenkavalier-Inszenierung des vertriebenen Lothar Wallerstein wurde weitergespielt, allerdings mit Regime-konformen Spielleitern auf dem Programmzettel. Die internationale Prominenz blieb aus, immer mehr Uniformträger mischten sich unters Publikum. 1939 wurden die Festspiele aufgrund des Kriegsausbruchs verkürzt und Wagner durfte in Salzburg nicht mehr gespielt werden – Bayreuth sollte keine Konkurrenz erleiden müssen. 1940 veranstalteten die Wiener Philharmoniker in Eigenregie einen Konzertzyklus, Opern gab es keine. 1941 bis 1943 fanden reduzierte Kriegsfestspiele für Frontheimkehrer und Rüstungsarbeiter statt. Ab 1943 dürfen die Festspiele – auf Anordnung Hitlers – nicht mehr Festspiele heißen, sondern Salzburger Theater- und Musiksommer. Die Theatersperre 1944 – nach dem Attentatsversuch auf Hitler – konnten die Salzburger durch die öffentliche Generalprobe von Richard Strauss’ Die Liebe der Danae (und ein Konzert der Philharmoniker) umgehen. So war die Kontinuität der Festspiele auch während des Zusammenbruchs des Dritten Reiches gewahrt. Nach dem Ende der Generalprobe spricht der 80-jährige Komponist zu seinen geliebten Philharmonikern mit tränenerstickter Stimme: „Ich hoffe, wir werden einander in einer besseren Welt wiedersehen.“

JahrFestspielhausFelsenreitschuleStadttheater 1938 Don Giovanni Tannhäuser Falstaff, Fidelio, Meistersinger von Nürnberg, Le nozze di Figaro, Rosenkavalier 1939 Il barbiere di Siviglia Freischütz Don Giovanni, Falstaff, Le nozze di Figaro, Rosenkavalier Die Entführung aus dem Serail 1940 1941 Le nozze di Figaro Zauberflöte Don Giovanni, Rosenkavalier 1942 Arabella Le nozze di Figaro 1943 Zauberflöte Arabella 1944 Die Liebe der Danae(Öffentliche Generalprobe)

Die Nachkriegsjahre Nachdem die wichtigsten Dirigenten des Dritten Reiches Auftrittsverbot hatten und die Vertriebenen nicht so rasch zurückgewonnen werden konnten, füllten der einzige unbelastete Dirigent Österreichs Josef Krips und die minderbelasteten Felix Prohaska und Hans Swarowsky die Lücke. Während Stadt und Land noch in Schutt und Asche lagen, musizierte Salzburg wieder. Schon 1947 kehrten Furtwängler und Knappertsbusch als Konzertdirigenten, sowie Karl Böhm als musikalischer Leiter der Arabella nach Salzburg zurück, 1948 folgte Herbert von Karajan, 1952 Clemens Krauss. Die Jahre 1948 bis 1954 wurden von Wilhelm Furtwängler dominiert, der Karajan ab 1949 und Krips ab 1951 von Salzburg fern und die anderen Kollegen – Böhm, Fricsay, Solti, Szell – eifersüchtig unter Kontrolle hielt. Doch aufgrund der exemplarischen Interpretationen – vor allem der Mozart- und Strauss-Opern – und der erstklassigen Sänger gewannen die Festspiele rasch wieder Glanz und internationales Renommee.

Dank der Amerikaner als Besatzungsmacht, die sofort Puthon und Paumgartner zurückgeholt und 1946 den erst 29-jährigen Komponisten Gottfried von Einem ins Direktorium berufen hatten, öffneten sich die Festspiele für zeitgenössische Musik: Opern von Blacher, Egk, von Einem, Liebermann, Martin, Orff, sowie Die Liebe der Danae von Strauss gelangen zur Uraufführung, Werke von Berg, Britten und Pfitzner werden nachgespielt.

1948 konnte auch die – bereits seit 1926 für Schauspielproduktionen genutzte – Felsenreitschule erstmals mit einer Oper bespielt werden: Orfeo ed Euridice, dirigiert von Herbert von Karajan (der hier schon 1933 die Schauspielmusik für Max Reinhardts Faust-Inszenierung geleitet hatte), inszeniert von Oscar Fritz Schuh und ausgestattet von Brechts Bühnenbilder Caspar Neher. Es sangen – heftig akklamiert – Elisabeth Höngen den Orfeo, Maria Cebotari die Euridice, Sena Jurinac den Amor und Elisabeth Schwarzkopf den Seligen Geist.

Karl Böhm, wiederum Oscar Fritz Schuh (als Regisseur) und Caspar Neher (als Bühnenbildner) etablierten 1953 mit einer umjubelten Così-fan-tutte-Produktion den Residenzhof als weitere neue Spielstätte der Salzburger Festspiele. Die Inszenierung blieb bis 1959 auf dem Spielplan. Es sang und spielte ein erlesenes Ensemble – überwiegend bestehend aus Mitgliedern des berühmten Mozart-Ensembles der Wiener Staatsoper: Irmgard Seefried, später Elisabeth Schwarzkopf als Fiordiligi, Dagmar Hermann und Christa Ludwig als Dorabella, Erich Kunz und Rolando Panerai als Gugliemo, Anton Dermota, Luigi Alva und Nicolai Gedda als Ferrando, Lisa Otto, Rita Streich und zuletzt Graziella Sciutti als Despina, sowie Paul Schöffler und Karl Dönch als Don Alfonso.

JahrFestspielhausFelsenreitschuleLandestheater 1945 Die Entführung aus dem Serail 1946 Don Giovanni Le nozze di Figaro Rosenkavalier 1947 Arabella Dantons Tod UA Le nozze di Figaro Così fan tutte 1948 Fidelio Le nozze di Figaro Orfeo ed Euridice Le vin herbé szenische UA Entführung aus dem Serail 1949 Rosenkavalier Fidelio Antigonae UA Zauberflöte Orfeo ed Euridice La clemenza di Tito 1950 Capriccio Don Giovanni Fidelio Zauberflöte The Rape of Lucretia / Romeo und Julia UA 1951 Otello Wozzeck Idomeneo Zauberflöte 1952 Die Liebe der Danae UA Le nozze di Figaro Otello Zauberflöte Don PasqualeResidenz 1953 Der Prozess UA Rosenkavalier Le nozze di Figaro Don Giovanni Così fan tutte 1954 Ariadne auf Naxos Freischütz Penelope UA Don Giovanni Così fan tutte

Die Jahre Karl Böhms und Herbert von Karajans