mini|Jorge Luis Borges,Foto: Grete Stern, 1951 rahmenlos|zentriert|Borges Unterschrift
Jorge Francisco Isidoro Luis Borges Acevedo, kurz Jorge Luis Borges (* 24. August 1899 in Buenos Aires; † 14. Juni 1986 in Genf) war ein argentinischer Schriftsteller und Bibliothekar. Borges verfasste eine Vielzahl phantastischer Erzählungen und Gedichte und gilt als Mitbegründer des Magischen Realismus.
Literarisch beeinflusst wurde Borges vor allem von Macedonio Fernández, Rafael Cansinos Assens, englischsprachiger Literatur (Walt Whitman, Gilbert Keith Chesterton, George Bernard Shaw, Thomas De Quincey), Franz Kafka und dem Daoismus.Jorge Luis Borges, Richard Burgin: Jorge Luis Borges – Conversations. University Press of Mississippi, 1998, S. 57 ff.Angel Flores: Magical Realism in Spanish American Fiction. In: Lois P. Zamora, Wendy B. Faris, Lois Parkinson Parkinsonzamora: Magical Realism – Theory, History, Community. Duke University Press, 1995, S. 109–119. Seine philosophischen Anschauungen sind dem erkenntnistheoretischen Idealismus verpflichtet und finden sich in seinen Erzählungen und Essays wieder. Er bezog sich außerdem viel auf George Berkeley, David Hume und Arthur Schopenhauer.Emir Rodríguez Monegal: Jorge Luis Borges – A literary biography. Paragon House, 1988, S. 170 ff.
Mit dem argentinischen Schriftsteller Adolfo Bioy Casares verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Borges war Mitbegründer der „lateinamerikanischen Phantastik“ und einer der zentralen Autoren der von Victoria Ocampo und ihrer Schwester Silvina 1931 gegründeten Zeitschrift Sur, die sich dem kulturellen Austausch zwischen Lateinamerika und Europa widmete.
Leben mini|Jorge Luis Borges, zirka 1921 mini|hochkant|Hier lebte Jorge Luis Borges während seiner Kindheit von 1901 bis 1914. Die Straße in Buenos Aires heißt jetzt Jorge Luis Borges. Jorge Luis Borges stammte aus einer wohlhabenden argentinischen Familie und wuchs in Buenos Aires auf. Sein Vater, Jorge Guillermo Borges (1873–1938), war Rechtsanwalt, Dozent für Philosophie und Psychologie sowie Verfasser eines Romans (Der Caudillo, Palma de Mallorca, 1921), diverser Essays und Erzählungen, eines Dramas, einer Übersetzung von Edward Fitzgeralds Bearbeitung der Vierzeiler von Omar Chayyām und mehrerer Gedichte. Im Elternhaus wurde Englisch und Spanisch gesprochen (die Mutter des Vaters, Fanny Haslam, stammte aus Staffordshire), weshalb Jorge Luis Borges bereits als Kind auch englische Bücher aus der mehrere tausend Bände umfassenden Bibliothek seines Vaters las (so las er auch den Don Quijote zuerst auf Englisch). Seine Mutter, Leonor Acevedo Haedo (1876–1975), war in Uruguay geboren und ebenso zweisprachig. Sie übersetzte Werke von Katherine Mansfield, Herbert Read und William Saroyan aus dem Englischen ins Spanische.
Von Beginn an förderte sie die künstlerischen Interessen ihrer Kinder. So wurde Borges’ Schwester Norah eine bedeutende Malerin. Sein Großvater väterlicherseits, Francisco Borges, war ein Oberst und fiel 1874 beim gescheiterten Aufstand von Bartolomé Mitre (Revolución de 1874) in der Schlacht von La Verde. Jorge Luis Borges verehrte den Großvater als Helden. Dessen Schicksal kommt in mehreren Gedichten zur Sprache, darunter Al coronel Francisco Borges.Leopold Federmair: Träume von Schlachten. In: Neue Zürcher Zeitung, 8. Dezember 2007, S. 29. mini|María Kodama, Borges’ zweite Frau, 2010 Ab 1914 verbrachte Borges sieben Jahre in der Schweiz, weil sich sein Vater dort einer Augenoperation unterzog. Er lernte unter anderem am Genfer Collège Calvin Deutsch, Latein und Französisch. Seine Liebe zur deutschen Sprache und seine Bewunderung für deren Ausdruckskraft feierte er in seiner Ode An die deutsche Sprache.Hans-Martin Gauger: Kann man eine Sprache loben? In: ders. (Hrsg.): Lob der deutschen Sprache. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0467-3, S. 7–30, hier S. 22. Er studierte dann in Spanien, wo er mit einigen zeitgenössischen Dichtern in Kontakt kam. Mit etwa fünfzig Jahren war er vollständig erblindet, was ihn jedoch nicht daran hinderte, mit Hilfe von Freunden noch mehrere Jahrzehnte hindurch schriftstellerisch tätig zu sein. Ab 1955 war Borges Direktor der argentinischen Nationalbibliothek.
Nachdem seine erste Ehe nach wenigen Jahren gescheitert war, heiratete Borges kurz vor seinem Tod seine langjährige literarische Sekretärin und Reisebegleiterin, die Autorin María Kodama (1937–2023), und bestimmte sie zur Nachlassverwalterin seines Werks. Jorge Luis Borges starb am 14. Juni 1986 in Genf im Alter von 86 Jahren; sein Grab befindet sich auf dem Cimetière des Rois. Den Grabstein ziert ein Vers aus dem altenglischen Gedicht The Battle of Maldon: and ne forhtedon na (Z. 21), was mit „… und keineswegs furchtsam“ übersetzt werden kann. Auf der Rückseite steht ein Auszug aus der Völsunga saga: Hann tekr sverðit Gram ok leggr i meðal þeira bert, („… er nimmt das Schwert Gram und legt es blank zwischen sie“).John Berger, Yves Berger: Aquí nos vemos. Penguin Random House Grupo Editorial España, ISBN 84-204-8842-9.
Borges verfügte über eine umfassende Bildung in Literatur und Philosophie. Unter anderem war er mit den Sagas Skandinaviens, der altenglischen Sprache und der altnordischen Literatur, den umfassenden Werken Thomas De Quinceys und Ralph Waldo Emersons, der Dichtung und Philosophie der Antike, dem deutschen Mittelalter, dem alten Fernen Osten und der Kabbala vertraut.
Eine besondere Vorliebe hatte er für metaphysische Literatur, die er als „einen Zweig der phantastischen Literatur“ ansah.Alfonso de Toro: Überlegungen zur Textsorte ‚Fantastik’ oder Borges und die Negation des Fantastischen. Rhizomatische Simulation, ‚dirigierter Zufall’ und semiotisches Skandalon. In: Elmar Schenkel, Ludwig Stockinger, Wolfgang F. Schwarz, Alfonso de Toro. (Hrsg.). Die magische Schreibmaschine. Aufsätze zur Tradition des Phantastischen in der Literatur. Vervuert, Frankfurt am Main 1998, S. 11–58.Reflexiones sobre el subgénero fantástico. La literatura virtual o Borges y la negación de lo fantástico. Simulación rizomática. Azar dirigido y skándalon semiótico. In: Studi di Litteratura Ispano-Americana. 33, 2001, S. 105–151. Borges war auch mit den Werken deutscher Philosophen wie Arthur Schopenhauer oder Oswald Spengler vertraut. Die Vertrautheit mit der literarischen Tradition vieler Kulturen spiegelt sich in der Vielfalt seines eigenen literarischen Werks wider.
Werk mini|Adolfo Bioy Casares, Victoria Ocampo und Jorge Luis Borges, 1935 Jorge Luis Borges ist einem größeren Publikum durch seine phantastischen Erzählungen bekannt geworden. Er verfasste außerdem zahlreiche Gedichte, Essays, gab Bücherkataloge und Zitatsammlungen heraus, arbeitete für Zeitschriften und war als Übersetzer tätig. Darüber hinaus hat er unter den Pseudonymen B. Suarez Lynch und H. Bustos Domecq Werke veröffentlicht, die in Zusammenarbeit mit Adolfo Bioy Casares entstanden. Borges wählte für seine Werke immer eine kurze Form: wenige seiner Texte sind länger als zehn oder fünfzehn Seiten. Er vertrat die Theorie, dass auch Unterhaltungsliteratur literarisch wertvoll sein kann. Er schätzte die Kriminalromane von Arthur C. Doyle ebenso wie William Shakespeares Dramen.
Obgleich viele seiner Werke in Argentinien spielen und sich immer wieder Bezüge auf Ereignisse und Personen der argentinischen Geschichte finden, lehnte Borges den Regionalismus in der Literatur strikt ab: Ein Schriftsteller müsse in der Lage sein, sich das gesamte Universum zu erschließen. Diese Haltung spiegelt sich auch in Borges’ Beschäftigung mit der Weltliteratur wider, in deren Zentrum zwar europäische und nordamerikanische Autoren standen, die jedoch auch Werke aus anderen Kulturkreisen, so etwa dem Fernen Osten einschloss.
Ein ständiges Thema bei Borges ist die Unendlichkeit. In Der Unsterbliche (El inmortal)Ursprünglich in dem Band El Aleph (1949), vgl. Jorge Luis Borges: Sämtliche Erzählungen. Das Aleph. Fiktionen. Universalgeschichte. Niedertracht. Hanser, München 1979, S. 7–23. z. B. führt die Reise zu den Troglodyten den Erzähler zu der Erkenntnis, dass das ewige Leben die ewige Wiederkehr des Gleichen und damit die äußerste Langeweile und die Erstarrung aller Lebendigkeit bedeutet. Die Einleitung der Erzählung bildet die Geschichte vom Erwerb eines antiquarischen Exemplars der Erstausgabe von Popes Homer-Übersetzung durch die Prinzessin Lucinge. Im letzten der sechs Bände dieser Ausgabe, die die Prinzessin von dem wie Homer auf der Insel Ios bestatteten Antiquar Cartaphilus in Smyrna, dem angeblichen Geburtsort Homers, kurz vor dessen Tod erworben habe, soll sich das Manuskript der Erzählung gefunden haben. Borges spiegelt sich in Homer, der in verschiedenen Verkörperungen, darunter einer der Troglodyten sowie Cartaphilus, in der Erzählung begegnet.
Doch hat ihn nicht nur die Unendlichkeit beschäftigt, sondern auch das Phänomen der Zeit und wie der menschliche Verstand und das menschliche Gefühl diese wahrnehmen, interpretieren und wie sie damit umgehen. Auch deshalb war er sehr an Traditionen aus allen Teilen der Erde interessiert, weil er sie als zeitlos empfand und in ihnen allen zusammen die Sehnsucht nach Ewigkeit erkannt haben wollte. Auch teilte er verschiedene idealistische und mythische Ansichten verschiedener Philosophen und Denker, so z. B. die Idee, dass alle Menschen ein genialer Geist sind, der die großen Werke der Weltliteratur geschrieben hat und schreibt; oder, dass der Zeugungsakt uns mit unseren Vorfahren verbindet, weil es eine Handlung ist, die Menschen durch alle Zeit hinweg begangen haben, eine Art Mythos also, der uns von der Illusion der Zeit abtrennt.
mini|Jorge Luis Borges und Riccardo Campa, 1983 Ein weiteres wiederkehrendes Thema sind Bücher, die Borges immer wieder zu den Hauptfiguren seiner Geschichten machte (z. B. in Die Bibliothek von Babel, Das Sandbuch, Untersuchung des Werks von Herbert Quain, Der Weg zu Amotásim, oder Tlön, Uqbar, Orbis Tertius). Oft geht von diesen Büchern eine phantastische Macht aus, die an den Grundfesten der Realität rüttelt, diese verändert oder gänzlich eigene Realitäten hervorbringt. Parallel dazu sind Borges’ Erzählungen bevölkert von bibliophilen und belesenen Hommes de lettres, die sich mit obskuren Schriften oder Enzyklopädien auseinandersetzen bzw. diese verfassen. Das Zitieren oder Erwähnen von realen und fiktiven Büchern inklusive der Angabe von Ort und Veröffentlichungsdatum ist ebenfalls ein Charakteristikum vieler Erzählungen von Borges. Insgesamt spielt die Fiktion als Thema an sich für ihn eine große Rolle: „Borges ist besessen von der Vorstellung, der menschliche Geist habe ‚aus dem Nichts‘ eine Welt von Gedankensystemen geschaffen, die nun bis ins Unendliche fort weitere Gedankensysteme und dichterische Fiktionen erzeuge.“ (Marianne Kesting)