Mary Elizabeth Cover Jones (* 1. September 1896 in Johnstown, Pennsylvania; † 22. Juli 1987 in Santa Barbara, Kalifornien) war eine US-amerikanische Entwicklungspsychologin. Aufgrund ihrer Forschungen war sie eine Wegbereiterin im Bereich der Verhaltenstherapie.Alexandra Rutherford (2004) in Susan Ware, Stacy Braukman (Hrsg.): Notable American Women: A Biographical Dictionary, Band 5, S. 325. Ihre Studie über den Fall Peter (A laboratory study of fear: The case of Peter) – ein Kind, das Angst vor pelzigen Objekten wie beispielsweise Kaninchen hatte – ist ihre bekannteste und in der Fachwelt am häufigsten zitierte Arbeit.Leonard Krasner: In Memoriam – Mary Cover Jones 1896–1987. S. 91.
Leben 1896–1915 – Kindheit und Jugend Mary Cover Jones wurde als zweites von drei Kindern geboren. Ihr Vater, Charles Blair Cover, ermutigte sie und ihre Geschwister zu weiterführender Bildung, da er es selbst bedauerte, keine Universität besucht zu haben. Auch die mit der Familie verbrachten Sommerferien am Chautauqua-Institut in Ohio boten aufgrund der dortigen Bildungsangebote für Jones den Anreiz, aufs College zu gehen.Alexandra Rutherford (2004) in Susan Ware, Stacy Braukman (Hrsg.): Notable American Women: A Biographical Dictionary, Band 5, S. 326. Während ihrer Highschool-Zeit wollte sie allerdings noch Krankenschwester werden. Sie war Herausgeberin der Schülerzeitung, besuchte einen College-Vorbereitungskurs und machte 1915 ihren Abschluss mit Auszeichnung. Sie entschied sich für das Vassar College in Poughkeepsie, New York.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 182–191.
1915–1919 – Vassar College Mit dem College hatte Mary Cover Jones Schwierigkeiten. In ihrem ersten Jahr musste sie einen Lateinkurs wiederholen, den sie zuvor nicht bestanden hatte. Sie besuchte alle angebotenen Psychologiekurse, doch aufgrund nicht genügender Leistungen in einem vorhergehenden Laborkurs verweigerte ihr die zuständige Professorin Margaret Floy Washburn die Erlaubnis, Psychologie als Hauptfach zu belegen. Daraufhin entschied sich Jones für Wirtschaftswissenschaft, ein Fach, das sie ebenfalls interessierte und zu ihren außerschulischen Aktivitäten passte.
Sie war Präsidentin des Socialist Club und verantwortlich für die Vorbereitung und Leitung einer jährlichen Konferenz, auf der beruflich erfolgreiche Frauen mit den Studentinnen über ihre Möglichkeiten nach dem Collegeabschluss sprachen. Des Weiteren gehörte sie einer Gruppe von Unterstützerinnen des Frauenwahlrechts an und sprach sich als Erste, entgegen der Mehrheit am College, gegen den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg aus.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 191–207.
Im Sommer nach ihrem zweiten Jahr in Vassar arbeitete sie als Beraterin in einem Camp für unterprivilegierte Kinder und, organisiert vom College, im darauffolgenden Sommer in einer Wohlfahrtseinrichtung in Boston mit Kindern aus der dortigen Unterschicht.Mary Cover Jones: Harold E. Jones and Mary C. Jones, Partners in Longitudinal Studies. an oral history conducted 1981–1982 by Suzanne B. Riess, Regional Oral History Office, The Bancroft Library, University of California, Berkeley 1983, S. 17. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie Ärztin werden.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 203.
Im Jahr 1919 machte sie ihren Abschluss und nahm an einer Vorlesung von John B. Watson in New York teil, der über sein Little-Albert-Experiment dozierte. Daraufhin entschied sie, dass ihre berufliche Zukunft in der Psychologie liegen sollte: B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 204. Jones war begeistert von Watsons Theorien, seine Meinung über Kindererziehung teilte sie allerdings nicht.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 290.
1919–1926 – Columbia University Ihre Wahl für ein weiterführendes Studium der Psychologie fiel auf die Columbia University in New York City, nach einem Gespräch mit dem dort unterrichtenden Professor Robert S. Woodworth. Hier fiel ihr das Studieren wesentlich leichter als am Vassar College.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 210, 219.
Gleich im ersten Jahr lernte Mary Cover Jones ihren späteren Mann, Harold Ellis Jones, kennen, der wie sie dort Psychologie studierte. Beide besuchten dieselben Kurse, lernten zusammen und machten ein Jahr später ihren Master. Im Sommer arbeitete sie unter Harold Jones’ Leitung mit Menschen mit geistiger Behinderung, was den Beginn einer jahrelangen partnerschaftlichen Zusammenarbeit begründete. Im selben Jahr, an Mary Cover Jones’ Geburtstag, heirateten sie, getraut von dem US-amerikanischen Sozialisten Norman Thomas, und setzten danach ihr Promotionsstudium fort.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 213–214, 220–221, 223.
In dieser Zeit wurde sie schwanger, studierte und arbeitete aber weiterhin, zuerst an einer öffentlichen Schule in Manhattan mit lernbehinderten Kindern, dann als Dozentin zum Thema Jugendpsychologie sowie als beratende Psychologin. 1922 kam ihre Tochter Barbara zur Welt. Kurz darauf, Anfang des folgenden Jahres, war Jones wieder berufstätig, da sie ihre Tochter mit zur Arbeit nehmen durfte.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 226–227, 229.
Im Sommer nahm sie dann auch ihr Studium wieder auf. Sie wurde wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute of Educational Research am Teachers’ College der Universität und konnte ihre Tochter im dazugehörigen Child Study Center unterbringen. Weitere Unterstützung bekam sie durch eine Haushaltshilfe. Inzwischen hatte Harold Jones sein Studium abgeschlossen und seinen Doktorgrad erhalten.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 229–249. Sein Interesse hatte bisher der Experimentalpsychologie gegolten, jedoch ließ er sich durch seine Frau für die Entwicklungspsychologie begeistern.Deana Dorman Logan, Mary Cover Jones: Feminine as Asset. S. 105.
Während der Zeit am Forschungsinstitut lebten sie im Haus der Heckscher Foundation, in einem Heim für Kinder, die zeitweise von ihren Eltern getrennt lebten. Während Harold Jones an der Columbia lehrte, arbeitete Mary Cover Jones dort mit den Kindern, indem sie ihr Verhalten untersuchte. Einige dieser Beobachtungen, die ihren Forschungen zu ihrer Doktorarbeit vorangingen und die sie selbst nicht veröffentlichte, wurden von John B. Watson in seinem gleichnamigen Buch über Behaviorismus erwähnt.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 228, 230–232.
Jones hatte Watson durch ihre Freundin und frühere Kommilitonin am Vassar College, Rosalie Rayner, kennengelernt, die Watsons Assistentin und Ehefrau war und mit ihm beim Little-Albert-Experiment zusammengearbeitet hatte.
Jones’ Zusammenarbeit mit Watson begann im Rahmen einer Förderung des Laura Spelman Rockefeller Memorial Fund zur Erforschung der Kindesentwicklung, eines neuen Bereiches der Psychologie. Unter Watsons Aufsicht führte Jones ihre inzwischen berühmte Studie des kleinen Peter durch,B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 228, 236–241. (siehe Abschnitt 2.1 Der Fall Peter) in der sie ihn mittels Gegenkonditionierung von seiner Angst vor Pelztieren befreite.Deana Dorman Logan, Mary Cover Jones: Feminine as Asset. S. 105–106. 1924 veröffentlichte sie diese Studie, die allerdings aufgrund zu weniger Fallbeispiele (nämlich nur einem) nicht für ihre Dissertation zugelassen wurde.Leonard Krasner: In Memoriam – Mary Cover Jones 1896–1987. S. 91–92. Sie schrieb ihre Doktorarbeit schließlich über die Entwicklung früher Verhaltensmuster bei Kindern (), für die sie mehr als 300 Kleinkinder untersuchte, unterstützt durch ein Stipendium des Laura Spelman Rockefeller Memorial Fund.
Im Jahr 1925, inmitten ihrer Dissertationsarbeit, wurde ihre zweite Tochter Lesley geboren, und im darauffolgenden Jahr schloss sie ihr Studium mit Erhalt des Doktorgrades ab.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 228, 249.
1927–1960 – Berkeley mini|Institute of Child Welfare, Berkeley
Als ihrem Mann Harold Jones die Position des Forschungsdirektors am gerade neu gegründeten Institute of Child Welfare (das heutige Institute of Human Development) an der University of California, Berkeley (UCB) angeboten wurde, zog die Familie 1927 an die Westküste der USA. Mary Cover Jones sollte dort ebenfalls eine Stelle bekommen, doch es dauerte ein Jahr, bis sie unter Herbert R. Stolz als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt wurde. Ihre Aufgabe war es, an der ebenfalls neu gegründeten nursery school (siehe Kindergarten), dem heutigen nach ihrem Mann benannten Harold E. Jones Child Study Center, die dort untergebrachten Kinder zu untersuchen. Die Zwischenzeit überbrückte sie, indem sie Eltern unterrichtete, die wiederum Elterngruppen leiten sollten, und indem sie die Arbeit der nursery school der Öffentlichkeit vorstellte.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 259–268.
Als wissenschaftliche Mitarbeiterin war sie bald darauf an drei Langzeitstudien beteiligt, hauptsächlich an der Oakland Growth Study (OGS). Während in den anderen beiden Studien, der Guidance Study und der Berkeley Growth Study, Babys beobachtet wurden, waren es bei der OGS mehr als 200 Fünft- und Sechstklässler während der Pubertät. Letztendlich wurden die Teilnehmer in mehreren daran anknüpfenden Studien, zusammengefasst zu den Intergenerational Studies of Development and Aging, bis ins mittlere und höhere Erwachsenenalter begleitet. Dafür und für die geringe Fluktuationsrate war zum großen Teil Mary Cover Jones verantwortlich. Sie hatte vor Beginn der Studien die Kinder an ihren Schulen besucht und ihnen die Studien erklärt. Die Begeisterung der Teilnehmer hielt an, nicht nur aufgrund Jones’ Gewissenhaftigkeit, sondern auch, weil sie im Laufe der Studien eine persönliche Beziehung zu ihnen aufbaute. Auch nach ihrer Pensionierung blieb sie mit ihnen in Kontakt, rief sie an ihren Geburtstagen an und machte sogar vereinzelt Krankenbesuche.Alexandra Rutherford (2004) in Susan Ware, Stacy Braukman (Hrsg.): Notable American Women: A Biographical Dictionary, Band 5, S. 326.B. K. Reiss: A Biography of Mary Cover Jones. Wright Institute, Los Angeles 1990, S. 268–274.
Die Arbeit an dieser Studie beeinflusste ihre weitere Karriere. Sie veröffentlichte mehr als 100 Studien unter Benutzung der Daten aus der OGS, auch noch nach ihrer Pensionierung, unter anderem zu Langzeiteffekten auf Psyche und Verhalten von früher und später physischer Reife während der Jugend. Des Weiteren untersuchte sie die Entwicklungsursachen des Problemtrinkens bei Erwachsenen. Ihre Forschungen, die mit der Entwicklung bei Kindern begannen, beinhalteten nun alle Stadien der Lebensdauer des Menschen. Bei all ihren Studien war es ihr wichtig, die untersuchten Personen als Individuum und als Ganzes zu betrachten im Zusammenhang mit ihren unterschiedlichen Lebensumständen.Alexandra Rutherford (2004) in Susan Ware, Stacy Braukman (Hrsg.): Notable American Women: A Biographical Dictionary, Band 5, S. 326.